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PELLKARTOFFELN.

An einem Stammlokal vorbeischlendernd fordert mich die Wirtin auf, Pommes zu verköstigen. Vor der Köchin des Hauses stehen zwei Teller mit einem alternativen Angebot der frittierten Kartoffelstäbchen. Das Lokal scheint den Lieferanten wechseln zu wollen. Seltsamer Siegeszug der tiefgekühlten Fettfänger.

Potatismus, Herrschaft der Kartoffel. Der Schwede bietet die Erdäpfel vorwiegend als Püree an. Der Kartoffelbrei lautet im Norden tatsächlich „potatismos“, das Mus von der Kartoffel. Ich will gar nicht wissen, was in der Pampe alles drin ist; sieht aus wie der Reparaturmörtel aus dem Baumarkt. Überhaupt besteht die Kernlogik der Lebensmittelindustrie in der Analogie: es soll aussehen wie hochwertige Nahrung, Natur assoziieren, darf aber nichts kosten und muss zehn Jahre haltbar sein.

Über die gemeine deutsche Kantinenkartoffel, aus unerfindlichen Gründen trotz des matten Geschmacks „Salzkartoffel“ genannt, soll hier kein Wort verloren werden. Mit dem Begriff der Sättigungsbeilage ist sie hinreichend gedemütigt. Reden wir also von der Königin, der unübertroffenen Vollendung der Knolle des Nachtschattengewächses, der Pellkartoffel.

Auf einen Dreispitz noch heiß aus dem Topf gehoben, wird sie einem Trüffel gleich vorsichtig enthäutet und als Ganzes in eine Lache heißer Butter gelegt und mit einem scharfen Messer in gerade Scheiben zerkleinert. Grobes Meersalz aus der Mühle. Ja, Matjes geht dazu. Wie bitte? Nein, Leberwurst geht nicht. Ossis, man glaubt es nicht.

Und Kräuterquark geht eh nicht. Frevel auch im Griechischen. Dazu hörte ich neulich als Bestellung einen „Kaputt Schino mit Hafermilch“. Cappuccino? Abends um sechs? Alter. Jedenfalls Pellkartoffeln. Mit zerlassener Butter.

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SCHWEDENKISTE DIE ZWEITE.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts machte sich ein thüringischer Pfarrer und Heimatforscher namens Carl Lerp an eine randvolle Kiste von Dokumenten aus dem späten achtzehnten Jahrhundert. Er war auf eine Anweisung gestoßen, wie der Schatz zu ordnen sei. Sein verdeckter Instrukteur war kein geringerer als HERDER.

Es sind über 6000 Dokumente auf mehr als 20.000 Seiten, die Lerp mit mutiger Hand auf Pappdeckel leimt; am Ende bewältigt der Gothaer Buchdruck das Werk zwischen 20 Foliodeckeln. Die Briefe sind durchgängig codiert: die Orte Thüringens im Griechischen verklausuliert und eine fiktive persische Zeitrechnung angewandt. Selbst HERDER nutzt mehrere Schreiber, damit seine Handschrift rätselhaft bleibt. Es folgt eine Odyssee über Jahrhunderte. Von den Nazis beschlagnahmt, hatte die Rote Armee die Bände der SCHWEDENKISTE nach Moskau entführt.

Genau genommen kommen neunzehn Bände nach dem Zweiten Weltkrieg zurück ins Geheime Staatsarchiv der DDR; der Band X fehlt zunächst. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht mir um die handelnden Personen im 18. Jahrhundert. GOETHE wird hier zu Unrecht genannt. Ich habe SCHILLER eher im Verdacht. Ganz sicher bin ich, was HERDER angeht. HERDER kannte die ganze Kiste und er war Illuminat.

Woher stammt mein Verdacht? Nun, aus den Aufzeichnungen eines seiner Freunde, des Verlegers HARTKNOCH aus Riga. Das ist auch die Brücke zu den Freimaurern in Stockholm (Partnerstadt Rigas), denen die Kiste ex Gotha zu Beginn des 19. Jahrhunderts zugedacht wurde. Daher SCHWEDENKISTE. Heute gehört das Konvolut angeblich der Großen National-Mutterloge zu den Drei Weltkugeln von 1740 zu Berlin. Mehr weiß man nicht; sind halt Geheimgesellschaften. Man müsste den Leim im Deckel vom zehnten Band mit dem der anderen Bände chemisch vergleichen. Knochenleim lässt sich ja sehr genau datieren und lokalisieren.

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SCHWEDENKISTE.

Zu den ungeklärten Traditionen der ILLUMINATEN gehört der sagenumwobene Band X aus der SCHWEDENKISTE, jene Sammlung, die von Gotha nach Stockholm und später Moskau gewandert ist, um schließlich nach Merseburg zurückzukehren.

Ich habe Zweifel, dass die russischen Archivare damals den Originalband zurückgegeben haben. Man wird eine Hochzeit veranstaltet haben zwischen authentischem Material, geschickten Fälschungen und natürlich Auslassungen. Das ganze Konvolut geschickt neu mit altem Material gebunden.

Insbesondere die IM-Erklärung von GOETHE scheint mir gefälscht. SCHILLER, der wäre dafür anfällig gewesen. Aber nicht GOETHE; glaube ich nicht. Dazu war der feiste Bonvivant zu feige.

