Logbuch
HOME OFFICE DIE ZWEITE.
Während des Hausarrestes, zu dem wir während der Corona-Seuche gezwungen wurden, wärmte man ein Konzept aus ganz alten Zeiten auf, die Heimarbeit. Da sich ein Schwachsinn in diesem Land nur hält, wenn er Englisch benamst wird, erfand irgendein Realschüler den Begriff des HOME OFFICE (bei den Inglesen eigentlich das Innenministerium).
Den Fleißigen bürdet das die doppelte Last von Lohnarbeit und Kindesbetreuung wie Hausarbeit auf; es wandelt Wohnzimmer zu Folterkellern mit Teams oder Zoom. Den Faulen gefiel das. Die Morgentoilette konnte sich auf den Oberkörper beschränken; untenrum wurde gegammelt. Seine Dienstpflichten waren in bester Beamtenmanier auf den Anschein der Präsenz zu beschränken. Die wirkliche Arbeit tat das, was sie immer tut, sie geht dahin, wo sie erledigt wird. Oder bleibt halt unerledigt. Schlendrian kommt immer an.
Die Produktivität des indirekten Bereichs sank in den Keller. An ihre Stelle trat Hygge, Gemütlichkeit. Szenenwechsel. Ich interessiere mich für Glashäuser, in denen man ein exotisches Klima simuliert, um, sagen wir, Palmen zu züchten. Bei einem Besuch im englischen KEW erhalte ich den Hinweis auf das österreichische SCHÖNBRUNN; toller Glas-Stahl-Palast im Garten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die junge habsburgische Kaiserin hatte beschlossen SCHÖNBRUNN zur Residenz auszubauen und dort zu leben und zu herrschen. Ein HOME OFFICE des aufgeklärten Absolutismus für Austria, Böhmen und Ungarn. Ich schlendre durch den Palast und halte vor ihrem Bett inne. Ein Monstrum von etlichen Quadratmetern. Man belehrt mich, dort habe sie nicht nächtens geknackt, sondern nur des Morgens ihren Hofstaat empfangen, im Bett, am Bett besser gesagt. Da sie oft das Wochenbett zu teilen hatte, hätte sich das ohnehin angeboten.
Das ist die Idee: HOME OFFICE DIE ZWEITE. Ich bleibe in der Kiste und empfange Klienten wie Kollegen im Boudoir. Und für Videokonferenzen braucht auch kein Mensch Schreibtische. Wenn Maria Theresia ein Weltreich aus den Kissen regieren konnte, dann wird mir das ja wohl auch noch gelingen. Powered by Pyjama.
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NOCH SO EIN KINDERBUCH.
Heute morgen wurde mir eine Stunde Zeit geschenkt, die ich dazu genutzt habe, ein sogenanntes WHITE PAPER zu lesen, das eine „moderne Wirkungsmessung in der PR“ zu erwägen verspricht. Wurde mit großer Geste offeriert. Vertane Zeit, eine Luftnummer.
Worum geht es? Eine zentrale Neurose von Managern der Public Relations liegt darin, dass Öffentlichkeitsarbeit Zeit und Geld kostet, man aber nicht weiß, ob die PR ihr Geld wert war. Man glaubt, dass das bei klassischer Werbung leichter sei; noch ein Irrtum (zumal es fünf Jahre dauert, bis Du weißt, ob eine neue Marke etwas taugt).
Bevor ich mit Fachlichem langweile, zwei Beispiele spontaner Evidenz. Als erstes Wahlkämpfe. „Don‘t get elected for your ideas, get elected!“ Das habe ich von meinem Kollegen Dick Morris, dem Spin Doctor von Bill Clinton. Die Frage, wessen Kampagne erfolgreich war, ist entschieden, wenn das Wahlergebnis steht. Ich sage das bei gleichzeitiger Fassungslosigkeit darüber, wie Trump mit „sleepy Joe and Comrade Kamala“ umgeht (und der X-Verleger ihm hilft).
Zweites Beispiel: Vorproduktionsverkauf. Wenn Du eine komplette Jahresproduktion des neuen Autos durch Vorbestellungen schon verkauft hast, obwohl noch niemand in der Schüssel gesessen hat, außer der Presse, jedenfalls kein Kunde, dann bist Du unsterblich. Natürlich war der Launch in Cala Di Volpe und nicht in Oer-Erkenschwick. Sold by PR: Car Guys wissen, was ich meine.
Jetzt zum Fachlichen: Public Relations sind ausgeübte Sozialwissenschaften; auch wenn das die Geisteswissenschaftler oder Autodidakten grämt. Es bedarf des GROSSEN METHODENSCHEINS. Ohne soziale Empirie geht das nie. Das findet der Autor des weißen Papiers, mit dem ich fahrlässig meine morgendliche Freistunde vertan habe, vernachlässigungswürdig; er sei, so seine Einlassung, ein „Kind der Praxis“. Noch so ein Kinderbuchautor.
