Logbuch
PLUS SIEBEN JAHRE.
Vortrag im örtlichen Altersheim. Ich lausche einem Podcaster (was immer das ist); es geht um die ALTENREPUBLIK. Damit war er bei Lanz, jetzt hier. Was alle Welt schreckt: es treten die geburtenstarken Jahrgänge (1958 ff) in Rente, ohne dass in gleichem Maß Kinder nachrücken. Das beunruhigt jene, die glauben, eine Gesellschaft müsse gebaut sein wie ein Tannenbaum. Diese Pyramide scheint nun auf dem Kopf zu stehen.
Der Podcaster (keine Ahnung, womit der sein Geld verdient) zieht weitreichende Schlüsse, die mich nicht überzeugen. Es geht mir wie bei den anderen APOKALYPSEN der Schlagworte, der des Klimas oder der Überfremdung oder des Iwans: die Extrapolation eines vermeintlichen Ungleichgewichts in die unvermeidliche Katastrophe scheint mir zu hysterisch. Der podcastende Soziologe erzählt, wir hätten in meiner Generation eine um sieben Jahre höhere Lebenserwartung. Das allein kann ja niemanden schrecken.
Alle Vergleiche zu früheren Generationen leiden an einem Denkfehler. Man nimmt an, dass der heutige Rentner mit 63 Lebensjahren der gleiche Mensch sei wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Eben nur plus sieben. Das ist grundfalsch. Noch immer gilt zwar biologisch, dass, wer Kinder groß gezogen hat, jedenfalls Enkel, eigentlich für die Erhaltung der Art überflüssig ist. Zweck erfüllt. Und das der sprichwörtliche Dachdecker nicht mehr auf‘s Dach soll. Na gut.
Aber wir rechnen falsch. Wir zählen falsch herum. Wir rechnen von der Geburt hoch. Man müsste aber vom Tod runter rechnen. Zwischen 100, so alt werden Menschen heute, und 63, dem Rentenalter, liegen nach Adam Riese 37 Jahre, fast zwei Generationen. Wir erleben als Gattung ein volles drittes Lebensalter, das es menschheitsgeschichtlich noch niemals in der Form gab. Und wer die Verschleißteile ersetzt und regelmäßig zum TÜV geht, der könnte da noch einiges anstellen, bevor die Demenz Zug um Zug seinen Kopf ausschaltet. Stellt was an, ihr alten Säcke! Ihr seid in der Mehrheit. Und damit meinte ich jetzt nicht, AfD zu wählen.
Werbeblock: Der Podcaster heißt Stefan Schulz, geboren zu Jena, studiert in Bielefeld, jetzt in Frankfurt. Überall zu hören, wo es Podcasts gibt. Keine Ahnung, wo das ist. Kann der nicht Bücher schreiben, wie alle anderen auch?
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HEILSVERSPRECHEN.
Fahrt durch das Bayrische nach München. Vorbei an Ingolstadt. VORSPRUNG DURCH TECHNIK, das war eine Ansage. Ich erinnere mich noch an mein Staunen über den ersten Fünfzylinder, den ich fahren durfte. Dann der Allrad, der die Skischanze hochfuhr. Es entstand eine MARKE.
Nach München rein noch immer groß an der Hauswand zu lesen: FREUDE AM FAHREN. Ich hab sie früher nicht so gemocht, die BMW-Pinsel, aber mit der Marke, da haben sie was gekonnt. Der Daimler verbastelt das MERCEDES-Image gerade unter dem Knäckebrot-Management. Man lernt: Marken können verfallen.
TESLA hat lange den Mythos des automatisierten Fahrens zu kultivieren gesucht, das der Bure AUTONOM genannt hat, ohnehin eine halbe Wahrheit. Aber man muss den öden Stumpfsinn der tempolimitierten Highways gefahren sein, um diese Sehnsucht zu verstehen. Was also ist eine MARKE? Ich versuche im beruflichen Alltag IT-Technikern, den Genies unserer Zeit, zu erklären, warum die Marketing-Leute (die erfolgreichen) mit einem Namen einen Anspruch verbinden. Ein guter Slogan ist immer ein Claim.
APPLE: Es geht nicht, man glaube mir, um Obst. Aus einer kalifornischen Technikbude wurde die erfolgreichste Marke, weil der angebissene Apfel ein symbolischer Archetyp ist. Adam, der vom Baum der Erkenntnis isst… In der Farbe „weiß“, die der paradiesischen Unschuld. Das Marketing-Wunder. So unterstützt man den Vorsprung durch Technik mittels Freude am Fuhrwerken und gewährt der Schlange mental Autonomie…
Der beste Slogan? Der des irischen Biers:
GUINESS IS GOOD FOR YOU. Dazu die Harfe. Alles gesagt. Heilsversprechen sind einfach und klar.
