Logbuch
ENTE.
Das englische Feuilleton beschäftigt sich gerade mit zwei Neuerscheinungen, Biografien des nordkoreanischen Herrschers Kim Il Sung; man ist interessiert, wie eine regelrechte Dynastie entstehen und so lange überleben konnte. Es müsste sich um den Großvater des gegenwärtigen Imperators handeln. Und wir sind historisch beim schrecklichen Ende des Zweiten Weltkrieges durch den amerikanischen Einsatz von Atomwaffen gegen Japan sowie den folgenden Wirrungen des Kalten Krieges, die die koreanische Halbinsel in einen kommunistischen Norden und einen amerikanisch gestimmten Süden teilte. Ein Kuriosum wie einst mein Vaterland.
Nordkorea liegt zu seiner Geburtsstunde im Schatten zweier befreundeter Weltmächte, China und Russland, und der gelernte Guerillakämpfer Kim Il Sung weiß sich hier eine Territorialmacht kleiner Geographie, aber großen Anspruchs aufzubauen. Heute handelt der amerikanische Präsident mit seinem Enkel oder dem Sohn, ich bin mir nicht sicher. Aber das ist bei einer Dynastie ja auch egal; ich meine die koreanische. Jedenfalls erinnere ich, dass ich 1971 eine deutschsprachige Ausgabe der Reden und Aufsätze des Kim Il Sung in Händen hielt, erschienen in einem Verlag namens Roter Stern in Frankfurt, und leicht amüsiert ins Regal der kleinen Buchhandlung in Bochum-Querenburg zurückstellte. Ich hatte einen Aufsatz zur Durchsetzung des sozialistischen Prinzips in der Hühnerzucht angelesen.
Der große Vorsitzende sorgte sich dort um die Proteinversorgung der Landbevölkerung und empfahl neben der Hühner- die extensive Entenzucht. Dreißig pro Familie. Das war mir damals nicht so dringend, obwohl in Korea wohl bis heute ein Thema. Jedenfalls muss es jemanden gegeben haben, der die Übersetzung und den Druck Ende der Sechziger finanziert hat. Die intendierte Leserschaft war wohl im Linksradikalen; von uns seinerzeit scherzhaft „die Peking Enten“ genannt. Maos Jünger.
Heute also Studien dazu, wie man eingeklemmt zwischen deroutierten Großmächten eine nationale Identität baut. Auch ein deutsches Thema. Der amtierende Spross der Imperatoren zu Korea spricht übrigens ein lautreines Schwyzer Deutsch; er ist dort in einem berühmten Internat auf seine imperialen Ambitionen vorbereitet worden. Es ist zu erwarten, dass er seinen Gesprächspartnern bei der dritten Weltmacht intellektuell gewachsen ist. Weiter will ich mich zur Weltpolitik nicht äußern. Ich habe das Werk damals ja ins Regal der Querenburger Buchhandlung zurückgestellt. Soweit zur Entenfrage.
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SAGEN KOMMA WAS IST.
Im riesigen Atrium des SPIEGEL-Gebäudes prangt an der Wand ein Kommafehler. Das Motto des legendären Gründers Augstein, den kennenzulernen ich die Ehre hatte, formuliert sich in dem Imperativ, dass zu sagen sei, was ist. Offensichtlich keine Binsenweisheit in seinem Gewerbe. Der Satz beseelt die seinen, weil er Gehorsam und Gefälligkeit untersagt. Eine Zensur findet nicht statt.
Dem guten alten Cato ist der Rat geschuldet, dass man sich an die Sache halten möge, die Worte würden dann schon folgen. Ein Affront gegen Rhetorik. Das ist natürlich nicht sein Ernst gewesen. Er wusste, dass man das Wort ergreifen muss, damit die Sache folgt. Der Mann ist schließlich Ur-Vater der PR.
Jetzt zum aktuellen Fall: Der jüngste SPIEGELTITEL zeigt den AfD-Kandidaten für Sachsen-Anhalt im Porträt und nennt ihn den gefährlichsten Mann unserer Tage. Der so gescholtene Rechtsaußen quietscht vor Vergnügen. Gratis PR. Darf das Leib- und Magenblatt der Linksliberalen so was?
In Verteidigung seiner Blattlinie äußert sich Dirk Kurbjuweit, der amtierende Chefredakteur. Jetzt die Nachricht. An dessen Ägide verbitte ich mir jede Kritik. Der Grund ist lapidar: Der Mann ist Kettwicht. So nennen sich die Mitglieder des legendären Schülerkabaretts in Essen-Kettwig, dem anzugehören ich auch die Ehre hatte. Wir sind eine heimliche Elite; gegen uns sind die Freimaurer ein Hausfrauenclub.
Wenn bitte nur das Komma noch nachgetragen werden könnte. So fängt das an, mit dem Untergang des Abendländischen; mit schlampiger Interpunktion. Sagen, was ist.
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DAS SCHNÄPPCHEN.
