Logbuch
FREUNDSCHAFT.
Grußformel aus DDR-Zeiten. Eine beste Freundin haben Mädchen in der Vorpubertät. Männerfreundschaften sind alten Säcken vorbehalten oder Schwulen. Ansonsten gibt es eine Inflation der Freundschaften bei Rotary, den Freimaurern und in der Politik. Parteifreund ist die Steigerung von Erzfeind.
Ich nehme ein Buch zur Hand, in dem ein Aufsatz steht, den ich in den Siebzigern mit einem Kommilitonen geschrieben habe; darin eine Fußnote, in der wir einem Dritten für einen Hinweis auf eine Quelle danken. Der Kerl war aus meiner Generation und lebt schon lange nicht mehr. Also kann er sich gegen die Vereinnahmung als Freund nicht mehr wehren. Schon gar nicht gegen das Attribut eines „alten“ Freundes. Möge die Erde ihm nicht zu schwer werden.
Bei den Männerbünden unter Waffen („brother in arms“) spricht man zu unserem Thema von Kameraden, inzwischen auch weiblichen Geschlechts. Dem Soldaten ist die Kameradschaft befohlen; so heißt das Gesetz der vertikalen Verbindlichkeit. Unter Akademikern lobt man den „Mitkämpfer“ als Kommilitonen; im Kampf um die Wahrheit. Im linken Milieu wird das Solidarität genannt, sprich unter Genossen. Im Nachkriegsdeutschland hießen die ehemaligen Nazis „alte Kameraden“, nicht für jeden ein Lob, das er noch hören wollte nach dem Endsieg, der das Gegenteil war.
Wie komme ich drauf? Nun, ohne Namen zu nennen: Es hat mir ein alter Freund eine schwierige Arbeit abgenommen, weil ich „zu“ war, und heute nachts um zwei abgeliefert. Er kriegt kein Geld dafür, allenfalls seine Frau einen Strauß Blumen. Das war also ein FREUNDSCHAFTSDIENST, ein Dienst aus Freundschaft, an der Freundschaft. Ich staune über den wunderbaren Begriff, bei dem ich hier gelandet bin. Danke, alter Freund!
Es gibt da ein Brecht-Wort zur fehlenden FREUNDLICHKEIT, nach dem man gelegentlich gut sein soll, auch zu sich selbst. Irgendwie liegt Weihnachten in der Luft. Unvermeidliche Sentimentalität.
Logbuch
KITSCH.
Was ist Kunst? Und was ist Kitsch? Andersherum gefragt: Warum ist Kitsch erfolgreicher als Kunst? Weil Kunst Ansprüche stellt, Kitsch dagegen nichts verlangt, aber immer liefert.
Gestern Abend habe ich fasziniert eine TV-Show mit dem holländischen Orchestermusiker Andre Rieu angesehen. Die Verkitschung der Philharmonie zu einer Fernseh-Show, die mit Operette noch zu positiv beschrieben wäre. Der toupierte Dirigent gibt den Teufelsgeiger. Ich hätte geschworen, dass dieser Kees Kippennöker aus Maastricht keinen französischen Namen hat, aber falsch; der heißt wirklich so, der aufgewienerte Stehgeiger. Interessant die kleinen Portraitschnitte ins Publikum. Man sieht die niederländischen Calvinisten in südeuropäischer Verzückung, fast in Ekstase. Kitsch liefert.
Dann noch ein langes Interview mit Boris Becker, jener tragischen Figur, die mit 17 Jahren wohl gut Tennisspielen konnte und jetzt ein ganzes Menschenleben unter der darauffolgenden Überschätzung leidet. Ich fand den nicht so doof, wie ich gefürchtet hatte. Aber natürlich auch Kitsch. Eine Biographie als Seifenoper. Fast empfindet man Mitleid mit dem in die Jahre gekommenen Bobbele. Er soll für den Auftritt eine halbe Million Honorar gekriegt haben. Respekt. Kitsch liefert.
Schließlich mein Wort zur documenta in Kassel. Bisher habe ich zu dem Thema ja vorsätzlich geschwiegen. Die Invektiven um Antisemitismus berühre ich erst gar nicht, weil mir das Thema zu ernst ist für die Possen, die darum gespielt wurden. Aber doch eine Entschlüsselung des Geheimnisses der documenta: Es ist der unverhohlene Anspruch auf Kunst, den hier vulgärer Kitsch stellt, der diese Ausstellung so berühmt gemacht hat. Na gut, es ist Kunst. Aber diese Kunst liefert nicht.
Logbuch
FLOHMARKT.
Der Flohmarkt heißt eigentlich so, weil vor ihm gewarnt werden soll. Im Gegensatz zum Flohzirkus, wo Flöhe die Artisten stellen, die das Publikum begeistern sollen. Flohzirkus auch in der Gesundheitspolitik.
