Logbuch
CHICKEN.
Hatten Sie als junger Mensch den Berufswunsch „im Fernsehen zu kommen“? Etwa als Moderatorin? Während ich mich durch das reichhaltige TV-Angebot unserer Tage „säppe“, fällt mir auf, dass bei der Auswahl der Moderatoren Gesichtspunkte der Diversität berücksichtigt werden; insbesondere die BBC ist bemüht, alle Milieus des Landes repräsentativ abzubilden. Das ist ja ein ganz sympathischer Gedanke, über den man nicht reaktionär richten muss.
Aber haben Sie mal die Augen geschlossen und nur auf die Stimmen geachtet? Sie wissen doch aus der Werbung, was man den Lidl-Ton („Lidl lohnt sich!“) nennt. Ich höre das sofort, weil zu den Zwangsveranstaltungen meines Studiums an der Ruhr Universität Bochum das Seminar von Dozentin Dopheide gehörte. Den Schein für „Atem-, Stimm- und Lautbildung“ bekam man nur, wenn man zum Schluss ein Gedicht eindrucksvoll zu rezitieren wusste. Ich höre mich noch, wie ich mich mit Schillers Glocke vor einem ganzen Hörsaal blamiere.
Heutzutage findet diese Ausbildung für Moderatoren auf einem Hühnerhof statt. Das erste Übel liegt darin, dass alle Moderatorinnen eine ganze Oktave zu hoch sprechen. Lidl lohnt sich. Das zweite darin, dass sie alle schnattern, respektive gackern. Wie beim Federvieh geht es: „Pooh, Poohpo, Popopoh…“ So lautet die Anmoderation; dann geht es weiter mit: „Tah, Tatah, Tattatah.“ All, überall dieses Wiesenhof-Konzert. Wozu hat der Herrgott die sonoren und gutturalen Töne geschaffen, wenn nur noch hysterische Mezzo-Soprane im Kastratenton gackern?
Man möchte als Fuchs in den Hühnerstall. Es gibt nur noch eine Ausnahme; das ist die wohlgestaltete Frau Susanne Daubner vom NDR; ich erwäge ernsthaft, sie zur Bundespräsidentin vorzuschlagen.
Logbuch
DIE ENKELWIRTSCHAFT.
Sie werden das langweilige Kaff namens Welschneudorf nicht kennen, das irgendwo im Westerwald vor sich hindämmert. Einst nach den zugewanderten Belgiern benannt, die Montanwissen mitbrachten für den lokalen Erzbergbau. Wir sind in der Provinz der Provinz. Ausgerechnet hier passiert es mir. Ich bin, obwohl notorischer Barzahler, umgefallen und habe mir meine Fleischwurst mit einem QR-Code in einem automatisierten Mini-Laden gekauft. Ich schwöre, ich wusste nicht mal, was das ist, eine hybride METZGERIA. Das passiert mir, der ich stets mit meinem metropolen Profil prahle. Hier, am Arsch der Welt. Sorry, ist nicht so gemeint.
Es war mir schon auf Heathrow, dem supermodernen Flughafen Londons, so gegangen, dass der Laden keine Verkäuferin mehr hatte und ich mich für ein Paar Kopfschmerztabletten und ein Wasser mit einem Automaten abplagen musste. Und weil die Tabletten eine autorisierte Abgabe brauchten, tauchte dann eine pakistanische Dame aus dem Off auf und half dem doofen deutschen Touri. Im örtlichen Baumarkt habe ich die Selbstbedienungskassen immer gemieden. Jetzt aber heißt Tante Emma, kein Scheiß, Tante Ensa und überzieht Rheinland Pfalz mit automatisierten Mini-Läden, die 24/7 geöffnet haben. Immer. Eine Revolution im Einzelhandel.
Man kennt aus Paris den Entrepanneur und aus Berlin das SPÄTI, ein Erbe der DDR, die haben immer auf; es gibt Allohol und Zichten, unter‘m Ladentisch auch was zum Wachbleiben für die Nase. Keine Orte, an die man seine Kinder oder Enkel gerne schicken würde. Aber eine METZGERIA, alter Schwede, beziehungsweise Belge (weil Welschneudorf). Die Deregulierung der alten Ladenschlusszeiten wird den Gewerkschaften nicht gefallen und den Kirchen, bringt aber einen großen Vorteil für die nicht so mobile Landbevölkerung; man ist zum Einkaufen nicht mehr auf lange Autofahrten angewiesen. Kesselfrische Fleischwurst auch nachts um eins, um die Ecke.
