Logbuch
UNHÖFLICH.
In einem völlig leeren Lokal in Mitte setzten sich Touristen an den Nachbartisch. Der Familienvater spricht mich an, stellt sich mit dem Vornamen und durch Handschlag auf meine Schulter vor. Ich entscheide mich zu gehobener Unhöflichkeit.
Ein spanischer Fußballfunktionär teilt einer siegreichen Fußballspielerin seine Freude mit, indem er sie initiativ auf den Mund küsst. Empörung. Ein Wangenkuss wäre noch gegangen, insbesondere ein nur angedeuteter. In der Bussi-bussi-Kultur macht man das links und rechts; vielleicht sogar noch ein drittes Mal. Bruderküsse. Einigkeit besteht, dass spätestens der Mundkuss, allemal der Zungenkuss Ausdruck von Intimität ist; also sozial exklusiv.
Es geht um den Grad der Annäherung, der möglichst gering auszufallen hat, will man nicht übergriffig werden. Ein österreichischer Handkuss ist eine nur angedeutete Lippen-Berührung der gehaltenen Hand der Gnädigen; man schleckt aber nicht die Pfote mit der Zunge ab. Wie überhaupt der extensive Austausch von Körperflüssigkeiten dem Sexualleben vorbehalten sein sollte, wo der biologische Sinn ja herkommt. Konsens vorausgesetzt.
Wir sind bei den Umarmungen, dem verbrüdernden Körperkontakt, und den Gesten der Ehrerbietung, mit oder ohne Berührungen. Die hochgereckte Arbeiterfaust, wie wir sie noch von Teddy Thälmann gelernt haben, ist neuerdings diskreditiert, weil Trump sie missbraucht. Ach so, Nachricht nach Sachsen: der durchgestreckte Arm geht nicht mehr, laut BRD-Gesetzgebung verboten.
Wer sich nähert, hat vorher zu grüßen. Rituale der Anerkennung, zum Teil der Freundlichkeit oder gar der Freundschaft oder der Intimität. Höflichkeit ist eine Zier, heißt es. Sie entsteht im ausgehenden Mittelalter an Höfen als Kultivierung von Verhalten, das die Grobheiten des Landadels oder gar der Bürger und Bauern meidet. Daraus bildet sich Etikette und Manieren. Letztere sah meine Frau Mutter als Teil ihres Erziehungsauftrages. Etwa, dass der Handschlag zur Begrüßung durch den Knaben mit dem „schönen Händchen“ zu erfolgen habe, schon dem Wortlaut nach albern.
Ich erlebe einen Kurarzt, der bei der Visite statt des Händegebens (Gefahr der Durchseuchung) einen „Diener“ anbietet; er wird nicht viele Patienten finden, die die leichte Verbeugung noch verstehen. Aber er hat natürlich Recht. So wie der operierende Chirurg gut beraten ist, seinem Patienten mit einem festen Händedruck Vertrauen zu schenken. Wertschätzung und Respektsbezeugungen, die Höflichkeit ritualisieren.
Wie mich erzwungene Nähe zunehmend irritiert. Höflichkeit heißt Distanz wahren.
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MEUTEREI.
Wenn sich eine brave Schiffsbesatzung in eine MEUTE verwandelt, also den Aufstand übt gegen die Führung, spricht man seit der legendären Rebellion auf dem Segler Bounty Ihrer Majestät von „mutiny“, der Meuterei. Im Militärischen erwartet man dann, dass die Meuterer am Mast baumeln.
Ich lausche gestern Abend dem BBC-Korrespondent in Moskau bei den Versuchen, zu den Spekulationen um den Flugzeugabsturz des Anführers der WAGNER-Miliz etwas Verlässliches zu sagen, obwohl er vor Ort nicht mehr weiß, als wir an den Fernsehschirmen. Ich kenne Steven Rosenberg noch aus seiner Berliner Zeit und schätze ihn sehr. Er ist klug und kennt das Land, er ist mutig, aber was soll er sagen?
