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DRAFT RESISTANCE.

Meine politische Jugend bestimmte unter anderem die Gegnerschaft zum Krieg der USA in Vietnam, den sie von den Franzosen geerbt hatten. Es imponierte mir damals, wie junge Männer in Amerika ihren Einberufungsbescheid öffentlich verbrannten. Man glaubte: Es gibt ein Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung. Aus Gewissensgründen.

Die Annahme eines ultimativen Staatsnotstandes, der alle seine wehrfähigen Bürger an die Waffen zwinge, war das Standardargument der Prüfungskommissionen, die zu ermitteln hatten, ob man aus Gewissensgründen seinen Militäreinsatz verweigerte. Die gab es zu meiner Zeit, Gewissenprüfer. Auch ich habe vor einer solchen Kommission gestanden und Gewissen nachgewiesen. Schlanke Lösung. Easy out. Der Rest ist Schweigen.

Gibt es ein Menschenrecht auf Flucht vor der militärischen Verteidigung? Etwa, weil deren Ansatz moralisch so ungeheuerlich ist, dass er Ausnahmen zulassen muss? In die gemeinschaftliche Vernichtung eines Nachbarn einzutreten, kann eine ethische Zumutung sein. Strittig ist dies für Opfer eines Angriffs, also für den Verteidigungsfall. Man kann, so ein Kalkül, eine andere Kollektivleistung anbieten, ein Äquivalent. Sozialdienst etwa, oder Freikaufen. Zu anständigen Preisen. Ich weiß, dass das sozial zynisch ist. Aber wohl die Rekrutierungslogik von Berufsarmeen; sie ziehen schon immer vornehmlich die Armen.

Eine allgemeine Mobilmachung greift durch. Jetzt aber alle russischen Verweigerer in der EU des Landes zu verweisen oder den Asylgrund prinzipiell zu verwehren, das hat schon etwas sehr Rigoroses. Wieder höre ich dazu unsägliche Propagandisten bekannter Provenienz, die den Russen verweigern wollen, was ihnen zustehen könnte, und zwar, weil sie Russen sind, also mit einer bloß ethnischen Begründung. Darüber, rate ich, nochmal nachzudenken. Ich hätte als wehrpflichtiger junger Mann nicht in der Uniform eines GI nach Vietnam gewollt, um fliehende Kinder mit Napalm zu übergießen. Nicht zu vergleichen, schon klar. Trotzdem.

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UNZEITGEMÄSS.

Es gab einen völkerverständigenden kulturellen Austausch zwischen dem Baltikum und Russland. Das Livländische, vulgo Lettland, war eine Metropole der Aufklärung. Mein Freund ist gerade in Tallin, das ist nebenan; deshalb erinnere ich so dies und das.

Über den Verleger Johann Friedrich Hartknoch aus Riga ist wenig bekannt, sein Wikipedia-Eintrag ist erstaunlich mager und der Brockhaus verzeichnet seinen Namen nur in sehr alten Ausgaben. Dabei war er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein wirklich bedeutender Mann, nicht zuletzt deshalb, weil er den deutschen Philosophen Immanuel Kant verlegte. Dessen Werke gingen von Riga aus in die Welt.

Ich bin auf Hartknoch aufmerksam geworden, als ich bei einem Spaziergang über den deutschen Friedhof in Riga unvermittelt vor seinem Grabstein stand. Ein deutschsprachiger Russe, der dort flanierte, erläuterte mir, dass Hartknoch Mitglied der Freimaurerloge Zum Schwert war, die in Riga ein Knabeninternat betrieb, das verwaiste Kinder von der Straße auflas, um ihnen mit dem Rohrstock das Latinum einzubläuen. Im Stadtarchiv habe ich später eine Urkunde gesehen, die Hartknoch als Zweiter Aufseher der Loge unterzeichnet hatte.

Johann Friedrich Hartknoch der Ältere verstarb kurz vor seinem 50. Geburtstag, um den Verlag in die Hände seines Sohnes, Johann Friedrich Hartknoch der Jüngere, zu legen. Neben seinen Verdiensten um Autoren wie Immanuel Kant und Johann Gottfried Herder sind vor allem seine Bemühungen um die Literarisierung des benachbarten Russlands zu loben. Er nutze das Klima unter der Regentschaft von Zarin Katharina der Zweiten, genannt die Große, zum kulturellen Austausch mit den russischen Nachbarn. Wie unzeitgemäß.

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DIE NEUE RECHTE.

Die grün buhlende CDU sagt, das Konservative sei nicht ihr Markenkern. Sie will rechts Platz lassen. Da wird kein Vakuum entstehen. Das füllt gern die Neue Rechte. Dem Postfaschismus eine Gasse.

