Logbuch
VOLKSEIGENTUM.
Berlin, höre ich jubelnd eine Wahlsiegerin sagen, gehöre nun nicht mehr den Konzernen; es gehöre wieder den Berlinern. Rückführung ins Volkseigentum. Hintergrund ist die Wahl zum Abgeordnetenhaus, aus der die Linkspartei als stärkste Kraft hervorgegangen sei. Stolze 25 Prozent; doppelt so viel wie die SPD. Die Kommunisten wollen nun den Regierenden Bürgermeister stellen. Dazu hat die Nachfolgepartei der SED eine junge Frau mit türkischen Wurzeln aufgestellt, immerhin eine Assessorin aus einem Medizinerhaushalt, die dies DDR-Light zu verkaufen weiß. Die Antisemiten und Islamisten in den eigenen Reihen will sie überstimmen.
Das erinnert mich an meinen Großvater mütterlicherseits, der, früh Invalide durch einen schweren Arbeitsunfall untertage, als Kranführer arbeiten musste und konsequent die KPD propagierte, auch noch, als man dafür ins KZ kommen konnte. Mein Opa hatte das Motto: „Die Gruben in Volkes Hand!“ Sein Gesellschaftsbild war vom Klassenkampf geprägt, nachdem ihm der Pütt die Gesundheit geraubt. Ich habe ihn gemocht. Er erschien mir im Nachkriegsdeutschland als Fossil einer anderen Zeit, die meine Eltern vergessen machen wollten. Und als Wessi schien mir Mittel- und Ostdeutschland ein unbekanntes Land großer Armut und unaufhaltsamen Verfalls. Man sollte Kaffee schicken und Kerzen ins Fenster stellen.
Jetzt wählen die Hälfte der Jungwähler in Berlin wieder Kommunisten. So schnell ist alles vergessen. Die Wohnungen in Volkes Hand! Die Kampfparole der ENTEIGNUNG hat jeden Schrecken verloren. Man will wieder eine Staatsverwaltung der Immobilienwirtschaft. Mein Opa Heini hätte das gebildeter sagen können: „Expropriiert die Expropriatöre!“ Da Eigentum schon an sich Diebstahl, ist die Rückführung des Diebesgutes in Ordnung. Man holt sich ja nur zurück, was vorher gestohlen. Ausbeuter gehören ausgebeutet. Berlin den Berlinern!
Natürlich ist das verfassungswidrig. Daher will man der Guillotine ein nettes Gesicht geben. Man will zwar enteignen, aber dafür zahlen. Die Konzerne sollen Knete kriegen, den marktüblichen Preis. Damit wäre alles legal. Und den dann zum VEB gemachten Wohnungen verpasst man einen landeseigenen Mietendeckel. So lässt sich dann für eine kleine Mark für jedermann kommod hausen.
Der dafür nötige Zaster ist zwar nicht mal im Ansatz da, aber das sind Details der Verwaltung. Übrigens soll auch AIRBNB enteignet werden, die haben ja unzählige nette Ferienwohnungen. Da ziehen dann die jungen Menschen ein. Airbnb hat aber in Wirklichkeit nicht eine einzige Wohnung. Wer so weit zugehört hat, weiß, es geht am Ende um Oma ihr sein klein Häuschen. Bei DDR-Light ist zudem auch die Stasi nicht weit.
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SEI OHNE SORGE.
Aus meiner Deutschstunde an der Penne klingt in mir immer noch nach, was die Dichterin Ingeborg Bachmann als „Reklame“ beschreibt, die Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen, die das Versprechen birgt, dass man ohne Sorge sein könne. Sei ohne Sorge. Am überzeugendsten löst das für mich im Moment Miele ein; ja, der Hersteller weißer Ware aus Westfalen. Sein Herd sagt: „Nichts kocht über. Nichts brennt an. Einmal Miele, immer Miele.“ So will ich KI haben.
Ich hasse es, wenn Automatisierung verlangt, dass ich umerzogen werde, um so verquer zu denken, wie der verquere Apparat es will. Beispiel UBER, der Vermittler von Fahrten, Chauffeure für Arme. Nicht alle mit Führerschein, fürchte ich. Die Uber-App fragt mich zuerst nach der Straße meiner Zieladresse, dann nach der Hausnummer. Als drittes nennt sie mir Städte, in denen es dieses Haus so gibt und bittet um Auswahl der Stadt. Wie bekloppt; was ist das denn? Natürlich vertippe ich mich und bin versehentlich auf dem Weg nach Brandenburg statt nach Berlin. Aber Straße und Hausnummer stimmen. Nur falsche Stadt.
Ich nutze das Uber-Unternehmen überhaupt nur, weil ich bargeldlos zahlen kann und automatisch Belege bekomme. Unbemerkt hat sich aber irgendwann meine App auf „Bargeld“ umgestellt und fragt nun, ob ich auch genug Knete bei mir trüge. Mit dem Ausfall von Apple Pay merke ich überhaupt nur, dass ich auf dem falschen Weg bin. Ich heiße den Fahrer, sofort rechts ranzufahren und formuliere meine Sorge (siehe oben). Der junge Iraki, der sein Navi auf Arabisch bedient, nimmt mir mein iPhone ab und korrigiert die Fehleinstellungen. Er ist Mitte zwanzig und spricht Deutsch noch sehr gebrochen. Ich gebe ihm einen Zehner als Trinkgeld, dem Helfer in der Not.
