Logbuch

DAS PARADOX.

Ich stöbere in einem Roman, der Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden ist. Der vor den Faschisten aus Berlin geflohene Bertolt Brecht hat ihn im dänischen Exil verfasst. Der Dreigroschenroman sollte das einzige vollendete epische Werk des Stückeschreibers bleiben. Dort gibt es neben dem schneidigen Mackie Messer und der lüsternen Polly Peachum einen Namensvetter von mir, was mir schon manchen Spott eingetragen hat, der Makler Coax.

Tatsächlich erinnert mich der Coax bei Brecht an unseren Zeitgenossen Friedrich Merz, den Kanzler. Bevor wir in die näheren Gründe einsteigen, der Hinweis, dass ich ihm starke Nerven wünsche und dieser Bundesregierung die Kraft, ihre großen Fehler zu korrigieren, bevor sie damit Alice Weidel an die Macht bringt. Jetzt aber zum Originalton Brecht:

„Es gibt Leute, die die Fähigkeit besitzen, sich in andere überhaupt nicht einfühlen zu können, die von Tatsachen völlig unberührt bleiben und ihre Gedanken ganz und gar ungeniert, ohne jede Rücksicht auf die Umgebung und den Zeitpunkt, aus-sprechen. Solche Männer sind zu Führern geboren.“ Soweit die Lesefrucht. Wie gut ist das denn?

Das Charisma in der Politik, das auch die Stimmen der Stummen bringt, beruht auf einer Paradoxie. Man muss sein, wie die Leute es wollen, und dann doch nicht. Man muss mehr als Mitte. Die Differenzqualität liegt im Mut zur unerwünschten Wahrheit, zur Härte und Konsequenz. Vorausgesetzt das erscheint als Vorangehen. Denn dies ist die Voraussetzung von Gefolgschaft, dass ein Ziel klar und geteilt. Weil immer nur ein gemeinsamer Wahn ist dann Charisma auch so gefährlich. Vernunft sieht anders aus.

Es macht mich im Übrigen nachdenklich, dass die Regentschaft Merkels auf einer sehr niedrigen Wahlbeteiligung beruhte und die Erfolge Weidels auf einer hohen. Wir erleben politische Reaktanz. So formuliert die Schweigende Mehrheit ihr Unwohlsein, das das Unbehagen aufsteigender Heimatlosigkeit ist. Man fühlt sich fremd. Ein Phänomen der nostalgischen Entfremdung von der alten Heimat. Vertriebene.

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OLAF HAT KEINEN HUSTEN.

Heute in einem Jahr, da wird in Niedersachsen der Ministerpräsident gewählt; das interessiert mich wirklich, weil ich damals dabei war, als hier Gerd Schröder gewann und als Sigmar Gabriel verlor, um dem unglückseligen Christian Wulff Platz zu machen, der dann als Bundespräsident eindrucksvoll endgültig scheiterte. Wer jetzt als dessen Nachfahr für die Union antritt, weiß man nicht, ein Unbekannter.

Das Bundesland Niedersachsen ist unter dem Prädikat einer gepflegten Langeweile ein sehr spannendes Exerzitium der Deutschen. Das ist das eine, wozu ich Anmerkungen machen möchte. Das andere hat mit der Formel 44 von Wick zu tun, dem legendären Hustensaft. Die Älteren unter uns werden sich erinnern. Ein Werbespot aus den siebziger Jahren: „Olaf hat Husten! Was? Das darf er nicht.“ Wir sehen eine Szene großer Besorgnis in der Zirkus-Garderobe. Olaf kriegt dann den auszulobenden Hustensaft. Und schließlich sehen wir, woher die allzu berechtigte Sorge. Er ist in der Nummer der Hochseilartisten der unterste Mann. Auf seinen Schultern ruht das Schicksal der anderen. Da darf Olaf nicht husten.

Das andere, was ich zu erwähnen hätte, ist, dass der Friese Olaf Lies, der in Hannover wieder als Landesvater antritt, es kann. Der Mann ist kein weiterer Dampfplauderer in der Kaste der Schwadronierer. Olaf ist Ingenieur. Olaf hat gedient, Marinefunker. Olaf fährt einen VW 1600L, meine erste Karre. Olaf war Umweltminister, bevor er in die Staatskanzlei zog. Im Fall Volkswagen zeigt er Mut und Rückgrat. Aus solchem Holz schnitzt man Kanzler. Kurzum: Auf Olaf ist Verlass. Er hat keinen Husten. Olaf kann‘s.