Nun zur geschenkten Stunde. Welch eine Luftnummer. Ich kriege zurück, was man mir gestohlen hat. Aber das ist ja das grün-rote Paradigma: „tax and spend!“ Wir kriegen mit großer Geste geschenkt, was man uns vorher genommen hat (oder unseren Enkeln nehmen wird). Mein Bedarf an Enid Blyton ist gedeckt.
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HALBWISSEN.
Ich lese im Wartezimmer des Berliner Kassenarztes ein selbst gefertigtes Schild, nach dem man dem Weißkittel bitte nicht mit den Diagnosen von Doktor Google kommen möge. Frechheiten gelten am Ort als Ausweis von Esprit, sprich Kultur. Das ist übergriffig, aber ich verstehe, was die Seele des Quacksalbers gekränkt hat. Es gibt eine gemeinsame Klage von Ärzten und Anwälten, die mit allzu schlauen Mandanten zu tun hat. Es wird von den indignierten Fachleuten das Internet gerügt, was natürlich zu vordergründig ist.
Der vorinformierte Patient ist eine Konstante der Medizingeschichte; so wie der rechtskundige Mandant schon manchem Rechtsgelehrten die Laune ruiniert hat. Woran erkennt man den Heroen des Halbwissens? Am gnadenlosen Gebrauch von Fachbegriffen, die er aufgeschnappt hat und nun zum Nachweis seiner Expertise allerorten daherplappert. Man lese dazu von Jean Baptiste Poquelin das wunderbare Werk um den „bourgeois gentilhomme“, eine politische Posse um eingebildete Bildung.
Um Rat fragen zu können, das bedarf einer Haltung der Demut vor der Expertise, die ausgerechnet dummen Menschen gänzlich fehlt. Und es bedarf einer konzentrierten Vorbereitung, das in wenigen Worten klarer Sprache sagen zu können, was der Gelehrte noch nicht wissen kann. Das ist Laienpflicht. Stattdessen plappert der Halbgebildete frei nach Apotheken-Umschau von Anamnese und chronischer Hypochondritis oder belügt seinen eigenen Anwalt, weil der dann besser den Richter anschmieren kann. Zusätzlich noch Phrasen aus der Gratis-Kanzlei der Rechtsschutzversicherung. Das geht, man glaube mir, häufig schief.
Zurück zu Poquelin. Die Handlung um den geltungssüchtigen Spießbürger, der für einen Adeligen edler Abkunft gehalten werden will, und deshalb um Konversation wie bei Hofe bemüht ist, die ist genau genommen nur Nebenhandlung. Eigentlich geht es um einen Wettbewerb der Eitelkeit zwischen den muslimischen Osmanen und dem katholischen Franzosen, wobei der Konflikt weniger den Religionen geschuldet ist als Herrschaftsansprüchen. Ein kreuzmodernes Thema aus dem 17. Jahrhundert.
Darin der ironische Leitsatz: „Einbildung ist auch eine Bildung.“ Wäre auch ein Schild wert, etwa für die Anwaltskanzlei. Aber Ironie ist eine Falle.
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Das Weihnachts-Interview: Kant zum Kult von Kundus
Weihnachten im Felde: das ist ein sehr deutsches Thema. Das Feldlager in Kundus wird just zur adventlichen Kulisse politischer Kundgebungen. Kaum ist der Bundesverteidigungsminister nebst Gattin und Talkmaster Kerner aus dem Kriegsgebiet zurückgekehrt, darf die Truppe eine neue Bühne für einen weiteren Besuch zimmern: Die Kanzlerin reist mit zu Guttenberg an.
Fotos flattern uns auf den Adventstisch, die Merkel mit zu Guttenberg und Offizieren betend in der Ehrenhalle der Bundeswehr zu Kundus zeigen, vor einem geschmückten Weihnachtsbaum, im Gedenken an die Gefallenen. Ehre, wem Ehre gebührt. Aber man darf in diesem Zusammenhang nicht nur von Kriegspropaganda sprechen, man muss es, wenn Sachfragen der Außen- und Verteidigungspolitik derart zu Personality-Formaten des Boulevard gewandelt werden. Wir sprachen mit Moral in der Politik und Showbusiness statt Politik mit dem Königsberger Philosophen Professor Immanuel Kant.
