Logbuch

KLEIDERORDNUNG.

Manchmal betrachte ich die Welt mit den Augen meines Vaters und seines. Man ist ja Kind der Altvätersitte. Zum Beispiel in Fragen der Kleiderordnung. So sehe ich in einem Café in Moabit gegenüber vom Knast einen Justizvollzugsbeamten in Uniform und mit Gerät am Gurt, das der Durchsetzung seiner Autorität dient. Soll so sein, weil er den Ordnungsanspruch des Staates vertritt. Aber, bemerke ich tief irritiert, seine schwarzen Lederstiefel sind ungeputzt; nicht nur ein wenig, sondern erkennbar schon länger, regelrecht schäbig abgeschabt. Ungeputzte Stiefel, das geht gar nicht.

Darin war mein Opa  streng. Die ganze Woche im Pütt, hätte er nie sonntags die Straße mit ungeputzten Schuhen betreten. Im Gegenteil, das war ein eigenes Ritual mit stattlichen Rosshaarbürsten, schwarzer Wichse und ein wenig Spucke. Ich habe es als Kind bestaunt. Die Kleiderordnung in der Berliner Innenverwaltung ist laxer. Auch das Tätowierverbot an Händen und im Gesicht wird umgangen, selbst bei Polizisten, die sich doch optisch von ihrer Kernklientel unterscheiden sollten. Weil ich sie respektiere; sie haben keinen leichten Job.

Beamter, das ist kein White Collar Job mehr, jedenfalls wenn man darunter einen steifen Kragen versteht. Für Anwälte vor Gericht besteht die sogenannte Robenpflicht, eine Berufstracht, die die Würde des Gerichts wahren soll. Was ich hier in Moabit an Kleidung darunter sehe, das ist zu einem wesentlichen Teil durchaus unterhalb der C&A-Schwelle („cheap & awful“). Gerne würde ich Anwälte achten wie Richter; aber da gibt es wohl einen Klassenunterschied. Interessant ist die historische Begründung der Berufstracht; man wollte soziale Unterschiede ausgleichen. Das sagt man in England auch zum Sinn der Schuluniformen. Egalisiert Dienstkleidung? Berlin findet, dazu dient eher Freizeitmode, auch im Dienst. Und Tattoos mit Rechtschreibfehlern.

Die französischen Staatsbahnen haben gerade eine Schminkvorschrift für ihre Bediensteten herausgegeben, wonach man den französischen Chic zu zeigen habe, der sich „elegance“ nennt. Nun, elegant ist vielleicht noch die Flugoma bei der Lufthansa, aber nicht das rustikalere Wesen der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG. Wie der Herr, so das Gescherr; gilt auch für Herrinnen. Was in den Bezirken der Stadt so von Amtsträger:innen getragen wird, das hätte meinen Großvater verwirrt.

Und so sehe ich bei dem Umschließer aus dem Knast mit den ungeputzten Schuhen, dass er zu allem Überfluss auch noch seine Nägel kaut. Nun, wir hatten Fälle der Onychophagie auch schon in höchsten Ämtern; elegant ist es aber eher nicht. Dann schon lieber diese aufwendig gestalteten Krallen asiatischer Provenienz; french nails genannt, obwohl nicht elegant. Sehe ich auch unter Roben, wie dekadent.

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HIS MASTER‘S VOICE.

Es gab Aufregung im Medienzirkus, weil die populären Hörspiele („Podcast“) eine Werbeform anbieten, bei der die Stimme des Redakteurs auch die Werbung verliest. Die Vierte Gewalt sagt dann auch „Lidl lohnt sich“. Der Tagesschausprecher empfiehlt Vodafone. Das finden manche nuttig. Hinter der vordergründigen Empörung steckt eine tiefere Wahrheit.

Die menschliche Stimme ist wie der Fingerabdruck oder der Gesichtsausdruck weit mehr als nur Information im Sinne des gesprochenen Wortes. Das erzählt uns das berühmte Warenzeichen, bei dem ein junger Hund überrascht auf das Grammophon schaut, von dem er die Stimme seines Herrn hört. Sie signalisiert ihm nämlich die Pflicht zum Gehorsam. Wir hören Vaters Stimme schon, wenn noch in Mutters Bauch. An der Geliebten gefällt, was sie stöhnt, wenn sie die Augen einwärts dreht. Stimme ist Seele.

Daran, dass es nur sehr wenige gute Synchronsprecher und Vorleser gibt, zeigt sich, dass eine ausdrucksstarke Stimme selten ist. Es gibt tief in unserem Inneren verankerte Assoziationen. Ich hasse zum Beispiel die Stimme des grünen Affen Hannes Jaenicke und liebe, Entschuldigung, gnädige Frau, die Stimme von Hansi Lochner. Sie hat Jodie Foster in „Schweigen der Lämmer“ synchronisiert und ich bin beim Hörbuch mehrfach eingeschlafen und habe um sie gefürchtet, angesichts der bösen Absichten von Hannibal Lecter, dem Kannibalen. Bei Hansis Stimme richten sich die Nackenhaare auf.

