Logbuch
HELDEN: HIMMEL LEER.
Warum kauft ein Minister, ein Vizekanzler Gas ein? Wo sind die Unternehmen der Energiewirtschaft? Wo die Bosse der Branche? Haben sich verpisst.
Das ist nicht mehr der Kapitalismus, wie er in den Büchern steht. Ein grüner Wirtschaftsminister, gelernter Kinderbuchautor, bettelt bei den Scheichs um Flüssiggas. ÖKO-STAMOKAP: grün verbrämter staatsmonopolistischer Kapitalismus. Das wäre der Job von großen Energiekonzernen und deren CEOs, Jungs, die Benzol im Blut haben und Eisen fressen. Von mir aus gern auch Mädchen mit Biss. Mein Chef bei der RUHRGAS war aus solchem Holz. Er wurde intern GG genannt; das stand in aller Bescheidenheit für „Gott Gas“. Bei einem devoten Diener vor Scheichs, in solcher Demut, hat der sich nicht erwischen lassen.
Die Helden sind aus. Deren Burgen sind geschliffen. Aus der VEBA wurde E.ON, die jetzt E.off ist. Die RUHRGAS verschwand in etwas, das UNIPER heißt und irgendwelchen Finnen gehört. Was aber machen BP, ESSO und SHELL? Nun, retail is detail. Sie ziehen uns in seltener Dreistigkeit das Fell über die Ohren. Der von den Grünen herbeifantasierte Benzinpreis von 5 Mark pro Liter ist da. Wir zahlen brav schon morgen das Äquivalent von 2,50 € je Liter, für Diesel.
Der Unternehmerhimmel ist leer. Keine Helden mehr, aber in der Industrie anonyme Beutelschneider. Angesichts dessen verliert selbst die wirtschaftsliberale FDP den ökonomischen Verstand und erwägt Gutscheine. So geht GRÜNER STAMOKAP. Ich bin platt.
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ANZUG. ANSTÄNDIGER.
In den Nachrichten: Er kommt aus der Mode, der Anzug. Gemeint ein maßgeschneiderter Anzug mit Weste. Ein Kulturbruch.
Die Börse wertet klassische Anzugschneider ab. Die Mode sei vorbei. Früher haben sich die Hugo Boss dieser Welt dann mit Uniformen über Wasser gehalten. Aber selbst in Kriegsdiensten achten sie nicht mehr auf den Habit. Auch da trägt man jetzt T-Shirt. Der Anzug ist out.
Der legendäre Bertolt Beitz hat als Motiv seiner ersten Erwerbstätigkeit genannt: Ich brauchte einen anständigen Anzug. Das war die Grundausstattung des Herrn. Dazu weißes Hemd mit Manschetten und Krawatte. Schwarzer Pferdelederschuh, Spitzen eisenbeschlagen. So wurde man was.
War meine erste Anschaffung nach dem Studium: ein Dreiteiler mit Nadelstreifen. Eher leichter Mafia-Stil als englischer Banker. Ehrlich gesagt von P&C, so einem etwas edleren C&A, aber Schurwolle. Ich trug ihn vor dem Standesamt. Da sollen heutzutage Herren in „Smart Casual“ auftauchen und in Turnschuhe schlurfen. Kunstfasern bevorzugt. Ich habe es hier schon mal gesagt: Mit Freizeitklamotten gehe ich in die Sauna, aber doch nicht als Freiender (das ist nicht die gegenderte Form von „Freier“, sondern ein echtes Partizip Präsenz).
Der englische Geschäftsanzug aus der Saville Row kostete immer schon zwei oder drei Monatsgehälter des gehobenen Angestellten. Der adelige Gentleman hatte einen Butler gleicher Statur, damit dieser seine Neuware eintragen konnte. Ungetragen galt als neureich. Die Wolle musste mal in den Regen gekommen sein, zumindest schottischer Nebel. Die Queen hat angeblich eine Zofe, die ihre Schuhe einträgt.
