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NATÜRLICHE INTELLIGENZ.

Seit mich Horden von hupenden Treckern in Berlin die Nachtruhe gekostet haben, sehe ich den Begriff der BAUERNSCHLÄUE mit anderen Augen. Das waren Horden von Subventionsempfängern, die ihr Privileg auf Staatsfinanzierung durch Nötigung zu verteidigen suchten. Die Hälfte des bäuerlichen Einkommens stammt aus meinen Steuern. Man könnte Dank erwarten. Stattdessen frech wie Dreck. Das war ziemlich dumm, was die da abgezogen haben.

Jetzt bin ich unter Städtern, wenn auch „da wo’s“ richtig Geld kostet, in den Schweizer Bergen. Ein neuerdings notorisches Thema der Elite ist AI oder KI, sprich automatisierte Informationsverarbeitung.  Unter Experten hört man allerdings nicht immer Expertise. Manches ist dummes Zeug. Nicht mal bauernschlau. KI ist nicht autonom oder gar autark; sie ist das Gegenteil dessen.

Wenn die KI dichtet, sagt sie als nächstes, was laut ihrem Speicher am wahrscheinlichsten als nächstes gesagt wird. Sie kann in hohem Maße voraussagen, was vorauszusagen ist. Und tut es dann auch. Das ist so ungewöhnlich nicht, wenn man davon ausgeht, dass die gemeine NATÜRLICHE INTELLIGENZ nicht anders verfährt. Jedenfalls bei Minderbemittelten.

Mir geht es so mit der überwiegenden Mehrheit der Experten, die ich in DAVOS treffe. Nicht mal bauernschlau. Vorhersagbar. Sprechautomaten. Man beschäftige sich mit Edgar Alan Poes Geschichte von den Schachautomaten, der kein Automat gewesen sein konnte. Er hatte Intuition. Sehr selten hier, das Genie der Intuition. Vielleicht der KUNST und dem KÜNSTLER vorbehalten.

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SHERPAs GLÜCK.

Die Hofmeister unserer Tage heißen Sherpas, meint Bergführer. Diese ZUSCHLÄGER und BOGENSPANNER umschwirren die wirklichen Feldherren wie die Bienen die Blüten der Macht. Davos ist voll davon. Wie gesagt habe ich diesmal leider kein Zimmer mehr gekriegt.

Das Dörfchen Bergün erreicht man mit der Eisenbahn, weist mich der Taxifahrer in Davos rüde zurecht, der offenbar keine Lust auf die Fahrt hat. Wie immer die halbe Wahrheit. In Bergün stapfe ich eine Dreiviertelstunde durch den Schnee, den Rollkoffer auf dem Buckel, bis ich das Chalet erreiche, in das mich AirBnB vergraben hat.

Mit Chalet meint der Eingeborene eine bessere Holzhütte, geteilt in sechs Schlafstuben. Strom ja, Frischwasser na ja und Abwasser in die Grube; willkommen in Graubünden. Preise erhaben. Geheizt wird mit Holz in einem mehr als stattlichen Kaminofen, der festgemauert das Zentrum des Holzhauses bildet. Beste Handarbeit. Ich bin beeindruckt. Mindere Holzqualität, aber hohe Ofenbaukunst. Alle sechs Stunden legt die Vermieterin, ein rechter Wildfang mit rosa Wangen, Fichte nach und die Kacheln halten brav die Wärme.

Ein englischer Investmentbanker, der Tippgeber zum Holzschlösschen, dessen Freundschaft ich mich erfreue, hat das kleine Paradies entdeckt und pflegt einen sehr vertrauensvollen Ton mit der Dame, die Rätoromanisch spricht, also schlicht nicht zu verstehen ist. Alle sechs Stunden legt sie, wie gesagt, Holz nach. Und um Mitternacht da bleibt sie gleich am Ort, da ja um Sechs wieder gefeuert werden muss. Das findet Sir Peter aus der Londoner City äußerst „convenient“. Der Hund.

Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd.

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VON SOLDATENWESEN.