Es bleiben nur Konditionalsätze: Wenn (!) der Marsch auf Moskau eine Meuterei der Legionärstruppe Wagner gegen das reguläre Militär war, gar gegen die Militärische Führung, gar gegen die Politische, dann wird Putin nichts bleiben, als die Meuterer ostentativ aufzuknüpfen. Dann wäre das brennende Wrack des Privatjets eine Botschaft. Und die Zuschauer zufrieden. Das haben wir erwartet, also alles gut.
Die Deutung geschichtlicher Ereignisse hängt davon ab, für welches Narrativ ich mich eingangs entscheide. Geschichte folgt aus Geschichten. Rosenberg erwähnt auch, dass der Wagner-Boss in Leningrad eine Hamburgerbude hatte und als Putins Koch begonnen. Ich war in St. Petersburg mal mit hochrangigen Gas-Managern in einem Luxusrestaurant, das ihm gehörte; ein umgänglicher Kerl, wurde mir dort versichert. Vodkaseeliger Abend; habe vergessen, wer da alles dabei war. Diese Stories führen zu nichts oder in eine andere Richtung. Vor allem: diese Narrationen brächten im Moment keine Erleichterung beim Fernsehzuschauer.
Mir wird wieder klar, dass unsere Genugtuung darüber, die Nachrichten verstanden zu haben, davon abhängt, ob wir Erzählungen finden, die Ereignisse in solche Konditionalsätze packen können. Es geht immer um geliehene Plausibilität.
Und hinter all den geliehenen Plausibilitäten herrscht der Kinderglaube, dass Politik Sinn macht. Da bin ich nicht sicher. Wir könnten es mit einem Irrsinn vielfältigster Art zu tun haben. Ob uns daraus die „werteorientierte Außenpolitik“ der Frau Baerbock befreit, für die „unsere Werte und unsere Interessen zwei Seiten ein und derselben Medaille“ sind, wie die betont Kriegsbereite jüngst erläutert, daran habe ich ganz besonderen Zweifel.
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SPIEGLEIN AN DER WAND.
Leider kann ich heute kein Klartext schreiben, weil sonst die Automaten der Aufklärung im Reich der Mitte anspringen. Es geht um einen Angehörigen jenes Berufsstandes, dessen Sekretärin Moneypenny heißt, Sie verstehen schon, aber eben aus der großen Nation, wo man mit Stäbchen isst. Alles klar? Er heißt so wie der Räuber HOOD vorne und Z&@ang hinten.
Die TIMES meldet, dass der Vorgenannte unter zahlreichen Pseudonymen die Plattform „LinkedIn“ bevölkert, um seinen Erkundungen und Erkundigungen (pun intended) nachzugehen. Es wird Auskunftsbereiten Money geboten und zwar mehr als ein Penny (pun…). Ich will mit dieser Welt der Schlapphüte nichts zu tun haben, obwohl ich auch auf der Plattform bin. Nicht meine Welt, 007.
Aber eines interessiert mich doch: Was zum Teufel kann man auf „LinkedIn“ an Vertraulichem erfahren? Das ist der Ort unverhohlener Prahlerei mit den aller albernsten Eitelkeiten. Dachte ich bisher. Man scheint da im Reich des Großen Vorsitzenden, der den großen Fluss durchschwamm und tausend Blumen blühen ließ, schlauer zu sein. Und sich noch schlauer zu machen. Seidenstraße im Internet.
Experiment: Wir wollen das Betriebsgeheimnis der Deutschen Bahn erkunden und vernetzen uns dieserhalb mit der Vorstandsvorsitzenden Frau Doktor Sigrid Evelyn N. auf LinkedIn. Kürzlich barfuß in Cargo-Latschen zu sehen. Machen wir mal. Was genau erfahren wir jetzt über die Bahn und deren betriebliche Wirklichkeit? Ha! „Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Und das interessiert den Chinamann?
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Schmelztiegel, Salatschüssel oder Mosaik: Was denn nun, Herr Bundespräsident?
