Logbuch
DER WESTEN GEHT AUCH ANDERS.
Es ist eine Identität des Westens entstanden, die nicht mehr liberal ist; das zu leugnen wäre töricht. Donald Trump hat die Wahlen in den USA verloren. Knapp. Seine Wähler sind noch da. Siehe Frankreich.
Vierzig Prozent der Franzosen glaubt also, dass es ihnen besser ginge, wenn sie sich gegen Europa, vor allem aber gegen Deutschland wenden und jegliche Migration unterbinden. Rassismus klingt durch, Nationalismus wird ausgesprochen. Die Herrschaften aus Vichy …
In Großbritannien sind in diesem Lager nicht weniger. Hier hat Madame Le Pen in Form ihres Bruders Boris Johnson ja gewonnen. Nach Ungarn oder Polen oder Tschechien wage ich nicht zu fragen. Die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen. Am deutlichsten vielleicht bei den Grünen als Staatspartei und den ehemaligen Pazifisten dort, die jetzt militärische Aufrüstung in wütende Kriege hinein propagieren. Die Hofreiterei …
Fast erscheint es als ein Glück, wie tölpelhaft die Rechtspopulisten in meinem Vaterland sind. Bitte keinen Spott mehr über die AfD: Wehe uns, wenn die Herrschaften auch noch PR lernen. Was mir mal MAINSTREAM schien, gesetzte politische Kultur, gusseisern, erscheint mir zunehmend als Porzellan. Man gehe vorsichtig mit der Freiheit um. Dass Parteien allein das nicht können, Demokratie bewahren, beweist ihr Niedergang hier wie dort.
Man nehme Abschied von der Vorstellung, dass ein geschichtlicher Fortschritt ein für alle Mal vor reaktionären Rückschritten schütze. FORTSCHRITT DER GESCHICHTE? Da irrte Hegel, tut mir leid. Eine liberale repräsentative Demokratie in Recht und Freiheit scheint nie ganz gewonnen und damit gesetzt. Weckruf der Marseillaise. Der Kampf gegen die Barbarei beginnt jeden Morgen neu. In der Schlange beim Bäcker.
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PANDA POWER.
Es gibt in Gottes Tierreich ganz nette Gesellen und wirklich ekelhafte. Knut war gut. Corona haben wir nicht von Bambi, sondern der Fledermaus. Die Biene ist edel und die Spinne böse. Früher war der Bienenkorb ein Symbol des idealen Gemeinwesens. Aber ein Rattenkönig? Niemals.
Bei Günther Grass habe ich mal gelesen, wie früher im Osten Aal geangelt wurde, durch einen verwesenden Pferdekopf, der als Köder im Wasser hing und die ekelhaften Viecher zu Dutzenden anzog. Einfach nur widerlich. Die Ostfriesen mögen mir verzeihen; ich weiß, dass dort die eigene Aalräucherei bedeutet, was auf Sylt der 911 ist. Aber Aale gehören für mich zu den Reptilien. Und wer mag schon Schlangen essen?
Das Kaninchen, das ist ein feines Tier. Der Stallhase, dem mag man beim Mümmeln zusehen. Das sind die PANDAS des kleinen Manns. Symbole für sympathische Tiere (findet ja auch der World Wildlife Fund, der den chinesischen Gesellen zum Symbol erhoben hat). Der den Stockenten zugetane Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat für die „niedliche“ Wirkung von Tieren ein Wort erfunden. Er spricht vom KINDCHEN-SCHEMA. In uns wird die Mama wach.
Wenn wir beim Anblick der Maske, so heißt die Fresse, sorry, das Antlitz der Genossen, vor Rührung quietschen („Ach, wie süß!“) dann tun eine hohe Stirn, kleine Nase und große runde Augen ihren Dienst. Das, was dem Bambusfresser per Fellfärbung ins Gesicht gemalt ist. Wir nehmen Schlüsselreize wahr, die in uns das Brutpflegeverhalten auslösen. Wir stillen die Niedlichen, tragen sie durch die Gegend, können uns vor Rührung nicht lassen. Wie die russische Nutte mit dem Chiwawa. Die Wilmersdorfer Witwe mit dem Mops.