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NEUER WEIN IN ALTEN SCHLÄUCHEN.
Wo der Wein, der ja die Wahrheit ist, so alles drin ist. In der TIMES finde ich einen Tropfen zu günstigem Preis von Aldi empfohlen, in einer Plastikflasche. Ups. Die Gastronomie nutzt schon lange Plastikschläuche in Pappkartons, bei Jaques‘ Weindepot zu 5 und 10 Liter auch für den Hausgebrauch. Eigentlich stammt der Spruch mit den Schläuchen von Jesus; aber wer ist heute schon noch bibelfest.
Ich lausche dem Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung NZZ, der ein gutes Blatt macht, das sich rechts positioniert, im bürgerlich liberalen Sinne. Er ist kein Freund des linken Haltungsjournalismus mit Beamtenbezügen oder aus anonymen Stiftungsgeld und geißelt die blasierte Selbstgefälligkeit der Öffentlich-Rechtlichen; also jene Selbstlegitimation ideologisch gesteuerter Publizistik zur vorzüglichen Staatsmacht („Vierte Gewalt“). Welch eine Anmaßung.
Dann plaudert er aus dem Nähkästchen, wie seine Redaktion Informationen aus dem Internet prüfe; man habe drei, vier Spezialisten für OSINT. Alter Schwede! Das ist „open source intelligence“, ursprünglich die Nutzung öffentlich zugänglicher Quellen zu Zwecken der Nachrichtendienste. Beispielsweise werden so gefälschte Bilder von einer Kriegspartei enttarnt, erzählt er. Ich glaube, dass das geht, auch bei der relativ perfekten amerikanischen Propaganda; aber dazu später.
OSINT, das ist doch alter Wein in neuen Schläuchen. Die Historiker macht nichts anderes; Quellenstudium genannt. Der Kommunikationswissenschaftler macht nichts anderes. Wir reden in der Philosophie von KRITIK und in den Naturwissenschaften von STUDIE. Bei all diesen Anstrengungen gilt: Jede Quelle ist suspekt, aber jeder Informant wird gehört. Journalisten alter Schule sprechen von RECHERCHE. Tjo, aber OSINT, das hat was von James Bond.
Jetzt komme ich mit den Schläuchen und den Weinen durcheinander. Jedenfalls geht es im Journalismus, den die NZZ meint, um die Frage der WIRKLICHKEIT: Was war wirklich? Und zur Beantwortung dessen, sagt der NZZ-Redaktor, mische man in guter französischer Tradition kräftig Meldung und Kommentar. Ups, so geht also rechte Publizistik? Darf man das? Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Mein privates OSINT geht so: Ich habe es nicht so gern, wenn die Dinge zu gut passen. Das ist immer der Fall, wenn ein Ereignis in einem erkennbaren Interesse mit hoher symbolischer Bedeutung aufgeladen wird. CUI BONO: Wem nützt das? Ich glaube nicht an Zufälle; es gefällt mir nicht, wenn die Ideologie mich regelrecht anspringt. Denn Propaganda ist immer wahr, wenn man sie selbst fragt; das ist ihr Wesen.
Übrigens war das auch der Trick des Nazareners: Er hat mit missionarischem Eifer Gleichnisse erzählt. Ein fiktionales Ereignis sollte den Pharisäern Unrecht geben und bei seinen Jüngern alle Zweifel ausräumen. Und natürlich hatte er sich das nur ausgedacht, der Schlawiner. Im Wein liegt die Wahrheit. Nur das mit dem jungen Wein in den alten Schläuchen oder eben umgekehrt, das kapier ich immer noch nicht. Ich bleibe folglich bei Glasflaschen.
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Der Gaucksche Pastoren-Staat: Mit dem Katechismus in der Hand durch’s ganze Land.
Hätten wir eine englische Seele und in der Zeitung stünde, dass das Königshaus von einer katholischen Irin angeführt würde, wir wären irritiert. Nun ist es so, dass Elisabeth die Zweite eigentlich eine Hannoveranerin ist und der Gatte ihrer Ururoma aus Thüringen kam. Deshalb sind die Engländer tatsächlich irritiert. In Windsor sitzen, Lady Di hat es ausgesprochen, „bloody Germans.“ Wer will schon von Ausländern beherrscht werden? Wie authentisch soll ein Staatsoberhaupt sein?
Joachim Gauck ist, jetzt mal unter uns Wessis, ein Präsident aus dem deutschsprachigen Ausland. Wäre dieser Ossi ein Ösi, sagen wir aus Wien oder einem anderen Ort der demokratischen Alpenrepublik, wäre er uns näher. Gauck ist wie Merkel nicht nur aus dem Osten, sondern auch noch Abkömmling eines anderen Systems. Und beide gehörten in der DDR, das scheint unstrittig, wenn man die wirklichen Oppositionellen ernst nimmt, nicht zum Widerstand. Aber sie stammen aus dem Protestantismus, der dort geputscht hat. Pastoren an die Macht!