Moment mal, das klingt ja wie Wahlwerbung. Tjo. Darf ich erwähnen, dass ich der erste war, der Gerd Schröder als „den Auto-Kanzler“ in die Debatte einführte. Da war selbst er überrascht. Ich erinnere mich noch, wie sein Sprecher mir davon abriet. Aber der Erfolg für beide, die Blechbieger wie den künftigen Kanzler war nicht aufzuhalten. Wenn ich sage, der Olaf kann‘s, dann hat das Gewicht. Die Formel 44 der Wahlwerbung.

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MIT FEINER IRONIE.

Gespräch beim Essen des Mittags mit einem Gelehrten über Friedrich Nietzsche und Richard Wagner. Er findet auch, der taugt nix, der Bayreuther. Wir sitzen in einer Markthütte am Rande eines Küchengartens, der man ansieht, dass sie eigentlich ein Provisorium, und wählen von der betont kurzen Karte Fischstäbchen aus Lachs mit hausgemachter Remoulade und Kartoffelstampf. Friedrich sei gegenüber Richard nicht um Einwände verlegen. Das sei alles ein pompöses Getöse leerer Größer, eine falsche Fabrikation fader Dekadenz, deren Attitüde ins Christentum dann endgültig gänzlich peinlich.

Das Gespräch dreht sich auf Thomas Mann. Was der wohl, hätte Nietzsches Gesundheit lange genug durchgehalten und die beiden sich getroffen, sagen wir an Venedigs Lido, von ihm gehalten hätte. Und eine Carmen auf dem Badetuch daneben. Mein gelehrter Gast glaubt nicht an die Wirkkraft der Mannschen Ironie; er hält sie, wohl wie ich, für einen Versuch, dem im Charakter Miefigen und Piefigen zu einer kulturellen Größe zu verhelfen. Ich kann dem nur zustimmen. Mir selbst geht der moralische Vorbehalt Manns auf den Zeiger. Ich mag ihn, was den historischen Faschismus angeht, nicht unter die wirklichen Widerstandskämpfer rechnen wollen, obwohl er sich angesichts der Barbarei geräuspert hat.

Das nach der Hausnummer 11 A benannte Restaurant am Küchengarten könnte ein Unternehmen junger Köche sein, die des morgens die Märkte nach frischer Ware durchstreifen und so ihre Gäste mit Originellem erfreuen. Seltenen Gemüsen verwegener Gärtner, Raritäten von der Angel. Stattdessen Kaninchen. Mein Gast nahm das Wiener Schnitzel, wie sonst im BORCHARDT üblich. Ich sehe aber nach dem Lunch den Kühllaster der METRO anrücken und ein paar schäbige Paletten in die rückwärtigen Lagerräume verfrachten. Nicht mal hochwertige Convenience, nur Kram aus dem ordinärsten Großhandel. Nicht gut genug.

Das ist, was da zu berichten ist, aus Hannover-Linden, dem abgerockten Stadtteil hinter den drei warmen Brüdern. Was am Ort Spitznamen für Schornsteine sind. Sage ich ja. Ironie bringt es nie.

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Wessen Staatsoberhaupt?

Fußball interessiert mich nicht. Ich habe von Sport keine Ahnung. Und Fan-Kulturen sind mir völlig fremd. Es hat mich zwar mal eine Edelfeder in einem Zeitungskommentar „Hooligan“ genannt, aber das war wohl nicht wegen meines Sportsgeistes, sondern wegen meiner schlechten Manieren.

Ich stehe fassungslos vor Menschen, die sich darüber unterhalten, ob sie für die Borussen sind oder für die Bayern und das für ein Thema halten. Mich ergreift nicht mal Hochgefühl, wenn, knister-knaster, Deutschland gegen England spielt.

Meine einzigen näheren Begegnungen mit dem Fußball bestanden darin, dass ich mich mit einem afrikanischen Spieler beschäftigen musste, der den Kindersklavenhandel, der seiner Familie in Afrika nachgesagt wurde, für einen legitimen Teil seiner kulturellen Tradition hielt und gleichwohl gerne in Wolfsburg auf den Platz gelaufen wäre. Das war mir nicht recht. Was ich dann an Spielervermittlern, Anwälten und sonstigen Geschäftemachern des Sports erlebt habe, roch für mich nach einer hochorganisierten Halbwelt. Jedenfalls bin ich kein Fan.

