Logbuch
ERKENNTNISEKEL.
An der Causa Aiwanger ist mir jeder Aspekt zuwider. Unter jeder möglichen Wendung empfinde ich Erkenntnisekel.
Es beginnt mit dem Corpus Delicti, zwar ein Schulpamphlet, aber ein elaborierter Diskurs authentischen Faschismus, so monströs, dass sich jede Relativierung verbietet. Das ist kein Ausrutscher. Die Verteidigung dessen durch Herrn Professor Wolfssohn ist obszön.
Dann in durchsichtiger Scheinheiligkeit die Verdachtsberichterstattung der Süddeutschen; presserechtlich für meine Begriffe nicht gedeckt. Ohnehin ist das publizistische Hemd kurz. Jetzt aber, weil unter Druck, werfen sie ihre Quelle vor den Bus. Das kenne ich, einfach ekelhaft.
Der übergeordnete politische Modus soll die prantlsche Vorbereitung von Schwarz-Grün in Bayern sein; das ist eine bloße Spekulation, aber bereit wäre der Typus Toni Hofreiter dazu allemal. Und ob man die AfD niederhält, indem man sie nachäfft, das ist ja eh evidenter Unsinn. Auch das ist heute Morgen nicht mein Punkt.
Wenn das Flugblatt und die Facharbeit des Schülers Aiwanger 35 Jahre von seinen Lehrern aufbewahrt wurde und jetzt aus parteipolitischen Gründen von Fachlehrer wie Schulleiter an die SZ lanciert, so läge mir daran zu betonen, dass dies ein pädagogischer Frevel ist. Als gelernter Pauker sage ich: Schüler sind Schutzbefohlene. Auch solche Arschlöcher wie die Aiwanger Brüder.
Nein, das ist kein Widerspruch. Der damalige Vorfall hätte ohnehin durch Elternbeteiligung, Gesamtkonferenz und Schulverweis geahndet werden müssen.
Logbuch
DER RATTENKÖNIG.
Paris, die erhabene unter den Metropolen, hat 10 Millionen Einwohner, deren Geselligkeit sprichwörtlich ist, und der Hang zum Kulinarischen. 2 Millionen sind Menschen und 8 Millionen Ratten, Rudelwesen mit ausgesprochenem Komforttrieb. In London und New York sind die Zahlenverhältnisse ähnlich. Da man offensichtlich miteinander auskommt, sprich der Franzmann von „cohabitation“, was beides meint, das Zusammenleben wie die Fortpflanzung.
Eine ordinäre Wanderratte hat bis zu 84 Nachkommen lese ich; die Fruchtbarkeit wächst mit den Wohnverhältnissen („Bauten“ als Nester) und dem Nahrungsangebot. Deshalb wird es schnell voll, wo es dem geselligen Nager wohl ist. Zum Speisezettel zwei Hinweise. Historisch war die Ratte der unvermeidliche Gast des kornmahlenden Müllers; heute lebt sie vom reichhaltigen Fast-Food-Angebot, und zwar als zweiter Gast, der die Reste des ersten im Verpackungsmüll genießt. Die Metropolen sind voll von Kurieren, die die ersten wie die zweiten Kunden Tag und Nacht versorgen.
Zweiter Hinweis: Ratten reichen die noch in den Fäkalien vorhandenen halbverdauten Nahrungsmittel vollständig zum Überleben, solange es zusätzlich Wasser gibt, sprich Abwasser. Wenn ein Hundehaufen zum Dinner reicht, dann ist der Tisch in Metropolen reichlich gedeckt. Bevor man mit seinem Ekel zu kämpfen beginnt: eine Hauptnahrungsquelle in Vorstädten ist das den herzallerliebsten Piepmätzen dargebotene Futter, das sich nachts die Ratten holen, denen es vergönnt ist, an senkrechten Wänden spielend hoch zu klettern. Wir kohabitieren.
Seit einer Erwähnung in den frühen Gedichten Brechts faszinieren mich RATTENKÖNIGE, das sind zehn, zwanzig Ratten, deren Schwänze so miteinander verknotet sind, dass der unlösbare Verwuchs ein Rad von Ratten erzeugt, einem vielköpfigen Ungeheuer gleich. Es gibt Zeugnisse, dass das Knäuel von anderen Ratten gefüttert wird. Man findet dazu Präparate in Naturkundemuseen. Aber der Ursprung ist sozialer Art. London hatte im 19. Jahrhundert zur Bekämpfung der Rattenplage Prämien für Rattenkadaver ausgelobt, allerdings wieder eingestellt, weil nach einiger Zeit in den Vorstädten Rattenzuchten als Gewerbe entstanden waren, zum Abgreifen der Staatsknete.
