Logbuch

PAROLE.

Politische Parolen sind immer Dichterworte; selten entstammen sie der Rede eines Politikers. Weil die runde Form sie zum Sprichwort werden lässt, nicht der profunde Inhalt. Wir brauchen deshalb mehr PR in der Politik. Siehe Habeck.

So soll der große Epigrammatiker Simonides im 5. Jahrhundert zu der Schlacht an den Thermopylen gesagt haben:
„Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentis, Dum sanctis patriae legibus obsequimur.“ Das ist natürlich Quatsch. Denn der Grieche aus Griechenland sprach natürlich Griechisch. Und nicht Latein.

Ohnehin erinnern wir die Niederlage der Spartiaten gegen die Perser nur wegen eines Gedichtes von Friedrich Schiller, in dem es heißt:
„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz befahl!“
Und das auch nur wegen einer so betitelten Kurzgeschichte des Kölners Heinrich Böll.

Es gibt eine englische Version, die sprachlich noch gefälliger ist; ich finde sie aber nicht mehr. Gestern noch in der New York Review gelesen. Eigentlich heißt das Epigramm: „Fremder, verkünde den Lakedaimoniern, dass wir hier liegen, ihren Befehlen gehorchend“. Der Henker weiß, was Lakedaimonier sind. Und warum die Herrschaften aus Sparta Spartiaten heißen und nicht Spartaner.

Jetzt finde ich es bei David Grene: „Go tell the Spartans, stranger / passing by, / that here obedient to their words / we lie.“ Das hohe Lied auf den Gehorsam. Der Stoff, aus dem Helden sind: Epigramme auf Gräbern.

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WELTENBÜRGER.

Sich fremd fühlen im eigenen Land. Das ist die Grundstimmung bei vielen Bewohnern der Provinz. Die metropole Elite dagegen fühlt sich überall wohl; sie hat in London studiert, fliegt am Wochenende nach Barcelona und hatte die Kinder für zwei Jahre am deutschen Gymnasium in Athen. Wenn im Osten Deutschlands, so lebt man in Leipzig oder Dresden, lieber aber in Berlin.

Man spricht Englisch und kennt sich von LinkedIn und TikTok. Die Welt scheint zu zerfallen in „Citizens of the World“ und den Trotteln vom Land. Im Vereinigten Königreich hat das zum Verlassen der Europäischen Union geführt, dem „Brexit“. Es galt die Ansage der Konservativen, nach der „citizens of the world … citizens of nowhere“ seien. Ein vaterlandsloses Gesindel. So stehen national gestimmte Alte gegen polyglotte Junge, jedenfalls großstädtische Eliten gegen die VERÄNDERUNGSVERLIERER aus dem Ländlichen, eher noch den Kleinstädten, Orte des Gesichtslosen.

Der Schnitt geht auch mitten durch den Kapitalmarkt. Es gibt die Residualen, die in Immobilien machen oder Industrie, old school, und die Hybriden, die aus Starbucks Derivate bewegen. Polyglotte Parasiten als new economy. Man spricht von der Dichotomischen Spaltung der Kultur; das ist wohl übertrieben. Aber unterschiedliche Milieus sind es schon. Das eine drängt euphorisch in die Metropolen, das andere hadert mit dem Zeitgeist in der Provinz. Ich lebe in beiden Welten, ohne leidenschaftliche Präferenz.

Anmerkung zum „Weltbürger“: das meint nicht „Bürger“ als Pendant eines „Staates“; einen solchen globalen Staat haben wir zum Glück nicht. Es geht bei Kant entschieden im Plural um WELTENBÜRGER. Nicht Untertan eines Provinzfürsten, sondern den vielen Welten dieser Erde zugetan. Dann ist die Frage, ob mich diese Vielfalt schreckt oder lockt.

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EIFERSUCHT.

Der Gott der Juden ist eifersüchtig. Er lässt gleich im ERSTEN GEBOT feststellen: „Ich bin der Herr, Dein Gott; Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ So was betont man ja nicht ohne Grund. Die Religionswissenschaften sprechen von „Monolatrie“, wenn man zwar einen Hauptgott hat, aber nebenher noch so ein bissl was geht.

Das Christentum macht gleich eine ganze Familie auf, Vater, Sohn, Heiliger Geist, Maria, die Gottes Mutter (gemeint ist der Sohn), und Maria Magdalena, sein Spusi. Eigentlich geht es um die Festlegung, wer der Messias sei; da sind die Christen für die Juden etwas voreilig.

