Logbuch
KOPFKINO.
Gestern hier davon berichtet, dass das Kloster Eberbach Drehort für die Verfilmung von Eco's IM NAMEN DER ROSE war; ein Déjà-vu. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis aus 1979. Ich reiste wahllos durch Wales und stieß in Snowdonia auf ein Örtchen im italienischen Stil. Mitten im tiefsten Wales ein Portofino, wie man es von der Rivera kennt.
Und dann dieser aufsteigende Verdacht: Hier warst Du schon mal. Es lohnt hier nicht die lange Geschichte von "Portmeirion" (so heißt das Kaff) zu wiederholen, meine Erinnerung kam wie im obigen Fall aus seiner Verwendung als Drehort. In den 70er Jahren wurde eine alte Krimiserie wiederholt mit dem Titel "Number Six - The Prisoner", ein skurriles Konzept in der Tradition des "Geheimauftrags für John Drake". Die war dort gedreht. Die Kulisse war noch in meinem Kopf.
Wir werden von Bildern beherrscht. Das Drama unseres Lebens findet vor Kulissen statt, die wir uns fiktional angeeignet haben.
Eine metaphorische Struktur steuert unsere Wahrnehmung der Realität. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis aus dem Herbst 1988, als ich in der Hodlerstrasse in Bern zufällig in ein Kunstmuseum stolpere und bei einem Vortrag störe. Ein Professor, übrigens, wie ich beim Empfang lerne, in Begleitung seiner Tochter, trägt vor, dass "alles am radikalen Konstruktivismus Unsinn sei, was nicht Kant sei, und das gelte auch für alles, was an ihm fabelhaft sei".
So kriege ich das Berner Kunstmuseum nicht aus meinem Kopf; weiß aber nicht mehr, was dort gedreht worden ist. Morbus Alzheimer.
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ANATHEMA.
Tief aus meinem Unterbewusstsein meldet sich die Gewissheit, dass ich den seltsamen Ort kenne, den ich vermeintlich gerade zum ersten Mal sehe. Die Franzosen nennen es Déjà-vu. Ich bin in den Gemäuern des Kloster Eberbach im Rheingau, einem Zisterzienserkloster aus dem frühen 12. Jahrhundert. Es geht um Wein.
Dann die Aufklärung. Das Gemäuer war Drehort für „Im Namen der Rose“; hier ist der wunderbare Sean Connery als William von Baskerville gewandelt. Das hatte ich im Hinterkopf. Der Sujet-Roman von Umberto Eco ist nicht wegen seiner Handlung von Gewicht, sondern als Stimmungsbild, also wegen der „settings“. Welche Strapazen damals ein Gelehrter auf sich nehmen musste, um in fernen Bibliotheken okkulter Klöster verschollene Bücher zu suchen.
Da geht es heute anders. Auf einem YouTube-Schnipsel mit einem alten WDR-Feature über Oerlinghausen höre ich zufällig eine Professorin sagen, es sei gerade eine „Kursbuch“ zum Thema LÜGE von zwei Luhmann-Schülern erschienen. Der Soziologe Luhmann aus Oerlinghausen war eine wirkliche Größe und das Thema interessiert mich. Was tun? Wie William von Baskerville auf einem Esel über die Alpen reiten? In Bielefeld Zettelkästen filzen?
Ich frage bei Amazon in naiven Worten nach einem Kursbuch zum Thema LÜGEN von Luhmann-Schülern. Das Universum aus Hundefutter, Badesalz und Jogginghosen denkt keine zwei Sekunden nach und zeigt mir das Cover von Kursbuch 189. Unter „jetzt bestellen“ kann ich eines von zwei noch verfügbaren Exemplaren für 6 € geliefert bekommen, frei Haus. Den Zahlungstransfer übernimmt PayPal. Morgen ist das Luder in der Post.
Die halbe Renaissance hat sich mit der Frage rumgeplagt, ob der antike Aristoteles nicht doch noch ein weiteres Mega-Werk verfasst hat, das verloren gegangen sei. Oder gar von der mittelalterlichen Inquisition auf Geheiß der katholischen Kirche aus dem Verkehr gezogen. Das gab es ja, Giftschränke in den Bibliotheken, die verbotenes Wissen verbergen sollten. Generationen von Gelehrten haben sich den Kopf zerbrochen.
Ich werde gleich einfach über Google bei Amazon fragen. Es könnte sein, dass die Philosophiegeschichte eine Wende nähme. Vorher aber lese ich Kursbuch 189, werte das aus und schreibe ein Essay über die „Erkenntnis als Konstruktion“, vielleicht unter Pseudonym. Das muss aber unter uns, sprich geheim bleiben, eh klar.
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DA IRRT DER GRIECHE.