Zürich füllt sich mit Gästen und Kloten mit Privatfliegern aus aller Welt. Es rückt die Elite an, um DAVOS zu bevölkern. Und die Hofschranzen. Ich habe kein Zimmer mehr gekriegt und werde in einem AirBnB dreißig Kilometer weiter in den Bergen hausen; befürchte Schlimmes. Jetzt aber zunächst das WIDDER in Zürich, eines der schönsten kleinen Hotels, das ich kenne. In der Bar treffe ich den Russen.

Der Russe gibt sich alle Mühe mir zu erklären, dass er Lette ist, lettischer Staatsbürger. Das ist plötzlich wichtig. Ich kenne ihn noch aus einer Geschichte rund um das Bernsteinzimmer, in der seinerzeit der SPIEGEL-Chefredakteur unterwegs war. Er handelt heutzutage, sagt er, mit Autographen, sprich alten Handschriften. Alles authentisch, sagt er. Jetzt hat er was aus einem Geheimfach in Goethes Schreibtisch, den Rotarmisten 1945 haben mitgehen lassen. Beutekunst.

Eine Handschrift von Jakob Michael Reinhold Lenz aus dem 18. Jahrhundert, in Thüringen verfasst, als dieser vom Weimarer Hof verstoßen war, da er bei einem Hofball eine Dame von Stand zum Tanz gebeten hatte, was einem Bürgerlichen verwehrt war. Der Fürst war über diese „Eseley“ (Goethe) unterrichtet worden und verstieß den gelehrten Hungerleider. Das kannte ich zum Teil noch aus dem Studium. Klang nicht ganz falsch.

Jetzt aber zu DER WALDBRUDER, dem offerierten Manuskript. Darin soll, sagt der nette Lette, Goethes homoerotische Beziehung zu Lenz offenbart werden, vom Geliebten höchstselbst. Daran wäre einiges bemerkenswert. Goethe hatte zu der Zeit etwas mit der VOM STEIN; er wäre also bi unterwegs gewesen. Das würde mich auf den zweiten Blick nicht mal wundern. Allerdings wäre es mir recht, wenn hier nicht der kreuzbrave Schiller noch in Verdacht geriete, das Liebchen Goethens gewesen zu sein.

Der nette Lette legt nach. Er könne auch die Erstausgabe von Lenzens VON SOLDATENWESEN besorgen, mit dem er Herzog Carl August damals eine bedeutende Reform vorgeschlagen habe, nämlich die Einrichtung von kostenlosen Soldatenbordellen. Da reicht es mir. Ich lasse den netten Letten Lette sein und geh ins Bett. In Davos sollte man ausgeschlafen ankommen. Gratis ist da nämlich nix.

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„Forever young“: die Lebenslüge einer altersblöden Gesellschaft

Der stark parfümierte Wolfgang Joop sagt, er und Jil Sander, das seien die Marika Rökk und der Jopi Heesters der Mode. Der Ruf, ja die Sehnsucht nach den Alten sei unüberhörbar. Er kokettiert, der unwürdige Greis. Man hat Mühe, höflich zu bleiben gegenüber den ewigjungen Botox-Monstern. Man vermisst Würde, die doch eine Königstugend des Alters sein soll.

Zu den peinlicheren Erlebnissen meiner Laufbahn als Kavalier der alten Schule gehört, dass ich der Mutter von Jil Sander ein Kompliment machen wollte. Sie saß im Flieger neben mir, Hamburg, Düsseldorf, New York. Ich musste in Düsseldorf aussteigen und vertraute der Dame, die neben mir saß, noch an, dass ich ihre Tochter zwar nicht persönlich kenne, aber ihre Arbeit als Modeschöpferin sehr schätze. Das frische und fröhliche Gesicht von Jil Sander kannte ich von hundert Plakaten. Nun, es war nicht ihre Mutter. Sie war es selbst.Heute ist sie 68 und beginnt ihre Karriere noch mal von vorne.

Ewige Jugend gibt es nicht nur unter Hanseaten, auch Potsdam weiß da einiges zu bieten. Über eine dieser Ikonen, nämlich Wolfgang Joop, hat mal jemand gesagt, er gleiche Leni Riefenstahl; das ist gemein, aber nicht ganz falsch. Und Karl Lagerfeld trägt Handschuhe ohne Finger, sodass nur ein Schelm fragen kann, auf welches Lebensalter wohl seine Handrücken schließen lassen.