Ach so, der Rattenkönig. Ein Naturphänomen. Vorbote der Pest, ein böses Omen. Findet sich in einem Gedicht des frühen Brecht. Das ist eine vielzählige Rattenbrut, die sich mit ihren langen Schwänzen so ineinander verknäuelt hat, dass die Biester an den Schwänzen zusammengewachsen sind und nun nicht mehr auseinanderfinden und sich so als bestialisch quiekendendes Rad barbarisch aneinander laben.
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FREUNDLICHKEIT.
Im Englischen nennt es sich KINDNESS, wenn man sich Gesten der freundlichen Zuwendung leistet. Der Gattin jeden Morgen eine Tasse Tee ans Bett bringen, zum Beispiel. Wann erlaubt man sich freundlich zu sein? Eine Frage der Kultur.
Freundlicher ist man zu jenen, zu denen man sich vertrauter fühlt. Es ist ein Verhalten, das NÄHE unterstellt. Darum behandelt die Öffentlichkeit zum Beispiel Flüchtlinge aus Osteuropa freundlicher als solche aus dem Vorderen Orient oder aus Afrika. Menschen aus dem Land, wo die Zitronen blühen, unserer Sehnsuchtsheimat, erscheinen uns näher als der fremdgläubige Finsterling, über den wir nichts wissen. Zu Italienern sind wir freundlicher als zu Somaliern, zum Beispiel. Bei dem Fremden, eine Wahrnehmung, wehrt sich das Tier in uns gegen das möglicherweise Feindliche, eine Unterstellung.
Die BBC hat eine weitreichende Studie gemacht, wann uns Freundlichkeit leichter fällt und wann schwer. Das eine ist die unterstellte Nähe zum Objekt der KINDNESS. Wir wollen Nähe belohnen. Das andere ist eine Eigenschaft, die im Englischen CUTENESS heißt. Das meint die Frage, ob wir etwas „süß“ oder „niedlich“ finden. Hier werden Puppies genannt, Katzen oder Käfigvögel. Ich zum Beispiel finde Haustiere niemals niedlich. Haustiere isst man oder man hat sie nicht.
Szene in einem recht guten Restaurant in Brugge, Belgien („Die kleine Mareike“ oder ähnlich). Ich lasse von einem üppigen Stück Rindsbraten etwas auf dem Teller, was der Tischnachbar, ein englischer Herr mit Gattin, offenbar bemerkt. Er sucht das Gespräch. Er deutet dazu mit seiner Gabel auf meinen Teller und fragt geradeheraus, ob ich das noch zu essen gedenke. Ich bin tief irritiert. Will der unverschämte Kerl vom meinem Teller essen? Vom Nachbartisch rübergreifend? Als ich verneine, beugt er sich herüber, erwischt das Bratenstück mit der Gabel und befördert es mit einem lauten Schmatzgeräusch in einem Schwung unter seinen Tisch. Ich höre dort einen Schoßhund das Schmatzen seines Herrchens wiederholen. Einen Köter vom Teller des Tischnachbar gefüttert. Während des Desserts sieht mich die Töhle erwartungsvoll an. In mehrfacher Hinsicht ein Kulturbruch.
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Die Körnerfresser greifen nach der Macht – wer hätte das gedacht?
Sind die Grünen eine Volkspartei? Gar die einzig erfolgreiche? Es reiben sich Politiker, Journalisten und Meinungsforscher die Augen. Ein Umbruch im Zeitgeist wird prophezeit – die Bio-Republik breche an.
Mich plagen Zweifel. Dem genialen Publizisten Vijai Sapre („Effilee“, eine Zeitschrift für Kulinaristik, mit einem Journalismus, den man ansonsten nur im „New Yorker“ findet) verdanke ich die kühne Frage: „Wie braun ist bio?“ Der Hamburger Kulinarist bezieht das natürlich nur auf den kleinbäuerlichen Lebensmittelkult der Bio-Fans, aber die Frage hat etwas. Ich weiß nur noch nicht, was. Und dann stolpere ich über einen Satz zu Renate Künast, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, die in der Hauptstadt als Regierende Bürgermeisterin in spe antritt. Es geht darum, dass sie erwägt, die Regelung umzustoßen, nach der in Berlin junge Lehrer als Angestellte besoldet werden und nicht schon zum Karrierestart in die Tretmühle eines Berufsbeamtentums hineingebettet werden.
