Logbuch
WAS IST PR?
Wer sich als Journalist in einer „Mission Wahrheit“ zu politischen Interventionen berufen fühlt, erntet natürlich die Häme der dabei Vorgeführten; davor sollte man die Aufklärer schützen. Meinungsfreiheit gibt es nicht in homöopathischen Dosen. Die rechte Agitation unserer Tage bedarf beherzter Antworten. Da kann man auch mal einen groben Keil auf einen groben Klotz setzen. Das vorweg.
Aber die investigativen Posen des David Schraven von CORRECTIV, die strapazieren unsere Geduld. Jetzt hat auch die FAZ wohlüberlegt den Diskussionsstand zu CORRECTIV festgehalten, neulich Jacobs in der SZ, nun Hanfeld. Ausgeruhte journalistische Federn. Der Alleinvertretungsanspruch der NZZ in dem Kontext ist also eitel, aber geschenkt. Man lese diese drei Blätter bürgerlicher Nachdenklichkeit. Was fehlt? Noch immer ist der Elefant im Raum nicht benannt.
Eine mit anonymen Spenden und Steuergeldern finanzierte Organisation intransparenter Struktur und definitiver ideologischer Haltung initiiert einen politischen Aufruhr gegen rechte Parteien, indem sie ihr aus dem Innenministerium zugespielte Informationen zu einem Treffen von Remigrationsideologen dahingehend inszeniert, dass eine faschistische Machtergreifung und ein Völkermord analog der Wannseekonferenz drohe und dies als investigativen Journalismus mit angeblich geheimen Filmdokumenten von der geplanten Deportation deutscher Staatsbürger fremder Herkunft begründet, die nicht präsentiert werden. Der politische Kontext ist ein Kampf gegen Rechts, den die Bundesregierung, jedenfalls das Kanzleramt und das Innenministerium, propagiert hat; dem dient man faktisch.
Was immer daran stimmt oder nicht, es handelt sich begrifflich nicht um JOURNALISMUS, sondern um PR. Auch bei anderen ideologischen Vorsätzen von CORRECTIV agiert diese Organisation als PR-Agentur unter Tarnung als Vierter Gewalt und in selbst bescheinigter Funktion des Gemeinwohls, im Interesse „der Gesellschaft“. Das bekannte Argument des Robespierre; Folgen bekannt.
Selbst wenn man den CORRECTIV-Aktivismus prinzipiell für wünschenswert hält, was der Autor dieser Zeilen tut, ist es begrifflich völlig klar, was hier abgeht, politisches PR im Regierungsauftrag. So viel Ehrlichkeit müsste ertragen können, wer den Mut hat, das Allgemeinwohl für seine politische Intervention zu bemühen. Sonst erholt sich die Mission Wahrheit nämlich nicht von ihrer eigenen Lebenslüge.
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COQUUS, DER KOCH.
Nicht, weil es mein Name nahelegte, aus wirklichem Interesse würde mich eine Sozialgeschichte des Kochens interessieren. Und damit meine ich etwas anderes als die Herren Ramsey oder Rosin, die die Sozialpädagogen an der Friteuse spielen. Was hat sich fundamental geändert?
Entsaisonalisierung. Man bekommt immer alles. Selbst Spargel. Das Sauerkraut war der vor dem Verfall gerettete Weißkohl, aber eigentlich doch ein Produkt des Herbstes und der Winterzeit. Man kann heute ganzjährig ERNTEDANK sagen. Das ist zunächst der Weißblechdose zu danken, dann der Tiefkühltechnik.
Entregionalisierung. Man bekommt überall alles. Die Italien zu verdankende Tomate sprach irgendwann holländisch, schnittfestes Wasser aus mit Erdgas beheizten Treibhäusern, dann hebräisch, als die Rispentomate mit dem Flieger aus dem Heiligen Land kam.
