Logbuch

MÖBIUSBÄNDER.

Es gab eine Zeit, da konnte man noch nicht mit Maschinen reden und diese mit ihrem Nutzer. Man hatte noch allein das Sagen. Man konnte die Apparate an- und abstellen. Den Stecker ziehen. Sie auf den Müll werfen. Diese Zeiten gehen zu Ende.

Am Abend des 14. April 1912 erklangt im Äther das Morsesignal CQD für „an alle Stationen: Notfall“. Keine Reaktion. Die Funker der Titanic versuchten es deshalb noch mit dem neueren Code SOS, also drei kurz, drei lang, drei kurz, vertextet als „save our souls“. Die Carpathia hörte den Notruf, nahm Kurs auf die Unglücksstelle und rettete 700 Passagiere aus den Booten. Seitdem dient das Modell von Sender und Empfänger zur Erklärung von Kommunikation; und die Frage des gemeinsamen Codes erscheint auch Doofen plausibel.

Dem Morser gerät die Abfolge von kurzen und langen Tönen zu einer Melodie, die als zweite Sprache vertraut wird. Mit dem tippenden Finger an der Taste und dem Ohrhörer auf dem Schädel entwickelt sich eine Symbiose von Mensch und Maschine, heutzutage von Computer und Gehirn; kein Wunder, dass der kalifornische Capo di tutti capi der Informationstechnologie heutzutage über „Neurolinks“ nachdenkt, sprich die Implantierung von Chips ins menschliche Hirn, die den Morsefinger überflüssig machen. Es fallen alte Trennungen.

Ich lese bei Anna-Verona Nosthoff, dass früher widersprüchliche Kategorien miteinander vermählt werden: „Sender und Empfänger, Mensch und Maschine, Gehirn und Computer, Dezentralität und Zentralität, Freiheit und Kontrolle.“ Damit eröffne sich ein neues Reich der Freiheit, das ein Imperium der vollständigen Unterwerfung sei. Heute genießt das schon das Auto. Der von der EU verpflichtend eingeführte E-Call, erkennt unabhängig vom Fahrer einen gravierenden Unfall und fordert die Rettungskräfte seiner Wahl automatisch an. Dafür muss er wissen, wo die Titanic gerade ist; was kein Problem ist, wenn er die Schüssel dort schon autonom hingesteuert hat. Nicht die Eisberge werden gesteuert, die Schiffe. Klar?

Das ist die wahre Dystopie des Internets: Es fallen alle Modi der Abgrenzung. Nur noch Möbiusbänder. Es fallen zusammen: Wirklichkeit und ihre Darstellung, Original und Kopie, sowohl privat wie öffentlich, vor allem Wahrheit und deren Inszenierung.

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KÄLTEPUMPE.

Ich lese einen mittelhochdeutschen Text, in dem die Herrschaften in den Gefilden Apuliens zur Jagd gingen. Irre Anreise, wenn man bedenkt, dass es zu Pferde ging. Aber auch der Karthager Hannibal war im Süden Italiens, auf Elefanten. Man hatte offensichtlich Zeit und Muße: „Glücklich der, der jetzt auf den Gefilden Apuliens zur Beizjagd gehen kann! Wer dort auf die Pirsch zieht, kommt auf seine Kosten, so viel Wild gibt es dort. Die einen gehen zu den Brunnen, die anderen reiten spazieren…“

Es erreichen die brütenden Lande, über deren Höhen sonst der Wind so kalt weht, Nachrichten aus dem fernen Apulien, wo der Lorenz mit 45 Grad brennt. Das ist der Absatz des italienischen Stiefels, also tiefer Süden und einst so fruchtbar, dass die Griechen sich zur Kolonialisierung entschlossen. Berichten will ich von einem alten Bürgerhaus in Ostuni, vor dessen Baustelle ich einst voller Staunen hockte, die Weisheit früheren Handwerks bestaunend. Überhaupt haben die Städte der Region den Ruf, ein Florenz des Südens zu sein, aber dieses eine Domizil hat es mir angetan.

