Logbuch
VERWIRRT.
Beim Mineralwasser schleppe ich ungern die dicke Berta von Glasflasche. Der ganze Kasten, ein Unding. Ich traue zudem dem Spülen vor der Wiederbefüllung nicht so recht. Aber ich soll Mehrweg, sagt der Zeitgeist. Wer auf Recycling auszuweichen sucht, wird regulativ schikaniert. Das ist das grüne Regime: Zwangsbeglückung. Dazu bedarf es eines starken Staates und eines grundsätzlichen Misstrauens in die Gesellschaft. Denn, sind wir ehrlich, die Gesellschaft, das sind ja auch nur irgendwelche Leute.
Nächtens lässt sich ein unbekanntes Geräusch vernehmen; man ist irritiert: Licht an, Ursachenforschung. Ich trinke gelegentlich Wasser, wie gesagt aus einer Plastikflasche, neuerdings mit einem angebundenen Drehverschluss, der sich bequem nicht wieder verschließen lässt, ein „tethered cap“ nach EU-Recht: ein echtes Scheißding. So entweicht, wenn nur halb verschlossen, die Kohlensäure und die PET-Flasche wird labberig. Wenn dann doch verschlossen, baut sich der innere Sprudeldruck langsam wieder auf und sie knallt in die alte Form zurück. Daher das Geräusch. Was für ein Schwachsinn.
Die ganze Nummer dient dem Klimaschutz, indem Flaschen nur noch im Beisein ihres Deckels recycelt werden können und der sich nicht allein an Stränden rumtreiben kann, wo er dann ins Wasser gerät und womöglich Wale tötet. Für eine Sekunde zur Sache: Kohlensäurehaltige Getränke sorgen durch den Innendruck für erhebliche Einsparungen im Verpackungsmaterial, weil sie dem dünnen Behältnis Stabilität geben. Darum sind hauchdünne Alu-Dosen immer ökologischer als dicke Bierpullen, auch im Einweg. Das aber übersteigt den grünen Sachverstand.
Ich will es trotzdem erklären. Wenn der Innendruck stimmt, kann das Behältnis schlank sein. Das ist wie mit Staat und Gesellschaft. Eine quirlige Gesellschaft kommt mit einem schlanken Staat zurecht. Es ist nämlich nicht die dicke Hülle, die Stabilität gibt, sondern der lebendige Inhalt. Das leuchtet aber jenen nicht ein, deren Denken im Autoritären steckt, den Diktatpolitikern. Darum die unbedingte Vorliebe für das Wiederbefüllen schlecht gespülter Glasflaschen, darum das Dosenpfand. Darum als Reaktion der allgemeine Frust an den Grünen.
Ich bin verwirrt. Jüngst will der Sprudel an die Wahlurne, die dicke Berta sagt aber, das geht nicht, weil sie nicht genug Papier für die Wahlzettel hat. Das stimmt zwar nicht, entspricht aber dem Willen der Diktatpolitik. Das könnte knallen. Oder schmeiße ich jetzt alles durcheinander?
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LOBBY.
Den Vorraum der Macht nennt man nach der Wandelhalle im Parlament die Lobby. Man muss einräumen, dass die Herrschaften selbst, die das Gewerbe ausüben, keinen guten Ruf bei Journalisten haben; man unterstellt ihnen Strippenzieherei; ein Ausdruck aus dem Marionettentheater. Dabei werden die Politiker als abhängige Puppen gedacht, die nicht nur dem Wählerwillen folgen oder ihrem Gewissen (das Zweite ist verfassungsgemäß), sondern auch Einflüsterungen durch Interessenvertreter. Darüber rümpfen jene die Nase, die darin ein Monopol ihrerselbst sahen, zum Beispiel die Presseheinis.
