Logbuch

DOPPELMORAL.

Der deutsche Dichter Heinrich Heine ist in vielem vergessen, aber nicht in seiner Definition von Doppelmoral. Sie lautet:
„Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“
Offensichtlich geht es um ein Fehlverhalten derer, die da predigen dürfen. Auf die Kanzel darf der Klerus und im weiteren Sinn die Politik. Sprich eine Elite.

Damit ist der Populist hellwach. Er versucht Wind unter die Flügel zu kriegen, indem er die Elite geißelt und sich selbst zum Wahrer der Volksseele stilisiert. Das ist eine propagandistische Haltung, die ihre wirklichen Absichten hinter einer ideologischen Polarisierung verbirgt. In diesem Sinne hat der Reichsminister für Volksaufklärung Joseph Goebbels ausgerufen, dass „die Juden unser Unglück“ sind; und einen monströsen Völkermord angezettelt. In der Dimension nicht vergleichbar, aber strukturähnlich sprich die Neue Rechte in den USA von „white supremacy“, der Überlegenheit der weißen Rasse. Man hört wieder Geschwafel von Ariern.

Auch der AfD-Ton gegen „die Ausländer“, die wieder in ihre Herkunftsländer „remigrieren“ sollen, nutzt diese soziale Polarisierung. Das ist ja der Kern der Vorstellung von der Volksgemeinschaft, dass sie ordentliche Bürger und nette Nachbarn zu Aussatz deklarieren will. Oder der Glaube, dass die Eliten der EU unsere Nationalinteresse unterlaufen und der Euro die Herrschaft des Kapitals brachte. Es gibt auch linke Varianten des Populismus, die die Völker der Welt von einer Bourgeoisie bedroht sehen. Erläuterungen zum allfälligen grünen Populismus spare ich mir.

Wir wollten eigentlich über Doppelmoral reden. Eine der elementarsten Formen ist die frauenfeindliche. Misogynie.
Danach untersagt man denen, die die Natur zur Empfängnis befähigt hat, Verhütungsmittel und Abtreibungen, spricht sich entschieden gegen Prostitution und kommerzielle Leihmutterschaften aus, erlaubt sich als Männerbund aber Einkauftrips ins Ausland, um sich anschließend öffentlich mit einem Fremdgeborenen im Kinderwagen zu zieren. Im Grunde die Beibehaltung des Adelsprivilegs, in der zwar Ihre Majestät schwängern musste, aber alle Mühe der Erziehung bei Hebamme und Nanny lag. Halt zeitlich noch weiter nach vorne gezogen. Samenspende reicht. Man kann Vater wie Familie auch ohne Mutter. Das ist in Wahrheit der Gospel.

Die Konservativen in diesem Land haben also sagen müssen, was ihnen die Kanzel noch wert ist. Denn Doppelmoral ist keine, gar keine. Und die katholische Kirche schweigt; sie ist bei dem Thema Zölibat nämlich schon immer „conflicted“; so nennt man dort die diesbezügliche Doppelmoral.

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DAS ORAKEL DEBAKEL.

Die alten Griechen und Römer wussten sich in den Händen von Göttern aller Art und glaubten die Erfahrung gemacht zu haben, dass mit deren Stimmungslage nicht zu spaßen war. Die übernatürliche Welt war ihnen unheimlich, zumal nicht frei von Zorn und Rache; mit dem Schicksal aus göttlicher Gnade war es daher so eine Sache. Man wollte deshalb ahnen, was von dort drohe.

Nehmen wir das Orakel zu Delphi; hier erklärte eine Dame nach notorischem Drogenkonsum den Willen des Apoll, also höchsten Ratschluss. Das Luder war aber so high, dass sie in Rätseln sprach. Deren Entschlüsselung erwies sich als tückisch. So wurde Krösus offenbart, dass wenn er gegen die Perser zu Krieg zöge und den Grenzfluss überschritte, ein Weltreich untergehe. Das Debakel mit dem Orakel: Es war sein eigenes Reich, das an der Kriegslust verreckte. Das Orakel war wahr, wahrer als er geglaubt hatte. Apoll ist nämlich der Gott der Dichtkunst.

Die Römer hatten einen eigenen Berufsstand in dem, was man heute Politikberatung nennen würde. Diese Experten der Public Affairs hatten sich einen ganz besonderen Modus ausgedacht. Sie untersuchten die Eingeweide von Opfertieren und lasen als zu dem Zustand von Niere, Leber und Milz, ob es günstig sei, einen Krieg vom Zaune zu brechen oder lieber einen diplomatischen Weg zu suchen. Der Eingeweideschauer hieß HARUSPEX. Ein einträgliches Gewerbe, wie heutzutage der Betrieb einer Law Firm oder einer McBusiness-Bude. Die Ratschläge sind über all die Jahrhunderte dunkel geblieben, daran wird künftig auch KI nichts ändern.