Zur Straße dreigeschossig und bescheiden wirkend, birgt es, wie dem neugierigen Touristen offenbart, untereinander drei Kellergeschosse, geräumig und solide in den massiven Fels gehauen. Und im untersten, wo ganz sicher der kühle Berg die angenehmste Temperatur bietet, ein Brunnen mit frischem Quellwasser. Unnötig zu erwähnen, dass zu der einen Seite in ein paar Schritten der Markt und in der anderen Richtung nur einen Steinwurf entfernt, aber deutlich tiefer, der Hafen. Ein in den Fels gehauenes Paradies. Die Weiße Stadt hat sich mit Wehrtürmen und Mauern seit der Renaissance vor dem Türken geschützt, die den Balkan beherrschten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Meine Fantasie regt der quellbewehrte Tiefbau an, da er von einem Klima kündet, das heute nur noch diese entsetzlich hässlichen Maschinen aus Asien zu liefern suchen. Plötzlich ist auch in unseren Breiten von A/C die Rede. Brüllsommer. Bei diesem Wetter hätte der tragische Habeck seine Pumpe als Raumklimatisierung durchgesetzt bekommen. Kältepumpe. Wäre es den Grünen nur gegeben, mehr an die Überzeugung der Menschen zu appellieren als mit dem Staat zu drohen. Aber Trittins Heroin, Frau Baerbock, das erfahren wir nun, kommt ja nicht nur aus dem Völkerrecht, sondern eigentlich aus dem Leistungssport.

Alles wäre gut, wenn wir weise bauen würden, die Kräfte der Natur nützten, ohne die Landschaft zu verschandeln und in der Grundlast eine staatlich geführte Kernenergie zur Industriepolitik nutzten. Billiger Strom ist Wachstum. Dann gäbe es Florenz und Grundstoffindustrie, beides. Man würde sich dann nur noch der Kolonialisierung durch den Balkan erwehren müssen. Aber da hat „Pülle“ (mittelhochdeutsch für Apulien) seine Erfahrung. Das kriegen wir dann schon hin „ze Pülle ûf dem gevilde.“

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BÜCHERVERBRENNUNG.

Man wähnt ein Antiquariat als stilles Lädchen, in dem alte Bücher schlummern und geduldig auf einen Käufer hoffen. Über diesem verstaubten Buchhandel liegt ein besonderer Segen, da wir die alten Schinken niemals als Müll entsorgen würden. Dieses Land steht unter dem Fluch, dass, wer Bücher verbrennt, das irgendwann auch Menschen antut. Bücher, zumal alte Folianten, haben für uns Seelen.

Kann der Antiquar vom gelegentlichen Käufer leben? Man hat Zweifel und hofft, dass die Romantik der guten Stube ihn doch seine Miete verdienen lässt. Ich selbst sammle und habe mehr gehortet als mein Ordnungswille bewältigen könnte. Damit könnte ich, erfahre ich nun, nachts ein Geschäft machen. Berliner Antiquare berichten von nächtlichen Massenbestellungen aus Kanada und USA, bei denen eine bekannte Großhandelstochter tausende Titel ordert. Meist vergriffene Titel der Siebziger, vornehmlich technischer Themen, aber auch entlegene Werke etwa der Literatur. Massenaufkäufe, leere Antiquariate.

Jetzt wird es brutal. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind zerschnitten und von der Bindung befreit als Loseblattsammlung anzuliefern. Sie werden dann automatisiert gelesen und dienen irgendeiner KI als Übungsmaterial. So der Wortlaut. Zum Üben. Eine Künstliche Intelligenz saugt das Wissen auf und spielt damit. Das ist den Bücherfreunden unheimlich und im alten Antiquar regt sich ein schlechtes Gewissen, dass er zu den Bücherverbrennern gerechnet werden könnte. Denn sie scheinen ihm zerstört, die kleinen Reliquien großen Geistes. In Wirklichkeit sind sie aber dem modernen Weltgeist auf ewig als Wissen zugefügt. Also gerettet? Ja und nein.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass aus ihnen ein exklusives Geschäft gemacht worden ist. Die Konzerne der Informationswirtschaft streben in einem hegemonistischen Kampf nach Vorherrschaft und Monopolrendite. Technikführerschaft ist denen keine liberale Mittelstandsposse und kein Hobby großer Geister mit Teetassen hinter Kanonenöfen. Es ist mit dem Wissen der Menschheit wie mit dem Geld an der Börse. Es ist nicht weg, es gehört jetzt nur anderen, die dann damit in der unendlichen Tiefe der Rechner üben. Wozu? Zu welchem Zweck? Das weiß man nicht.

