Logbuch
BITTER BÖSE.
Zu den beliebtesten Disziplinen der alltäglichen Dichtkunst gehört die Satire; im Journalismus GLOSSE genannt. Sie ist, wenn gut, immer sozial hierarchisch, gehört also zum volkstümlichen Vergnügen des frechen Witze-Reißens. Damit antwortet der Humor des Satirischen auf einen machtbewehrten Ernst der Herrschaft, der sich seine Verlächerlichung verbietet. Es ist im Kern eine antiautoritäre Geste. Ihr Spott kann sich freilich auch gegen Minderheiten richten, denen man den Respekt verweigern will. Wir kennen Karikaturen, die demokratisch gestimmt sind, aber auch diskriminierende. Und unfreiwillig komische.
Überhaupt ist sie dem Staatsanwalt ein Greuel, ein intellektuelles Luder, weil stets uneigentliche Rede; man kann sich ihrer Aussage nicht sicher sein, da im Falle der Ironie das Gegenteil des Gesagten gemeint ist. Für einen solchen Fall kann es Ironiesignale geben, zum Beispiel im Mimischen des Redners, aber gesichert scheint nie, was wirklich gemeint. Die mathematische Präzision des Aussagenlogik hat hier ihr Recht verloren. Die Glosse ist nicht nur antiautoritär, sie hat etwas anarchistisches. Ein freches Luder, unernst und zuweilen regelrecht böse, dann wieder tief fröhlich bis ins Alberne.
Lehrsatz: Die Satire kultiviert eine Intentionsirritation. Ich zitiere den Literaturwissenschaftler Claude Rawdon, der sie eine Stimme nennt, die eine Mischung beherrsche, „meaning it, not meaning it, and not not meaning it“; semantisch überkomplex. Satire erfüllt sich deshalb nur in einem präsumptuösen Konsens, einer vorweggenommenen Harmonie des eigentlichen gemeinten, aber verborgenen Sinns, der zu befreiendem Lachen führt. Sie ist der Unernst der individuellen Freiheit. Macht lacht nicht. Nicht aus vollem Herzen.
Die Antike kannte Gelegenheitsdichter, die gegen Honorar Spottverse schrieben über Dritte. Wie hieß der noch? Heutzutage nennt man das PR. Oder Hate Speech. Die SZ war was wert, als das STREIFLICHT noch was galt. Ich lese die TIMES nur deshalb, wegen ihrer satirisch gestimmten Meinungskolumnen, oft bitter böse. Geradezu verletzend. Wunderbar.
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TINTE AUF PAPIER.
Eine der besten Zeitungen der westlichen Welt soll die Washington Post gewesen sein. Ich habe sie nie gelesen, will das aber gerne glauben. Zu viele Mythen ranken um ein liberales Blatt, das sich der unbedingten Wahrheit verpflichtet weiß; jedenfalls soweit sie dem liberalen Amerika zu Diensten war.
Dann verlor ein Medium sein Geschäftsmodell. Ich lese dazu die Wehmut eines Journalisten, der fünfzig Jahre dort gearbeitet hat. Robert G. Kaiser weiß um alle Wendungen, die schließlich der reichste Mann der Welt, Amazongründer Jeff Bezos, genommen hat, um das analoge Geschäft im Digitalen zu retten. Er war nicht knapp bei Kasse, aber an Ideen. Irgendwann war „ink-on-paper“ nicht mehr zu retten. Jeff verlor die Lust.
Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Der Strukturwandel des Mediums traf auf einen Hegemoniewechsel. Kaiser berichtet vom Schock bei dem fleißigen Buchhändler Bezos, als seine Amazon Web Services von einer Vergabe des Pentagon ausgenommen werden sollte. Microsoft stand als Konkurrent höheren Orts stärker in der Gunst. Der neue Hegemon hatte Rüstungsaufträge zu vergeben. Da war man bei Hofe willkommen oder nicht.
Die wehmütige Journaille will nun in der Pose gelernter Moral eine neue Korruption für ihren Niedergang verantwortlich machen. Das scheint mir viel zu kurz gesprungen. Wir haben einen Paradigmawechsel wesentlich profunderer Art. Das betrifft vordergründig mediale Technologie, im Kern aber ubiquitäre Wehrtechnik und das Ende der Aufklärung. Ich werde meine Bochumer Notizen aus den Vorlesungen von Friedrich Kittler rauskramen müssen.
Und natürlich ist der Einzelhandel durch Amazon auch noch keine wirkliche Revolution; er ersetzt Tante Emma durch einen dösigen Paketboten. Wo liegt da der qualitative Sprung? Aber es gibt ihn, epochaler als wir ahnen.