Pseudo-Ethnisierung. Wir gehen zum Griechen, wegen des Ouzo auf‘s Haus. Zum Chinesen schon immer (ich empfehle weltweit die 84). Zum Italiener wegen der Sahne an der Carbonara und der Ananas auf der Mafiatorte. Inzwischen beherrschen in Berlin die Vietnamesen auch die japanischen Sushi-Bars, weil sie es können.
Entfachlichung. Wie doof die Menschheit wirklich ist, das sieht man an den Hilfsprogrammen im TV. Hier werden Dinge erklärt, die für die Hausfrau zum Elementarsten gehörten (Gemüse schneiden, sogar Zwiebeln). Die Amerikaner erweisen sich hier (wie auch bei vielen anderen Themen) als die grundverwirrten Deppen unter den vorsätzlich Doofen; not knowing one‘s ass from a hole in the ground.
Für all diese Megatrends gibt es ein absolutes Symbolprodukt: das erfolgreichste Gericht aller Zeiten, die Tiefkühlpizza. Essen für Idioten. Und selbst bei der braucht es den Hinweis, dass das Plastik, in das sie eingeschweißt ist, entfernt werden soll, bevor sie in den Ofen kommt. Alter Schwede.
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KANON.
Früher bestand Bildung darin, dass man bestimmte Dinge kannte, kennen sollte. In der Mathematik die vier Grundrechenarten und in der Physik den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Im Englischen ein großes Drama der Elisabethaner und im Sport den Felgaufschwung. Das hat die moderne Didaktik abgeschafft und durch Lernziele ersetzt.
Seitdem kann man Abi haben, aber nie den Faust gelesen; daran merkt man schon, dass sich über den Bildungskanon streiten lässt. Goethe ist nicht wichtig. Shakespeare ein Vielschreiber und der Barren ein Folterinstrument. Was also muss man wissen, wenn man kein regelrechter Idiot sein will? Woher stammt das Motto der Lukacs’schen Ästhetik? Aus Marxens Kapital, klare Sache. Zum Beispiel. Das ist sie, die Frage nach dem Kanon.
Ich habe gestern hier zum allgemeinen Unverständnis eine Episode aus einem Film von 1941 zitiert, mit dem der junge Orson Welles die großen Verleger seiner Zeit karikieren wollte. Das Schätzchen heißt CITIZEN KANE. Die angesprochene Schlüsselszene betrifft einen Kinderschlitten mit dem Namen ROSEBUD. Kennt kein Mensch mehr. Gilt als abgedreht. Könnte ich auch Homer im Original zitieren. Gehört wohl nicht mehr zum Kanon.
Dann nenne ich, wieder, um der Zensur zu entgehen, KARL MARX den „Bärtigen aus Trier“. Noch so ein kryptisches Ding. Nur mein Freund Martin aus Brunsviga weiß, wovon ich spreche. Er gehört halt zu denen, die das KAPITAL gelesen haben, die Bände 23 bis 25 der Marx-Engels-Werke. Lire le capital. Sind auch nicht mehr viele. Aber Elon Musk zitiert einen Satz des Bärtigen, der dort gar nicht steht. Was soll’s. Bücherwissen. Staub. Nun gut, aber Filmklassiker, gehören die dazu?
Darf ich mal fragen? Die Außenseiterbande? Die Mutter und die Hure? Tote schlafen fest? Panzerkreuzer Potemkin? Paul? Taxi Driver? Nein, nichts? Alter Schwede. Die Abschaffung des Kanon war ein echter Fehler.
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Schmelztiegel, Salatschüssel oder Mosaik: Was denn nun, Herr Bundespräsident?
Dass die Amerikaner spinnen, gehört zum Allgemeingut, insbesondere, wenn es um die Frage der Political Correctness geht. Wenn man ein böses Wort sagt, knurrt sofort jemand: „Watch your language!“ In New York wurde ich gerade bei einem Geschäftsessen nachdrücklich belehrt, dass es in dieser Hauptstadt der Einwanderung keinen „melting pot“ gebe, ein Wort,das ich noch aus dem Gymnasium im Kopf hatte.
