Logbuch

OBEN OHNE.

In den städtischen Freibädern Berlins sind Frauen nicht mehr verpflichtet, bei zweiteiligen Badeanzügen („Bikini“) ein Oberteil zu tragen. Man ist den Männern gleichgestellt, also nur noch zur Bedeckung der primären Geschlechtsmerkmale angehalten. Die sekundären, auch Busen genannt, dürfen zur Schau stehen.

Ich werde darüber nicht aus religiöser Perspektive reden, da ich mich prinzipiell aus Glaubensfragen raushalte. Nur soviel: einen expliziten Verhüllungszwang für Frauen kann man auch sozial lesen, also als Machtfrage, die mit dem Gleichheitsgebot unvereinbar ist. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Mir geht es um zunächst die virile Binnenkultur, sprich die Frage „Männer und Mode“ im Sommer. Schon in den Restaurants greift die Geschmacklosigkeit zur Eskalation in das Unsägliche. Ich sage nur: Bermudas und Sandalen (mit Socken). In den Badeanstalten kommen jetzt wieder die enggeschnittenen Badehosen, die Auskunft darüber erteilen, ob wir Links- oder Rechtsträgerschaft sind. Vorbei die Diskretion der weiten Sporthosen; man trägt wieder Slip. Die Londoner TIMES spricht von „budgie smuggler“, das sind verborgene Wellensittiche. Urkomisch.

Im Osten der großen Stadt feiert die FKK-Kultur der DDR fröhliche Urstände. Da gibt es eine eigene Tradition. „Wir hatten ja nüscht!“ Tja, und dann eben auch nüscht an. Jetzt mein Punkt: Wer erlaubt sich die Freikörperkultur? Eben nicht die Arno-Breker-Gestalten unter uns, sondern jene, bei denen die Natur selbst eine Bedeckung nahegelegt hätte. Und wir reden hier nicht nur über Ästhetik, sondern auch schon über Hygiene.

Und das heißt für den Zeitgenossen: Augen zu und durch.

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DEUTSCHE DIKTATUR.

Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, daran ist nicht zu zweifeln; sie sperrte ihre Menschen ein. Mittels sowjetischer Macht.

Die DDR wäre als deutsche Diktatur fast nur vier Jahre alt geworden. Am 17. Juni 1953 führte eine Arbeitsnormverschärfung zur Forderung nach freien Wahlen. Es sollen eine Million Menschen auf der Straße gewesen sein. Die SED ließ sowjetische Panzer auffahren. Die Revolte wurde niedergeschossen. So sollte die kommunistische Partei Recht behalten. Wie später in Prag. Ich war damals beim Prager Frühling Schüler und erinnere die Besprechung im Unterricht.

Zurück zum 17. Juni.  1953 war ich noch in Windeln und meine Eltern wohnten im Ruhrgebiet bei einem kommunistischen Ost-Agenten zur Untermiete; man sprach auch im Westen nicht offen. Jedenfalls nicht laut. Das Wegsehen gegenüber dem Stalinschen Erbe hielt bei mir ein Leben lang an, wohl nicht untypisch. Bis ich dann vor gut dreißig Jahren die Mauer fallen sah. Ich war in Westberlin in der historischen Nacht und sehe noch am nächsten Morgen die mit Trabis zugeparkten Bürgersteige. Westberlin war vorbei.

Rückblickend ist die epochale Ignoranz der Wessis gegenüber dieser Diktatur geradezu peinlich. Zweifel an der politischen Position gibt es bis heute bei Bertolt Brecht, der ja damals in Ostberlin wirkte. Ich hab daher noch mal nachgeschaut. Brecht zum 17. Juni vor 70 Jahren:

„Nach dem Aufstand des 17. Juni // Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands // In der Stalinallee Flugblätter verteilen // Auf denen zu lesen war, daß das Volk // Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe // Und es nur durch verdoppelte Arbeit // Zurückerobern könne. Wäre es da // Nicht doch einfacher, die Regierung // Löste das Volk auf und // Wählte ein anderes?“

Fragen? Brechts Alterswerk tarnt sich als Elegien, meinte aber Politik. So, wenn er metaphorisch sagt, dass ein Sturm an den Baugerüsten der Stalinallee die starren Stahlplanken (Stalin!) abgerissen habe, während das biegsame Holz hielt. Oder der Radwechsel, bei dem er sein Ungemach zwischen faschistischer Vergangenheit und kommunistischer Zukunft formuliert. Weiteres zu entdecken. Man lese die Buckower Elegien des kryptischen Bert Brecht, der die Zensur der deutschen Diktatur fürchtete.