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GUTES GEDÄCHTNIS.
Die Ölkonzerne verlangen jüngst an ihren Tankstellen 2 Euro 50 für den Liter Diesel; ich kann nicht vergessen, dass ich schon mal 49 Pfennig, sprich 0,25€, bezahlt habe. Das ist nach Adam Riese eine Teuerung um den Faktor zehn. Und nach Karl Marx ist das Geld nicht weg, nur in den Taschen anderer.
Man wird die Stadt der tausend Feuer vielleicht nicht mehr kennen, im Volksmund Gesellenkirchen genannt. Hier ist gerade eine Raffinerie, eine petrochemische Großanlage der seligen VEBA, von der britischen BP an einen osteuropäischen Restnutzer verscherbelt worden. Mein Vater hat hier schon in den dreißiger Jahren gearbeitet; die Kriegsvorbereitungen der Nazis schlossen neben Verstromung und der Produktion von Kunstdünger die Hydrierung von heimischer Steinkohle zu Öl und Gas ein. Spitzentechnologie wegen Autarkie. Ideologieverdacht berechtigt.
Sein Sohn war Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre an der Eröffnung einer Pilotanlage zur Verflüssigung und Vergasung der Ruhrkohle Öl & Gas beteiligt. Hier an der Emscher. Man wollte an eine Renaissance der Steinkohle Glauben machen. Mein Gospel damals. Das Argument war wie eine Epoche zuvor Importunabhängigkeit. Es gab gleichzeitig auch eine ökologische Debatte („saurer Regen“), aber noch andere Prioritäten. Wir wollten die Kirche im Dorf lassen.
Sein Enkel durfte dann Mitte der achtziger Jahre nicht mehr vor die Tür, weil in der Ukraine ein russisches Kernkraftwerk havarierte. Schuld waren Bauart und Fahrweise; in Japan 2011 ein Erdbeben in der Tiefsee mit Flutwelle, das nuklear umgedeutet wurde. Die Kirche wurde geschleift. Jetzt das ganze Dorf. Nun berät er, der Enkel, Hersteller und Vermarkter von Strom aus Wind und Sonne, bei denen wir mittlerweile zwar die Anlagen importieren müssen, nicht aber das Wetter. Heimisches Schiefergas bleibt derweil, wir starren auf die Straße von Hormus, ungefördert im Heideboden. Wir sind weltweit die einzigen Irren, die ihre Kernkraftwerke in die Luft sprengen.
Warum erinnere ich mich an all das? Weil ich es kann. Das Gedächtnis des Zeitgeistes ist allerdings bedeutend schwächer als meins. Früher sagte man Glückauf und meinte: Möge der Schornstein rauchen. Dekarbonisierung muss man wollen. So was kommt von so was. Gruß an die Kumpel in Gesellenkirchen am Emscherstrand.
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Für Zweckehen, die Fremdenlegion und Einwanderungsländer – Plädoyer eines Sarrazin-Kranken (Opfer der Volksfürsorge)
Soziologen sind, wenn sie gut sind, die Pathologen der Gesellschaft, gänzlich unsentimental. Ein Soziologe leidet an der Sarrazin-Krankheit, dieser bösartigen Volksfürsorge, fürchterlich.
Weil, er denkt so: Die modernste Organisation im ideengeschichtlichen Sinne ist ein Söldnerheer, die französische Fremdenlegion. Sie fragt nicht, woher die Menschen kommen. Sie kümmert nicht, ob der Vater Muselmann oder Jude oder Christ war, ob es den Brei mit goldenen Löffeln oder aus Holzschalen gab. Sie fragt nicht mal, wie ihre Aspiranten heißen. Die Geschundenen dieser Erde verpflichten sich für eine bestimmte Zeit und auf einen bestimmten Codex, und alles ist gut.
Der durch Geburt oder Umstände gebeutelte Mensch hat keine Vergangenheit mehr, die ihn drückt, nur noch eine jungfräuliche frische Zukunft. Das ist die Errungenschaft der Aufklärung: dass man Verträge schließt und es den Verträgen völlig egal ist, wer sie schließt.
Die Gesellschaft als Vertragszustand funktioniert ungeachtet der Personen, weil dem Vertrag egal ist, wer ihn schließt. Der Vertrag will eingehalten sein und ansonsten kann jeder nach seiner Facon selig werden.