Das wiederum lese ich bei KIPLING in einer bisher unbekannten Erzählung namens THE TAIL-TIED KING, die ich im Lesesaal des Britischen Museums in Bloomsbury zufällig als Manuskript in einem alten Folianten entdecke. Schöner Titel. Ich werde dazu auf der nächsten Jahrestagung der Kipling Society was erzählen; der Aufsatz ist fast fertig: THE TAIL-TIED RAT KING.
Logbuch
UNHÖFLICH.
In einem völlig leeren Lokal in Mitte setzten sich Touristen an den Nachbartisch. Der Familienvater spricht mich an, stellt sich mit dem Vornamen und durch Handschlag auf meine Schulter vor. Ich entscheide mich zu gehobener Unhöflichkeit.
Ein spanischer Fußballfunktionär teilt einer siegreichen Fußballspielerin seine Freude mit, indem er sie initiativ auf den Mund küsst. Empörung. Ein Wangenkuss wäre noch gegangen, insbesondere ein nur angedeuteter. In der Bussi-bussi-Kultur macht man das links und rechts; vielleicht sogar noch ein drittes Mal. Bruderküsse. Einigkeit besteht, dass spätestens der Mundkuss, allemal der Zungenkuss Ausdruck von Intimität ist; also sozial exklusiv.
Es geht um den Grad der Annäherung, der möglichst gering auszufallen hat, will man nicht übergriffig werden. Ein österreichischer Handkuss ist eine nur angedeutete Lippen-Berührung der gehaltenen Hand der Gnädigen; man schleckt aber nicht die Pfote mit der Zunge ab. Wie überhaupt der extensive Austausch von Körperflüssigkeiten dem Sexualleben vorbehalten sein sollte, wo der biologische Sinn ja herkommt. Konsens vorausgesetzt.
Wir sind bei den Umarmungen, dem verbrüdernden Körperkontakt, und den Gesten der Ehrerbietung, mit oder ohne Berührungen. Die hochgereckte Arbeiterfaust, wie wir sie noch von Teddy Thälmann gelernt haben, ist neuerdings diskreditiert, weil Trump sie missbraucht. Ach so, Nachricht nach Sachsen: der durchgestreckte Arm geht nicht mehr, laut BRD-Gesetzgebung verboten.
Wer sich nähert, hat vorher zu grüßen. Rituale der Anerkennung, zum Teil der Freundlichkeit oder gar der Freundschaft oder der Intimität. Höflichkeit ist eine Zier, heißt es. Sie entsteht im ausgehenden Mittelalter an Höfen als Kultivierung von Verhalten, das die Grobheiten des Landadels oder gar der Bürger und Bauern meidet. Daraus bildet sich Etikette und Manieren. Letztere sah meine Frau Mutter als Teil ihres Erziehungsauftrages. Etwa, dass der Handschlag zur Begrüßung durch den Knaben mit dem „schönen Händchen“ zu erfolgen habe, schon dem Wortlaut nach albern.
Ich erlebe einen Kurarzt, der bei der Visite statt des Händegebens (Gefahr der Durchseuchung) einen „Diener“ anbietet; er wird nicht viele Patienten finden, die die leichte Verbeugung noch verstehen. Aber er hat natürlich Recht. So wie der operierende Chirurg gut beraten ist, seinem Patienten mit einem festen Händedruck Vertrauen zu schenken. Wertschätzung und Respektsbezeugungen, die Höflichkeit ritualisieren.
Wie mich erzwungene Nähe zunehmend irritiert. Höflichkeit heißt Distanz wahren.
Logbuch
Eine ungarische Schweinerei, die K-Frage, Bio-Diesel als Tierfutter sowie schließlich der Mensch überhaupt
Mit Ungarn sind die angenehmsten Bilder europäischer Kultur verbunden. Einem lebhafteren Österreich gleicht das herrliche Land. Man weiß hier Piroschka und Paprika, Gulasch und Galanterie zu Hause. Blickt man in der Hauptstadt von Pest über den Fluss nach Buda, zeigt sich ein Parlamentsgebäude ganz im Stil englischer Architektur. Big Ben an der Donau. Man glaubt, auf Westminster zu schauen, den Hort der parlamentarischen Demokratie an der Themse.
Aber das täuscht. Hinter den ungarischen Westminstermauern spukt es wie im Kreml. Die Puszta-Romantik wird neuerdings zerrissen durch eine politische Schweinerei. Ein neues Pressegesetz atmet den Geist autoritärer Ostblockregime. In Ungarn hat man wieder Wege in den Kommunismus gefunden; in Deutschland sucht die schöne Vorsitzende der Linkspartei noch danach.
Man muss an der EU loben, dass es postwendend wütende Proteste gegen die Pest aus Buda gibt. Luxemburg wünscht nicht die Einführung weißrussischer Verhältnisse durch die ungarische Hintertür. Die ungarische Regierung hat ein ganz verständliches Verlangen, sie will nur noch hören und lesen, was sie hören und lesen will.