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RE-BRANDING.

Ein Beruf bedarf eines Leitbildes. So sagt ein berühmter PR-Mann gerade von sich selbst, er sei, symbolisch gesprochen, Unfallchirurg und nicht Geburtshelfer. Taugt das als Metapher?

Gefallene Journalisten, die dann PR machen, so wie dieser Mensch, sind von einer unerträglichen Eitelkeit getragen, die sie auf immer als Striezer ausweisen. Kurpfuscher, Badeärzte, Quacksalber. Wirkliche Profi sind bescheiden. So wie ich. Ich war nicht BILD; ich war ein eher kleines Licht, eigentlich war ich immer nur ich.

Der Herr Kollege ist gefallener BILD-Chef und breitet diese LARMOYANZ in einem Band auf 554 Seiten aus, sich selbst mit Churchill und dessen dreibändiger Autobiografie vergleichend: da könne noch mehr kommen. Gutes Marketing. Ich mag den nicht, diesen Habitus und gleich den ganzen Typ; „not a bird of my feather“. Das abgeschmackte Konvolut vom großen Ego werde ich nicht lesen. Ein altes Opfer dieses Boulevard-Clan-Chefs, der unglückselige Christian Wulff, nennt die gedruckten Prahlereien unnötigerweise gar einen „Schrei nach Liebe“. Welch ein Zugeständnis. Er hat es noch immer nicht kapiert, der Christian, das mit der Ware Liebe. No typo.

Sind also PR-Manager Unfallchirurgen, die versuchen, notdürftig zusammenflicken, um zu retten, was zu retten ist? Und Journalisten bringen also, edel, hilfreich und gut, die Babys zur Welt? Wie bei viele Metaphern sind in den gewählten Bildern narzisstische Selbstbeschreibungen verborgen. Im gleichen Atemzug nennt der Engelmacher von „storymachine“ (so heißt seine PR-Bude) den Strafverteidiger als Berufsmetapher, der eben nicht brav Eheverträge aufsetze, sondern mit Verbrechern zusammensitze.

Diese Metapher für PR gibt es auch von mir. Jetzt ist der Präsident des Deutschen Rates der PR gefordert, der geschätzte Professor Rademacher! Lars, übernehmen Sie! Er hat genau dazu nämlich einen Aufsatz geschrieben. In einer Festschrift übrigens, die sich mit einem anderen berühmten PR-Mann beschäftigt. Mit mir.

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Religionsfreiheit ist nicht Freiheit der Religionen, sondern die Freiheit von der Religion

Doofe haben nur eine Chance, die Dinge, für die sie zu doof sind, doch noch irgendwie zu verstehen: Sie legen eine Magie zugrunde. Mutter Natur oder finstere Mächte, selbstgemachte Götter. So entstehen alle Religionen. Statt Physik gibt es Metaphysik. Religion ist Magisierung des Lebens.

Magien sind allzu menschliche Erfindungen, die sich zur Beherrschern des Menschen verselbständigen. Fetischismus nennt man das. Aber gemach, hier soll nicht gegen Religiöses gehetzt werden. Im Gegenteil. Aber es geschieht ja Ungeheuerliches: Korane werden verteilt.

In der Fußgängerzone, dem deutschesten aller deutschen Orte, werden diese Bücher verschenkt. Und die Herrschaften, die dort agieren, sind Salafisten. Ich habe keine Ahnung, was Salafisten sind, und will es auch nicht wissen. Die allgemeine Aufregung ist unangebracht. Ich bitte um Entspannung.

Ist das zu sorglos? Sollten wir die bösen Bücher nicht verbannen? Hallo? Man soll alles lesen können, so man lesen kann. Aber der Verfassungsschutz warnt doch, dies sei Propaganda. Das sind die beamteten Schlafmützen, die das Nazi-Bafög erfunden haben und braune Mörderbanden über Jahre agieren ließen. Die sollten ihren wirklichen Job machen und sich nicht als Reichsschrifttumskammer gerieren.