Denn selbstverständlich ist das fauler Zauber, war es immer, Volksverarschung. Kann ich das beweisen? Kann ich. Ich finde bei Cicero folgendes Zitat: „Vetus autem illud Catonis admodum scitum est, qui mirari se aiebat, quod non rideret haruspex haruspicem cum vidisset.” Zu gut deutsch: „Berühmt ist Catos geistreiche Bemerkung, er wundere sich schon, dass ein Haruspex nicht lachen müsse, wenn er einem anderen Haruspex begegne.“ Schreibt schon Cicero.

Sage ich doch. Ein Gewerbe der vorsätzlichen Mehrdeutigkeit; die Kunst, Allerweltsweisheiten im Vagen zu wagen. Cato der Ältere hat den Zirkus der PR-Beratung schon immer durchschaut. Solches hörte ich gern von meinem Vers.

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CHAOS KOORDINATOR.

Was wird wohl auf dem Grab stehen? So sinniert man, wenn ein Politiker fällt. Die meisten wollen ja Wiedergänger sein und wählen den vermeintlichen Nachruf mit Bedacht. Also ist das Epitaph nicht unbedeutend. Was ist der letzte Satz des plötzlich nicht mehr Wichtigen?

Willi der Wähler weiß eigentlich nicht, wie die Macht im politischen Berlin sich organisiert; Wilma die Wählerin auch nicht. Es gibt die Fensterjobs, sagen wir mal, Bundeskanzler, Außenminister und Regierungssprecher. Von denen glaubt man zu wissen, was sie so machen. Und es gibt die wirklichen Zentren der Macht, in den die Strippen gezogen werden, an denen die Marionetten zappeln.

Ein offenes Geheimnis ist die Bedeutung des „Leiter BK“, da der Chef des Bundeskanzleramtes nicht nur den Regierungschef in aller Öffentlichkeit zu organisieren hat, sondern auch Koordinator der Geheimdienste ist. Vom Aufwand her ein Mörderjob. Weshalb ehemalige BK-Chefs sich alle mit Respekt begegnen. Da kenne ich keine Ausnahme. Wer das Amt hatte, verlässt es sehr müde und immer grauhaarig. Graue Eminenzen.

Nicht weniger wichtig sind die Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, zumal der Regierungsfraktionen. Wärter in einem Zoo. Zirkusdirektoren. Denn der Abgeordnete als solcher wird in diese Abstimmungsmaschine gespült, weil der Wähler es wollte oder die Parteilisten es so vorsahen, sprich aus purem Zufall und ist vor allem eins, ahnungslos. Als einzelnes Exemplar schon schwierig, ist er als Gruppe ein kollektiver Trottel. Statt den Direktiven der Regierung zu folgen, bläht er sich „wg. Gewissensfreiheit“ und anderer Vorurteile banalster Art. Die Fraktion ist immer ein Sauhaufen, der Vorsitzende ihr Löwenbändiger. Ein Chaoskoordinator. Der letzte der hier bei den Sozen halbwegs Respekt genoss, war der Genosse Wehner, der dazu alles notwendige im stalinschen Exil zu Moskau gelernt hatte. Bei den Christlichen Jens Spahn, der „pater familias“.

Von Bert Brecht gibt es ein kleines Gedicht, das ein anderer, von mir gleichwohl geschätzter, weil allseits gefürchteter Fraktionsvorsitzender nach seinem Ausscheiden zu rezitieren wusste. Sein Epitaph lautete:
„Den Tigern entrann ich.
Die Wanzen nährte ich.
Aufgefressen wurde ich
von den Mittelmäßigkeiten.“

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Geld spielt doch keine Rolex

Im Fälschen von Bildern haben die Machthaber Russlands so ihre Erfahrungen. Früher schnitten sie den gerade von Stalins Schergen in Mexiko mit einem Eispickel erschlagenen Leo Trotzki einfach mit der Schere aus den politischen Portraits heraus. Heute gibt es Photoshop.

Der orthodoxe Patriarch in Moskau wird auf einem Foto mit einer Schweizer Uhr gezeigt, die im Wert eines guten deutschen PKW steht. Kritik an dessen feudalem Lebensstil wird laut. Schwups kommt ein retuschiertes Foto. Leider schlecht gemacht: Die Edeluhr ist am Handgelenk verschwunden, ihr Spiegelbild auf der Tischplatte aber noch zu sehen. Erwischt.

Unmut regt sich in Diktaturen am korrupten System. Die Luxusuhr brandmarkt. Zweites  Beispiel aus China. Nach einem verheerenden Bahnunglück sollen die Trümmer der Züge mit den darin noch verkeilten Leichen der verunglückten Passagiere in einem Rutsch entsorgt werden.