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Das Verbrechen aus Bedürfnis nach Strafe

In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland dieser Republik, hat die FDP eine Koalition platzen lassen und Neuwahlen erzwungen, obwohl sie wusste, dass sich nur ein so geringer Teil der Wähler für die Gelben erwärmen kann, dass sie unter der Fünf-Prozent-Hürde landen werden, also im Off. Warum begehen die Liberalen politischen Selbstmord? Welche Rolle spielt der Suizid in der Politik?

Das fragen sich all jene Bürger, die in dieser Republik zwischen den Schwarzen und den Roten eine liberale Heimat suchen. Und dann den damaligen FDP-Vorsitzenden und Bundesaußenminister in den Armen von Party-Veranstaltern fanden, auf deren Events er von Amts wegen Reden hält, nachdem diese Berufsgruppe ein Steuerprivileg erhielt. In der Sehnsucht nach einem Lambsdorff und einer Hamm-Brücher sind die Röslerschen Schülersprecher ein so albernes Surrogat.

Die wirkliche Mitte dieser Gesellschaft wäre eine wirkliche sozialliberale Koalition; es wird sie nicht geben, weil die Roten sich in drei Parteien zergliedert haben und die Gelben es ganz verdaddeln.  Man muss eine starke FDP vermissen. Aber das haben die Spieler verspielt. Warum machen die Jungs das?

Wir reden von der Partei des Jürgen Möllemann, der als Fallschirmspringer berühmt wurde und der als Fallschirmspringer endete, in einem politisch motivierten Selbstmord. Er hatte in einem antisemitischen Ausflug versucht, auch jene FDP-Wähler zu motivieren, die man früher national-liberal oder deutsch-national genannt hat, den braunen Teil des Gutbürgerlichen.

Man konnte Möllemann auch mögen. Er hat in meinem Beisein mal zwölf Underberg nach einem pils-reichen Mittagessen zu sich genommen. Und wir sprachen offen. Ein altes Schlachtross der Politik erzählte von seinem Ekel vor dem Politischen. Mir wurde klar, dass die Zyniker der Macht jene sind, die noch irgendwo ein reines Herz haben und es zum Schweigen bringen wollen.

Nein, ich nenne den Namen nicht, aber es war nicht Christian Wulff, den ich am Donnerstag in Hannover beim Fußball getroffen habe. Er trug Jeans, vorsätzlich. Der Entehrte kämpft tapfer um ein Stück Normalität, nachdem ihn das Buhlen um die Gunst der Buhler aus jenen Bezügen geschleudert hat, die er noch geistig durchdringen konnte. Nur ein politischer Selbstmord. Möge er gesunden und erstarken, der Christian Gerne-Groß, der noch in seinen Vergehen klein war. Er hat für meine Begriffe genug gelitten.

Warum aber machen Politiker so was? Der gescheiterte Verleger Bodo Hombach (ex Wirtschaftsminister, ex Kanzleramtsminister, ex EU-Beauftragter) ist der Meinung, dass die Angst, erwischt zu werden, das eigentliche Regulativ der Politik ist. Das lehrt er an einem Bonner Uni-Institut, dessen Geschäfte der anrüchige Spin-Doctor „Scampi-Boris“ Berger führt, auch ein Gescheiterter. Bodo Hombach irrt.

Wer die Seelen der wirklich Großen kennt, weiß, was sie nach dem dritten Glas Wein treibt: Abenteuerlust. Anders ist der Stress des Amtes, der Politik nicht zu ertragen, finden sie. Sie spielen mit dem Verbotenen, weil es kitzelt, nicht weil sie sich einen Vorteil versprechen. Neben den Kick des Tabubruchs tritt ein sadomasochistisches Verlangen. Das Verbrechen aus Bedürfnis nach Strafe.

Berliner Dekadenz? Das war in Bonn anders? Unsinn. Helmut Kohl lebte in einer Kommune mit seiner Sekretärin und seinem Fahrer, die von bürgerlicher Seite als Marketenderei bezeichnet wurde. Pressenotorisch bekannt. Willy Brandt war vorsichtiger? Hallo? Da musste selbst die Kassiererin im Ortsverein dran glauben, wenn der Genosse Vorsitzender tanzen wollte. Ich bin Zeitzeuge. Und über das alte Rom will ja wohl niemand mit mir streiten.

Kehrt nun Ruhe ein, nachdem die ostdeutschen Protestanten diesen Staat übernommen haben? Gute Frage. Denn dann sind wir bei Johannes Rau, einem sehr beliebten Ministerpräsidenten und einigermaßen geschätzten Bundespräsidenten. Johannes Rau ist deshalb so aktuell, weil er der master zum slave Gauck ist. Mit dem Katechismus in der Hand durch’s Land. Und Bruder Johannes (so habe ich ihn allen Ernstes angeredet) hatte da so ein Projekt, das hieß: „Im Stillen Gutes schaffen.“ Da ging die Post ab.

Unsere Wahrnehmung von Politikern ist zu preußisch, zu rational. Wir überschätzen die politische Klasse, jedenfalls ihre Männer. Man darf nicht nur Machiavelli lesen, auch mal bei Dante reinschauen. Wir denken Politik immer als Machterhaltung. Das liegt den Politikern wie ein Alb auf der Seele.

Aber solange es nur ein kleiner Klüngel ist und kein großer Krieg, der da angezettelt wird, ist alles gut.

Quelle: starke-meinungen.de