Künast zögert, lese ich, weil ja Beamte die Kernunterstützer dieser Partei seien. Ja, glaubt man das?
Mehrwertsteuersenkung nicht für Hoteliers wie bei der FDP, jetzt bei den Grünen dicke Bezüge lebenslang für Beamte?
Generationsbedingt kenne ich viele Spitzenpolitiker der Grünen noch aus der Zeit, in der sie als studentische Revoluzzer im Kommunistischen Bund Westdeutschland den Sieg im Volkskrieg ersehnten und die allgemeine Volksbewaffnung forderten.
Der Demoskop glaubt, dass die aktuellen Zahlen von 20 bis 24 prozentiger Zustimmung für die Körnerfresser-Fraktion im deutschen Parteisystem durch ein vorübergehendes Parken der Stimme seitens frustrierter SPD- und CDU-Anhänger zustande kommen. Eine Stärke der Grünen liegt sicher in der Schwäche der klassischen Volksparteien SPD und Union und dem Verpuffen der FDP.
Sieht man die Größe der Lager links und rechts nicht nur nach dem Anteil an den abgegebenen Stimmen, sondern an der Anzahl aller Wahlberechtigten, liegen sie jeweils nur bei 20 Prozent. Absolute Mehrheiten gehören unwiderruflich der Vergangenheit an, vielleicht sogar regierungsfähige Mehrheiten.
Denn das ist allen Demoskopen klar: Die Volksparteien sind in sich zusammengefallen. Der Kulinarist Sapre denkt an ein Soufflee, jenes zarte Gebilde, das, falsch aus dem Ofen gehoben, in sich zusammenfällt und nur noch aussieht wie ein pappiges Plätzchen. Und Forsas Güllner weiß, dass das Phänomen der Implosion der Volksparteien, dieser Kartenhauseffekt des Ermattens, struktureller Natur ist.
Man muss den Grünen nicht misstrauen wie der Gourmet und der Zahlenakrobat, aber auffällig ist schon, dass sie nicht so richtig zu sagen wissen, wofür sie eigentlich stehen. Noch schlimmer ist, dass auch ihre potentiellen Wähler eben dies nicht wissen, gleichwohl aber angetan sind.
Und damit sind wir beim Kern: Alle Parteien wandeln sich. Sie sind künftig keine wert- und gesinnungsgetriebenen Tendenzbetriebe mehr, die man mit Attributen wie rechts und links messen könnte. Auch ehedem so schwere Vokabeln wie bürgerlich oder sozialliberal sagen nichts mehr.
Man vertritt alles, von dem man denkt, dass es eine Mehrheit der Menschen insgeheim denkt; so geht Populismus. Am klarsten zeigt das in der Union der Zorn der letzten Konservativen alten Schlages gegen die Merkelisierung, denn die neue Generation der Konservativen verkörpern Ursula von der Leyen, Norbert Röttgen und Karl Theodor zu Guttenberg (vulgo: Agent 007). Den fränkischen Popstar als Kriegsminister einmal außen vor gelassen, von der Leyen ist so schwarz wie rot, so wie Röttgen so grün wie schwarz ist.
Wir sind auf dem Weg in die Demoskopie-Demokratie, fürchtet Merkel. Nein, wir sind auf dem Weg in die Demagogie-Demokratie. Und jetzt reden wir dann doch über KTG. Ein politisches Genie der neuen Zeit, der uns, nur ein Beispiel, ein Söldnerheer verkauft, indem er sich flott kleidet, stets mit Gottessegen auf den Lippen im Vagen rezitiert und bübisch lächelt.
Die Demagogie-Demokratie will unterhalten sein. Dann stimmt die Stimmung wieder. Monarchen werden geliebt, von Untertanen, von den neuen grünen Untertanen, die überall mitreden wollen, aber nichts entscheiden und rein gar nichts verantworten. Das ist es, was die Körnerfresser verkörpern: Alle dürfen mitreden, niemandem droht die Verantwortung. Der linke Marsch durch die Institutionen, den die heutigen Grünen einst begannen, hat genau hier seinen epochalen Triumph gefunden: Öko-Hedonismus mit Pensionsgarantie. Eine Republik von Staatsbestallten und Fürsorgeempfängern, die sich ihren gemeinsamen Traum von freilaufenden Hühnern erfüllen.
Quelle: starke-meinungen.de