Die Angst vor den Flöhen kommt aus einer Zeit, als diese ekelhaften Parasiten mangelnder Hygiene geschuldet waren und nicht nur Juckreiz verbreiteten, sondern Krankheiten übertrugen, bis hin zur Pest. Wenn sich Flöhe mit irgendetwas nicht vertragen, dann mit einer ärztlichen Fürsorge. Dazu später.
Flohmärkte sind eine großstädtische Erscheinung, in der nicht nur Prachtstraßen die Betuchten locken, sondern auch arme Leute Trödel anbieten, um ihnen einen kargen Erlös zu bieten. Ein Produkt metropolen Prekariats, das inzwischen im grünen Milieu wiederkommt. Und wer dort einen betagten Pelz günstig erwirbt, dem sind dann, so die historische Erfahrung, auch dessen parasitäre Bewohner gewiss. Trotzdem erfreuen sich diese Märkte eines nostalgischen Interesses. Man hofft unter all dem Müll eine versteckte Kostbarkeit zu entdecken. Oder folgt dem Motto: Wiederverwenden statt wegwerfen.
Ich selbst besuche, wann immer ich samstags in Zürich bin, den Flohmarkt am Baur au Lac, um bei einem schweizerdeutschen Türken historische Eispickel zu erwerben. Ich sammle die, die Götter und Leo Trotzki wissen warum. Der Trödelmarkt ist ein kleines Abenteuer für übersättigte Konsumenten. Ich sehe in Berlin auch einige arme Leute, vor allem aber Touris. Ähnliche Phänomene sind die Bauernmärkte und solcher kleiner lokaler Händler. Die mangelnde Hygiene wird durch romantische Nostalgie kompensiert. Schmutzig gilt in diesem Milieu als gesund.
Hier will der Präsident der Bundesärztekammer die gestörte Pharmaversorgung kompensiert wissen, etwa bei Hustensaft für Kinder, der ruhig schon mal abgelaufen sein darf. Was die deutsche Hausapotheke nämlich auszeichnet, ist ihr Alter. Es gilt die gleiche Regel wie beim Gewürzregal in der Küche. Hier sammelt sich Abgelaufenes, sprich vermiedener Müll. Niemals nehme ich, wenn ich schon mal woanders koche, Gewürze aus dem Regal.
Nie kaufe ich von ukrainischen Händlern polnische Pelze russischer Nerze. Niemals würde ich einem Kind Reste eines versüfften Codeinsaftes vom Flohmarkt verabreichen. Das mögen dann die tun, die sich bei Demeter unbehandelte Möhren holen und in der Apotheke Globuli. Oder ist homöopathische „Medizin“ auch schon knapp? Woher kommt eigentlich der Drang dieser Nation, sich wieder auf die Praktiken eines Schwellenlandes zurückzubesinnen? Oder dem Mittelalter Charme abzugewinnen? Ich bitte doch auch nicht den Barbier, mich zur Ader zu lassen.
Logbuch
Gauloises oder Gitanes? – Das fragt Nicolas Sarkozy, der Volksverhetzer von der Seine
„Flic, faschiste, assassin!“ Ich muss einräumen, dass dies auch mein Kampflied war, als ich im Mai 1968, von einer bildschönen Sorbonne-Studentin begleitet, vin-rouge-ordinaire-fröhlich und kämpferisch gesinnt durch die Straßen von Paris zog.
Natürlich war das politisch falsch. Die französische Polizei bestand nicht aus Faschisten, und die Verunfallten der Demos waren tragische Kollateralschäden. Aber so eine französische Studentenrevolte, die hatte seinerzeit schon was für einen deutschen Oberschüler. Man fühlte sich im historischen Atem der großen Französischen Revolution am Rive Gauche dieser Tage und setzte sich nach der Demo gemütlich neben Sartre ins Deux Magots.
Man rauchte Gauloises, aus einer Zigarettenschachtel mit dem Gallierhelm drauf, oder Gitanes (Zigeuner), die von einer tanzenden Zigeunerin geziert wurden.
Tempi passati; Reaktionäres hören wir heute von der Seine. Und wieder klingt es aus den Nachrichten, das alte Lied: „Flic, faschiste, assassin!“ Massenproteste, supranationale Resolutionen und päpstliche Mahnworte: Die französische Innenpolitik sorgt international für Wirbel.
Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat eine neue Bedrohung für die öffentliche Ordnung Frankreichs ausgemacht; der Sohn ungarischer Immigranten schwingt sich, sekundiert von Innenminister Brice Hortefeux, dazu auf, die gallische Heimat von kriminellen Zigeunern zu säubern.
