Logbuch

SÄBELRASSELN.

„Schlimmer als wir waren in Afrika nur die Belgier in ihren Kolonien.“ Das sind so Sätze, die mich von den Füßen hauen. Die Geschichte reduktiv zu lesen, das ist ein schwieriges Unterfangen, dem sich der Stammtisch aber stellt.

Das aktuelle Säbelrasseln der feministischen Außenpolitik animiert wohl solche Stammtischdiskussionen, neuerdings auch der linken und der grünen Spießer. Ich höre das von einem erkennbar grünen Stadtführer auf der Aussichtsplattform der Berliner Siegessäule, am Ort kurz GOLDELSE genannt. Gesäumt werde sie von Denkmälern der Militärgeschichte: VON ROON und VON TROTHA.

Ende des 19. Jahrhunderts ging Deutschland daran, es in Afrika den Engländern und anderen Kulturnationen gleich zu tun und endlich auch eine KOLONIE zu errichten. DEUTSCH SÜD WEST wurde der Ort eines Völkermords, den preußisches Militär im Namen des deutschen Kaisers vollführte. Opfer war der Stamm der Herero und andere Einwohner, sprichwörtlich als Hottentotten verunglimpft. Erinnert wird der Vernichtungsaufruf des kommandierenden VON TROTHA. Ein böses Kapitel deutscher Geschichte, auf das für das afrikanische SÜD WEST weitere folgten, unter anderem die des südafrikanischen Apartheidregimes.

Ich erinnere aus den Gesprächen meiner Kindheit, dass dieses und jenes in meiner Geburtsstadt in der VON TROTHA STRASSE zu erledigen sei. Das war in Oberhausen-Sterkrade eine feste Größe. Der SPIEGEL hat dies vor kurzem noch vor dem Botschafter Namibias als Skandal zur Sprache gebracht, dass in einer deutschen Stadt ein Rassist und Völkermörder durch eine Straßenbenennung geehrt würde.

Eine schlichte Namensverwechslung, die auch die Dokumentation des SPIEGEL nicht entdeckt hatte. In Sterkrade wird ein Ortsbürgermeister geehrt, der lediglich so hieß wie der preußische Schlächter. Und an der GOLDELSE wird nicht er, sondern ein Militärreformer namens ROON geehrt, dessen Reform es zu verdanken sei, dass wir 70/71 die Franzosen vernichtend schlugen. Höre ich. Es wird irgendwie nicht besser.

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KAUSALNEXUS.

Wo der Hase im Pfeffer liegt. Das ist die Frage nach dem KAUSALNEXUS. Der wirkliche Grund, die Ursache der Umstände; auch Casus Knacksus genannt.

Ich lese in einer Publikation des berühmten MIT eine ernste Betrachtung einer eher peinlichen Frage. Auf „Facebook“ sind dutzende Fotos von Frauen gelandet, die diese Damen auf der Toilette zeigen. Offensichtlich eine massive Verletzung der Privatsphäre. Es soll sogar Filmchen von solchen Szenen geben. Frauenfeindlich, wie das meiste, dass KI in der Pornographie bastelt.

Die Aufnahmen wurden durchgestochen aus der Technischen Entwicklung eines Staubsaugerherstellers. Das sollte nicht sein; man nennt das „leaken“, wenn Privates in der Öffentlichkeit landet, also etwa, was der Verleger nachts an den Chefredakteur simst. Aber woher die Toilettenszenen beim Staubsaugerproduzenten? Nun, es handelt sich um Saugroboter, die automatisch durch die Wohnung fahren und mit Kameras ausgestattet sind. Hier wurden die Aufnahmen an den Hersteller gesendet, der sie auswertet, damit der Bot dazulernt. Zum Beispiel damit er nicht wieder irrtümlich die Katze bürstet.

Eine Tesla-Logik, wo das Auto ja auch lernen musste, dass ein querstehender LKW keine Brücke ist, in die man reinrast und so den Fahrer köpft. Die Damen hatten dieser Datenverwertung zugestimmt. Weil sie Saugbots mit hoher Intelligenz wollten. Denen sie dann beim Saugen zuschauen, während sie ihr Geschäft verrichten, wobei ihnen wiederum diese zuschauen. Alter!

Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.

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TRINKGELD.

Zeige mir, wie Du Trinkgeld gibst, und ich sage Dir, wes Geistes Kind Du bist. Das Tip als Charakterspiegel. Aus der Schule des Lebens.

Es geht nicht nur um die Höhe des Betrages, mit dem man seine Zufriedenheit als Gast ausdrückt; es geht auch um die Art, wie man das tut. Das fällt mir wieder ein, weil ich gestern nach einem netten Essen eine Eselei begangen habe. In einer familienfreundlichen Pizzeria („A Mano“) mit kreuznetter Kellnerin zahle ich per Kreditkarte und runde den angesagten Betrag von 83,50 € auf 100 auf. Im Taxi ärgere ich mich darüber.