Den Monotheismus auf die Spitze treibt der Islam, der, wenn ich das richtig verstehe, die einzige und endgültige Gottesverehrung sein will; er gründet zwanzig Generationen später, also sechshundert Jahre nach Christi Geburt. Über die Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen gibt es einen Versuch des Braunschweiger Freimaurers G. E. Lessing, den ich nicht für überzeugend halte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

„Eifersucht ist, was mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ So lautet der Lehrsatz. Ein verrücktes Unterfangen. Auch im Privaten. Das kommt in den Geboten des Juden Moses dann ja auch gleich an sechster Stelle: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Als Konfirmanden haben wir dann stets angefügt, halb laut versteht sich: „bis der Eimer am Bett steht.“ Aber das war natürlich albern; ein Knabenwitz.

Konfirmand war ich als Schüler; als Student galt dann ein expliziterer normativer Anspruch: „Wer zweimal mit der gleichen pennt, der gehört zum Establishment.“ Das wollten die Kulturrevolutionären nicht, zum Establishment gehören. Mit dem Erreichen des Examens erübrigte sich diese Ambition zumeist. Es wurde brav geheiratet. Babyboomer traten an.

Eifersucht ist ein Konstruktionsfehler in der Gottesliebe wie der zwischen Mann und Frau (ja: auch der zwischen Gleichgeschlechtlichen): Warum schon im Kern das Verbot? „Du sollst nicht!“ Die alten Griechen hatten ein entspannteres Verhältnis zu ihren Göttern. Da hat der verklemmte Junggeselle Hölderlin einfach recht, wenn er von den losen Sitten der vielgestaltigen Götter Griechenlands schwärmt. Ich lobe die Melancholie des edlen Simulanten.

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NATURSCHAUSPIEL.

Eine Naturkatastrophe wird zum Erlebnis für alle, wenn sie sich verhält, wie die Zuschauer es von einem Drama, einer veritablen Tragödie erwarten. Die Zerstörung muss ausdrucksstarke Bilder liefern. Ein Naturschauspiel. Zunächst aufgeführt von der Naturgewalt selbst, dann von der politischen.

Ich nenne das im Akademischen: Fiktionalismus. Panfiktionalismus. Nein, es ist nicht die Presse und das TV, das diese Dramatik verlangt. Unser Bedürfnis ist sehr viel älter. Man lese HOMER mit den wilden Abenteuern des Odysseuss oder das ALTE TESTAMENT mit Noah und der Sintflut. Und natürlich das EVANGELIUM unseres Religionsstifters, der gegen die Natur Wunder tut. Wir erwarten große Schauspiele, wenn wir uns Schicksalsschläge erklären wollen. Und HELDEN, wenn nicht gar ERLÖSER.

Eigentlich erwarten wir nämlich nicht nur Dramen; wir wollen religiöse Rituale, sogenannte GOTTESDIENSTE. Früher mit Opfergaben, auch Menschenopfern, jetzt mit Zorn gegen „die“ Leugner. Für alle gilt nun: Unterwerfung unter die Symbole der höheren Gewalt. Zu Kreuze kriechen, auch wenn es nur heißt, den Gesslerhut zu grüßen. Deshalb muss man nun notorisch einräumen, dass die Ursache für den Starkregen die menschengemachte Klimaerwärmung ist. Es ist zu wiederholen, wie man einen Rosenkranz betet.

Ich erinnere bei den Bildern aus dem Ahrtal ein Ereignis in England, das „Lynmouth Flooddesaster“ von 1952. Anhaltender Starkregen im Exmoor, N. Devon, hat im flussnah bebauten Tal der Lyn viele Gebäude weggespült. Ich habe in den Siebzigern noch mit Zeugen gesprochen. Studiert habe ich vor Ort, wie man das Hafenstädtchen bei Linton neu angelegt hat. Riesige Brücken, breite Wasserläufe und eine Auflauffläche enormer Größe, als Park angelegt. Das flooddesaster war in meinem Geburtsjahr, eine neue Flut ist bisher nicht gekommen, trotzdem schien es mir immer klug, so zu siedeln, dass die Natur sich ernstgenommen fühlt. Ich liebe das Exmoor und Lynmouth. Im Hafen übrigens ein kleiner Feuerturm, den sie den Rheinischen Turm nennen. Zufälle.

Aktuell zu sagen ist, dass sich der Kanzlerkandidat der Grünen, Robert HABECK, klug verhält im Naturtheater, der Kandidat der Sozis, der SCHOLZOMAT, an der Seite von Malu Dreyer keine Fehler macht und der Karnevalskasper der Union, der Armin aus Aachen, gestern mit Clownerie schlicht abgeschmiert ist. Das zu der POLITISCHEN BEWIRTSCHAFTUNG, dem Ausnützen eines Naturschauspiels für die eigene HELDENSAGE.

Im übrigen ist es wie im Krieg: vom wirklichen Elend der einfachen Menschen handeln die STAATSAKTE nur vordergründig. Sie sind, wie schon immer, nur Statisten im Schauspiel der Feldherren. Kanonenfutter, nennt das mein Alter Herr, der einen Krieg überlebt hat. Es ist mindest so bitter, wie der Zyniker es empfindet.