Menschenverachtung pur. Und am Handgelenk eines der dabei agierenden Politikers eine Schweizer Edeluhr, die das Zehnfache seines Jahresverdienstes kostet. Die Internetgemeinde durchkämmt Pressefotos. Eine ganze Kaste wird bei einem Luxus erwischt, der auf Korruption schließen lässt.

Nur in Diktaturen? Nein, der legendäre Klaus Kleinfeld ließ als Siemens-Chef ein Portraitfoto im Geschäftsbericht „ent-rolexen.“ Und seine Presseabteilung beflunkerte dazu behend die Öffentlichkeit. München war so doof wie Moskau heute. Der Pfusch flog auf.

Warum besorgen die Jungs sich teure, sündhaft teure Uhren, wenn sie sich dann damit gar nicht zeigen können? Gute Frage. Die Erklärung ist mehrstufig. Erstens reden wir von Männern an der Macht, jedenfalls von Männern in ihrer Funktion als Gockel. Sie wollen den Hühnern imponieren. Bunte Federn.

Der Uniformzwang in gewissen Kreisen grenzt die Möglichkeiten aber ein. Es werden graue Anzüge getragen, schwarze Schuhe und verhalten bunte Krawatten. Auch da gibt es Unterschiede, sogar gewaltige, aber alles in allem trägt die Business Class eben Business Class. Uniformiert sein und sich abheben wollen, dieser Widerspruch zeigt, dass es schwierig wird. Jungs haben es nicht leicht.

Der Balletttänzer mag sich noch eine Hasenpfote vorne in die Strumpfhose stecken, oder der O-Beinige einen indischen Schneider mit seinen Hosengestaltungskünsten bemühen. Dandy-Naturen wagen eine Blume im Knopfloch oder ein gewagtes Einstecktuch. Die wirkliche Schlacht der Differenzierung tobt aber am Handgelenk.

Mann und Technik, das passt eh. Jetzt also: Mann und Zeitmessung. Zeige mir Deine Uhr, und ich sage Dir, wer Du bist. Natürlich ist ein elektronisches Werk asiatischer Herkunft tief verpönt. Profis sehen schon an der Bewegungscharakteristik des Sekundenzeigers, ob es sich wirklich um ein mechanisches Werk handelt.

Hochwertige mechanische Uhren beginnen beim Monatsgehalt und enden beim Preis eines Einfamilienhauses. Manufakturen fertigen Geniales. Wirkliche Kenner lassen sich ihre Uhr persönlich anfertigen. Und holen sie selbst ab.

Swiss made, so lautet das Motto, jedenfalls gängiger Weise. Neben die Technik treten seltene Materialien, Gold ist dabei das Wenigste. Warum aber nicht einfach Schmuck? Mit Brillanten ließe sich doch protzen. An jedem Finger ein Ring, Ketten um den Hals. Nun, Männer unterliegen, wenn sie richtige Männer sind, einem Schmuckverbot.

Das Gerät am Handgelenk kann Dinge, von denen die Mädchen nicht mal gehört haben. Wissen Sie, bis wann auf der alten Rolex Air King noch „superprecision“ steht, und wann nicht mehr, als mit dem anderen Kaliber die Chronographenqualität erreicht wurde? Wenn Sie das nicht abgrundtief fasziniert, sind Sie ein Mädchen. Und wenn Sie eine Rolex mit Fischauge tragen, dann sind Sie Zuhälter oder Russe.

Der komplizierteste Widerspruch ist der calvinistische. Wir sollen demütig leben. Selbst für Katholen ist Gier eine Todsünde. Und ob wir in den Himmel kommen, das ist vorbestimmt, Also nicht durch  gute Taten erwirkbar. Da könnte man ja gelassen eine Swatch tragen, bis der Herrgott einen hoch ruft ins Paradies.

Aber wir würden gerne schon vorher wie Erwählte wirken und so behandelt werden. Deshalb will auch der Calvinist, dass an ihm Gottes Gunst erkannt wird. Da man nicht ins Herz schauen kann und nicht ins Depot, trägt er den Beweis am Handgelenk.

Osterausflug für alle Jungs: ab in die Züricher Bahnhofstraße. Uhren schauen. Und wenn es am Geld fehlt, dann klaut man sich halt eine. Oder sucht sich einen Posten, wo es das unterm Tisch gibt. Wie habe ich mal in Wolfsburg an einem alten Golf gelesen: „Keine Airbags. Wir wollen noch sterben wie Männer!“

PS.: Der Autor dieser Zeilen vertraut auf  Dornblüth & Sohn aus Sachsen-Anhalt. Was soll man tun, wenn schon jeder Pope und Bonze Schweizer Marken trägt? Dornblüth baut auf einer Dreiviertelplatine. Sagt Ihnen nichts? Dachte ich mir. Sie Mädchen.

Quelle: starke-meinungen.de