Logbuch
GRÄSER DES GRAUENS.
Aus meiner Zeit, da ich in der schwäbischen Energiewirtschaft zu tun hatte, erinnere ich den Begriff der Kehrwoche. Dem Calvinisten klingt darin auch ein religiöser Inhalt, der der Umkehr. Jedenfalls bedeutet er einen Kampf gegen das Böse vor der eigenen Tür, das zur Vernichtung ansteht. Der Bürgersteig wird gekehrt, bis er kein Blatt mehr trägt, insbesondere keinen Grashalm.
Die Unkrautvernichtung ist nicht nur eine lästige Pflicht; sie wird mit Inbrunst ausgeführt. Auch im Westerwald sehe ich sie kniend auf den Gehsteigen mit scharfem Metall die Fugen auskratzen. Es scheint eine strafbewehrte Pflicht, hier jede Natur zu tilgen. Man sieht auch aufgerüstete Kämpfer gegen die Gräser des Grauens: Gas kommt zum Einsatz. Rote Flaschen werden auf kleinen Karren bewegt und befeuern Flammenwerfer. Von manchem Heckenbrand wird berichtet, ein Kollateralschaden. Aber auf Einzelschicksale, da kann keine Rücksicht genommen werden.
In den Vorgärten des Grauens scheint der grüne Feind endgültig vernichtet. Der Boden wurde mit einer Folie isoliert und Schotter überlagert. Trotz aller Kritik zum Thema Flächenversiegelung sieht man diese monströs hässlichen Vorgärten allenthalben. Es muss eine tiefe innere Befriedigung sein, die den Unkrautvernichter erfüllt, wenn er diesen Asphaltirrsinn geradezu glückselig demonstriert.
Das sind jene Bauherren, die ihre Häuser in Wärmedämmung ersticken und mit Plastik verkleiden, das natürlichen Baustoffen ähneln soll; in Wirklichkeit aber den Bau von innen vermodern lässt und mit Schimmel erfüllt. Das rettet dann auch die Wärmepumpe nicht mehr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Pflugscharen zu Schwertern! So die Philosophische Losung der Bordsteinmilitärs. Man kratzt die Ritzen aus, bis der Beton glänzt. Dann gibt es noch die mit der chemischen Keule. Die Braven nehmen aus dem Giftschrank des Gartencenters „Round-up“, sprich Glyphosat. Bayer sagt, das ist nicht so krebserzeugend, wie man meint. Aber hier gibt es auch härtere Kämpfer, die sich mit asiatischen Mitteln aus dem Internet versorgen. Es wird dämonisches Pflanzengift versprüht; da wäre selbst der Südtiroler neidisch, der das notorisch seinen Äpfeln antut.
Wer das Glück hat, in der Nähe zu einer osteuropäischen Grenze zu wohnen, bringt sich was aus dem Vietnamesischen Markt mit, wenn er dort ohnehin billig tankt, Ziegen holt und Christel. Da war das sprichwörtliche Entlaubungsmittel des US-Militärs harmlos gegen; Agent Orange genannt. Geht es wieder um Krieg? Um Vernichtung des Bösen? Jetzt auf dem heimischen Trottoir? Ja.
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ALTWEIBERSOMMER.
Ich habe diesen Freund in jenem Kanada, in dem man Französisch spricht, der den milden Vorherbst einen indischen Sommer nennt, was im Englischen dann zum indianischen wird. Da ist die Sprachverwirrung seit Christoph Columbus groß, der dachte, einen Seeweg nach Indien gefunden zu haben, als er vor den Eingeborenen Nordamerikas stand. Heute ist das Straßenbild so, als könne das stimmen; man sieht hier viele Sikhs. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wie nennt man nun den milden Vorherbst? Es ist ja jene Zeit, die noch mit Wehmut an den langen Sommer erinnert, die vermeintliche Mitte des jahreszeitlichen Erlebens. Enden wird diese Zeit der Blattfärbung durch drei Nachtfröste, nach denen der Ginkgo seine hellgelben Blätter komplett abwirft. Nach einem gemächlichen Wandel vom erhabenen Grün zum schrillen Gelb ist dann endgültig Schluss, für diese Runde. Es beginnt die christlich überformte Verehrung des immergrünen Tannenbaums, ein furchtbar überschätztes Nadelgehölz.
Altweibersommer geht gleich mehrfach nicht. Erstens gilt das Grundgesetz der ewigen Jugend. Selbst die Greise, also der männliche Teil der Alten, nimmt den Tonus des herbstlichen Laubes auf und kauft sich gelbe oder rote Cordhosen. Zweitens gibt es in der Hohen Minne keine Weiber, sondern nur Damen. Die sprichwörtlichen Waschweiber sind längst durch Miele ersetzt. Wie aber gehen wir mit dem demoskopischen Tatbestand um, dass die Parkbänke unter buntem Laub mehrheitlich von Frauen besetzt sind, die ihre Männer schon ins Grab gebracht haben? Was sagen dazu die Woken?
Wenn nämlich die Dulcineas finden, dass das misogyn sei mit der Jahreszeit für Witwen, was machen wir dann, wir woken Männer? Ich empfehle Semantik. Semantik ist immer gut, wenn man in der Sache nichts ändern will, aber dem Volkszorn entgehen. Wie wäre es mit „zweiter Frühling“? Das könnte auch eine Altersdiskriminierung enthalten. Geht „Nachsommer“ oder „Wechseljahreszeit“? Oder besser noch „Vorfrühling“? Ich werde das mal im Altersheim diskutieren, wo sie gerade Kastanienmännchen basteln, die Witwen. Wieso eigentlich „Männchen“? Was für ein misomaskulines Gespött! Noch so ein Ding.