Wo bestelle ich meine Anzüge, damit sie bezahlbar bleiben? Bei einem indischen Schneider in Hong Kong; früher. Mail Order bei Pete’s Fashion in Kowloon. Jetzt habe ich einen Inder in KL; noch günstiger. Was in London inzwischen 8k oder mehr kostet, macht der für zwei Glatzen. Frische umgeknickte Scheine. Lieber Euro als Greenbacks, so haben sich die Zeiten auch in Asien gewandelt.
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SHERPA. MELANCHOLIE.
Wer wichtigen Leuten das Gepäck auf den Gipfel schleppt und wem die dünne Luft ganz weit oben noch reicht, den nennen sie SHERPA. Da klingt Anerkennung raus, die eigentlich Verachtung ist. Beides.
Berater sind die Sherpas der Mächtigen. Kein internationaler Gipfel, der nicht von Sherpas vorbereitet würde. Eigentlich haben sie das Sagen, bevor die das Sagen haben, die das Sagen haben. Übrigens auch keine Friedensverhandlungen ohne Sherpas. Distinguierte Herrschaften im Dienst ihrer Regierungen. Der Auswärtige Dienst. Die Welt der Diplomatie. Sie hat einen Glanz, der im Kern Sklavenstolz ist. Legionärsehre. Die Berufskrankheit ist Melancholie.
Das Wort Sherpa meinte zunächst ein Bergvolk in Tibet, das berühmt wurde, als es englische Alpinisten auf den Mount Everest verhalf. Sie schleppten Ausrüstung in die Basislager und einige Stars unter den Sherpas begleiteten die Gentlemen auf die Spitze. Ein abstruser Sport, dem ich noch weniger abgewinnen kann, seit ich einen Abend mit Reinhold Messner verbracht habe und seinen Erzählungen lauschte. Ein sehr kaltes Herz. Er hat etwas von einer Maschine. Ein Avatar. Sein Ruhm ist mir fremd.
Italienreise. Noch im 19. Jahrhundert trugen südtiroler Bergsteiger gutgestellte Reisende auf ihren Schultern über den Groß Glockner. Mit einem Lederriemen aufgeschnallt wurde die Herrschaft gebuckelt und dann über Stock und Stein auf die andere Seite der Alpen geschleppt. Lebende Rucksäcke. Meist standen die mittellosen Knechte in den Diensten von Schweizern, die den guten Groschen gegen karges Brot und Schnaps tauschten. Noch heute spürt man in Südtirol, was das in den Seelen der Geschundenen anrichtete. Die Liebe zum Schweizer Bauern ist nicht sehr groß. Viele kalte Herzen hier im Alto Adige. Heute nährt sie die Äpfelmafia, deren Pestizidexzesse kurzatmig machen.
Frei atmen kann man eigentlich erst, wenn der Po erreicht ist. Das Mensch sein, das beginnt in der Toscana.
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Wessen Staatsoberhaupt?
Fußball interessiert mich nicht. Ich habe von Sport keine Ahnung. Und Fan-Kulturen sind mir völlig fremd. Es hat mich zwar mal eine Edelfeder in einem Zeitungskommentar „Hooligan“ genannt, aber das war wohl nicht wegen meines Sportsgeistes, sondern wegen meiner schlechten Manieren.
Ich stehe fassungslos vor Menschen, die sich darüber unterhalten, ob sie für die Borussen sind oder für die Bayern und das für ein Thema halten. Mich ergreift nicht mal Hochgefühl, wenn, knister-knaster, Deutschland gegen England spielt.
Meine einzigen näheren Begegnungen mit dem Fußball bestanden darin, dass ich mich mit einem afrikanischen Spieler beschäftigen musste, der den Kindersklavenhandel, der seiner Familie in Afrika nachgesagt wurde, für einen legitimen Teil seiner kulturellen Tradition hielt und gleichwohl gerne in Wolfsburg auf den Platz gelaufen wäre. Das war mir nicht recht. Was ich dann an Spielervermittlern, Anwälten und sonstigen Geschäftemachern des Sports erlebt habe, roch für mich nach einer hochorganisierten Halbwelt. Jedenfalls bin ich kein Fan.