Er benannte das Abfackeln von Bussen und Schulen, das Plündern von Läden und die Anwendung von brutaler Gewalt gegen hilflose (zum Teil sogar körperlich behinderte) Personen als das, was es ist: ordinäre Kriminalität. Er verweigerte sich jedem rührseligen Versuch, einen Molotowcocktail in ein Dialogangebot umzudeuten, und kündigte stattdessen an, mit dem Hochdruckreiniger für Ordnung sorgen zu wollen.
Dafür und für seine Titulierung der marodierenden Massen als ‚Racaille’ (Gesindel) musste er viele mediale Prügel einstecken. Nur wenige Journalisten (unter ihnen mein geschätzter Kollege Henryk M. Broder) wagten es damals, ihm publizistisch beizuspringen.
Das französische Wahlvolk ließ sich davon jedoch populistisch verführen und hob Sarkozy bald darauf ins höchste Staatsamt. Dort machte er in der Folgezeit jedoch weniger durch die von vielen erhoffte konservative Innenpolitik als viel mehr durch amouröse Gockelhaftigkeit von sich reden. Als er dann auch noch seinen Sohn (zum damaligen Zeitpunkt immerhin Jurastudent im ersten Semester) in ein hohes Verwaltungsamt hieven wollte, rieben sich selbst geneigte Beobachter verwundert die Augen.
Mit dem gaullistischen Hoffnungsträger schien eine bizarre Mischung aus Silvio Berlusconi und dem Denver Clan Einzug in den Élysée-Palast gehalten zu haben. Die Imagewerte rutschten ab. Als dann auch noch Affären rund um die Finanzierung der Präsidentenpartei UMP ruchbar wurden, verfinsterte sich der politische Himmel über Nicolas Sarkozy endgültig. Ein Merkelsches Dunkel bewölkte den Pariser Himmel, Westerwellesche Banalitäten füllten die Regenbogenpresse.
Es ist in der modernen Politik geradezu axiomatisch, dass eine solche Situation öffentlichkeitswirksamen Aktionismus der handelnden Personen nach sich zieht. Die Götter hatten ein Einsehen und baten den Plebs um Randale. Diesmal waren es nicht muslimische Vorstadtbewohner, sondern Roma aus dem Barackenlager, die sich da, Vaterland sei wachsam, gegen Ordnung und Polizei stellten.
Prompt war Sarkozy in seiner Paraderolle als oberster Flic der Republik zur Stelle und versprach energisches Handeln. Mit dem, was er nun vorschlug, schoss er jedoch weit über das Ziel einer abwägenden Politik hinaus. Geplante Massenabschiebungen von EU-Bürgern (Zigeuner) in andere EU-Staaten (Rumänien), die gewaltsame Räumung illegaler Barackenlager sowie die Ankündigung, künftig Straftätern mit Migrationshintergrund die Staatsbürgerschaft zu entziehen, sorgten für massive öffentliche Empörung und das diesmal auch zu Recht.
Natürlich mag man sich fragen, ob derartige Kritik nicht gerade jetzt, wo auch Deutschland sich anschickt, 12.000 Roma auf den Balkan abzuschieben, etwas wohlfeil ist. Aber denken wir europäisch, ob die politischen Idioten unserer Tage von der Emscher/Spree stammen oder der Donau/Seine, ist uns, den Aufgeklärten Europas, einerlei.
Das politische Handeln Sarkozys ist aus mindestens zwei Gründen schändlich. Zum einen trägt es überkommenen Rassismus in die Innenpolitik einer großen demokratischen Nation; Ressentiments und Stereotypen treten an die Stelle vernünftiger Kriminalprävention. Zum anderen vereitelt es aber auch eine ernsthafte Debatte über die tatsächlich existenten Probleme mit Teilen der eingewanderten Roma. Denn hier handelt es sich um organisierte Kriminalität, um international organisierte Kriminalität, in der Opfer wie Täter nur noch schwer zu unterscheiden sind.
Man kennt das Bild aus deutschen Großstädten, schmutzige Heranwachsende in zerlumpten Kleidern verbringen ihre Tage als Fensterputzer an verkehrsreichen Kreuzungen. Eltern schicken ihren Nachwuchs zum Betteln und Stehlen, anstatt ihm einen geregelten Schulbesuch zu ermöglichen. Die Lebensbedingungen sind menschenverachtend.
Dem Geist von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, jenem großen Erbe der Französischen Republik, erweist Nicolas Sarkozy mit seiner pauschalen Stimmungsmache gegen eine ganze Ethnie einen Bärendienst. Und so erklingt es wieder, das alte Lied: „flic, faschiste, assassin!“ Ich singe wieder mit.
Quelle: starke-meinungen.de