Logbuch

DIE HEILIGE FAMILIE.

Das Erhabene ist nicht von dieser Welt. Während wir niederen Wesen im Profanen feststecken, überkront uns das Göttliche. Na ja.

Aus einem Kunstkatalog mit Hilfe eines genialen Fotografen vom Ort ein Bild des großen Albrecht Dürer reproduziert und überlebensgroß ins Büro gehängt. Das ist frech, aber nicht so frech, wie er selbst war, der Albertus Durer Alemanus (so unterzeichnete er, der AD aus Nürnberg).

Wir sehen zwei schwebende Engel, stolz ein Tuch präsentierend, das das Antlitz Jesu zeigt. Kenner kennen das: das Schweißtuch der Heiligen Veronika, die den Nazarener auf seinem letzten Gang zu trösten suchte und seine Gesichtszüge im dargereichten Tuch verewigte. Seit dem das wahre Bild (vera icon) des Herrn. Erhaben. Heilig.

Spoiler: Dürer schmuggelt ein Selbstporträt ins Heilige. Herr Jesus trägt schlicht seine Züge. Das ist frech. Kenner kennen das. Das Genie aus Nürnberg hat sich schon als Knabe selbst porträtiert, und dann im Laufe seines Lebens immer wieder. Wir wissen, wie er aussah. Auch anderen Künstlern sind solche Eitelkeiten unterlaufen; gelegentlich sogar mit dem Ponem des Sponsoren. Dürer hat solche Selbst-Porträts sogar zu Mitteilungen an seinen Arzt genutzt. „Da tut es mir weh!“ Selfies.

Erste Irritation: die Engel zeigen derbe Männerfüße, die offensichtlich mittelalterliches Pflaster zu bestehen hatten. Hat er hier seine eigenen Mauken abgekupfert? Das kann sein. Zweite Irritation: die Gesichter der Engel kommen mir bekannt vor. Das eine ähnelt seiner Gattin. Mit der er, das ist aktenkundig, eine kinderlose Zweckehe führte; sie besorgte seine Geschäfte. Die Managerin. Tüchtige Frau.

Das andere Gesicht kenne ich aus dem Dürer-Haus in Brügge. Ich sehe meine Erinnerungsfotos an eingesehene Dokumente aus dem letzten Frühjahr durch. Ja, es ist die Dienstmagd, die ihn auf seiner Reise nach Antwerpen begleitet hatte. Unter uns: seine Geliebte und die Mutter seines außerehelichen Kindes.

Das ist frech. Zwei Engel mit dem Gottessohn auf der Ebene des Erhabenen. Aber eigentlich, im wirklichen Leben…

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VERSCHIEBUNG.

Cargo verlässt die Schiene und füllt osteuropäische LKWs zuhauf, denen die Straßenflächen abhandenkommen. Wir verdichten nach.

Finde mich im eigentlich vertrauten Düsseldorf in einem neuen Stadtteil, der sich prätentiös als französisches Quartier ausweist. Nun, so ist er der Düsseldorfer. Der frankophil besiedelte Raum war mal, wenn ich das richtig erinnere, Bahngelände. Jetzt dichte Hochhäuser mit Park, aber ohne Parkflächen (pun intended). Ich habe das Glück, eine Lücke im absoluten Halteverbot zu finden.

Die Gleisharfen verschwinden. Ich bin im Schatten des Verschiebebahnhofes in Oberhausen Osterfeld aufgewachsen und habe als Steppke fasziniert zugeschaut, wie in einer solchen Harfe von Gleisen die unterschiedlichsten Einzelwagen zu Zügen zusammengestellt wurden. Dazu bedurfte es neben eines Ablaufberges einer gewaltigen Fläche. Heute von der Bahn aufgegeben eine innerstädtische Bonanza.

Man vermutet ohnehin, dass dies das Geheimnis hinter „Stuttgart 21“ war, die neuen Freiflächen in der Kesselstadt. In Berlin Moabit beobachtet man eine ähnliche Konversion: Güterbahnanlagen am Hafen in neue Stadtteile, hochverdichtet und eben mittendrin in der Metropole. Zum Bäcker gehend parke ich dort notgedrungen in der Busbucht.

Die Güter verlassen die Schiene; das ist die innerstädtische VERSCHIEBUNG der letzten Jahrzehnte. Tjo, so hießen sie ja im Volksmund, die Rangierbahnhöfe: VERSCHIEBEBAHNHÖFE. Dass die schrille Dame bei der Bahn, die das mit hoher Stirn verantwortet, notorisch einen anderen Eindruck erweckt, das irritiert mich nicht. Denn darin sind sie ohnehin groß bei der Bahn. In der Verschiebung.

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FUCKER.

Man unterscheide die „Wahrheit über was“ bitte von der „Werbung für was“. Einige meiner ProfessorenkollegInnen gehen da notorisch fehl. Ein Missionar ist deshalb kein Schriftgelehrter und schon gar nicht umgekehrt.