Disclaimer: Ich verkaufe meine Bibliothek und erwarte ein Angebot. Gern auch nachts. In God we trust, the rest pays cash. Did I make myself clear?

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EIN ZERBROCHENER KRUG NAMENS WULFF

Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Die Geschichte des Christian Wulff scheint besiegelt. Jene Journalisten, die ihm einst hofierten, haben ihn nunmehr  gerichtet. „Wer mit uns“, soll dorten das Motto lauten,“ im Aufzug nach oben fährt, fährt mit uns auch wieder nach unten.“ Eine Mediendiktatur? Zeit, wieder in die Kochstraße, an den historischen Sitz der BILD zu ziehen, und zu brüllen: „Enteignet Springer!“ Gemach. Das Urteil der gesamten Presse wird immer vernichtender: Wulff ist seinem Amt weder geistig noch moralisch gewachsen. Ich halte ihn nicht für bestechlich, aber die „Gratwanderung am Rande der Wahrheit“ (FAS) schmerzt.

Statt das höchste Amt vor Schaden zu bewahren, verbirgt er, in diesen Anschein hat er sich gebracht, womöglich regelrechte Straftaten hinter dem Amt. Anonyme Schecks zum Hauskauf statt Grundbucheintrag eines normalen Kredits? Handschläge am Telefon statt ordentlicher Verträge? Es werden Vorgänge eingeräumt, wie sie der unbedarfte Krimi-Leser nur als Geldwäsche kennt. Geschenkter Doktortitel und Wulff-Laudatio für einen Unternehmer, und dann ins dessen Luxus-Betten nächtigen? Fototermine des Ministerpräsidenten für eine Fluggesellschaft und dann Upgrades beim privaten Urlaub? Überhaupt Lebensstile, die der Bussi-Bussi-Halbwelt zuzurechnen sind. Preußische Pflicht war mal was anderes. Würdelos.

Wulff beschützt nicht das Amt, sondern sich hinter ihm. Wir erleben kein Ende mit Schrecken, sondern einen Schrecken ohne Ende. Im Rosenkrieg zwischen Präsidenten und Chefredakteuren gewinnt nicht der Glanz der Macht, sondern die Macht der Druckerschwärze.  Zeit, die Frage zu stellen, wie ein solcher Mann so weit kommen konnte. Die Antwort liegt in einer Kumpanei von Medien und Politik, die irgendwann zerbricht. Siehe Brunnen und Krug. Wie aber war das, als der Krug noch brav Wasser holte?

Wulff bediente in großem strategischen Kalkül die Presse mit privaten Geschichten, von denen er hoffen durfte, dass sie ihm eines Tages nutzen würden. Lange bevor seine Scheidungsabsichten deutlich wurden, fand der Illustriertenleser eine tränenreiche Geschichte über treu sorgende Väter. Darunter Christian Wulff und seine Tochter, der sein ganzes Herz gehöre. Von der Mutter schon damals keine Spur. Jahre später ist Wulff in neuen Händen, nennt eine Patch-Work-Beziehung zu einer glamourösen PR-Beraterin sein eigen, und das Publikum gibt seinen Segen. So inszeniert man Scheidungen in einem eher braven Bundesland als katholischer Konservativer.