Bevor wir unseren bürgerlichen Spott über den kleinbürgerlichen Schnäppchenjäger ergießen, nehmen wir uns seines großen Bruders an. Dazu müsste man noch wissen, was die Helden von Mantel und Bogen waren, die als Kuponschneider belächelt wurden. Wir sind im Wertpapierhandel des 19. Jahrhunderts und haben Anteilsscheine im Depot. Die Aktie bestand damals aus dem eigentlichen Wertpapier, dem Mantel, und einem Bogen mit einer Unzahl von Coupons, die man, um an die Dividende zu kommen, jeweils abschneiden musste. Daher der Name. Der Kuponschneider galt den Marxisten als feiger Hund, der spekulierte. Ein geldgeiler Parasit.
Aus den AGs schalte später der Spott, dass der Aktionär dumm und frech sei; dumm, weil er das elende Papier erworben habe, und frech, weil er jetzt auch noch Zinsen verlange. Mit der Legitimation des Raubtierkapitalismus nach dem Prinzip des „shareholder value“ verstummten beide Stimmen. Die Welt wurde wie selbstverständlich zum Casino. Für mich begann es damit, dass das edle Röhrenwerk der Brüder Mannesmann an eine englische Telefonbude verscheuert wurde und der Shorti von CEO sich eine goldene Nase verdiente. Darauf ein Victory-Zeichen! Ich werde das Werturteil von oben nicht wiederholen. Es trifft zu.
Jetzt sehe ich die Gratiszeitung, mit der man zum Wochenende meinen Briefkasten verstopft, voller Gutscheine. Sie sind wieder da, die Kupons. Wer gewillt ist, das Möbelhaus von XXL Lutz aufzusuchen, erhält in der dortigen Kantine, die ich nicht Restaurant nennen werde, einen Nudelauflauf gratis. Auf dem Foto sieht er aus, als habe ihn schon jemand gehabt, wie Mageninhalt. Das Haus des Döners gibt jedem Neukunden für Wasserpfeifen eine Teigtasche mit den Fleischabfällen an Yoghurt für 1€. Man liest, dass das Gutscheinunwesen von Walmart stamme, also aus dem Mutterland der Discounter. Dort macht es Pauper zu Preppern. Der Pepper sammelt Toilettenpapier gegen Corona. Und Pasta gegen die Pest. An der Börse geplatzte Immo-Kredite als Paket.
Jetzt auch die Bäckerin, die meine Bestellung von vier Milchbrötchen barsch kontert mit: „Fünf sind im Angebot!“ Das heißt nicht, dass insgesamt fünf billiger wären als vier; es meint, dass das fünfte, das ich gar nicht wollte, wenn ich es doch auch noch nähme, nur halb so teuer wäre, wie die vier jeweils pro Stück. Damit sinken rechnerisch die spezifischen Kosten, während die Summe steigt. Ich nehme aus bloßem Trotz keine Angebote. Discount ist englisch und bedeutet „kann nicht rechnen“. Damit werde ich leben müssen. Ich kaufe keine Sonderangebote. Eine Frage des Charakters. Klar?
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Das Weihnachts-Interview: Kant zum Kult von Kundus
Weihnachten im Felde: das ist ein sehr deutsches Thema. Das Feldlager in Kundus wird just zur adventlichen Kulisse politischer Kundgebungen. Kaum ist der Bundesverteidigungsminister nebst Gattin und Talkmaster Kerner aus dem Kriegsgebiet zurückgekehrt, darf die Truppe eine neue Bühne für einen weiteren Besuch zimmern: Die Kanzlerin reist mit zu Guttenberg an.
Fotos flattern uns auf den Adventstisch, die Merkel mit zu Guttenberg und Offizieren betend in der Ehrenhalle der Bundeswehr zu Kundus zeigen, vor einem geschmückten Weihnachtsbaum, im Gedenken an die Gefallenen. Ehre, wem Ehre gebührt. Aber man darf in diesem Zusammenhang nicht nur von Kriegspropaganda sprechen, man muss es, wenn Sachfragen der Außen- und Verteidigungspolitik derart zu Personality-Formaten des Boulevard gewandelt werden. Wir sprachen mit Moral in der Politik und Showbusiness statt Politik mit dem Königsberger Philosophen Professor Immanuel Kant.