Otto Rehagel ist gefühlte 120, aber fitter als jener Supermann von Schalke, der zwischen Pils und Zigarre und nach der Liaison mit einer peinlichen Tatortkommissarin jetzt unser Mitgefühl verdient. Nur der Christian aus Hannover, der darf mit 52 gehen, zu spät für die Ehre, zu früh für die Rente. Ratschläge erhält er noch im Abgang von Helmut Schmidt, der die 100 voll machen will, als praeceptor germaniae, Sittenwächter und Vordenker der Deutschen. Zu aktiven Zeiten hat seine Partei ihn gehasst, als kaltschnäuzigen Technokraten aus Bergedorf.

Wie halten wir es mit dem Alter? Die sogenannte demographische Entwicklung wirft alte Konzepte der Lebensplanung und der Lebenswahrnehmung über den Haufen. Wir sterben später. Und ein Menschenalter hat plötzlich zwei Teile.

Eine „Anti-Aging“-Industrie will ein Jugendbild verwerten, das Züge der Bulemie oder des Lolitatums zu kapitalisieren sucht. Botox mit 22, das ist pervers. Und Falten mit 80 sind nicht hässlich. Da muss es sich Brigitte Nielsen (48) gefallen lassen, im Dschungel-Camp Wolfgang Joop (67) genannt zu werden. Na ja, Mädchen unter sich. Belanglos, albern. Was also ist mit der Würde des Alters?

Der Stammesälteste hatte bei den Indianern das Sagen, habe ich in früher Jugend gelesen. Das war ein weiser Mann, der seine Altersweisheit im klugen Kriegsrat mit der Kraft und der Kühnheit der jungen Krieger paarte. Und in dieser Kombination hatten die Feinde keine Chance. Erfahrung und Mut waren Weltbeherrscher. Jugendfantasien. Alter verbinden wir heute mit Alzheimer, mit lästigen Deppen, die an unseren Nerven zerren. Sie bevölkern die Altersheime über Jahrzehnte; Abschiebe-Anstalten für Sterbeunwillige.

Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist den Ewigjungen unserer Tage ein Ruf aus einer fernen Zeit; es steht irgendwo unter den Zehn Geboten, aber da steht ja auch, dass man nicht seines Nächsten Hab und Gut begehren soll: wie unzeitgemäß.

Das große Indianerehrenwort der Karl-May-Festspiele hat keine Bedeutung mehr in einer virilen und juvenilen Welt. Vielleicht war es schon immer verlogen.  Wir wissen von den Wilden ja nur, was die Zivilisierten über sie berichtet haben, also die Mythen der Kulkturnationen über die Naturvölker. Das Altenteil in ländlichen Regionen war jedenfalls kein Paradies. Vielleicht ein warmer Platz am Ofen, vielleicht ein dünne Suppe für die, die nicht mehr arbeiten mussten, also auch kein Brot verdienten. Warten auf’s Sterben.

Was gar nicht hilft, sind die Sprüche der Beschönigung: „best ager“, im idealen Lebensalter. Wofür? Wer Wissen und Erfahrung sichern will, also Grauhaarige einstellt, stößt an die falschen Strukturen unserer Lohn- und Gehaltssysteme. Je älter der Arbeitnehmer, desto teurer ist er. Umgekehrt würde ein Schuh draus. Das Geld brauchen junge Familien, nicht ausgesteuerte Rentner. Hier sind die Tarifparteien gefordert.

Arbeit gibt es genug; es ist halt nur nicht immer Erwerbstätigkeit. Pensionäre in die Ehrenämter! Wer liest in den Kindergärten und Schulen vor? Wer organisiert das Vereinsleben? Wer verhilft Migranten zu passablem Deutsch? Der Staat muss jene Bereiche fördern, in denen er nichts zu suchen hat. Und sei es nur Versicherungsschutz für die Freiwilligen. Wer hat Zeit für Politik? Warum soll es keine Revolutionen geben, wenn die Revoluzzer Rollator fahren?

Ich erinnere mich mit warmen Herzen an den zahnlosen Matrosen im Hafen von Lynmouth, Devon, der zu sagen pflegte: „Old fishermen don’t die; they just smell like it.“

Quelle: starke-meinungen.de