Das Rezept heißt: „Built by BILD!“ Das stammt, seien wir ehrlich, nicht aus der Union, sondern von Gerhard Schröder, der auf „BILD und Glotze“ baute. Und damit ist der Schlüssel zu Wulffs gesamten Streben gegeben. Wulff ist ein Parvenue, den vor allem eines antreibt im öden Hannover an der Leine: so sein,  wie sein ewiges Vorbild, der großartige Medienkanzler Gerd Schröder. Die Parallelen zwischen diesen beiden Aufsteigern gehen bis in groteske Details.

Überhaupt befolgt Wulff sozialdemokratische Muster der Machterhaltung. Diese richten ihn dann auch. Die moderne Öffentlichkeitsarbeit für Politiker ist in den USA und England begründet worden, für Bill Clinton und Tony Blair. Was in Hannover und Berlin ein Olaf Glaeseker war, Wulff Presse-Adlatus also, das waren hier Dick Morris und Alaistair Campbell. Mit beiden bin ich persönlich befreundet, beide waren erfolgreich, und beide folgen einer verhängnisvollen Theorie.

Blairs „spin doctor“ Alaistair Campbell hat mir mal in einer Kontroverse über Pressearbeit seine beiden Grundregeln im Umgang mit unliebsamer Presse ins Gesicht geschrien: „Immediate complaining and talk to the bloody propriertors right away!“ Das eine Kampfansage. Sie klingt im Deutschen noch etwas sanfter: „Beschwere Dich beim kleinste Verdacht einer ungewollten Recherche immer sofort und rede dann immer sofort mit den verdammten Besitzern der Medien!“ Verachtung gegenüber Journalisten, die ihren wirklichen Job machen. Verachtung der Pressefreiheit.

Methode Wulff. Als die WELT eine Geschichte über eine Halbschwester Wulffs bringen will, die er in seiner Biografie sorgsam ausgespart hatte, droht der Bundespräsident im Amtssitz zunächst dem Redakteur, beschwert sich dann in der Chefredaktion, dann im Vorstand des Verlages. Es kommt noch besser: von Bundeskanzlerin Merkel will er die Handynummer der Verlegerwitwe Friede Springer haben, um auch hier intervenieren zu können. Talk to the bloody proprietor!

Die Kreditaffäre läuft nach dem gleichen Muster. Und Wulff ist sich seines Geheimrezeptes so sicher, dass er seine Drohungen sogar der Mailbox anvertraut. Routinefehler. Das Ganze hat auch dann noch Methode, als schon abzusehen ist, dass der Krug bricht. In seiner larmoyanten TV-Entschuldigung spricht Wulff davon die Medien künftig „als Mittler stärker einbinden“ zu wollen.

Ein fundamentales Fehlverständnis der Pressefreiheit. Medien sollen eben nicht von der Politik eingebunden werden. Gelobt sei das Land, in dem sich Medien nicht einbinden lassen. Gelobt sei das Land, in dem Medien sich ihre Unberechenbarkeit erhalten. Und wenn der SPIEGEL schon auf den Ohren sitzt, so soll die investigative Presse wenigstens im Boulevard blühen.

Ich werde als gelernter Altachtundsechziger in der alten Kochstraße (die heutzutage zu meinem inneren Vergnügen den Namen von Axel Springer und von Rudi Dutschke trägt) keinen Rosenstrauß abgeben, aber der BILD-Mann Blome hat schon eine exzellente Figur abgegeben. Lob des Staatsbürgers für ein Haus, das ansonsten auch schon mal fünf gerade sein lässt!

Der Wulffsche Krug ist nicht zerbrochen, weil er mehr oder weniger schwere Fehler „in einer emotionalen Situation“ begangen hat, die man im Allgemein-Menschlichen durchwinken könnte. Der Krug zerspringt, weil die Methode Wulff die Verfassung bricht. So droht dem Salami-Präsidenten ein tragisches Ende, Dorfrichter Adam im Schloss Bellevue. Am Ende doch eine Staatskrise, insofern die Posse des Spin Doctoring den Staat zur Posse werden lässt.

Quelle: starke-meinungen.de