An der Straßenecke steht ein älterer Herr, der hält ein Blättchen hoch, auf dem „Wachturm“ steht. Er möchte ausweislich seiner Headline, dass ich erwache. Aha. Ich habe keine Ahnung, was die Zeugen Jehovas sind, und will es auch nicht wissen. In meinem Kiez suchen sie die Türschilder nach italienischen Namen ab und klingeln dann. Es gibt eben auch italienische Zeugen Jehovas. Es interessiert mich nicht.

An bestimmten christlichen Feiertagen gibt es, kein Scherz, Tanzverbot. Ich bin aus dem Alter, in dem ich nach Tanzvergnügen strebe. Und als ich in dem Alter war, war es mir völlig egal, was Kirchen darüber dachten, wann und wie ich abrockte. Wir haben uns damals darüber amüsiert, dass in der DDR „auseinandertanzen“ verboten war. Weder Staat noch Kirchen entschieden über’s Tanzen. Oder die Art der Drogen.

Zu jener Zeit agierte in Albanien ein kommunistischer Diktator namens Enver Hoxha, der alle Kirchen und Moscheen schleifen ließ, weil er einen atheistischen Staat wollte. Man kann das Anti-Klerikale eben auch bis zum Gegenteil der Befreiung treiben, der Unfreiheit einer bösen Diktatur. Bildersturm unter Marx, Engels und Lenin. Das fanden wir schon damals bescheuert.

Im Spätkauf in meinem Kiez trägt die Tochter des Besitzers seit neuerem Kopftuch. Eigentlich ist mir das egal, weil ich Zeitungen und Zigaretten will und keine religiöse Debatte. Weil ich aber den Verdacht habe, dass dies ein Diskriminierungsmerkmal für Frauen ist und sie es nicht freiwillig tut, kaufe ich da nicht mehr. Geschäfte unter vorsätzlicher Menschenrechtsverletzung behagen mir nicht.

Zu den großen Errungenschaften der Moderne gehört, dass Staat und Kirche getrennt sind. Unser gesellschaftliches Leben wird nur durch Recht und Gesetz beschränkt. Und ansonsten durch nichts. Wir kennen keine Staatsreligion. Und der Glaube, das Bekenntnis sind Privatangelegenheit. Säkularisierung heißt das, und es ist klasse.

Religionsfreiheit ist eben nicht die Freiheit einer Religion, von jedermann zu verlangen, was ihre Vorstellungen für erstrebenswert halten. Und zur Not die Menschen mit einem Bannstrahl zu strafen oder zu steinigen. Religionsfreiheit ist die Freiheit von Religionen. Sie sind Privatsache, aber nicht Sache des Staates.

Deshalb ist es falsch, dass der deutsche Staat für die Kirchen die Mitgliedsbeiträge als Steuer eintreibt. Deshalb ist es ein Witz, dass Kirchen in Kindergärten, in denen sie gerade mal 10 Prozent der Kosten tragen, Tendenzbetriebe sehen, in denen sie die eigene verlogene Sittenlehre über das Arbeitsrecht stellen. Deswegen gehört das Verkaufsverbot an Sonntagen aufgehoben.

Dass die islamischen Vorstellungen von Gottesstaaten vormodern sind, Tarnungen von totalitären Regimen und menschenverachtenden Mächten, ist damit gesagt. Zugleich ist der Papst in seine Schranken verwiesen. Und der Protestant, auch wenn er bei uns Kanzlerin und Präsident ist.

Jeder darf nach seiner Fasson selig werden. Dieser preußische Grundsatz sagt vor allem: Selig werden, das ist kein Staatsakt. Sondern eine Privatsache. Daraus erklärt sich eine gewisse Zurückhaltung, die den Religionen in modernen Gesellschaften aufzuerlegen ist. Ganz entspannt, aber eben auch ganz entschieden.

Und wenn in Moscheen gegen Recht und Gesetz verstoßen wird, dann ist das eine Frage von Recht und Gesetz, ungeachtet der Tatsache, ob es Kathedralen, Moscheen oder Parteizentralen sind, in denen der Rechtsbruch stattfindet. Volle Härte des Gesetzes, kein Freibrief für die Mullah-Magie.

Mit der Freiheit von der Religion steht diese nicht mehr als Kriegsgrund zur Verfügung. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Und dann kann ich mich dem moralischen Gesetz in mir widmen, eine wichtige private Tätigkeit. Dabei will ich für mich, dass die Maxime meines Handelns zugleich Grundsatz einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte. So wird das Moralische politisch. Nur so.

Quelle: starke-meinungen.de