Gestern Abend sehr gutes Gespräch mit einer Taxifahrerin. Ich komme aus dem BORCHARDT und frage sie, was sie für eine Schüssel fährt und warum die Stadt so voll wirkt. Nun, die Karre ist kein Tesla, sondern ein Hyundai aus Südkorea, so was wie ein Tesla für Arme, batteriebetrieben, furchtbares Gerät. Die Stadt sei voll, weil alle Lobbyisten wieder da seien. Es herrsche große Unsicherheit im Land, wer denn nun die Scherben zusammenfege. Also bevölkern sie wieder den Gendarmenmarkt. Olaf Ohneland hat in einem geplanten Akt der Verzweiflung nicht nur seinen Finanzminister entlassen, sondern so ausführlich persönlich gedemütigt, dass er auf eine Unterstützung durch die Abgeordnete von dessen Partei nicht mehr hoffen könne. Sagt die Dame am Volant, deren Einsicht ich bewundere.
Meine Fahrerin fragt sich, ob „der laue Merz“ jetzt die Eier habe, dem Gekaspere ein Ende zu bereiten. Sie erzählt, wie sie sich in die Elektromobilität habe reinquatschen lasse und nun auf einem Bock säße, dessen Wiederverkaufswert unterirdisch sei. Und das, während ihr eine schwarzfahrende Konkurrenz unter der UBER-Flagge zu schaffen mache, meist mit Illegalen am Steuer, sagt sie. Ich erzähle ihr, dass die Kernkraftwerke zerstört seien, die Kohle verfemt und die neuen Gasturbinen noch nicht so recht beschlossen. Ich höre darauf ein politisches Urteil, das man von Alice Weidel kennt. Volkesstimme, ja, Stammtisch.
Womit wir, Chauffeurin und angetrunkener Fahrgast, bei den Kanzlerkandidatinnen sind. Weidel und Habeck haben sich erklärt, Scholz ist gesetzt, Merz wohl auch, nur Wissing zögert noch; er weiß noch nicht, für welche Partei er antritt. Wir lachen, obwohl der klugen Frau am Steuer eigentlich nicht nach Spaß zumute ist. Das Land ginge den Bach runter. Ich zahle 16 Euro 80 und bin am Ziel. Nein, nicht am Ziel, nur, wo ich hinwollte.
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OLAFS RESTERAMPE.
Das Kalkül ist klar: Die Restregierung führt über ein Quartal die Opposition vor und geht dadurch gestärkt in einen Wahlkampf, der sie aus dem Akzeptanztief führt. Das haben sich die Parteiführer ausgedacht. Wie es überhaupt nicht um das Gemeinwohl geht, den Staat oder gar den Bürger; die RESTERAMPE ist ein Produkt der Parteipolitik. Nachdem man die Gunst verloren hat, will man das Glück nun zwingen; Vergewohltätigung.
Daran scheiterte der Dreier namens Ampel: Zwei ungeliebte Parteien wollten überleben, indem sie drin bleiben, eine, indem sie rausgeht; alle drei kämpfen so um‘s Überleben. Wir sehen eine Schlacht der Parteien. Gekämpft wird seitens der Sozis auch mit dem Mittel der Ehrabschneidung Lindners. Der Kanzler hat von Trump gelernt. Auf viele, auch mich, wirkt das unwürdig. Ich kannte schon immer das Vorurteil, dass hinter der Fassade des Hanseatischen ein Stalinist haust, ohnehin ein gelernter STAMOKAP-Mann. Das moralische Hemd dieses Herrn ist kurz, zu kurz, um sich in der Statur mit Brandt, Schmidt und Schröder zu messen. Olaff go home.
Parteienstaat: Man lausche dem dünnen Müzzenich oder dem dicken Klingebeil, die sich öffentlich verplappern. Geradezu vorbildlich hält sich die FDP und die CDU, indem sie den Sumpf der Hinterzimmerstrategen durch klare Ordnungspolitik trockenlegen: Neuwahlen sofort! Und damit auch: Vertrauensfrage sofort. Dabei werden wir dem Wähler die Gelegenheit geben, der Kakophonie ein klares Votum entgegenzusetzen. VOLKESSTIMME. Nun, ich zögere.