Ich habe Zweifel, dass die Buchhaltung des Gastro-Konzerns das genau dieser jungen Frau auch bar auszahlt oder ob es in einen Topf geht, der möglicherweise auch noch mal steuerlich rasiert wird. Überhaupt zahlt man Trinkgeld cash. Und zwar so, dass der Service das mit einer Wischbewegung in der Hosentasche verschwinden lassen kann. Beim Tip hat der Staat sein Recht verloren.

Das Trinkgeld soll wegen des freundschaftlichen Klimas der Bewirtung dem Gastgeber erlauben, auf mein Wohl zu trinken; daher historisch der Name. Man vergibt es diskret, zum Beispiel indem man einen Schein auf dem Tisch liegen lässt (der von der Bedienung auch erst abgeräumt wird, wenn der Gast gegangen ist, so, als habe sie es gar nicht gesehen).

Ich vergehe im Fremdschämen, wenn ich am Nachbartisch den alerten Manager mit Amex-Karte brüllen höre “Machen sie mal x €, Frollein!“ und ich am Gesicht des Service sehe, das waren gerade 4 Prozent, die er jetzt auch noch gerne auf der Rechnung hätte. „Wg. Steuer!“ Ein korrekter englischer Anzug hat eine eigene Tasche für Tips, die sogenannte Billet-Tasche; ein Gentleman ist darauf vorbereitet zu tippen, unmerklich, beiläufig.

Mein Tipp für den Tip: In der Brieftasche kleine Scheine sammeln oder mal einen Hunni in 5-Euro-Scheine wechseln lassen. Das ist doch eine Stücklung, die man streuen kann. Je nach Zufriedenheit legt man zwei, drei neben die Kreditkarte und erwähnt das mit keinem Wort. Bei Gelagen auch mal einen größeren Schein, immer 15 Prozent. So das wäre die Regel.

Jetzt nur sicherheitshalber: Nein, man zahlt nie „getrennt“. Nein, man legt nie als Gruppe zusammen. Nein, man teilt keine Rechnung nach Speisen und Getränken. Nein, man entnimmt bei einzelner Überzahlung nicht einen Ausgleichsbetrag aus dem Trinkgeld der anderen; das ist das aller übelste bei „Zusammenlegern“. Ein gutes Trinkgeld ist angemessen und vor allem diskret; es passiert wie zufällig.

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SCHÖNER SCHEIN.

Eine entfernte Freundin (entfernt, weil sie die Gattin eines Freundes ist, die ich nur „vom Lesen“ kenne, aber eine immer kluge Kommentatorin) fragt mich was. Das schiebe ich nicht weg. Aber eine schwere Frage. Achtung: Kann eine INSZENIERUNG trotzdem AUTHENTISCH sein?

Na klar. Wieso trotzdem? Deswegen! Klingt paradox, ist aber so. Was empfinden wir denn als „echt“ oder „ursprünglich“ oder „unverstellt“? Wenn wir glauben, den Wesenskern entdeckt zu haben, dann sind wir beglückt, weil etwas „authentisch“ war. Aber Vorsicht: Das ist die Entsprechung der Erscheinung zu unserer Erwartung, also zu unseren Vorurteilen. AUTHENTIZITÄT ist lediglich die Bestätigung tiefsitzender Vorurteile.

Akademisch: RESSENTIMENT adäquat, so muss das Authentische sein. Wenn wir fremdeln, schnackelt es nicht. Wenn wir uns bestätigt fühlen, dann geht das Herz auf. Etwas als authentisch zu empfinden, das ist also tief egozentrisch. Das kleine Glück, schon immer richtig gelegen zu haben.

Eine AUTHENTISCHE INSZENIERUNG ist eine, die eben dies, dass sie inszeniert ist, leugnet. Dabei ist es unerheblich, ob die Inszenierung zufällig war oder vorsätzlich. Einmal in der Welt, beginnt das Symbol sein Eigenleben; es ist nicht rückholbar, allenfalls kann es vergessen werden.

Dazu könnte ich die Geschichte des Victory-Zeichens von Joe Ackermann (ex Boss der Deutschen Bank) vor Gericht erzählen, wie sie mir ein Insider aus dem Aufsichtsrat der damaligen Mannesmann AG berichtet hat. Das Handzeichen galt in der Presse als Hohn des Bankers gegenüber der Justiz. Ein Skandal! Es war aber nur eine gestische Erinnerung an den amerikanischen Popstar Michael Jackson, von dem beiläufig in einer Pause die Rede war, weil dieser ein dortiges Gericht hatte warten lassen. Der Deutschbanker hatte die Geste nicht so gemeint, wie sie dann wirkte, aber das interessierte kein Schwein. Autonomie des Symbols, seine Verselbständigung ist nicht zurückzuholen. Die Fehlinterpretationen stärker, weil authentischer, als die Wahrheit. Der SCHÖNE SCHEIN kann ein mächtiger Geselle sein.