Für mich möge der Bessere gewinnen, egal, woher er kommt. Vieles mutet bei den regionalen Clubs wie den Nationalmannschaften ohnehin an wie das Auftreten von international zusammengekauften Söldnerheeren, die ein re-nationalisiertes TV-Event abziehen. Eine globale Akrobatengruppe, die sich weiße oder rote T-Shirts überzieht, um wie Deutsche oder Türken auszusehen. Und das Tor für Deutschland schießt dann ein gebürtiger Pole. Was für eine Kasperei! Kurzum: Man kann nicht desinteressierter an der EM-Qualifikation sein als der Autor dieser Zeilen.
Und doch stutze ich jetzt, den Fernseher in meiner Stammkneipe hörend. Da buht der Mob auf den Rängen einen Spieler bei bloßem Ballbesitz aus, einen netten Jungen mit der Trikotnummer Acht, den die notorisch frechen Berliner am Tresen „Fischauge“ nennen. Der junge Mann stammt von Zuwanderern aus der Türkei ab, ist hier in meiner Heimat aufgewachsen und hat einen deutschen Pass; sein Religionsbekenntnis interessiert mich nicht, weil in diesem Land jeder nach seiner Facon selig werden darf.
Unser Staatsoberhaupt wird dort wohl dienstlich gewesen sein, als Präsident meines Landes, mein Staatsoberhaupt.
Und was tragen die beiden Staatsschauspieler? Jeder einen Fan-Schal, der zur einen Hälfte die deutschen Mannschaft preist und auf der anderen die türkische. Die politische Pose sagt: Beim Spiel Deutschland gegen Türkei ist man für beide; das soll mir jetzt was sagen; irgendwas Anti-Sarrazinisches.
Ich bin nachhaltig empört, über beide Schals, weil ich es nicht liebe, wenn Politik mich verarscht. Bei Erdogan bin ich sauer, weil er eine Islamisierung der Türkei betreibt, die einen ehedem modernen Staat wieder in die vormodernen Gefilde des Gottes-Staates zurückführt. Erdogan sorgt dafür, dass die Türkei nicht in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen werden kann; er steht für einen politisierten reaktionären Islamismus, der, wenn ich ihn als politische Programmatik ernst nehme, nach Faschismus riecht. Ich will an dem Mann keine deutsche Fahne sehen.
Und der Amtsinhaber Wulff, der Softie im höchsten Amt meines Staates, setzt auf Multi-Kulti („Der Islam gehört zu Deutschland!“). Ich will an meinem Präsidenten keine türkische Fahne sehen, wenn er neben Herrn Erdogan steht.
Wir müssen, habe ich von einem klugen Professor in der letzten Woche gelesen, unsere Freiheit, die ganz wesentlich auf der Trennung von Staat und Religion beruht, mit Klauen und Zähnen verteidigen; wer meine Frau und meine Tochter dem Sachrecht zuweisen will, darf auf meine Fan-Zuneigung nicht rechnen. Und auch nicht auf die Unterwürfigkeit des Staatsoberhauptes. Es gilt ausschließlich das Grundgesetz, nicht die Scharia, Herr Wulff; nicht die Hälfte vom Grundgesetz und die andere Hälfte aus der Scharia!
Ich verlange, dass Sie klar Flagge zeigen. Dafür sitzen Sie im Schloss Bellevue, nicht für das Wischi-Waschi einer islamisch-jüdisch-christlichen Bundesrepublik mit flexibler Leitkultur und Menschenrechten auf Abruf. Entscheiden Sie sich, wessen Bundespräsident Sie sein wollen! Und für diese klare politische Logik, da bietet der Sport doch das ideale Verständnis. Deutsche und Türken sind Gegner in einem fairen Spiel. Gegner, nicht Feinde.
Aber diese billige und effekthaschende Abstauberei des konfliktscheuen und leisetreterischen Herrn Wulff, offensichtlich ein Warmduscher in Fragen des Patriotismus, die widert mich an. Bei Amtsantritt habe ich die Befürchtung geäußert, dass dieser Präsident in die Heinrich-Lübke-Galaxie eintauchen wird. Das werde ich noch bereuen, denn Lübke war ein älterer Herr, frei von jeder Ambition, Wulff hat noch was vor. Erschreckt frage ich mich: In wessen Namen?
Quelle: starke-meinungen.de