Kocks: „Professor Kant, die Befürworter der Talkshow in Kundus führen an, dass man auch zu modernen Mitteln der Kommunikation greifen müsse, um den Menschen im Lande Sinn und Zweck der Politik zu erklären. Für einen modernen Patriotismus sei jedes Mittel recht. Was sagt das über den Zustand der politischen Kultur?“
Kant: „Eine Politik, welche, was den Punkt der Mittel betrifft, nicht bedenklich ist (also die des Polikasters), ist Demagogie. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt, und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Daß der größte Theil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“
Kocks: „Aber muss nicht gerade eine wertgebundene Politik Sorge tragen, von breiten Kreisen der Bevölkerung verstanden zu werden? Da kann doch Personalisierung, die Einbeziehung der eigenen Familie, wie wir es bei Wulff und zu Guttenberg erleben, nur helfen. Braucht nicht gerade die moralische Politik eine gewisse Raffinesse der Darstellung?“
Kocks: „Es geht nicht um Rechtsbrüche. Der Auslandseinsatz der Bundeswehr ist ja parlamentarisch gedeckt. Meine Frage bezog sich auf das Verhältnis von Moral und Politik. Sind diese Truppenbesuche nicht auch ein moralisches Vorbild für eine Gesellschaft, die immer gleichgültiger gegenüber Grundwerten wird? Brauchen wir nicht mehr politische Moralisten?“
Kant: „Ich kann mir nun zwar einen moralischen Politiker, das ist, einen, der die Prinzipien der Staatsklugheit so nimmt, dass sie mit der Moral zusammen bestehen können, aber nicht einen politischen Moralisten denken, der sich eine Moral so schmiedet, wie es der Vorteil des Staatsmannes sich zuträglich findet.“
Kocks: „Sie sind sehr rigoros, was den Anspruch angeht, nachdem die Maximen unseres Handelns zugleich immer auch als Grundsätze einer allgemeinen Gesetzgebung annehmbar sein sollten. Ist das aber nicht doch reine Theorie, fern der politischen Praxis?“
Kant: „Es kann keinen Streit der Politik als ausübender Rechtslehre mit der Moral, als einer solchen, aber theoretischen geben (mithin keinen Streit der Praxis mit der Theorie): man müsste denn unter der letzteren eine allgemeine Klugheitslehre, das ist eine Theorie der Maximen, verstehen, zu seinen auf Vorteil berechneten Absichten die tauglichsten Mittel zu wählen, das ist, leugnen, dass es überhaupt eine Moral gebe.“
Kocks: „Aufgabe der Politik ist es doch, so lautet, glaube ich, der Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Und die tatsächliche Bedrohung etwa durch Terrorakte wird in diesen Tagen ja geschürt. Auf jedem Bahnhof stehen schießbereite Polizisten. Hilft in dieser Welt Prinzipienreiterei?“
Kant: „Die politischen Maximen müssen nicht von der aus ihrer Befolgung zu erwartenden Wohlfahrt und Glückseligkeit eines jeden Staats, also nicht vom Zweck, den sich ein jeder derselben zum Gegenstande macht (vom Wollen), sondern von dem reinen Begriff der Rechtspflicht (vom Sollen, dessen Prinzip a priori durch reine Vernunft gegeben ist) ausgehen, die physischen Folgen daraus mögen auch sein, welche sie wollen.“
Kant: „Wir müssen annehmen, die reinen Rechtsprinzipien haben objektive Realität, das ist, sie lassen sich ausführen; und danach müsse auch von Seiten des Volks im Staate und weiterhin von Seiten der Staaten gegeneinander gehandelt werden; die empirische Politik mag auch dagegen einwenden, was sie wolle. Die wahre Politik kann also keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben.“
Kocks: „Und doch lodert allenthalben Doppelmoral und Unfrieden. Und in Afghanistan, haben wir gelernt, findet der Krieg gegen den Terror statt, wie im Irak. Wie blauäugig muss man sein, um in einer solchen Welt vom ewigen Frieden zu reden?“
Kant: „Es soll kein Krieg sein. Also ist nicht die Frage, ob der ewige Friede ein Ding oder Unding sei, sondern wir müssen so handeln, als ob das Ding sei, was vielleicht nicht ist, und auf Begründung desselben und diejenige Konstitution, die uns dazu die tauglichste scheint, hinwirken, um ihn herbeizuführen und dem heillosen Kriegsführen ein Ende zu machen.“
Kant: „Nationalstolz und Nationalhass sind Instinkte, die die Tierheit an uns dirigieren, aber durch Maximen der Vernunft ersetzt werden müssen. Um dessenwillen ist der Nationalwahn, jener Wahn, den Regierungen so gerne sehen, auszurotten, an dessen Stelle Patriotismus und Kosmopolitismus treten muß.“
Kocks: „Und das kann man in einer Verfassung haben, Vaterlandsliebe und Weltbürgertum? Sie träumen vom ewigen Frieden!“
Kant: „Wir reden von einer auf Freiheitsprinzipien gegründeten Verfassung aus der Idee der Vernunft. Drei Definitivartikel zum ewigen Frieden, einer unausführbaren Idee, wenngleich letztes Ziel des ganzen Völkerrechts: 1. Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein. 2. Das Völkerrecht soll auf einem Föderalismus freier Staaten beruhen. 3. Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein.“
Kocks: „ Hospitalität? Das Lateinische hat ja mit dem Begriff „hospes“ ein und dasselbe Wort für den Fremden wie für den Gast. Meinen Sie das: Der Fremde als Gast, Gastfreundschaft als Prinzip, auch im weltbürgerlichen Maßstab?“
Kant: „Er versteht schon recht. Frohe Weihnacht, Friede auf Erden und den Menschen einen Wohlgefallen.“
Kocks: “Professor Kant, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“
Quelle: starke-meinungen.de