Die Beschenkte der Stunde ist Frau Weidel von der AfD, dem Auffangbecken der Frustrierten rechts von der Merzschen Union. Ihre rechtspopulistische Propaganda wird von der Restepolitik wahr gemacht. Wenn die Schwarzen demnächst ihre Brandmauer zu den Blaubraunen einreißen, haben wir mit CDU und AfD eine stabile Parlamentarische Mehrheit. Ungarische Verhältnisse. Mein Ernst. Ich wandere aus. Aber wohin? Mir fällt nichts ein. Helgoland wär eine Option.
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GESTEN.
Wir sehen einen hochgereckten Mittelfinger, der uns aggressiv entgegengehalten wird. Und wissen, dass dies nicht freundlich gemeint sein kann. Eine Geste. Oder die leichte Andeutung eines Kusses, der uns von der zarten Hand einer Angebeteten zufliegt. Da scheint was zu gehen, wie Monaco Franze zu sagen pflegte. Oder die geballte Faust, die der kommunistisch gesinnte Arbeiterführer, hebt, um den Herrschaften mit dem Hitlergruß zu zeigen, was er von ihnen hält. Solche Gesten, das ist selten, sind eindeutige Zeichen, man weiß, was sie bedeuten.
Schwieriger wird es mit sozialen Symbolen, die spontan entstehen oder gar unfreiwilliger Natur sind. So beim Kniefall von Willy Brandt in Warschau am Ehrenmal der Ermordeten des Warschauer Ghettos. Ich weiß von seinem Berater Egon Bahr, dass dies nicht geplant war. Brandt war wohl so. Die Geste war umstritten, wie Brandt selbst. Mich hat sie für ihn eingenommen. Heute werden Kniefälle zu kleiner Münze.
In Berlin habe ich erlebt, wie eine SPD-Politikerin, mit der ich die Friseurin teile, also eine Nachbarin, bei einer Veranstaltung nicht mitbekommen hatte, dass vorne am Pult ihr Parteivorsitzende Martin Chultz etwas Ernstes vortrug, während sie ihren Bekannten grotesk albern zu winkte. Seitdem nennen ich sie mit Spott DAS WINKELEMENT. Sie ist jetzt für die Bundeswehr zuständig; da lernt man ja Disziplin.
Nun zu Armin Laschett, der den Eindruck erweckt, dass er unter Stress zu ÜBERSPRUNGSHANDLUNGEN neigt. Hinter der Trauerrede des Bundespräsidenten hat die Nation ihn lachen und scherzen gesehen. Zu seiner Entschuldigung trug er dann vor, es sei ein langer Tag gewesen. Also keine Geste, jedenfalls keine gewollte. Ich war von seiner Ehrlichkeit beeindruckt und wusste zugleich, dass so einer KANZLER gar nicht kann.
Die konkurrierende Geste war die Angela Merkels, die neben der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreier gehend, deren Hand ergriff, vielleicht um sie zu stützen, vielleicht um Mitgefühl auszudrücken, jedenfalls war ich ergriffen, zu sehen, wie sich beide Frauen Hand in Hand der Situation stellten. So den Betroffenen die Solidarität von Bund und Land zeigend, über Parteigrenzen hinweg, ernst, mit eigener Autorität. Es fehlte gänzlich, was die großartige Journalistin Hatice Akyün männliche GOCKELEI genannt hat.
War das spontan? Das glaube ich nicht. Man lese nach, wie Angela Merkel sogar mit ausländischen Regierungschefs konferierte, wie sie im Weißen Haus verhindern könne, dass Donald Tramp sie an die Hand nähme. Es ist KALKÜL, was unsere Herzen erwärmt. Große Politik ist immer auch großes Kino.