Der Dichter Brecht hat diesen Spruch zu verantworten: „Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein.“ Er war dem Völkermord der Faschisten nur knapp entronnen. „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen.“
Der antike Aristoteles hatte schönere Gedanken. Zum Beispiel den, dass das Leben sich im Laufe der Zeit zur Vollendung bringe, nennt sich „Entelechie“. Das Ziel sei von Anfang an in uns angelegt und im Wege der SELBSTVERWIRKLICHUNG vollendet es sich. Der Mensch als Krone der Schöpfung.
Ich hatte immer gehofft, dass dies zumindest für die Natur gilt, jedenfalls wenn der Mensch nicht in sie eingreift. Das Leben stammt aus dem Wasser und hat sich aus den Meeren langsam an Land gerettet, den aufrechten Gang gelernt, den Stuhl Petri mit dem Papst besetzt und dann Olaf Scholz zum Kanzler bestimmt. In dieser Weisheit der Evolution irritieren nur die Säugetiere, die ins Wasser zurück gewandert sind, weil sie ihrer Beute folgen wollten, zum Beispiel die Walfische, echt dumme Tiere. Hatten schon Lunge und Uterus, und dann das.
Die „Entelechie“ gab es nie. Das TV berichtet mir vom Mosasaurus, einem Ungeheuer der Urzeiten, das sich, geboren als Landechse, ins Meer entwickelt habe und dort zu einem alles beherrschenden Monster geworden sei. Die Evolution gebe es auch in umgekehrter Richtung, sagen amerikanische Wissenschaftler. Die Natur mache zwar keine Sprünge, sie habe aber auch keine Richtung. Jede Nische sei ihr recht. Warum dann der Mosasaurus ausgestorben ist, darüber rätseln nun die US-Archäologen. Vermutlich ein Meteoriteneinschlag. Das sagen sie immer, wenn ihnen nix einfällt; bei den Dinosauriern kommen sie auch damit an.
Wenn schon die Natur keinem höheren Ziel folgt, so doch bitte die Geschichte. Der gute alte Hegel, ein Philosoph aus Jena, hat das gehofft. Nur das Ganze sei das Wahre, insofern es sein Wesen zur Verwirklichung bringe. Herr Marx hat dann als sozialen Träger dieser Vollendung die Verdammten dieser Erde, das Proletariat, gefunden; eigentlich ein schöner Gedanke, wenn ihn dann nicht die Kommunisten ruiniert hätten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Bleiben wir bei den US-Wissenschaften.
Deren edelste Institute, eine nach dem Efeu-Bewuchs benannte Liga, wissen auf Vorhaltung aus der neuen Rechten nicht zu sagen, ob ein Völkermord, etwa der an den Juden, verurteilenswürdig sei. Das komme auf den Kontext an. Ich erwarte den Einschlag eines Meteoriten.
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PR-Politik: Party und Reise
Politische Propaganda im Zeitalter des Bussi-Bussi hat nicht mehr den heißen Atem von Hetzreden in Sportpalästen. Es werden keine Massen mehr zusammengebrüllt. Hollywood ist angesagt, großes Kino, manchmal auch Dschungel-Camp.
Eine Demokratie der Seifenopern, hier werden Wahlen entschieden. Es geht nicht um das bessere Argument, sondern um die geilere Party.
Früher, in den guten alten Zeiten, da hatte Politik etwas zu tun mit dem Bohren dicker Bretter. Charakterköpfe bevölkerten die politische Klasse. Es ging um Werte, und das meinte nicht Kohle, sondern Moral. Ehre und Anstand waren Kategorien. Die Würde des Amtes verlangte würdevolles Verhalten. Diese Zeiten sind vorbei. Die Auguren dieser Wende sind Westerwelle, Guttenberg und Wulff.
Geile Party ist heute angesagt. Ganz frische Szene aus der Hauptstadt. Im Berliner Promi-Restaurant erzählt mir beim Mittagessen die sichtlich geschaffte Kellnerin, sie sei erst morgens um Sechs ins Bett gekommen, so wild sei es gestern Abend gewesen. Und beim Aufräumen hätten sie erst mal im Raucherraum vor den WCs Schneeschippen müssen. Schnee ist eine ortsübliche Metapher für Kokain. Und Party ist neuerdings eine Metapher für Politik.
Die PR-Politik handelt von Party und Reise. Das wäre keinen Skandal wert, wenn sich die Partygänger und Reisewilligen den Spaß selbst leisten könnten. Sie stolpern in ihren politischen Karrieren aber darüber, dass sie schnorren. Mal einen Urlaub, mal einen Doktortitel, mal ein Häuschen. Ein Geschlecht der Schnäppchenjäger hat sich der höchsten Ämter im Staat bemächtigt. Die Drähte hinter dem „bargain hunting“ ziehen für die Politiker sogenannte Siamesische Zwillinge oder Faktoten, sprich ihre PR-Manager. Womit eigentlich nicht nur Party und Reise, sondern insgesamt Public Relations gemeint sind. Gute Beziehungen zur Öffentlichkeit. Geliebt und bewundert werden, Wählerstimmen fangen, an der Macht bleiben.