Von dem Autohersteller meines Vertrauens höre ich, dass er einen automatischen Taxi-Dienst in Hamburg zu verscherbeln gedenkt, dessen Software aus Israel komme, während man auch eine kalifornische erprobe und noch zwei oder drei Alternativen an anderen Orten anwende, was insgesamt Milliarden verzehre. Nun weiß man nie, wie viel von dem so stimmt, was die Pressefritzen so dichten, aber ich hätte einen Rat. Das autonome Taxi soll können, was mein Herd kann. Siehe oben. Sei ohne Sorge.
Bis dieses halbwegs perfekte Robo-Taxi sich gegen einen jungen Araber rechnet, der hier mit dem Job als Chauffeur eine Migrantenkarriere begründet, werden noch einige Blütenträume der KI verwelken. Wieso muss ich auch nach meiner Lust und Laune durch die Gegend kurven, statt zuhause zu daddeln? Vielleicht ist die Dezentralität das Problem; wenn alles zentral über das WLAN und den Rechner von Elon M. liefe, wären wir unsere Sorgen los. Sei ohne Sorge. Das, genau das, hat Ingeborg Bachmann gemeint. Übrigens geschrieben 1956; da kam ich in den Kindergarten. Es begann, was jetzt umerzogen werden soll. Man kritzelte dort individuell mit Griffeln auf Schiefertafeln und malte sorglos mit Kreide. Alles, was man wollte.
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VOM FUCHS ZUM WOLF.
Von einem Restaurantbesuch in Mitte (Gendarmerie) nach Hause (Moabit, Kleiner Tiergarten) kommend, finde ich die Nachbarin mit der netten Tochter vor der geöffneten Haustür, leicht erregt, weil ein Fuchs im Hausflur. Ich bin als Mann nun zu Mut gezwungen und gehe rein. Da sehe ich ihn, den wilden Gesellen, erhobenen Hauptes, mit frechen Blick, den buschigen Schwanz erhoben. Wir leiden hier am Rande des Volksgartens an Tauben, Raben und gelegentlich auch an Meister Reinicke.
Ich beginne ein Gespräch mit ihm und der wilde Hund erzählt mir munter, wie er kürzlich die elenden Raben verarscht habe. Die nette Pointe am Schluss, denn zunächst mein Zweifel, weil die Nachbarin am Vortag eine zerfledderte Taube im Innenhof gefunden, die er offensichtlich verspeist hatte. Ich mache ihm Vorhaltungen, man jage doch keine Friedenstauben. Biblisches Symbol. Er lenkt ab und verweist darauf, dass Isegrimm ganze Lämmer aufreißt. Das passiere auf dem Land, dass das Lamm Gottes sich zerrissen auf der Weide finde. Er ist rhetorisch schon ein Fuchs, der Fuchs. Er sagt nämlich, der Wolf sei des Menschen Wolf, nicht er.
Nun beginnt er auch noch eine Schmährede gegen die Raben, die die Früchte des Nussbaums auf die Dächer des Hochhauses flögen, um sie von dort runterzuwerfen und sie so knackten. Das stimmt, wie ich leidgeprüft weiß. Frontscheibe meines Audi hatte davon einen Sprung; Ersatz kostet 3k. Auch seinem Hinweis auf die Lackverätzungen durch Taubenscheisse weiß ich zu folgen. Hilft aber alles nix, der Rotfuchs gehört nicht ins Haus. Man steht sich wie beim Duell gegenüber. Wir einigen uns, dass ich vor den Damen den wilden Mann spiele und er kommod über das Gartentor hinten raus in den Volkspark fliehe. So wäre jedermanns Ansehen gewahrt. Er ist schlau, der Fuchs.
Und immer gut gelaunt. Das unterscheidet ihn vom Wolf, der gefräßig und stets von tumben Trübsal. Isegrimm. Ach so, ja, die Geschichte vom krächzenden Raben. Der schwarze Geselle hatte ein prächtiges Stück Käse im Schnabel, als der Fuchs ihn ob seiner wunderbaren Gesangeskunst lobte. Dieser, eitel von dem Lob angetan, wollte darauf seine vermeintlich stolze Stimme unter Beweis stellen und hob zu Gesang an, worauf ihm der Käse entfiel, der den hinterhältigen Lober nun nährte. Der Hinterhalt der Uneitlen.
Mit zunehmendem Alter weiß ich nicht mehr zu trennen, was ich wirklich erlebt habe oder nur irgendwann irgendwo gelesen. Man ist mental halt oft im Paulaner Garten. Oder war es der Wein in der Gendarmerie? Egal. Der Mensch wandelt sich, so er grau wird, vom Fuchs zum Wolf.
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Ach, der Mensch kann so gründlich vergessen, dass Mensch er doch ist !