Schweden, hören wir, ist nicht mehr das Mutterland der Sozialdemokratie; eine Neue Rechte ist erstarkt und verbündet sich mit den moderaten Konservativen. Mehrheit rechts der Mitte. Aus Italien tönt eine postfaschistische Dame, die ein reaktionäres Bündnis will. Ihre populäre Kollegin in Frankreich kennen wir. Belgien hat einen rechtsextremen Flämischen Block. Und in den USA, täuschen wir uns nicht, steht das halbe Land hinter Trump. Aber bleiben wir in Europa.

Ich will mich der Empörung des liberalen Milieus, dem ich angehöre, für einen Moment verweigern und die Gemeinsamkeit suchen, die die neuen Blüten am rechten Rand eint. Warnhinweis: Ich versuche das zu referieren; ich teile es nicht. Man wage nicht, mich sinnentstellend zu zitieren.

Die modernen Staaten, Annahme eins, werden von außen beherrscht; sie seien nicht frei. Es gelte daher den Imperialismus abzuschütteln. Das geht gegen die USA. Oder gegen die EU. Diese dekadenten Gemeinwesen werden, Annahme zwei, von innen zersetzt durch Zuwanderung, auf die der liberale Staat nicht machtvoll genug reagiere. Das geht vor allem gegen muslimische Migration. Der Ausweg sei, Annahme drei, eine homogene Gesellschaft. Damit ist die Vorstellung des Reinrassigen gemeint, was man aber so nicht sagen mag. Geredet wird von einem neuen Nationalismus, dem der gleichen Abstammung. Jedenfalls keine Parallelgesellschaften.

Eigentlich gemeint sind dabei Volksgemeinschaften, die nicht nur in der Abstammung gleichförmig sind, sondern auch in der Gesinnung und Lebensweise; was, Annahme vier, ein gesunder Urzustand ist. Diese Gesundheit der Volksgemeinschaft darf man aber nicht in Parlamenten von Kranken zerreden lassen, weshalb es, Annahme fünf, einer präsidialen Führung bedarf; gemeint ist eine populäre Diktatur, geredet wird von einer illiberalen Demokratie.

Die ideale Welt der Neuen Rechten ist also eine heterogene Gemeinschaft homogener Staaten; nehmen wir mal an, das sei kein Widerspruch in sich selbst. Deren Wirtschaft kann nur gedeihen, wenn man den Einfluss der Kapitalmärkte ausschließt. Wer nach Ansicht der Postfaschisten an den Börsen das Sagen hat, das lassen wir mal aus. Die Ökonomie der Zukunft ist, Annahme sechs, ein Korporativismus, viele Betriebsgemeinschaften vom Zuschnitt der Volksgemeinschaft. Reinrassiges Mittelalter.

Nun entsprang die Menschheit aber der bäuerlichen Idiotie des Mittelalters durch die Hanse, Welthandel also. Durch die Renaissance, die Wiedergeburt des Fremden, also die Aufklärung. Ups. Ich räsoniere. Das könnte undeutsch sein. Wäre ich ein Neurechter unterliesse ich das. Schließlich will ich nicht, dass Deutschland sich abschafft. Ironie aus.

Man kann bzgl. Postfaschismus das „Post“ streichen.

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„Forever young“: die Lebenslüge einer altersblöden Gesellschaft

Der stark parfümierte Wolfgang Joop sagt, er und Jil Sander, das seien die Marika Rökk und der Jopi Heesters der Mode. Der Ruf, ja die Sehnsucht nach den Alten sei unüberhörbar. Er kokettiert, der unwürdige Greis. Man hat Mühe, höflich zu bleiben gegenüber den ewigjungen Botox-Monstern. Man vermisst Würde, die doch eine Königstugend des Alters sein soll.

Zu den peinlicheren Erlebnissen meiner Laufbahn als Kavalier der alten Schule gehört, dass ich der Mutter von Jil Sander ein Kompliment machen wollte. Sie saß im Flieger neben mir, Hamburg, Düsseldorf, New York. Ich musste in Düsseldorf aussteigen und vertraute der Dame, die neben mir saß, noch an, dass ich ihre Tochter zwar nicht persönlich kenne, aber ihre Arbeit als Modeschöpferin sehr schätze. Das frische und fröhliche Gesicht von Jil Sander kannte ich von hundert Plakaten. Nun, es war nicht ihre Mutter. Sie war es selbst.Heute ist sie 68 und beginnt ihre Karriere noch mal von vorne.