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VON WEGEN SÜSSE.
Klären wir zunächst die Handlung aus dem Roman von 1939 und einer Verfilmung von 1945, nämlich die der berühmten "Taxi-Szene". Der Privatdetektiv will einen Lieferwagen verfolgen, um dessen Ziel zu erfahren, und springt dazu in ein wartendes Taxi, dessen Fahrer er um den "tail job" bittet. Zum Ende der Aktion übergibt der Fahrer seine Visitenkarte für künftige Aufträge, Tag und Nacht.
In der deutschen Synchronfassung redet der männliche Privatdetektiv die professionell uniformierte weibliche Fahrerin mit "Süße" an und es entspannt sich plump ein Dialog mit erotischer Konnotation, die ihn, den Macho, als den Initiativen erscheinen lässt. Das ist nicht so ganz korrekt. Im Original lautet die Anrede nämlich klar und männlich: "Hi, driver!" Von wegen Süße.
Erst als die Verfolgungsjagd als Auftrag benannt ist, antwortet die Fahrerin, dazu sei sie "your girl"; sprich der richtige Mann. Sie redet ihren Fahrgast mit "bud" an, wohl kurz für "buddy", sprich Kumpel. Als sie die Visitenkarte übergibt, fragt Marlowe, ob das Angebot Tag und Nacht gelte. Jetzt sie: "Melde Dich nachts; tagsüber arbeite ich." Alta, Schwede.
Die Frauen bei Raymond Chandler (dem Romanautor) sind keine Häschen; sie erwählen den "zu kurz geratenen" harten Mann mit den kärglichen Einkommensverhältnissen, weil er eine ehrliche Haut ist; aus eignem Willen und durchaus keck. Das wollte ich nur zum Thema Emanzipation angemerkt haben.
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In die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt
Ich hatte einen Traum. So wie Martin Luther King. Oder Theodore Roosevelt, der Erfinder des New Deal. Das war doch Teddy, oder? Oder wie der frische Obama. Ja, wir können das. Mein Traum ist ganz und gar rosig. Er hat aber einen sperrigen Namen. Man traut sich gar nicht das Wort zu sagen: Infrastrukturpolitik. Es geht um’s Brücken bauen, Kanäle graben, Straßen teeren. Nein, es geht nicht um Molche, Schmetterlinge, den Regenwald oder Gen-Mais.
Es ist der alte Traum jener, die einen neuen Weg nach Indien gesucht haben. Oder Wasserstraßen geschaffen, Häfen ausgebaut oder Bahnschwelle von Küste zu Küste verlegt. Good morning, America, I’m your native son. In die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.
Zukunft sichern, das soll die Politik ja immer. Ob das mit den Flickschustereien rund um den Euro gelingt, mag dahingestellt sein. Was braucht ein Land wirklich? Bildung, so heißt die schnelle Antwort. Das ist so richtig wie ausweichend. Wir brauchen Professoren, na gut. Und Hauptschüler mit Abschluss, sicher. Ob allerdings Kindergärten und Schulen in Wohngebiete gehören, Stichwort Pausenlärm, das ist bei uns strittig.
Zukunft heißt Infrastruktur. Baut mehr Kindergärten, Unis, Bahnhöfe, tief wie hoch. Erweitert die Flughäfen mit zusätzlichen Startbahnen. Bringt das Internet mit Breitbandnetzen in die Provinz. Stromautobahnen auf die Masten und Gasleitungen in den Boden oder das Meer. Öffentlicher Nahverkehr muss her. Mehr Züge. Neue Straßen und breitere Autobahnen. Ja, auch Fahrradwege.
Ausbau des Gesundheitswesens, gute Ärzte in die Provinz und moderne Großkliniken in die Metropolen. Steckdosen für Elektrofahrzeuge an jede Ecke, moderne Tankstellen für Öl und Gas. Mehr Polizisten auf die Straßen, in die U-Bahnen, dorthin, wo die Sicherheit wirklich fehlt. Aufhebung der Ladenschlusszeiten. Steuererleichterungen für Kleinst- und Kleinunternehmen.
Aber nicht in meinem Vorgarten? Not in my backyard? Das ist die falsche Antwort auf die falsche Frage. Natürlich kann man, großzügig entlohnt, aus der Einflugschneise wegziehen. Warum aber ein Rotor-Riese einer Windmühle ein Glückssymbol ist, ein Hochspannungsmast das Signum des Untergangs, das verstehe wer will. Niemand redet brachialen Entwicklungsvorhaben das Wort. Und wo Schaden ist, da muss Entschädigung her. Natürlich geht es immer um die optimalste Ökobilanz.
Aber wir wollen die beste aller Internetversorgungen in das entlegendste aller Dörfer. Und billigen Strom, bezahlbares Benzin, umweltfreundliches Gas, sauberes Wasser. Welch ein Traum in einem Land, in dem die Ehefrauen aus den doppelgaragenbewehrten Vorstadtvillen gegen Stuttgart 21 demonstrieren, die Starbahn am Münchner Flughafen am Plebiszit scheitert und Wowereit & Platzeck zu doof sind, den Berlin Airport in Betrieb zu nehmen.
Quelle: starke-meinungen.de