Dass die Amerikaner spinnen, gehört zum Allgemeingut, insbesondere, wenn es um die Frage der Political Correctness geht. Wenn man ein böses Wort sagt, knurrt sofort jemand: „Watch your language!“ In New York wurde ich gerade bei einem Geschäftsessen nachdrücklich belehrt, dass es in dieser Hauptstadt der Einwanderung keinen „melting pot“ gebe, ein Wort,das ich noch aus dem Gymnasium im Kopf hatte.
Und schon bin ich als urdeutscher „Kraut“ geoutet; man ist fürsorglich empört. Denn der Schmelztiegel meine ja, dass die kulturellen Identitäten der Zuwanderer verschmelzen würden. Dagegen verwahre sich der New Yorker Banker jüdischer Abstammung wie der italostämmige Fuhrunternehmer wie der irischkatholische Pizza-Mogul, sagt mir ein White Anglosaxon Protestant (WASP), der mit einer White Italo-American Catholic (WIAC) verheiratet ist, während ein Hardworking Asian Immigrant (HWAI) unserer Dreierrunde das Essen serviert, das vermutlich ein Latino-Amerikaner aus Texas (Tex-Max ?) zubereitet hat.
Ist also Assimilation auch in New York ein Verbrechen, so wie der türkische Ministerpräsident es den Gastarbeitern aus der Türkei zugerufen hat, die inzwischen meine Landsleute sind? Assimilation ist auch hier ein Unwort, weil es kulturelle Unterwerfung meint. Selbst die Vorstellung einer Integration wird mit spitzen Fingern angefasst.
Der Eid auf die Verfassung sei nur beiläufig ideologisch, im Kern gehe es um das Recht auf Privateigentum und das Tragen von Waffen. Skurril. Ich flüchte mich in unserer heikel werdenden Diskussion in den soziologischen Fachjargon. Dann sagt man so Sachen wie: Die kontinuierliche Akkommodation der Migranten führt zu einer Absorption von anomischem Verhalten aus dem Kontext ihrer Herkunftsethnien und in zwei bis drei Generationen zu einer umfassenden Akkulturation; spätestens die Enkel sind dann richtige Amerikaner.
Das habe ich als deutscher Professor mal so vorgetragen. Joe und Betsy gucken mich an, als sei ein Fremder aus einer anderen Galaxie an ihren Tisch gelangt. „Don’t be so German!“ Das sei doch ganz einfach, nämlich wie beim Salat. Der Salat bestehe aus diesem und jenem Grünzeug und etwas Obst und ein, zwei Körnern, die zwar in der Salatschüssel zusammenträfen, aber doch ihre Eigenart behielten. New York ist kein Melting Pot, sondern eine Salad Bowl. Big Apple als Salatschüssel, gänzlich unsoziologisch, aber plausibel. Da staune ich.
Mein amerikanischer Freund findet, das sei schon wieder ein typisch deutscher Gedanke. Und seine wohlerzogene Dottoressa hält mir in gebrochenem Deutsch ein Zitat entgegen: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Das finde ich gemein und wechsele endgültig das Thema. Auf dem Rückflug verarbeite ich meinen Ärger und erkenne, dass wir die Diskussion um Leitkultur und Nationalcharakter mit unzulänglichen Bildern, vor allem aber in „vollkommener Begriffsblindheit“ (Jürgen Kaube, FAZ) führen.
Von der politischen Klasse ist dazu keine Hilfe zu erwarten; Merkel ist stolz, Sarrazin nicht gelesen zu haben, und Gabriel bescheuert genug, ihn aus der SPD ausschließen zu wollen. Aber unser Staatsoberhaupt, das könnte doch Weisung geben. Christian Wulff ist als Bundespräsident mit dem Anspruch angetreten, aus der ersten Behörde des Landes eine Denkfabrik zu machen. Gut gebrüllt, Löwe!
Was also hat die Denkfabrik herausgebracht zur Frage von Assimilation, Integration oder Segregation von ausländischen Zuwanderern? Nichts als schwammige Phrasen der Anbiederung und vieldeutige Gesten auf türkischem Boden. Der Islam gehört zu Deutschland: Dümmer geht es nimmer. Als Löwe gesprungen, als Bettvorleger gelandet.