Mit der Regulierung der Presse durch einen parteipolitisch gesteuerten Watchdog wuchert aber ein Krebs, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens befallen wird. So steht der folkloristische Czardasfürst plötzlich in Europa als böser Big Brother da.
Womit wir bei George Orwell sind und seiner Vision vom unvermeidbaren Stalinismus („Animal Farm“) und dem totalitären Staat („1984“). Der kleine Gregor Gysi Ganzgroß weiß, dass wir das im Westen die K-Frage nennen. Und er ahnt, warum dieses Land keinen Weg in den Kommunismus sucht wie die Vorsitzende des SED-Epigonen namens Linkspartei. Orwell hatte in einem Vorwort zu seiner „Farm der Tiere“ Pressefreiheit mustergültig definiert. „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
Die Pressefreiheit ist ohne ideologische Auflagen zu gewähren und schlicht gar nicht zu regulieren, basta Puszta! Von Orwell gibt es die ultimative Beantwortung der K-Frage in seiner Bilanz des „Aufstands der Tiere“, zu beziehen auch für Plattenbauwohnungen und in ungarisch.
In seiner „animal farm“ ersetzt ein Regime stalinistischer Schweine die Feudalherrschaft des Bauern. Der Stalinismus ist nicht ein Betriebsunfall des Kommunismus, sondern seine notwendige Folge. Man kriegt das eine nicht ohne das andere. Der Aufstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung als Diktatur des Proletariats endet in einer neuen, nicht minder schrecklichen Diktatur.
Orwell rechnet schon sehr früh, just zum Beginn der Nachkriegsära, mit dem Kommunismus ab; so radikal, dass auch in England niemand seine „Farm der Tiere“ verlegen wollte – weshalb seine wunderbare Definition der Pressefreiheit zunächst nur der Zensor zu lesen bekam.
Orwells Satire auf das Scheitern der Oktoberrevolution zeigt, wie sich der Satz „all animals are equal“ in sein Gegenteil wandelt: „but some are more equal than others.“ Die englische Zensur wollte 1945 den Alliierten, die siegreiche Sowjetunion, nicht als Schweinestaat bezeichnet wissen. Das wäre nach dem Erlebnis des Faschismus und den Opfern des russischen Volkes im Zweiten Weltkrieg unangemessen gewesen. Man fürchtete Heftigkeiten Stalins.
Man war da übervorsichtig, finde ich. Ich mag nämlich Schweine. Weil ich Schinken mag. Unser Verhältnis zu Haus- wie Nutztieren ist ein Spiegel unserer Weltsicht. In der Art, wie wir jene behandeln, die uns anvertraut sind, zeigen wir, wes Geistes Kind wir sind.
Über diesen Lehrsatz lachen nicht mal mehr die Hühner, jedenfalls nicht mehr, nachdem wir sie mit Dioxin aus der Bio-Dieselproduktion gefüttert haben. Soviel zu Bio. Ich werde das Zeug nicht tanken! Ich will anständigen Diesel aus echtem Erdöl, Punkt.
Nur die Schweine behandeln uns als gleichgestellt („ I am fond of pigs. Pigs treat us as equal“). Diese Weisheit deckt sich mit unserer Alltagserfahrung. Hunde sind treu und ergeben. Man könnte sie als die Deutschen unter den Tieren bezeichnen. Oder die männlichen Charaktere. Katzen sind unzweifelhaft Frauen. Das zeigen sie nicht nur in ihrer Grazie, sondern auch im stets überlegenen Kalkül. Dazu ist der Hund zu trottelig. Zu solchen Erfahrungen weiß jeder Stand-Up-Comedian Episoden und Witze beizutragen.
Aber wir reden hier nicht über „gender“, sprich Geschlechterrollen. Wir reden über das schlechte Image unserer Artgenossen, der Schweine. Obwohl wir bei einer hauchdünnen Scheibe Schinken die Augen vor Glück zu verdrehen wissen, verdrängen wir die Tatsache, dass es sich um einen Schweinehintern handelt, wenn auch um den eines mit Kastanien gefütterten Gevatters der suhlenden Gattung.
Ungeliebte Polizisten nennt man „pigs“. Und eine üble Sache eine Schweinerei. Zur Diskriminierung von Nationalcharakteren muss es herhalten: Was dem Araber das Pferd und dem Engländer der Hund, sagt man in England, sei dem Iren das Schwein. Oder die Ambivalenz in sexuellen Dingen darf die Rüsselnase benennen. Eine amerikanische Schauspielerin macht ihren Verehrer verächtlich, indem sie ihn als „pig in a silk suit“ bezeichnet, das ihr Blumen sende. Man weiß nicht so recht, was sie stört, der tierische Sex oder der Seidenanzug.
Kurzum: Das Schwein hat ein Reputationsproblem. Dieser Befund deckt sich mit einem Brecht-Wort: Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Schweine scheinen uns Sinnbild unseres verachteten Selbst. Darüber lohnt nachzudenken.
Quelle: starke-meinungen.de