Und schon bin ich als urdeutscher „Kraut“ geoutet; man ist fürsorglich empört. Denn der Schmelztiegel meine ja, dass die kulturellen Identitäten der Zuwanderer verschmelzen würden. Dagegen verwahre sich der New Yorker Banker jüdischer Abstammung wie der italostämmige Fuhrunternehmer wie der irischkatholische Pizza-Mogul, sagt mir ein White Anglosaxon Protestant (WASP), der mit einer White Italo-American Catholic (WIAC) verheiratet ist, während ein Hardworking Asian Immigrant (HWAI) unserer Dreierrunde das Essen serviert, das vermutlich ein Latino-Amerikaner aus Texas (Tex-Max ?) zubereitet hat.
Ist also Assimilation auch in New York ein Verbrechen, so wie der türkische Ministerpräsident es den Gastarbeitern aus der Türkei zugerufen hat, die inzwischen meine Landsleute sind? Assimilation ist auch hier ein Unwort, weil es kulturelle Unterwerfung meint. Selbst die Vorstellung einer Integration wird mit spitzen Fingern angefasst.
Der Eid auf die Verfassung sei nur beiläufig ideologisch, im Kern gehe es um das Recht auf Privateigentum und das Tragen von Waffen. Skurril. Ich flüchte mich in unserer heikel werdenden Diskussion in den soziologischen Fachjargon. Dann sagt man so Sachen wie: Die kontinuierliche Akkommodation der Migranten führt zu einer Absorption von anomischem Verhalten aus dem Kontext ihrer Herkunftsethnien und in zwei bis drei Generationen zu einer umfassenden Akkulturation; spätestens die Enkel sind dann richtige Amerikaner.
Das habe ich als deutscher Professor mal so vorgetragen. Joe und Betsy gucken mich an, als sei ein Fremder aus einer anderen Galaxie an ihren Tisch gelangt. „Don’t be so German!“ Das sei doch ganz einfach, nämlich wie beim Salat. Der Salat bestehe aus diesem und jenem Grünzeug und etwas Obst und ein, zwei Körnern, die zwar in der Salatschüssel zusammenträfen, aber doch ihre Eigenart behielten. New York ist kein Melting Pot, sondern eine Salad Bowl. Big Apple als Salatschüssel, gänzlich unsoziologisch, aber plausibel. Da staune ich.
Mein amerikanischer Freund findet, das sei schon wieder ein typisch deutscher Gedanke. Und seine wohlerzogene Dottoressa hält mir in gebrochenem Deutsch ein Zitat entgegen: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Das finde ich gemein und wechsele endgültig das Thema. Auf dem Rückflug verarbeite ich meinen Ärger und erkenne, dass wir die Diskussion um Leitkultur und Nationalcharakter mit unzulänglichen Bildern, vor allem aber in „vollkommener Begriffsblindheit“ (Jürgen Kaube, FAZ) führen.
Von der politischen Klasse ist dazu keine Hilfe zu erwarten; Merkel ist stolz, Sarrazin nicht gelesen zu haben, und Gabriel bescheuert genug, ihn aus der SPD ausschließen zu wollen. Aber unser Staatsoberhaupt, das könnte doch Weisung geben. Christian Wulff ist als Bundespräsident mit dem Anspruch angetreten, aus der ersten Behörde des Landes eine Denkfabrik zu machen. Gut gebrüllt, Löwe!
Was also hat die Denkfabrik herausgebracht zur Frage von Assimilation, Integration oder Segregation von ausländischen Zuwanderern? Nichts als schwammige Phrasen der Anbiederung und vieldeutige Gesten auf türkischem Boden. Der Islam gehört zu Deutschland: Dümmer geht es nimmer. Als Löwe gesprungen, als Bettvorleger gelandet.