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das gegen die Natur und damit auch seine Natur aufsteht, aufzustehen hat. Er muss seine Triebe der Idee der Menschheit unterordnen, hat der gute alte Kant gesagt. Sonst ist er halt nur ein Tier in Hosen und manchmal halt eine Bestie. Der Mensch ist ein Projekt gegen die Natur. Ich habe diesen Gedanken immer gemocht. Und verstehe ihn mit jedem Terrorakt besser.
Wir behandeln uns als Menschen, wenn wir den anderen respektieren als Idee der Menschheit in ihm. Auch wenn er ein Arschloch ist. Oder anderen, für mich falschen, Glaubens. Oder einer ungeliebten Rasse zugehörig. Oder aus Feindesland. Wir verlieren unsere Würde, wenn wir sie anderen nehmen. Das lässt sich nicht relativieren. Darum gibt es das absolut Böse. Darum behandeln wir selbst das Böse mit Respekt.
Reden wir von jenem jungen Franzosen arabischer Abstammung („le petit arabe“), der in den Vororten, die Monsieur le Président Nicolas Sarkozy mit dem Kärcher vom Gesindel reinigen wollte, aufwuchs und zum Mörder wurde. Was ist der Fall Mohamed Merah? Ein Fall, der uns über Islamismus nachdenken lässt? Mag sein, mag nicht sein.
Ein junger Mann glaubt, der Sache seiner Religion zu dienen, indem er ein Schulmädchen am Zopf fasst und es mit der anderen Hand exekutiert? Er glaubt, dass seine Rache eine heilige sei, weil er glaubt, dass seine Religion es zulasse oder gar wünsche, dass die Ungläubigen zu töten seien. Selbst wenn. Denn der Bezug des Täters auf den Islam und Al Kaida ist nur eine Rechtfertigungspose.
Was ist uns der Fall des Mörders Merah? Ein Verbrecher aus verlorener Ehre? Schon Schiller hat uns Verständnis und Mitgefühl mit einer Devianzkarriere seiner Zeit einpflanzen wollen. Sollen wir in unseren Herzen den Verlust von gemeuchelten Soldaten, den Schulmädchen und ihres Rabbi verschmerzen, weil es auch der arme Mohamed nicht leicht hatte? Erst im falschen Viertel geboren, pubertärer Suizidversuch, dann Koranlektüre, bei der Fremdenlegion nicht aufgenommen, in Pakistan auch noch Gelbsucht gekriegt. Irgendwie lief es nicht super für ihn. „Selbst als Dschihadist bekam er nichts auf die Reihe“, urteilt der SPIEGEL.
Alles verzeihen, weil wir alles verstehen? Alle Verständnisversuche sind von großem moralischen Elend. Sie blamieren sich als der naive Versuch, dem Bösen eine gute Kehrseite abzuringen. Manche sind auch noch politisch bescheuert. Die EU-Außenministerin Lady Ashton (Labour) verging sich so: „Wenn wir daran denken, was heute in Toulouse passiert ist, erinnern wir uns daran, was letztes Jahr in Norwegen passiert ist, wir wissen, was momentan in Syrien passiert und wir sehen, was in Gaza und an anderen Orten passiert, wir denken an junge Menschen und Kinder, die ihr Leben verloren haben.“ Was soll das meinen? Die französischen Juden müssen sich nicht wundern, wenn ihre Töchter auf dem Schulhof abgeschlachtet werden, wenn man die menschenverachtende Politik Israels im Gaza sieht? Hallo?
Ein normaler Fall von Antisemitismus, wie der deutsche Jude Henryk M. Broder mit tiefer Bitterkeit in der WELT konstatiert? Er hat die Autorität zu solchen Urteilen, weil er sich fragen darf, „warum Mutter Broder im Lager“ war. Ein großer Zyniker, der oft übertreibt, aber eben auch mit dem aufklärerischen Recht des Satirikers. Aber auch das ist zu perspektiviert. Nichts wäre wirklich besser, wenn es nicht-jüdische Schulmädchen gewesen wären. Wir fragen also: Gibt es das absolut Böse. Und die Antwort lautet: offensichtlich.
Allerdings wird man dem Bösen nicht mit gleichen Waffen gerecht. Der Migrant Sarkozy hat sich durch die populistische Rhetorik der Kärcherei hinreichend diskreditiert und wiederholt es mit anderen Thesen zur Überfremdung. Da beginnt schon wieder moralischer Relativismus, der der Faschistin Madame Le Pen Wind unter die Flügel bringt. Historiker wissen, dass sich ganze Staaten dem Bösen verschreiben können. Auch mein Vaterland hat sich dereinst dem Völkermord verschrieben.
Eigentlich ist es einfach: Menschen bringen sich nicht gegenseitig um. Das macht uns zu Menschen. Das wirklich ernste Gebot unter den zehnen, die Moses angeschleppt hat, heißt: „Du sollst nicht töten!“ Selbst wenn es davon eine Ausnahme geben sollte, sagen wir in Notwehrsituationen, so kann diese zwar straffrei sein, aber niemals moralisch erhaben. Wir respektieren im Menschen die Idee der Menschheit. Oder wir verlieren unsere eigene Würde.
Quelle: starke-meinungen.de