Für mich möge der Bessere gewinnen, egal, woher er kommt. Vieles mutet bei den regionalen Clubs wie den Nationalmannschaften ohnehin an wie das Auftreten von international zusammengekauften Söldnerheeren, die ein re-nationalisiertes TV-Event abziehen. Eine globale Akrobatengruppe, die sich weiße oder rote T-Shirts überzieht, um wie Deutsche oder Türken auszusehen. Und das Tor für Deutschland schießt dann ein gebürtiger Pole. Was für eine Kasperei! Kurzum: Man kann nicht desinteressierter an der EM-Qualifikation sein als der Autor dieser Zeilen.

Und doch stutze ich jetzt, den Fernseher in meiner Stammkneipe hörend. Da buht der Mob auf den Rängen einen Spieler bei bloßem Ballbesitz aus, einen netten Jungen mit der Trikotnummer Acht, den die notorisch frechen Berliner am Tresen „Fischauge“ nennen. Der junge Mann stammt von Zuwanderern aus der Türkei ab, ist hier in meiner Heimat aufgewachsen und hat einen deutschen Pass; sein Religionsbekenntnis interessiert mich nicht, weil in diesem Land jeder nach seiner Facon selig werden darf.

Unser Staatsoberhaupt wird dort wohl dienstlich gewesen sein, als Präsident meines Landes, mein Staatsoberhaupt.

Und was tragen die beiden Staatsschauspieler? Jeder einen Fan-Schal, der zur einen Hälfte die deutschen Mannschaft preist und auf der anderen die türkische. Die politische Pose sagt: Beim Spiel Deutschland gegen Türkei ist man für beide; das soll mir jetzt was sagen; irgendwas Anti-Sarrazinisches.

Ich bin nachhaltig empört, über beide Schals, weil ich es nicht liebe, wenn Politik mich verarscht. Bei Erdogan bin ich sauer, weil er eine Islamisierung der Türkei betreibt, die einen ehedem modernen Staat wieder in die vormodernen Gefilde des Gottes-Staates zurückführt. Erdogan sorgt dafür, dass die Türkei nicht in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen werden kann; er steht für einen politisierten reaktionären Islamismus, der, wenn ich ihn als politische Programmatik ernst nehme, nach Faschismus riecht. Ich will an dem Mann keine deutsche Fahne sehen.

Und der Amtsinhaber Wulff, der Softie im höchsten Amt meines Staates, setzt auf Multi-Kulti („Der Islam gehört zu Deutschland!“). Ich will an meinem Präsidenten keine türkische Fahne sehen, wenn er neben Herrn Erdogan steht.

Wir müssen, habe ich von einem klugen Professor in der letzten Woche gelesen, unsere Freiheit, die ganz wesentlich auf der Trennung von Staat und Religion beruht, mit Klauen und Zähnen verteidigen; wer meine Frau und meine Tochter dem Sachrecht zuweisen will, darf auf meine Fan-Zuneigung nicht rechnen. Und auch nicht auf die Unterwürfigkeit des Staatsoberhauptes. Es gilt ausschließlich das Grundgesetz, nicht die Scharia, Herr Wulff; nicht die Hälfte vom Grundgesetz und die andere Hälfte aus der Scharia!

Ich verlange, dass Sie klar Flagge zeigen. Dafür sitzen Sie im Schloss Bellevue, nicht für das Wischi-Waschi einer islamisch-jüdisch-christlichen Bundesrepublik mit flexibler Leitkultur und Menschenrechten auf Abruf. Entscheiden Sie sich, wessen Bundespräsident Sie sein wollen! Und für diese klare politische Logik, da bietet der Sport doch das ideale Verständnis. Deutsche und Türken sind Gegner in einem fairen Spiel. Gegner, nicht Feinde.

Aber diese billige und effekthaschende Abstauberei des konfliktscheuen und leisetreterischen Herrn Wulff, offensichtlich ein Warmduscher in Fragen des Patriotismus, die widert mich an. Bei Amtsantritt habe ich die Befürchtung geäußert, dass dieser Präsident in die Heinrich-Lübke-Galaxie eintauchen wird. Das werde ich noch bereuen, denn Lübke war ein älterer Herr, frei von jeder Ambition, Wulff hat noch was vor. Erschreckt frage ich mich: In wessen Namen?

Quelle: starke-meinungen.de