Eines Tages wird die KI zu uns sprechen mit der Stimme unseres verstorbenen Herrn Vater oder der am heißesten geliebten Frau, bei mir Charlotte Rampling. Weil die KI ein reproduktives System ist, das uns als Black Box beobachtet und an der Repetition unserer Reaktion lernt, was am häufigsten gewünscht wird. Wir werden wie der Köter vor der Schallplatte des Grammophons vor unseren IPhones sitzen und tun, was die Stimme des Herrn sagt. Oder bei anderer Stimme entflammen.

Die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Die Dame hinter der Stimme von der Rampling, eine Frau Saur, sieht, sorry, Gnädige, eher belanglos aus. Und die Sprecherin von der legendären Jodie wirkt im wirklichen Leben besichtigt wie Pumuckl. Stimme ist nicht alles. Ohne Stimme alles nichts.

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DIE WARE LIEBE.

Der Fuchs war im Hühnerstall. Aufregung in der Berliner Journaille. Der Medienunternehmer und selbsternannte Pionier der Publizistik Gabor STEINGART hat zu einem Rundumschlag gegen seine Branche ausgeholt und dabei die Praxis seiner publizistischen Kolleginnen der Prostitution bezichtigt. Wörtlich. Sich selbst der Ästhetik gerühmt. Welch eine Achilles Ferse! Um es vorweg zu nehmen, Rom fällt nicht, wenn halbe Huren halbe Huren halbe Huren nennen. Thetis.

Interessant ist es doch, weil die Invektive den inneren Zustand der Vierten Gewalt zeigt. Ich versuche das zu argumentieren, bevor ich zur Thetis komme.
Presse war die Fähigkeit, Papier so zu bedrucken, dass die Leser Geld dafür geben und Leerraum für Werbung entsteht, die die Kasse noch mal klingeln ließ. Zur Erhaltung des Tauschwertes wurde Redaktion und Werbung fein säuberlich getrennt. Vehement vertrat man moralische Erhabenheit und politische Geltung. Das Geschäftsmodell ist kaputt; man hat es nicht ins Internet rüberretten können.

Das neuste sind Podcasts, sprich Hörspiele, die sich moderne Menschen beim Joggen, im Auto oder der U-Bahn anhören. Der Vorzeigejournalist Robin Hood hat so ein Ding mit seiner Gattin gegründet, nennt sich MACHTWECHSEL und ist echt gut. Weil das publizistische Paar aber dort auch der Werbung die eigene Stimme verleiht, meint STEINGART die Frau, die mal seine Mitarbeiterin war, wenn er von Prostituierten spricht. Das ist nicht fein und nicht fair, aber nicht meine Sache. Ich hätte mich an Steingarts Stelle nicht mir Robin Hood angelegt; schon gar nicht seine Frau beleidigt.

Denn er selbst, der Pionier, hat sich aus dem Zeitungssterben gerettet, indem er eine hybride Mischform von PR und Presse betreibt. Um die Klebrigkeit dessen aufzuhübschen, macht er das auf einem Bötchen auf der Spree. Wie albern. Wer sich da reinkaufen will, wird um 5000 € für ein Lebensabo gebeten. Heidewitzka, Herr Kapitän. Ein Freund erzählt mir, er habe 10k gezahlt, um im morgendlichen Info-Dienst des Bötchen-Patriarchen stets gut wegzukommen. Das Trennungsgebot von Werbung und Redaktion scheint mir hier aufgehoben. Wie kann ich da die Gattin von Robin Hood ehrverletzen wollen?

Jetzt zu Thetis. Sie hat in Mythologie der alten Griechen die Charakterlosigkeit in die Welt gebracht. Sie war zwar die Mutter des Achill, stiftete den Zwist, der den Trojanischen Krieg begründete. Und in Essen-Kettwig, wo ich zur Schule ging, lag auf dem Stausee ein ehemaliges Restaurantschiff, bei dem erst zum späteren Abend die Lichter angingen. Wer erinnert sich noch? Ich schwör! Es hieß Thetis und die Lampen waren rot. Ein Bötchenbordell. Tja, lieber Gabor, das älteste Gewerbe der Welt. Wer im Glashaus sitzt.

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Religionsfreiheit ist nicht Freiheit der Religionen, sondern die Freiheit von der Religion

Doofe haben nur eine Chance, die Dinge, für die sie zu doof sind, doch noch irgendwie zu verstehen: Sie legen eine Magie zugrunde. Mutter Natur oder finstere Mächte, selbstgemachte Götter. So entstehen alle Religionen. Statt Physik gibt es Metaphysik. Religion ist Magisierung des Lebens.

Magien sind allzu menschliche Erfindungen, die sich zur Beherrschern des Menschen verselbständigen. Fetischismus nennt man das. Aber gemach, hier soll nicht gegen Religiöses gehetzt werden. Im Gegenteil. Aber es geschieht ja Ungeheuerliches: Korane werden verteilt.

In der Fußgängerzone, dem deutschesten aller deutschen Orte, werden diese Bücher verschenkt. Und die Herrschaften, die dort agieren, sind Salafisten. Ich habe keine Ahnung, was Salafisten sind, und will es auch nicht wissen. Die allgemeine Aufregung ist unangebracht. Ich bitte um Entspannung.