Nach zwei Interimslösungen, einem Sparkassenpräsidenten namens Köhler Horst und einem John F Kennedy light namens Wulff Christian, nun also ein Martin Luther King aus der DDR. Die Statur des politisch ambitionierten Pfarrers ist uns vertraut. Wir kennen diese heimliche Eitelkeit evangelischer Zurückhaltung, diesen Gestus der Menschenfischer, von Johannes Rau, der uns aber wenigstens aus Wuppertal beschert wurde, nicht auch noch aus Rostock, sprich Pankow.
Der All-Parteien-Gauck ist aus der Not geboren. Die Republik leckt ihre Wunden. Köhler wurde fahnenflüchtig, keine Ruhmesgeste. Nichts an Wulff war wirklich Präsident. Wulff war selbst in seinen Vergehen noch eine Nummer zu klein. Wir empören uns über Lächerlichkeiten wie Spesenbetrug. Der Amerikaner nennt so was „short people“, der Engländer “small fry“ und der Franzose „petit bourgeois.“ Das letzte Wort hat der Hamburger, der eine Augenbraue hochzieht und anmerkt: „Wenn Schiet watt wiet.“
Aber: Der Fall Wulff ist mit dessen Fall beendet. Alle Kleingeister sind jetzt aufgefordert, endlich die Klappe zu halten. Seine Frau hatte Tränen in den Augen bei der Rücktrittsrede. Es ist gut jetzt. Der Volkszorn hat geschafft, was er schaffen wollte. Und der Christian war das ideale Opfer, unterstützt von Brutus Hintze und Anwälten ganz eigener Brillianz. Gebt Wulff den Ehrensold. Er hat ihn vielleicht nicht verdient, aber er steht ihm zu.
Dass die Kanzlerin dieser Republik als Jahressalär soviel kriegt wie ein Investmentbanker in einer Woche, in einer miserablen Woche, ist ein Skandal. Jedem Fußballer werfen wir die Honorare hinterher, die wir unseren Präsidenten zahlen sollten. Wenn sie Tore schießen. Wer keine Klassengesellschaft will, keine Herrschaft der Betuchten, muss die Politiker vernünftig bezahlen. Wulff steht das Geld zu, weil wir ihn haben feuern dürfen. Wir sind als Volk großzügig in so kleinen Dingen.
Jetzt also wird uns vom politischen Pastor aus dem Katechismus vorgelesen. Und das Thema ist Freiheit, hören wir. Weil die Lebenserfahrung des Amtsinhabers von einer Diktatur geprägt ist. Das verdient Respekt. Es kann nicht leicht gewesen sein, eine Amtskirche unter den Bedingungen der SED-Herrschaft in der DDR über die Runden zu bringen. Davon wusste ja schon Manfred Stolte zu berichten, der in Brandenburg Ministerpräsident war, nach der Wende.
Die Irritation der Engländer über das Haus Hannover in Schloss Windsor wächst mir in diesen Tagen ans Herz. Mir ist nicht wohl bei diesen Herrschaften von den Kanzeln des Ostens. Pastoren, Pastorentöchter, Schwarzröcke, wohin man schaut. Ich fremdele, während der bibelfeste preußische Adler sich anschickt, seinen Jungen das freiheitliche Futter ins Maul zu hacken. Auf dem Gendarmenmarkt der Gauckschen Republik wird wieder der Katechismus aufgeschlagen und Mores gelehrt.
Fiebertraum, denk ich an Deutschland in der Nacht…Preußen ist mit der Wiedervereinigung wieder Preußen. Es ist zusammengewachsen, was vorher mal zusammen gehörte. Und wir sehen, dass es wirklich ein „melting pot“ wurde. Das meint das „wieder“ in der Wiedervereinigung: Die Befreiten aus dem Osten regieren nunmehr ihre Befreier im Westen. Halt: Die Bürgerrechtler des Ostens haben sich selbst befreit und ihren Unrechtsstaat zu Fall gebracht. Wer hat hier wen annektiert? Ein Verwirrspiel, nicht nur dem Fieberwahn geschuldet.
Jedenfalls ist in der Triade unseres Staates jetzt nur noch das Bundestagspräsidium an die sehr evangelische Frau Göring-Eckardt aus Thüringen zu übergeben (sie ist dort schon Vize), und das Bild ist rund. Drei Ossis an der Spitze des Staates. Drei Protestanten. Dem preußischen Adler, schon immer ein Doppelkopf, wächst ein dritter. Und alle drei Pastoren lesen uns aus dem Katechismus. Was war noch mal unser Einwand gegen den Gottesstaat?
Quelle: starke-meinungen.de