Aber werden die Alten & Armen & Analogen wissen, wie man mit QR-Code kauft? Gut Frage. Aber mein Rat wäre: Fragt Eure Enkel. Die können es. Das ist im Übrigen überhaupt ein gutes Motto. Begrüßen wir, dass die Enkel übernehmen. Und das Land erblüht. Auch auf dem Land.
Logbuch
GOTTESLÄSTERUNG.
„Witze riss das Volk schon immer, ohne Demut und Respekt. Witze sind wie selbstgebrauter süßer Apfelwein. Aber in des Zwanges sauren Apfel beißt das Volk ungern rein. Oh Gericht, vergälle nicht uns, unsere große Lust am Witzereißen.“ Aus einem Lied von Wolf Biermann, der in der DDR groß wurde, die den Flüsterwitz kannte, weil die Stasi lauerte und der Knast drohte. Irgendwann waren es die Kommunisten leid und haben ihn schlicht ausgebürgert, den Spötter.
Ich höre auf BBC, dass der amerikanische Präsident nach dem Absetzen eines Kabarettisten („stand up comedian“ genannt, weil er es im Stehen tut) eine Erwägung anstellt, nämlich dass man jenen Sendern, die gegen ihn seien und Witze reißen, vielleicht die Lizenz entziehen sollte. Nur mal so als Gedanke. Spott kommt höheren Orts besonders schlecht an. Woran mag das liegen? Selbst Albernes beleidigt; gerade das.
Ich höre aus England, dass Labour hier die Zensur von rechter Propaganda auf rassistische Witze ausgeweitet hat und einfache Bürger wegen unpassender Bemerkungen hinter Schloss und Riegel bringt. Darunter mögen rechtsradikale Hetzer sein, aber Zensur ist immer ein vermiestes Gebiet. Rowan Atkinson sagt, das Recht zu beleidigen stehe über dem Recht nicht beleidigt zu werden. Insbesondere scheint mir das erwägenswert, wenn sich nicht einfache Bürger als Opfer fühlen, sondern der Staat selbst. Der Leviathan als Seelchen? Echt jetzt?
Wir haben als Deutsche noch vor Kurzem eine sozialdemokratische Innenministerin ertragen müssen, die unter einem sozialdemokratischen Kanzler Verfassungsschutz und Justiz ins Feld schickte, wenn der Staat sich verächtlich gemacht fühlte. Der Tatbestand war erfüllt, wenn jemand einen Bildwitz im Internet teilte, der den Grünen Habeck analog zum Haarwaschmittel Schwarzkopf als „Schwachkopf“ verspottete. Morgens um sechs stand die Kripo vor der Tür und beschlagnahmte wegen exakt dieser Tat das Laptop. Ermittlung als Strafe, Praxis von Gestapo und Stasi, ein klares Unrecht.
Kodiert wird der diktatorische Akt völlig verquer, in den USA als „free speech“ oder bei uns als „Kampf gegen Rechts“. Lupenreine Übergriffe des Staats in Grundrechte der Gesellschaft. Die Verhältnismäßigkeit kann ja nicht im Substanziellen liegen; sie ergibt sich also aus der Witzigkeit. Strafwürdig, weil leider komisch. Dieser Staat erwartet nicht nur Gehorsam; nein, Demut und Respekt. Dahintersteht der tiefe Wunsch, vom Volk verehrt zu werden. Diese Macht will Hingabe; man unterbreite Devotionalien. Ich bin der Herr, Dein Gott; Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
Logbuch
Hurra, das nächste Wirtschaftswunder! Gefällt mir!
Der Komiker Hape Kerkeling hat den Weltuntergang vorausgesagt, noch für dieses Jahr. Die im Saal versammelte Bussi-Bussi-Gesellschaft (Goldene Kamera) lachte, zu früh. Als die leichtbekleideten Damen in edelster Garderobe und die Smoking-Herren dann vor dem Saal standen und kein Taxi kam, wurde es umgehend apokalyptisch.
Das Thermometer zeigte minus zehn. Die Laune minus hundert. Ein Gefühl wie vor Stalingrad, und völlig hilflos. Hass auf den Berliner Taxifahrer und seine vermaledeite Innung. Die Zentrale war telefonisch nicht zu erreichen; was Eingeborene schon kennen. Man kriegt ein Taxi, wenn niemand eines braucht. Bei großer Nachfrage geht keiner mehr ans Telefon im Vermittlungsmonopol.