Kocks: „Professor Kant, die Befürworter der Talkshow in Kundus führen an, dass man auch zu modernen Mitteln der Kommunikation greifen müsse, um den Menschen im Lande Sinn und Zweck der Politik zu erklären. Für einen modernen Patriotismus sei jedes Mittel recht. Was sagt das über den Zustand der politischen Kultur?“
Kant: „Eine Politik, welche, was den Punkt der Mittel betrifft, nicht bedenklich ist (also die des Polikasters), ist Demagogie. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt, und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Daß der größte Theil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“
Kocks: „Aber muss nicht gerade eine wertgebundene Politik Sorge tragen, von breiten Kreisen der Bevölkerung verstanden zu werden? Da kann doch Personalisierung, die Einbeziehung der eigenen Familie, wie wir es bei Wulff und zu Guttenberg erleben, nur helfen. Braucht nicht gerade die moralische Politik eine gewisse Raffinesse der Darstellung?“
Kocks: „Es geht nicht um Rechtsbrüche. Der Auslandseinsatz der Bundeswehr ist ja parlamentarisch gedeckt. Meine Frage bezog sich auf das Verhältnis von Moral und Politik. Sind diese Truppenbesuche nicht auch ein moralisches Vorbild für eine Gesellschaft, die immer gleichgültiger gegenüber Grundwerten wird? Brauchen wir nicht mehr politische Moralisten?“
Kant: „Ich kann mir nun zwar einen moralischen Politiker, das ist, einen, der die Prinzipien der Staatsklugheit so nimmt, dass sie mit der Moral zusammen bestehen können, aber nicht einen politischen Moralisten denken, der sich eine Moral so schmiedet, wie es der Vorteil des Staatsmannes sich zuträglich findet.“
Kocks: „Sie sind sehr rigoros, was den Anspruch angeht, nachdem die Maximen unseres Handelns zugleich immer auch als Grundsätze einer allgemeinen Gesetzgebung annehmbar sein sollten. Ist das aber nicht doch reine Theorie, fern der politischen Praxis?“
Kant: „Es kann keinen Streit der Politik als ausübender Rechtslehre mit der Moral, als einer solchen, aber theoretischen geben (mithin keinen Streit der Praxis mit der Theorie): man müsste denn unter der letzteren eine allgemeine Klugheitslehre, das ist eine Theorie der Maximen, verstehen, zu seinen auf Vorteil berechneten Absichten die tauglichsten Mittel zu wählen, das ist, leugnen, dass es überhaupt eine Moral gebe.“
Kocks: „Aufgabe der Politik ist es doch, so lautet, glaube ich, der Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Und die tatsächliche Bedrohung etwa durch Terrorakte wird in diesen Tagen ja geschürt. Auf jedem Bahnhof stehen schießbereite Polizisten. Hilft in dieser Welt Prinzipienreiterei?“
Kant: „Die politischen Maximen müssen nicht von der aus ihrer Befolgung zu erwartenden Wohlfahrt und Glückseligkeit eines jeden Staats, also nicht vom Zweck, den sich ein jeder derselben zum Gegenstande macht (vom Wollen), sondern von dem reinen Begriff der Rechtspflicht (vom Sollen, dessen Prinzip a priori durch reine Vernunft gegeben ist) ausgehen, die physischen Folgen daraus mögen auch sein, welche sie wollen.“
Kant: „Wir müssen annehmen, die reinen Rechtsprinzipien haben objektive Realität, das ist, sie lassen sich ausführen; und danach müsse auch von Seiten des Volks im Staate und weiterhin von Seiten der Staaten gegeneinander gehandelt werden; die empirische Politik mag auch dagegen einwenden, was sie wolle. Die wahre Politik kann also keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben.“
Kocks: „Und doch lodert allenthalben Doppelmoral und Unfrieden. Und in Afghanistan, haben wir gelernt, findet der Krieg gegen den Terror statt, wie im Irak. Wie blauäugig muss man sein, um in einer solchen Welt vom ewigen Frieden zu reden?“
Kant: „Es soll kein Krieg sein. Also ist nicht die Frage, ob der ewige Friede ein Ding oder Unding sei, sondern wir müssen so handeln, als ob das Ding sei, was vielleicht nicht ist, und auf Begründung desselben und diejenige Konstitution, die uns dazu die tauglichste scheint, hinwirken, um ihn herbeizuführen und dem heillosen Kriegsführen ein Ende zu machen.“
Kant: „Nationalstolz und Nationalhass sind Instinkte, die die Tierheit an uns dirigieren, aber durch Maximen der Vernunft ersetzt werden müssen. Um dessenwillen ist der Nationalwahn, jener Wahn, den Regierungen so gerne sehen, auszurotten, an dessen Stelle Patriotismus und Kosmopolitismus treten muß.“
Kocks: „Und das kann man in einer Verfassung haben, Vaterlandsliebe und Weltbürgertum? Sie träumen vom ewigen Frieden!“
Kant: „Wir reden von einer auf Freiheitsprinzipien gegründeten Verfassung aus der Idee der Vernunft. Drei Definitivartikel zum ewigen Frieden, einer unausführbaren Idee, wenngleich letztes Ziel des ganzen Völkerrechts: 1. Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein. 2. Das Völkerrecht soll auf einem Föderalismus freier Staaten beruhen. 3. Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein.“
Kocks: „ Hospitalität? Das Lateinische hat ja mit dem Begriff „hospes“ ein und dasselbe Wort für den Fremden wie für den Gast. Meinen Sie das: Der Fremde als Gast, Gastfreundschaft als Prinzip, auch im weltbürgerlichen Maßstab?“
Kant: „Er versteht schon recht. Frohe Weihnacht, Friede auf Erden und den Menschen einen Wohlgefallen.“
Kocks: “Professor Kant, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“
Quelle: starke-meinungen.de