Versuchen wir es also begrifflich strikter. Dies ist ein freies Land, das Religionsfreiheit bietet und eine Bewertung der Menschen nach ihrer Abstammung ausschließt. Stichwort: Die Menschenwürde ist unantastbar. Kein Gottesstaat, kein christliches Abendland germanischer oder gar arischer Herkunft. Die Bundesrepublik ist wie jeder säkulare Staat eine ganz nüchterne juristische Konstruktion. Nach innen behauptet der Staat ein Machtmonopol und gewährt den Bürgern im Gegenzug Sicherheit durch Recht und Gesetz. Nach außen verlangt er von anderen Staaten mindestens die Respektierung seiner Grenzen. Die Begriffe Volk und Nation haben hier systematisch nichts zu suchen.
Der vermeintliche Begriff „Staatsvolk“ ist irreführend. Staatsbürger halten die Gesetze des Leviathan ein und genießen dafür seinen Schutz; das ist alles. Jenseits des Staatlichen liegt nur noch Privatheit, in der jeder nach seiner Facon selig werden kann. Ja, Religion ist Privatsache. Ja, Abstammung und Geschlecht spielen keine Rolle. Aber Schulpflicht ist kein Elternrecht, sondern das Menschenrecht des Kindes, das der Staat auch gegen den Elternwillen durchzusetzen hat. Eine arrangierte Heirat hat nichts mit religiösen oder kulturellen Eigenarten zu tun, sondern ist ein Verbrechen, das strafwürdig ist. Insgesamt ist der Staat etwas ganz Profanes.
Damit beginnt zugleich die Crux. Die Menschen ertragen das Profane schlecht. Sie suchen sich Mythen, um dem Profanen einen höheren Sinn zu geben. Das ist nicht nur eine private Regung, das ist nicht nur der Kausalnexus für die Entstehung aller Religionen, sondern zumeist eine Frage von Macht, sprich Politik und dem Kampf um Macht. Hier beginnt der Staat sich selbst zu erfinden als Nation.
Wir sind als Rasse, als Stamm, als Volksgenossen, als nationale Wesen, was unsere Feinde nicht sind. Und so definiert sich der italienische Nationalcharakter durch Koch- und Liebeskünste, der deutsche durch Pünktlichkeit, Fleiß und ein properes Polizeiwesen und der polnische mittels allgemeinem Schlendrian, während das Russische in Melancholie und Wodka ertrinkt. Nationale Vorstellungen sind ein Mummenschanz von Vulgärmythen, die distinktiv gegeneinander geschärft werden, aber eigentlich alle aus dem gleichen mythischen Sumpf stammen.
Jeder Nationalcharakter ist ein Ressentiment – und wie bei allen, die durch Vorurteile beseelt sind, bestätigt das Leben die Sichtweise, die man ihm entgegenbringt. Wir sehen nur, was wir bereits im Kopf haben, nicht umgekehrt, hat schon der alte Cato gesagt. Eine Leitkultur gibt es nur für politische Hetzer, die damit nach dieser oder jener Macht greifen. Menschenrechte und bürgerliche Rechtsordnung, Gewaltenteilung und repräsentative Demokratie, das sind die einzigen Leuchtfeuer der Moderne.
Alles andere ist religiöser Fanatismus, rassistischer Wahn oder Stammesritual. Als aufgeklärte Weltbürger, die wir seit dem 18. Jahrhundert sein sollten, stehen wir nicht für die nationalen Mosaiken von Priestern oder Politikern zur Verfügung, die sich Nationen bauen, um deren Führer sein zu können. Gott, wie deutsch, denke ich, als ich in Frankfurt lande. Salatschüssel eben. Das werde ich jetzt in Schloss Bellevue vortragen. Das versteht auch Wulff. Also nicht wundern, wenn Sie demnächst den Herrn Bundespräsidenten von der Salatschüssel reden hören. Wir werden dann brav applaudieren und seine Denkfabrik loben.
Quelle: starke-meinungen.de