Versuchen wir es also begrifflich strikter. Dies ist ein freies Land, das Religionsfreiheit bietet und eine Bewertung der Menschen nach ihrer Abstammung ausschließt. Stichwort: Die Menschenwürde ist unantastbar. Kein Gottesstaat, kein christliches Abendland germanischer oder gar arischer Herkunft. Die Bundesrepublik ist wie jeder säkulare Staat eine ganz nüchterne juristische Konstruktion. Nach innen behauptet der Staat ein Machtmonopol und gewährt den Bürgern im Gegenzug Sicherheit durch Recht und Gesetz. Nach außen verlangt er von anderen Staaten mindestens die Respektierung seiner Grenzen. Die Begriffe Volk und Nation haben hier systematisch nichts zu suchen.
Der vermeintliche Begriff „Staatsvolk“ ist irreführend. Staatsbürger halten die Gesetze des Leviathan ein und genießen dafür seinen Schutz; das ist alles. Jenseits des Staatlichen liegt nur noch Privatheit, in der jeder nach seiner Facon selig werden kann. Ja, Religion ist Privatsache. Ja, Abstammung und Geschlecht spielen keine Rolle. Aber Schulpflicht ist kein Elternrecht, sondern das Menschenrecht des Kindes, das der Staat auch gegen den Elternwillen durchzusetzen hat. Eine arrangierte Heirat hat nichts mit religiösen oder kulturellen Eigenarten zu tun, sondern ist ein Verbrechen, das strafwürdig ist. Insgesamt ist der Staat etwas ganz Profanes.
Damit beginnt zugleich die Crux. Die Menschen ertragen das Profane schlecht. Sie suchen sich Mythen, um dem Profanen einen höheren Sinn zu geben. Das ist nicht nur eine private Regung, das ist nicht nur der Kausalnexus für die Entstehung aller Religionen, sondern zumeist eine Frage von Macht, sprich Politik und dem Kampf um Macht. Hier beginnt der Staat sich selbst zu erfinden als Nation.
Wir sind als Rasse, als Stamm, als Volksgenossen, als nationale Wesen, was unsere Feinde nicht sind. Und so definiert sich der italienische Nationalcharakter durch Koch- und Liebeskünste, der deutsche durch Pünktlichkeit, Fleiß und ein properes Polizeiwesen und der polnische mittels allgemeinem Schlendrian, während das Russische in Melancholie und Wodka ertrinkt. Nationale Vorstellungen sind ein Mummenschanz von Vulgärmythen, die distinktiv gegeneinander geschärft werden, aber eigentlich alle aus dem gleichen mythischen Sumpf stammen.
Jeder Nationalcharakter ist ein Ressentiment – und wie bei allen, die durch Vorurteile beseelt sind, bestätigt das Leben die Sichtweise, die man ihm entgegenbringt. Wir sehen nur, was wir bereits im Kopf haben, nicht umgekehrt, hat schon der alte Cato gesagt. Eine Leitkultur gibt es nur für politische Hetzer, die damit nach dieser oder jener Macht greifen. Menschenrechte und bürgerliche Rechtsordnung, Gewaltenteilung und repräsentative Demokratie, das sind die einzigen Leuchtfeuer der Moderne.
Alles andere ist religiöser Fanatismus, rassistischer Wahn oder Stammesritual. Als aufgeklärte Weltbürger, die wir seit dem 18. Jahrhundert sein sollten, stehen wir nicht für die nationalen Mosaiken von Priestern oder Politikern zur Verfügung, die sich Nationen bauen, um deren Führer sein zu können. Gott, wie deutsch, denke ich, als ich in Frankfurt lande. Salatschüssel eben. Das werde ich jetzt in Schloss Bellevue vortragen. Das versteht auch Wulff. Also nicht wundern, wenn Sie demnächst den Herrn Bundespräsidenten von der Salatschüssel reden hören. Wir werden dann brav applaudieren und seine Denkfabrik loben.
Quelle: starke-meinungen.de