Logbuch

BITTE KEINE VERBITTERUNG.

Wer die Spitzen des Kulinarischen zu erkunden weiß, beschäftigt sich nicht mit dem Niedersten im Lebensmittelhandel, dem Getränkemarkt, jener Halle voller Paletten übler Baustellenbiere. Im peinlich proletigen Berlin wirbt eine Kette dieser Getränkemafia mit dem Slogan „Ick koof bei Hoffmann“, unterirdischer Unterschichthumor. Aber gemach. Hier taucht neuerdings im Sortiment ein Boonekamp auf, ich sehe den kulinarischen Kenner aufhorchen, der Mönchswalder Bitter aus der Weinbrennerei zu Wilthen, die sich seit 1842 der Verwendung von Gebirgskräutern rühmt. Das Örtchen liegt bei Bautzen in der Oberlausitz und war zu DDR-Zeiten als Stadt des Weinbrandes bekannt. Und wegen des politischen Knasts. Der Bitter kommt als Boonekamp in großen Flaschen zu 0,7 Liter. Ich kann gar nicht ausrechnen, wie viele der kleinen Underberg-Fläschchen das wären.

Ein Freund, vor dem ich unten noch zu warnen habe, sagt mir, dass die Hersteller von Bitter, die westlichen Becherovkas, sich über die letzten Jahre sehr stark zentralisiert hätten und der Markt faktisch in Händen der Tochter einer einzigen Familie sei; da will ich nicht ran, da ich mal für ihren schwerhörigen Vater gearbeitet habe. War nicht so rund, aber da schweigt des Sängers Höflichkeit. Es geht mir nur um die Frage, warum wir das Zeug überhaupt saufen. Bitter ist böse. Jetzt sind auch die Freunde des Negroni angesprochen, die Tunten mit den italienischen Cocktails oder jene, die Rosenkohl und Radicchio mögen.

Biologisch sind wir auf süß ausgelegt. Der Geschmack von reifen Früchten signalisiert uns ZUCKER, die Droge des Glücks. Wir sind Glucose-Junkies. Gewarnt werden wir Tierwesen vor Vergammeltem wie Aas oder dem giftigen Pilz durch Bitterstoffe, die schon die Zunge zu vernehmen weiß. Der Magen reagiert instinktiv mit einer Erhöhung der Säureproduktion; er ahnt, dass da Übles auf der Zunge liegt, das er gleich zu verarbeiten hat. Das ist die ganze Wahrheit hinter dem Versprechen der Bekömmlichkeit, Verdauungsförderung. Na und der stramme Allohol, der immer hilft, wenn in Maßen genossen.

Eigentlich ist der Bitter eine Mutprobe. Dazu kommt die Erfahrung, dass wirksame Medizin bitter. Das Bittere kommt von der Nachtseite des Lebens. Und dann haben wir das kulturelle Gedächtnis, dass alle großen Gefühle, alle ganz großen Gefühle bitter, allenfalls bittersüß. Ich könnte noch erwähnen, dass der bittere Trank die Labsal der Illuminaten war, wie mir mein Freund von oben versichert, den ich für einen Freimaurer halte. Wie jener, der da einst über Bautzen sang:
„Du, laß dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind stechen
und brechen ab sogleich.
Du, laß dich nicht verbittern in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern – sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.“

Logbuch

KERNGESUND.

Wir nähern uns dem Jahresende, Abgabedatum für die Liste mit den guten Vorsätzen. Ganz oben bei mir auf der Liste: Keine flapsigen Bemerkungen mehr über Karl Lauterbach, den salzfreien Ölprinzen aus Tofu-Land. Damit ist jetzt Schluss, weil ich mich ernsthaft einer allgemeinpolitischen Aufgabe widmen werde. Ich widme mich künftig Fragen der GESUNDHEITSWIRTSCHAFT. Zunächst berate ich mich, da Nachhilfe dringend nötig, dann vielleicht die Politik, so das dort jemanden interessiert. Wenn nicht, ist es schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Als gelernter Berater weiß man, dass die Ameisenperspektive vom Adlerblick zu unterscheiden ist. Im Gewusel meines privaten Ameisenhaufens komme ich mit dem Angebot des deutschen Gesundheitswesens blendend klar. Man fühlt sich gut behandelt und darf auf Heilung hoffen. Voraussetzung dafür ist eine gewisse Agilität. Ich folge stets Empfehlungen von Fachleuten, die ich persönlich verhafte: „Wo würden Sie Ihre Frau hinschicken? Ich werde Sie nicht zitieren, aber geben Sie mir einen privaten Rat!“ So habe ich mittlerweile einen patenten Allgemeinmediziner, einen sehr guten Kardiologen, einen geschickten Zahnarzt, einen kundigen Dermatologen und bin in der großartigen Charité an ein neues Knie gekommen. Das alles geht auch auf Kasse.

