Logbuch
ZUR EHRE DER LÖWIN.
Zu dem Universum unnützer Hilfsmittel, die mein Handy mir anbietet, gehört auch die Warn-App NINA. Sie meldet sich um kurz nach Fünf mit dem Hinweis, dass es in Berlin ein freilaufendes Wildtier gebe, das gefährlich sei.
Eines? Unzählige! Ich wundere mich, literarisch ambitioniert, was daran Nachrichtenwert habe. Und erinnere das große Brecht-Wort: „Der Mensch / die Krone der Schöpfung / das Schwein.“
Eigentlich wollte ich heute über die gebrochene Autorität der Berliner Bademeister schreiben und arabische Badegäste, die unter der Badehose noch die häusliche Unterhose tragen, aus Scham sagt man, und nun auf die FKK-Kultur Ostberlins treffen. Und dann wird der Fünfer gesperrt wegen Überfüllung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Also rezitieren wir zur Ehre der ausgebrochenen Löwin, von der die Feuerwehr spricht und die heute wohl erschossen werden wird, Rilkes Panther, eines der schönsten Gedichte überhaupt, und eines, das ich noch auswendig weiß:
„Der Panther / Im Jardin des Plantes, Paris // Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe / so müd geworden, dass er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt. // Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht. // Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf —. Dann geht ein Bild hinein, // geht durch der Glieder angespannte Stille / und hört im Herzen auf zu sein.“
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GEMISCHTE STRUKTUR.
Die Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten war mal der ganze Stolz meines Vaterlandes. Die großen Preußischen Reformer Vorbild für die Welt. Heute herrscht ein Chaos kafkaesken Ausmaßes.
Jetzt erlebe ich eine Behörde, die digitalisiert ist, aber nicht alle Mitarbeiterinnen wissen die Endgeräte zu bedienen. Das gilt schon im Normalbetrieb; bei Störungen ist eh die IT genannte Fachabteilung zur Hilfe zu holen.
Weil man sich „auf Komm-Puter“ nicht verlassen kann, wird alles noch mal auf Zetteln gemacht. Die Blätter werden aus der Hand gegeben, also führen die Insider noch eine Kladde. An Monatsende übertragen sie ihre Notizen aus der Kladde in eine „Ex Sale“-Tabelle im System.
Zu den A4-Blättern gibt es noch A5-Zettel, auf denen ein vorgedruckter Text handschriftlich ergänzt wird und wild mit Leuchtmarker verziert. Da diese Kurznotizen auch aus der Hand gegeben werden, ist eigentlich nur auf die gelben Klebezettel Verlass, die man am unteren Rand des PC-Bildschirms anbringt. Da, wo der Menüplan der Kantine hängt.
Oder man ruft den Kollegen an; da das Diensttelefon keine Namensregister hat, am besten auf dessen Handy, wenn er Netz hat; weil die private Nutzung des WLAN ist untersagt. Und Netz hat er nur nach Feierabend, wo er nicht mehr drangeht, weil der Personalrat das nicht will.
Und was sagt die IT, wenn man hängt? Sie sagt: „Ziehen Sie mal den Netzstecker und zählen bis zehn.“ Kein Witz, keine Pointe.
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HORROR VACUI.
Die Natur hasst das Vakuum, haben schon die alten Griechen gesagt. Und ihre Erfahrung formuliert, dass Leere sich füllt. Und sei es mit Schmutz. Über die neue Moderne einer reaktionären Rechten.
Die Berliner Bühne ist leer. Während der Parlamentsferien herrscht das Sommerloch. Die Abgeordneten touren allenfalls in ihren Wahlkreisen. Es werden Provinzpossen aufgeführt, aber keine Haupt- und Staatsakte. Gähnende Leere.
Die Konservativen finden keinen Vorsitzenden von Gewicht. Auch die Umbesetzung, die Friedrich Merz in der Zweiten Reihe vornimmt, überzeugen nicht. Der Herr Linnemann wirkt wie ein Schülersprecher. Es fehlt an Gewicht.
Die gleiche Leere charakterisiert die Sozialdemokraten. Ich lasse mal die peinliche Personalie Esken unerwähnt. Das Duo Klingbeil/ Kühnert ist von einer erdrückenden Unbestimmtheit. Wir haben kein Konzept mehr davon, was links und was rechts ist.