Mittagessen mit einer sehr netten Medizinpädagogin in einem kleinen Lokal in Augsburg am Eingang zur FUGGEREI. Das ist die erste Sozialsiedlung Europas, lerne ich. Ein karitatives Symbol der reichsten Familie der damaligen Zeit. Schindet Eindruck bis heute, über mehr als 500 Jahre. Sie finanzierten Kurfürsten und den Kaiser sowie eine Handvoll Bettler.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verzeichnet die schwäbische Siedlung „fucker advenit“, die Fugger sind angekommen. Aus Webern wurden Textilhändler, daraus Welthändler aller Güter, Bankiers schließlich, die reicher als der feudale Adel waren, die Herren ihrer Zeit, und die selbst dem Kaiser seine Politik bezahlten.

Kuriose Orte der Weltgeschichte, wo die BEGRIFFE zu sich selbst kommen; mein neues Buchprojekt. Heute die Fuggerei. Warum füttert jemand ostentativ eine Handvoll Obdachlose durch, der Heerscharen von Kurfürsten alimentiert? Weil er ein Exempel christlicher Nächstenliebe vorzeigen können will. Nennt sich „Corporate Social Responsibility“ (CSR), ein PR-Trick.

Die Fugger werden weniger als ein Prozent für Soziales spendiert haben, wahrscheinlich weniger als ein Promille. Zur Erringung der Herrschaft reicht aber nicht das Scheckbuch (das die Fugger der Lilie erfanden); man muss auch die symbolische Herrschaft über das andere große Buch wollen, hier die Bibel. Das Ganze ist eine Frage der HEGEMONIE, aber das ist theoretisches Neuland.

Mit einem Motto belegt ist allerdings schon das Prinzip dieser repräsentativen SYMBOLIK: „Tue nur so und rede darüber.“ Der Kernsatz der PR. Die andere Version („Tue Gutes und rede darüber.“) ist eine alternative Wahrheit, nämlich PR für PR, also PR. Das eine Seelenfängerei, das andere Wissenschaft. Ein Unterschied. Soviel Zeit muss sein.

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Schmelztiegel, Salatschüssel oder Mosaik: Was denn nun, Herr Bundespräsident?

Dass die Amerikaner spinnen, gehört zum Allgemeingut, insbesondere, wenn es um die Frage der Political Correctness geht. Wenn man ein böses Wort sagt, knurrt sofort jemand: „Watch your language!“ In New York wurde ich gerade bei einem Geschäftsessen nachdrücklich belehrt, dass es in dieser Hauptstadt der Einwanderung keinen „melting pot“ gebe, ein Wort,das ich noch aus dem Gymnasium im Kopf hatte.

Und schon bin ich als urdeutscher „Kraut“ geoutet; man ist fürsorglich empört. Denn der Schmelztiegel meine ja, dass die kulturellen Identitäten der Zuwanderer verschmelzen würden. Dagegen verwahre sich der New Yorker Banker jüdischer Abstammung wie der italostämmige Fuhrunternehmer wie der irischkatholische Pizza-Mogul, sagt mir ein White Anglosaxon Protestant (WASP), der mit einer White Italo-American Catholic (WIAC)  verheiratet ist, während ein Hardworking Asian Immigrant (HWAI) unserer Dreierrunde das Essen serviert, das vermutlich ein Latino-Amerikaner aus Texas (Tex-Max ?) zubereitet hat.

Ist also Assimilation auch in New York ein Verbrechen, so wie der türkische Ministerpräsident es den Gastarbeitern aus der Türkei zugerufen hat, die inzwischen meine Landsleute sind? Assimilation ist auch hier ein Unwort, weil es kulturelle Unterwerfung meint. Selbst die Vorstellung einer Integration wird mit spitzen Fingern angefasst.

Der Eid auf die Verfassung sei nur beiläufig ideologisch, im Kern gehe es um das Recht auf Privateigentum und das Tragen von Waffen. Skurril. Ich flüchte mich in unserer heikel werdenden Diskussion in den soziologischen Fachjargon. Dann sagt man so Sachen wie: Die kontinuierliche  Akkommodation der Migranten führt zu einer Absorption von anomischem Verhalten aus dem Kontext ihrer Herkunftsethnien und in  zwei bis drei Generationen  zu einer umfassenden Akkulturation; spätestens die Enkel sind dann richtige Amerikaner.

Das habe ich als deutscher Professor mal so vorgetragen. Joe und Betsy gucken mich an, als sei ein Fremder aus einer anderen Galaxie an ihren Tisch gelangt. „Don’t be so German!“ Das sei doch ganz einfach, nämlich wie beim Salat. Der Salat bestehe aus diesem und jenem Grünzeug und etwas Obst und ein, zwei Körnern, die zwar in der Salatschüssel zusammenträfen, aber doch ihre Eigenart behielten. New York ist kein Melting Pot, sondern eine Salad Bowl. Big Apple als Salatschüssel, gänzlich unsoziologisch, aber plausibel. Da staune ich.

Mein amerikanischer Freund findet, das sei schon wieder ein typisch deutscher Gedanke. Und seine wohlerzogene Dottoressa hält mir in gebrochenem Deutsch ein Zitat entgegen: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Das finde ich gemein und wechsele endgültig das Thema. Auf dem Rückflug verarbeite ich meinen Ärger und erkenne, dass wir die Diskussion um Leitkultur und Nationalcharakter mit unzulänglichen Bildern, vor allem aber in „vollkommener Begriffsblindheit“ (Jürgen Kaube, FAZ) führen.