Ist das zu sorglos? Sollten wir die bösen Bücher nicht verbannen? Hallo? Man soll alles lesen können, so man lesen kann. Aber der Verfassungsschutz warnt doch, dies sei Propaganda. Das sind die beamteten Schlafmützen, die das Nazi-Bafög erfunden haben und braune Mörderbanden über Jahre agieren ließen. Die sollten ihren wirklichen Job machen und sich nicht als Reichsschrifttumskammer gerieren.

An der Straßenecke steht ein älterer Herr, der hält ein Blättchen hoch, auf dem „Wachturm“ steht. Er möchte ausweislich seiner Headline, dass ich erwache. Aha. Ich habe keine Ahnung, was die Zeugen Jehovas sind, und will es auch nicht wissen. In meinem Kiez suchen sie die Türschilder nach italienischen Namen ab und klingeln dann. Es gibt eben auch italienische Zeugen Jehovas. Es interessiert mich nicht.

An bestimmten christlichen Feiertagen gibt es, kein Scherz, Tanzverbot. Ich bin aus dem Alter, in dem ich nach Tanzvergnügen strebe. Und als ich in dem Alter war, war es mir völlig egal, was Kirchen darüber dachten, wann und wie ich abrockte. Wir haben uns damals darüber amüsiert, dass in der DDR „auseinandertanzen“ verboten war. Weder Staat noch Kirchen entschieden über’s Tanzen. Oder die Art der Drogen.

Zu jener Zeit agierte in Albanien ein kommunistischer Diktator namens Enver Hoxha, der alle Kirchen und Moscheen schleifen ließ, weil er einen atheistischen Staat wollte. Man kann das Anti-Klerikale eben auch bis zum Gegenteil der Befreiung treiben, der Unfreiheit einer bösen Diktatur. Bildersturm unter Marx, Engels und Lenin. Das fanden wir schon damals bescheuert.

Im Spätkauf in meinem Kiez trägt die Tochter des Besitzers seit neuerem Kopftuch. Eigentlich ist mir das egal, weil ich Zeitungen und Zigaretten will und keine religiöse Debatte. Weil ich aber den Verdacht habe, dass dies ein Diskriminierungsmerkmal für Frauen ist und sie es nicht freiwillig tut, kaufe ich da nicht mehr. Geschäfte unter vorsätzlicher Menschenrechtsverletzung behagen mir nicht.

Zu den großen Errungenschaften der Moderne gehört, dass Staat und Kirche getrennt sind. Unser gesellschaftliches Leben wird nur durch Recht und Gesetz beschränkt. Und ansonsten durch nichts. Wir kennen keine Staatsreligion. Und der Glaube, das Bekenntnis sind Privatangelegenheit. Säkularisierung heißt das, und es ist klasse.

Religionsfreiheit ist eben nicht die Freiheit einer Religion, von jedermann zu verlangen, was ihre Vorstellungen für erstrebenswert halten. Und zur Not die Menschen mit einem Bannstrahl zu strafen oder zu steinigen. Religionsfreiheit ist die Freiheit von Religionen. Sie sind Privatsache, aber nicht Sache des Staates.

Deshalb ist es falsch, dass der deutsche Staat für die Kirchen die Mitgliedsbeiträge als Steuer eintreibt. Deshalb ist es ein Witz, dass Kirchen in Kindergärten, in denen sie gerade mal 10 Prozent der Kosten tragen, Tendenzbetriebe sehen, in denen sie die eigene verlogene Sittenlehre über das Arbeitsrecht stellen. Deswegen gehört das Verkaufsverbot an Sonntagen aufgehoben.

Dass die islamischen Vorstellungen von Gottesstaaten vormodern sind, Tarnungen von totalitären Regimen und menschenverachtenden Mächten, ist damit gesagt. Zugleich ist der Papst in seine Schranken verwiesen. Und der Protestant, auch wenn er bei uns Kanzlerin und Präsident ist.

Jeder darf nach seiner Fasson selig werden. Dieser preußische Grundsatz sagt vor allem: Selig werden, das ist kein Staatsakt. Sondern eine Privatsache. Daraus erklärt sich eine gewisse Zurückhaltung, die den Religionen in modernen Gesellschaften aufzuerlegen ist. Ganz entspannt, aber eben auch ganz entschieden.

Und wenn in Moscheen gegen Recht und Gesetz verstoßen wird, dann ist das eine Frage von Recht und Gesetz, ungeachtet der Tatsache, ob es Kathedralen, Moscheen oder Parteizentralen sind, in denen der Rechtsbruch stattfindet. Volle Härte des Gesetzes, kein Freibrief für die Mullah-Magie.

Mit der Freiheit von der Religion steht diese nicht mehr als Kriegsgrund zur Verfügung. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Und dann kann ich mich dem moralischen Gesetz in mir widmen, eine wichtige private Tätigkeit. Dabei will ich für mich, dass die Maxime meines Handelns zugleich Grundsatz einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte. So wird das Moralische politisch. Nur so.

Quelle: starke-meinungen.de