Fundamentale Inhalte kommen in diesem Vakuum von den Grünen und (in Opposition dazu) der FDP. Auf der einen Seite der Bonapartismus der Ökodiktatur und auf der anderen Rudimente des Neoliberalen. Beides keine Ideologien, die den Veränderungsverlierern attraktiv erscheinen könnten. Die Verteufelung der AfD macht diese für jene Verzweifelten attraktiv.
Mit alldem ist beschrieben, woher die Rechtspopulisten ihren Zulauf erhalten. Alte weiße Männer ohne Arbeit und bar jeder Begeisterung, hoffnungslos zurückgeworfen auf das, was der dumpfe Frust noch gebiert: Fremdenfeindlichkeit. Braune Nostalgie.
Mein amerikanischer Freund sagt, dass der Verfall der Republikaner zum Wahlverein Trumps seine eigentliche Ursache in der Unfähigkeit der Demokraten habe. Da ist was dran. So, wie es stimmt, dass die Weimarer Republik den Faschismus gebracht hat. Und der Aufstieg der AfD zur 20-Prozent-Partei dem miefigen Mittelmaß der Systemparteien geschuldet ist.
Gähnende Leere füllt sich mit brauner Nostalgie.
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Am deutschen Wesen
Besser als die anderen. Wir vor den anderen. Das ist das Lied der Faschistentochter in Frankreich. Die deutsche Krankheit beim Franzmann. Am deutschen Wesen wollte historisch vor allem die politische Rechte, die Reaktion, die Nazis genesen.
Bemühen wir das kollektive Gedächtnis der Deutschen: Noch zu Zeiten meines Großvaters kannte man den Erbfeind. Es war der Franzose, und man hat sich mit ihm im Ersten Weltkrieg beschäftigen wollen. Noch zu Lebzeiten meines Vaters kannte man die Perfiden Albinos in Großbritannien, und man hat ihnen nächtens Bomber geschickt. Eine einzelne Rasse stand in Hitler-Deutschland mit perfider Perfektion gar zur vollständigen Vernichtung an.
Das ist Teil unserer Geschichte. Darum spreche ich über Nationalcharaktere weniger freimütig als meine englischen Freunden. Der Journalist Jeremy Clarkson nennt mich, weil er weiß, dass ich Deutscher bin, grinsend einen „Nazi prat“ (was gleich zwei Mal eine Frechheit ist), und alle in unserem Londoner Club finden das komisch.
Teil meiner Familiengeschichte ist, dass mein Onkel nach dem Zweiten Weltkrieg in England in Kriegsgefangenschaft geriet und dort ein englisches Mädchen heiratete. Ich habe meine Aunt Dolly gefragt, wie man als bürgerliches Mädchen aus gutem englischen Haus 1945 einen deutschen Prisoner of War freien konnte. Ihr Antwort: „We fall in love.“ Das ist ein Lehrstück.
Die Geschichte der Staaten ist nicht die Geschichte ihrer Menschen. Und der Begriff der Nation ist von vorne herein eine staatliche Propaganda, nämlich sein Gründungsmythos, den er nicht ohne Absichten pflegt. Man will die politische Zufallsgemeinschaft, die jeder Staat mehr oder weniger ist, mythisch begründen.
Ein juristisches Konstrukt namens Staat bemäntelt sich in der Annahme, eine Nation zu sein, mit Mythen, oft Mythen um Ethnien, um seine politische Künstlichkeit zu verbergen und als Schicksalsgemeinschaft zu erscheinen. Die Nation ist ein Anspruch auf Überlegenheit, für den die Bürger in der Regel teuer bezahlen müssen. Manchmal fordert es das Leben ihrer Söhne, die in den Krieg geschickt werden.
Ein aufgeklärter Mensch hat keine solche Heimat. Heimat ist meine Familie, meine Freunde, mein Dorf, mein Land, aber nicht das, was die herrschende Politik als Nation zu verkaufen gedenkt, um Ansprüche gegen andere Staaten oder gegen Zuwanderer legitimieren zu können. Wenn man das weiß, sieht man wie hohl die Vorstellung eines Nationalcharakters ist. Ich meine mich zu erinnern, dass Karl Marx gesagt hat, dass der Proletarier kein Vaterland hat. Nicht so falsch.
Jedenfalls kann man (mit Immanuel Kant) Patriot und Weltenbürger sein. Das ist frei von jedweden Hass. Wir sollten das Spiel mit den Nationalcharaktere lassen. Am Ende zahlen wir, die Menschen, immer die Zeche.
Quelle: starke-meinungen.de