Von der politischen Klasse ist dazu keine Hilfe zu erwarten; Merkel ist stolz, Sarrazin nicht gelesen zu haben, und Gabriel bescheuert genug, ihn aus der SPD ausschließen zu wollen. Aber unser Staatsoberhaupt, das könnte doch Weisung geben.  Christian Wulff ist als Bundespräsident mit dem Anspruch angetreten, aus der ersten Behörde des Landes eine Denkfabrik zu machen. Gut gebrüllt, Löwe!

Was also hat die Denkfabrik herausgebracht zur Frage von Assimilation, Integration oder Segregation von ausländischen Zuwanderern? Nichts als schwammige Phrasen der Anbiederung und vieldeutige Gesten auf türkischem Boden. Der Islam gehört zu Deutschland: Dümmer geht es nimmer. Als Löwe gesprungen, als Bettvorleger gelandet.

Versuchen wir es also begrifflich strikter. Dies ist ein freies Land, das Religionsfreiheit bietet  und eine Bewertung der Menschen nach ihrer Abstammung ausschließt. Stichwort: Die Menschenwürde ist unantastbar. Kein Gottesstaat, kein christliches Abendland germanischer oder gar arischer  Herkunft.  Die Bundesrepublik ist wie jeder säkulare Staat  eine ganz nüchterne juristische Konstruktion. Nach innen behauptet der Staat ein Machtmonopol und gewährt den Bürgern im Gegenzug Sicherheit durch Recht und Gesetz. Nach außen verlangt er von anderen Staaten mindestens die Respektierung seiner Grenzen. Die Begriffe Volk und Nation haben hier systematisch nichts zu suchen.

Der vermeintliche Begriff „Staatsvolk“ ist irreführend. Staatsbürger halten die Gesetze des Leviathan ein und genießen dafür seinen Schutz; das ist alles. Jenseits des Staatlichen liegt nur noch Privatheit, in der jeder nach seiner Facon selig werden kann. Ja, Religion ist Privatsache. Ja, Abstammung und Geschlecht spielen keine Rolle. Aber Schulpflicht ist kein Elternrecht, sondern das Menschenrecht des Kindes, das der Staat auch gegen den Elternwillen durchzusetzen hat. Eine arrangierte Heirat hat nichts mit religiösen oder kulturellen Eigenarten zu tun, sondern ist ein Verbrechen, das strafwürdig ist. Insgesamt ist der Staat etwas ganz Profanes.

Damit beginnt zugleich die Crux. Die Menschen ertragen das Profane schlecht. Sie suchen sich Mythen, um dem Profanen einen höheren Sinn zu geben. Das ist nicht nur eine private Regung, das ist nicht nur der Kausalnexus für die Entstehung aller Religionen, sondern zumeist eine Frage von Macht, sprich Politik und dem Kampf um Macht. Hier beginnt der Staat sich selbst zu erfinden als Nation.

Wir sind als Rasse, als Stamm, als Volksgenossen, als nationale Wesen, was unsere Feinde nicht sind. Und so definiert sich der italienische Nationalcharakter durch Koch- und Liebeskünste, der deutsche durch Pünktlichkeit, Fleiß und ein properes Polizeiwesen und der polnische mittels allgemeinem Schlendrian, während das Russische in Melancholie und Wodka ertrinkt. Nationale Vorstellungen sind ein Mummenschanz von Vulgärmythen, die distinktiv gegeneinander geschärft werden, aber eigentlich alle aus dem gleichen mythischen Sumpf stammen.

Jeder Nationalcharakter ist ein Ressentiment – und wie bei allen, die durch Vorurteile beseelt sind, bestätigt das Leben die Sichtweise, die man ihm entgegenbringt. Wir sehen nur, was wir bereits im Kopf  haben, nicht umgekehrt, hat schon der alte Cato gesagt. Eine Leitkultur gibt es nur für politische Hetzer, die damit nach dieser oder jener Macht greifen. Menschenrechte und bürgerliche Rechtsordnung, Gewaltenteilung und repräsentative Demokratie, das sind die einzigen Leuchtfeuer der Moderne.

Alles andere ist religiöser Fanatismus, rassistischer Wahn oder Stammesritual. Als aufgeklärte Weltbürger, die wir seit dem 18. Jahrhundert sein sollten, stehen wir nicht für die nationalen Mosaiken von Priestern oder Politikern zur Verfügung, die sich Nationen bauen, um deren Führer sein zu können. Gott, wie deutsch, denke ich, als ich in Frankfurt lande. Salatschüssel eben. Das werde ich jetzt in Schloss Bellevue vortragen. Das versteht auch Wulff. Also nicht wundern, wenn Sie demnächst den Herrn Bundespräsidenten von der Salatschüssel reden hören. Wir werden dann brav applaudieren und seine Denkfabrik loben.

Quelle: starke-meinungen.de