Willkommen in der geordneten Wirtschaftswelt alter Prägung. Die Ossis kennen das Schlangestehen noch gut. Deutschland stagniert im alten Trott.
Schlimmer nur noch in Griechenland, beim kranken Mann an der Akropolis. Die Taxis fahren, obwohl schon besetzt, an winkenden Menschenaufläufen vorbei und erfragen durch das geöffnete Fenster weitere Mitreisende in gleicher Richtung. Man drängt sich zu viert, zu sechst in einen alten Toyota.
Die Lizenzen für Taxis sind knapp und werden gehandelt. Der eigentliche Besitzer sitzt im Kaffeehaus; er hat die Lizenz verkauft. Der Käufer sitzt vor dem Kaffeehaus; er hat sie weiterverkauft. Im Auto sitzt der blöde Schwager des Unterunterkäufers, der auch keine Lust hat zu arbeiten. Das Auto sieht aus wie Sau. Alles geht seinen griechischen Gang. Bezahlt wird die Fahrt dann gleich mehrfach, noch in Euro, ab demnächst wieder in Drachmen.
Erwerben wir das App „myTaxi“. Das Smartphone des Kunden zeigt, wo er steht und welcher freie Fuhrunternehmer gerade um ihn kreist. Es wird eine Fahrt an das Smartphone des Chauffeurs vermittelt. Man verfolgt, wie er anreist (er sieht ja dank GPS, wo er hin muss) und weiß vorab, was es kosten wird. Und nach glücklichem Transport darf man den Service noch bewerten. Das kostet den Taxiunternehmer keine 10 Prozent der durchschnittlichen Fahrtkosten und den Kunden kein Wort.
Das Taxigewerbe wird boomen. Heute schon produzieren 260 Millionen Fahrgäste einen Jahresumsatz von 2600 Millionen Euro, more to come. Das Internet revolutioniert die verkrustete Wirtschaft. Von den Fesseln des Staates und der IHKs und Verdis befreit, erwartet uns ein Jobwunder.
Eine neue Service-Kultur entsteht. Ordentliche Arbeitsplätze werden geschaffen, wenn auch nicht für die Bürohengste in den Verwaltungen und Ämtern. Bürokraten an die Arbeitsfront. Wir wandeln abhängige Beschäftigung in eine Armada von Selbständigen. Hartz IV plus: entrepreneurs en masse im Prekariat.
Wer heute ein Taxi zugeteilt bekommt, kann einen erstaunlich erbärmlichen Standard erfahren. Frühmorgens riecht es wie im Puma-Käfig, weil der Kollege am Steuer übernachtet hat. Es ist eisig, weil er zum Spritsparen den Motor nicht laufen lässt. Es gab wohl Döner mit Extra Knobbellauch als Abendmahl und ein Zigarettchen, selbstgedreht. Der Boden ist mit den Insignien der Nachtgäste übersät.
Aus dem Radio dröhnt der deutsche Schlager mit der Nachfrage an eine schwarz-braune Haselnuss, ob sie denn heute Zeit habe, die schöne Maid. Wechselgeld gibt es nicht. Bei Kurzstrecken wird ob des geringen Entgeldes gepöbelt. Und zur Eingabe der Adresse wird das Tomtom nach hinten gereicht, weil das dumme Ding „Alta Ben Ja Min“ nicht kennt.
Das alles wird mit „myTaxi“ anders, weil ja eine Hitparade der beliebtesten Taxis möglich wird. Kundenabfrage sei Dank. Sauber, freundlich, verlässlich. Und dann geht es auch zum „Walter Benjamin Platz.“ Drücken Sie bitte auf: „Gefällt mir.“
Die neue Freiheit hat auch ihre Herren, andere. Sagen wir es in der Sprache der Web Zwei Null Welt: die gatekeeper-Funktion wechselt zu den Internet-Anbietern. Es werden nicht mehr die stinkigen Droschkenkutscher sein, die uns beherrschen, und die Ärmelschonerbürokraten, sondern die smarten Herren von den tollen Phones, den Apps und Facebooks.
Es wird freundlicher werden, vielleicht auch billiger. Aber wenn in Athen nur zwei oder drei Schmarotzer je Taxi im Kaffeehaus sitzen, darf man hier auf ganze Heerscharen von Investmentbankern hoffen, die an der Sache verdienen wollen. Und ob die vorhaben, uns abzuzocken? Jedenfalls drücken diese gatekeeper in der schönen neuen Welt bestimmt auf: „I like it.“
Quelle: starke-meinungen.de