Von anderen höre ich aber auch anderes. Undiagnostizierte Leiden in überfüllten Notaufnahmen. Kurpfuscherei. Aber das will ich jetzt und hier nicht breittreten. Es bleibt bei dem Befund, dass wir in Deutschland das beste Gesundheitssystem haben, wenn man es klug bis schlitzohrig zu nutzen weiß. Und Glück hat. Ja, es gibt eine soziale Selektion, wie bei anderen Fragen auch. Ob das als Zustand in der Politik allen genügt, da habe ich Zweifel. Damit zum Adlerblick.

Aus dem Neurechten Lager höre ich Töne, die mir noch aus dem England der Eisernen Lady vertraut sind. Magret Thatcher heißt jetzt Elon Musk und der ist zu einfachen Wahrheiten begabt. Sehr einfachen. Er sagt, dass der ungeheuere Mittelbedarf im Gesundheitswesen darauf zurückzuführen sei, dass die bürokratischen Entscheider dort Geld ausgäben, das ihnen nicht gehöre, und zwar für Menschen, die sie nicht kennen. Der Doppelfehler. So kritisiert die Neue Rechte den Sozialstaat, den sie eingrenzen oder gar abschaffen will. Selbst, wenn man dem politischen Angang nicht folgt, muss man einräumen, dass er nicht ohne Anlass ist. Wie so oft im Populismus. Berechtigter Anlass, falscher Grund, üble Schlussfolgerung. Der Dreischritt ins Verderben.

Darf ich zu den USA sagen, dass man hier in bestimmten Regionen wie Schichten ein medizinisches Entwicklungsland ist? Wovon also redet das Tesla-Genie Musk? Die Eiserne Lady hatte wenigstens noch den staatlichen NHS (National Health Service). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Logbuch

HEROIN-KULTUR: AB AN DIE FIXE.

Früher gab es eine Sünde, die zu tadeln, unrühmlich war. Wenn eine Elefantenkuh den Raum betrat, durften die Gazellen keine blöden Bemerkungen machen. Die Dicken verbaten sich das „Body Shaming“, weil die Übergewichtigkeit eine Behinderung sei, an deren Erwerb man keine persönliche Schuld habe. Freilich gab es Milieus, in denen die Fresssucht regelrecht überhand nahm und massenhaft weitere Krankheiten nach sich zog. Ich erwähne die amerikanische XXL-Kultur und die arabische Neigung, keinen Schritt mehr zu Fuß zu gehen. So immer sitzend überschreitet man leicht die magischen Hundert Kilo.

Moral war: Man tadele nicht, wer wirklich krank, also Opfer seiner Natur. Aber selbst für die zehn Prozent tragisch Stoffwechselgestörten hat die Pharma-Industrie jetzt einen Trost. Ich kenne mich im Medizinischen wie Karl Lauterbach nicht so richtig aus, sage deshalb allgemeinverständlich: ABNEHMSPRITZE. Lilly an der Nadel. Man kann durch tägliche Injektion das Hungergefühl so vollständig unterdrücken, dass man rasant abnimmt und bald aussieht wie Ricarda Lang die Zweite. Wer jetzt noch fett wie ein Walross, dem fehlt es am Willen. Weil, er könnte ja fixen. Eine böse Logik, eine sehr böse.

Mein Hausarzt verschreibt sie gern, die Abnehmspritze, sagt er, da frei von Nebenwirkungen. Fortschritt der Medizin. Darf ich darauf hinweisen, dass damit nur eine der sieben Todsünden getilgt ist? Es bleiben noch immer: Neid, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn. Das muss ja nicht sein. Ich fordere von BIG PHARMA eine entsprechende Wirkstofferweiterung. Das kann doch mit den neuen Impfmethoden so schwer nicht sein. Ob ich mir morgens eine Fixe ins Bauchfell hauen muss oder zwei, das ist doch einerlei.