Ewige Jugend gibt es nicht nur unter Hanseaten, auch Potsdam weiß da einiges zu bieten. Über eine dieser Ikonen, nämlich Wolfgang Joop, hat mal jemand gesagt, er gleiche Leni Riefenstahl; das ist gemein, aber nicht ganz falsch. Und Karl Lagerfeld trägt Handschuhe ohne Finger, sodass nur ein Schelm fragen kann, auf welches Lebensalter wohl seine Handrücken schließen lassen.

Otto Rehagel ist gefühlte 120, aber fitter als jener Supermann von Schalke, der zwischen Pils und Zigarre und nach der Liaison mit einer peinlichen Tatortkommissarin jetzt unser Mitgefühl verdient. Nur der Christian aus Hannover, der darf mit 52 gehen, zu spät für die Ehre, zu früh für die Rente. Ratschläge erhält er noch im Abgang von Helmut Schmidt, der die 100 voll machen will, als praeceptor germaniae, Sittenwächter und Vordenker der Deutschen. Zu aktiven Zeiten hat seine Partei ihn gehasst, als kaltschnäuzigen Technokraten aus Bergedorf.

Wie halten wir es mit dem Alter? Die sogenannte demographische Entwicklung wirft alte Konzepte der Lebensplanung und der Lebenswahrnehmung über den Haufen. Wir sterben später. Und ein Menschenalter hat plötzlich zwei Teile.

Eine „Anti-Aging“-Industrie will ein Jugendbild verwerten, das Züge der Bulemie oder des Lolitatums zu kapitalisieren sucht. Botox mit 22, das ist pervers. Und Falten mit 80 sind nicht hässlich. Da muss es sich Brigitte Nielsen (48) gefallen lassen, im Dschungel-Camp Wolfgang Joop (67) genannt zu werden. Na ja, Mädchen unter sich. Belanglos, albern. Was also ist mit der Würde des Alters?

Der Stammesälteste hatte bei den Indianern das Sagen, habe ich in früher Jugend gelesen. Das war ein weiser Mann, der seine Altersweisheit im klugen Kriegsrat mit der Kraft und der Kühnheit der jungen Krieger paarte. Und in dieser Kombination hatten die Feinde keine Chance. Erfahrung und Mut waren Weltbeherrscher. Jugendfantasien. Alter verbinden wir heute mit Alzheimer, mit lästigen Deppen, die an unseren Nerven zerren. Sie bevölkern die Altersheime über Jahrzehnte; Abschiebe-Anstalten für Sterbeunwillige.

Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist den Ewigjungen unserer Tage ein Ruf aus einer fernen Zeit; es steht irgendwo unter den Zehn Geboten, aber da steht ja auch, dass man nicht seines Nächsten Hab und Gut begehren soll: wie unzeitgemäß.

Das große Indianerehrenwort der Karl-May-Festspiele hat keine Bedeutung mehr in einer virilen und juvenilen Welt. Vielleicht war es schon immer verlogen.  Wir wissen von den Wilden ja nur, was die Zivilisierten über sie berichtet haben, also die Mythen der Kulkturnationen über die Naturvölker. Das Altenteil in ländlichen Regionen war jedenfalls kein Paradies. Vielleicht ein warmer Platz am Ofen, vielleicht ein dünne Suppe für die, die nicht mehr arbeiten mussten, also auch kein Brot verdienten. Warten auf’s Sterben.

Was gar nicht hilft, sind die Sprüche der Beschönigung: „best ager“, im idealen Lebensalter. Wofür? Wer Wissen und Erfahrung sichern will, also Grauhaarige einstellt, stößt an die falschen Strukturen unserer Lohn- und Gehaltssysteme. Je älter der Arbeitnehmer, desto teurer ist er. Umgekehrt würde ein Schuh draus. Das Geld brauchen junge Familien, nicht ausgesteuerte Rentner. Hier sind die Tarifparteien gefordert.

Arbeit gibt es genug; es ist halt nur nicht immer Erwerbstätigkeit. Pensionäre in die Ehrenämter! Wer liest in den Kindergärten und Schulen vor? Wer organisiert das Vereinsleben? Wer verhilft Migranten zu passablem Deutsch? Der Staat muss jene Bereiche fördern, in denen er nichts zu suchen hat. Und sei es nur Versicherungsschutz für die Freiwilligen. Wer hat Zeit für Politik? Warum soll es keine Revolutionen geben, wenn die Revoluzzer Rollator fahren?

Ich erinnere mich mit warmen Herzen an den zahnlosen Matrosen im Hafen von Lynmouth, Devon, der zu sagen pflegte: „Old fishermen don’t die; they just smell like it.“

Quelle: starke-meinungen.de