Zur Macht in dieser PR-Welt gehört der frische Sex, das Marilyn-Monroe-Syndrom. Wir erleben ja zunehmend, dass die Partner der Mächtigen aus der Generation ihrer Kinder oder ihrer Enkel stammen. Beim Nord-Süd-Dialog in Hannover taucht der Ministerpräsident Wulff mit neuer Gattin auf (sie: Jahrgang 1973) und Ministerpräsident Oettinger mit neuer Begleitung (sie: Jahrgang 1972). Und vierzig Medizinstudentinnen werden auf Veranlassung von Staatskanzlei und Hochschule als Hostessen für diesen Zirkus missbraucht. Wirkliche Halbwelt: Um das Honorar werden die angehenden Ärztinnen geprellt, nicht aber der Impresario des Ganzen, der Party-König Manfred Schmidt. Bei knapp 700.000 € Einnahmen soll er mit 300.000 € Kosten zu recht gekommen sein. Da wäre also genug über. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Der Gatte von Bundesaußenminister Westerwelle versucht die Hannoveraner Nummer in Düsseldorf (mit den Ländern NRW und Bayern) zu wiederholen. Michael Mronz tritt, hörte man aus mehreren Unternehmen, als Einwerber von Sponsorengeld für einen solchen Freudenzirkus auf. Akquiseunterlagen der Freudenväter Schmidt und Mronz trugen laut Presse die Hoheitszeichen der jeweiligen Bundesländer. Man erinnert sich in Bonn, dass Westerwelle als Vize-Kanzler zur Einweihung eines Luxushotels die Festansprache lieferte, bei der sein Gatte die Party veranstaltete. Auf den Parties und den Reisen finden sich dann alle wieder ein: die frischen Gatten und Gattinnen und väterlichen Freunde und die zur Kasse gebetenen Unternehmer. Bei Jörg Haider hieß das System Westerwelle/Wulff: Froinderl-Wirtschaft.
Man erinnert sich in Berlin an eine extravaganten Media-Night eines Telefonanbieters, bei der Manfred Schmidt und Michael Mronz in trauter Zweisamkeit als Einlader auftraten. Lassen wir die Kirche im Dorf. Wenigstens wurden dabei keine Steuergelder verbrannt. Und der Autor dieser Zeilen war dort auch zu Gast und hat sich bei Champagner und Häppchen gut amüsiert. Steinwürfe aus dem Glashaus. Das ehrlichste Wort ist von Joschka Fischer. Er würde heutzutage vorsätzlich so leben, dass er den Ansprüchen der Medien an einen Politiker nicht mehr gerecht würde. Sagt er mit tiefer Ironie und noch größerer Selbstzufriedenheit.
Wir können die Uhr danach stellen, dass der legendäre PR-Manager Moritz Hunzinger im Fernsehen auftritt und die Lage der Nation kommentiert. Das passt nicht nur; es wäre geradezu zu wünschen. Moritz Hunzinger, der schon Scharping plantschen und Özdemir abtauchen ließ, ist geistreich und witzig. Hunzinger heuchelt nicht, wie Joschka weiß er, dass die Zeiten sich geändert haben und dass man dazu mindestens zwei Meinungen haben kann. Denn das ist das übelste bei Wulff: Er will Party, verdirbt aber die Stimmung.
Wulff kann bleiben, aber nicht als Bundespräsident. Party und Reise und dann eine Rede zur Wannseekonferenz. Das geht nicht. Punkt.
Wulff wird sich nur retten können, wie sich Westerwelle und Guttenberg gerettet haben, durch Wegtauchen oder Abtreten. Beraten von dem CDU-Granden Pfarrer Hinze, dem Faktotum Merkels, setzt er in seinem politischen Überleben auf eine Logik des Überdrusses.
Wulff, das Genie der Salami-Taktik, taktiert tölpelhaft, aber er gibt den vermeintlichen Trottel, weil er sonst den vermeintlichen Straftäter geben müsste. Er schützt sich hinter dem Amt mit einer Transparenz-Klamotte, die unser Fremdschämen ausreizen soll. Wulff, der so gerne JFK bleiben möchte, wählt damit für sich das kleinere Übel.
Wulff und seine Selbstdemütigungen töten aber die Stimmung im Publikum. Die Party ist nicht mehr geil. Zumindest das wird die Bussi-Bussi-Gesellschaft ihm nicht verzeihen. Darum, und vielleicht nur darum, wird er gehen müssen. Ab ins Dschungel-Camp!
Quelle: starke-meinungen.de