Obwohl, wenn so von allen Lastern befreit, wie kriege ich den Tag um? Vielleicht ist es zu kurz gedacht, das Thema der katholischen Sündenlehre zu überlassen. Als moderner Mensch, da reichte mir doch einen Nachdenkspritze mit dem Wirkstoff VERNUNFT. Oder, wo die knapp, eine gehörige Dosis VERSTAND? Aber damit wären wir dann schon sehr weit entfernt, von dem, was wirkliche Menschen ausmacht. An die hatte Papst Gregor ja gedacht, als er vor Wollust und Völlerei warnte. Wirkliche Menschen wollen Glück. Dicke wie dünne.

Gibt es dafür keine Spritzen? Klar. Die so Beglückten liegen in Frankfurt am Bahnhof hinter einer Mülltonne in ihrer eigenen Kotze. Die Kinder vom Bahnhof Zoo. Janis Joplin. Heroin-Kultur. Ich bin mit Hippies groß geworden, die den Weg an die Nadel gingen; alle im Elend verreckt. Darf ich zart andeuten, dass ich die libertäre Euphorie von Lilly der Fixe nicht uneingeschränkt teile?

Logbuch

Obama will das Atom. Yes, he can.

Hundert Reaktoren haben die USA am Netz in sechzig Kernkraftwerken. Jetzt planen sie weitere zwanzig. Das erste neue ist gerade genehmigt. Der Bau läuft schon. Renaissance der Nukleartechnik. Yes, we can.

Wie begründet der amerikanische Hoffnungsträger das? Er will seine Menschen in Lohn und Brot, das geht nicht mit überteuerten Energiekosten. Vom Weltmarkt kaufen die Leute, was sich rechnet, zur Not aus Asien. Wer den Strom zuhause verteuert, exportiert Arbeitsplätze. Da beißt kein Jobcenter den Faden ab.

Obama argumentiert weiter: die Abhängigkeit vom Importöl soll verringert werden. Billiges Erdgas ist zwar auf dem Vormarsch. Aber auch das abgasreiche Abbrennen von fossilen Energieträgern will man reduzieren. Stichwort Klimaschutz.

Sonne und Wind, wo sie scheint und er weht und beide sich rechnen. Aber nicht auf Kosten der Steuerzahler. Alternative Energien verlieren ihre Mega-Subventionen und sollen sich rechnen.

Ein solcher Mix aus Klimaschutz und Wirtschaftspolitik geht nicht ohne Atom. Punkt. Vor allem aber ist dies Industriepolitik. Die Unternehmen werden in ihre Verantwortung gezwungen. Wie schlau ist Amerika, wie dumm Deutschland.

In der Tat, der Obama traut sich was. In das instinktive Aufheulen der Kretschmänner hinein gehört aber ein zweiter Gedanke. Der amerikanische Mut ist nicht vordergründig. Man will wirkliche Lösungen.

Obama traut sich was, aber ist ja nicht doof. Sein Entsandter in der nuklearen Genehmigungsbehörde stimmte gegen die Genehmigung (vier zu eins), weil die Konsequenzen aus der Reaktorhavarie in Fukushima noch nicht gezogen seien.

Das Kalkül der beiden Schlitzohren aus Washington: Die Industrie wird in eine Offensive der technischen Nachbesserung gezwungen bei den hundert alten Reaktoren, dafür gibt es ein, zwei neue Kernkraftwerke, vielleicht zwanzig. Aber die Industrie macht ihre Hausaufgaben, technisch wie wirtschaftlich. Niemand sonst könnte es. Einschließlich der Endlagerung in den Yucca Bergen von Nevada.

Obama macht sich mit seiner atomfreundlichen Energiepolitik keinen schlanken Fuß. Die USA zeigen uns eine reflektierte Industriepolitik, gegen die der bundesdeutsche Kindergarten von Herrn Röttgen (CDU) und Herrn Rösler (FDP) den Atem verschlagen.

Die Energiewende dieser Bundesregierung verkommt zur Posse. Die Unternehmen legen die Hände in den Schoß. Oder sinnen auf neue Geschäftsfelder. Oder andere Kontinente. Die Katastrophe bahnt sich an, für Freunde der Energie wie für ihre Gegner. Es passiert einfach gar nichts. Das ist nicht gut genug.

Nehmen wir an, der deutsche Sonderweg in der Energiepolitik ist richtig. Nehmen wir an, der Rest der Welt irrt. Unterstellen wir, die Renaissance der Kernenergie sei falsch. Nehmen wir an, Europa oder der Westen insgesamt könnte eine alternative Energieversorgung entwickeln. Nicht nur als ideologische Spinnerei, sondern als industrielle Realität. Dann bleibt die Frage der Entsorgung. Sie wird ohne kerntechnische Fähigkeiten nicht zu bewältigen sein.

Quelle: starke-meinungen.de