Kontraktualismus heißt für den Soziologen das Geheimnis der Emanzipation von Kirchenterror und Adelsfron. Wir verdanken dem Konzept der Kontrakte nicht nur die religiöse und soziale Freiheit, sondern auch die persönliche.
Die USA sind zur Weltmacht geworden, weil sie sich als Einwanderungsland verstanden haben, für das die alte Welt nichts, gar nichts zählt. Das Prinzip des neuen Gesellschaftsvertrages ist später durchbrochen worden durch religiösen Unsinn wie die Vorstellung, dass es Gottes eigenes Land sei, aus dem man die Indianer gerade vertrieben hatte.
Im Prinzip aber ist der amerikanische Traum ein Vertrag. Der böse Philosoph Nietzsche hatte schon ganz recht: Der Gesellschaftsvertrag ist ein Abkommen der Schafe gegen die Wölfe. Das garantiert den inneren Frieden.
Im Gesellschaftsvertrag geben auch die Wölfe das Recht des Stärkeren an den Staat ab, der mit seinem Monopol auf Gewalt und eine Rechtsordnung dafür sorgt, dass auch die Lämmer und die schwarzen Schafe eine Chance haben.
Und Ehen, das muss auch mal gesagt werden, halten besonders gut, wenn sie als Vertrag geschlossen werden, als Konvenienz- oder Zweckbündnisse. Neigungsehen, im Volksmund auch Liebesheirat genannt, sind ein Blütentraum, den der raue Wind des Lebens bald zerfleddert.
Man muss Fragen des Gefühls, des Geschmacks, der Vorlieben, jedweden ethischen Kram einfach raushalten aus dem gesellschaftlichen Leben – und alles ist gut. Wir schließen Verträge, halten den Vertragsinhalt ein und tun ansonsten, wonach uns die Laune steht.
Gesellschaftliche Fragen sind dann nichts Persönliches mehr, also auch kein Grund sich aufzuregen. Geht dieses Pathos der Distanz verloren, entbrennt eine Debatte der Eigentlichkeit. Wir fragen nicht mehr nach dem, was wir vereinbart haben, sondern danach, ob der andere ein guter Mensch sei.
Daraus mag eine Wettbewerblichkeit erwachsen, die die Menschen nur ehrgeiziger machen kann, zu sich selbst, zu ihrem besseren Selbst zu finden. Wer das entspannt kann, den nennt man einen Weltenbürger oder einen vaterlandslosen Gesellen, je nach Perspektive.
Zugleich liegt über dieser Frage der Ludergeruch der Ausgrenzung, des Pogroms, eines Krieges, des Völkermords. Ambivalent ist die Frage überall, in Deutschland ist der Hang zu Selbstfindungsmythen historisch diskreditiert, mit einem Tabu belegt, aber er existiert gleichwohl.
Auf der Suche nach einem Nationalcharakter sind Staaten, denen eine Seele fehlt. Das ist oft der Fall, da der Staat eigentlich nur ein blutloses Konstrukt ist, ein Vertrag. Diesen Vertrag schließen, ob sie es nun wissen oder nicht, die Bürger, die sich seinen Gesetzen unterwerfen, und die Nachbarn, die seine Grenzen respektieren. Allen Staaten fehlt die Seele. Staaten sind immer künstliche Konstrukte.
Die USA verfügen unter der zarten Schale über Provinzen und eine Provinzialität, die kulturell nicht weit von sogenannten Entwicklungsländern entfernt ist. Und nicht jeder texanische Rotnacken mag den Zentralstaat anerkennen. Der Geisteszustand der konservativen Politikerin Sarah Palin ist ein Paradigma für die dünne Haut der Aufklärung und Moderne, die auf dem alten Kakao schwimmt. Aber so ist es immer.
Ich liebe den Witz über den australischen Einwanderungsoffizier, der in unseren Tagen den britischen Bürger fragt, ob er Vorstrafen habe, worauf jener antwortet, er habe nicht gewusst, dass man noch immer welche brauche. Nach Down-Under hat das Commonwealth nicht seine edelsten Söhne expediert. Und das Vereinigte Königreich, dessen Westminster Demokratie wir als Besiegte des Faschismus zwangsweise lieben gelernt haben, ist eine Zwangsvereinigung der selbstbewussten Schotten, des zweisprachigen Wales und einer nordirischen Provinz mit Englang, der Hegemonialmacht im Inselreich. Das Vereinigte Königreich und Napoleons Heimat noch die großen Vorbilder für moderne Staaten. Unser deutsches Vaterland hat sich über Jahrhunderte nicht aus der Kleinstaaterei und dem feudalen Gewusel befreien wollen.
Dem galt ja der Sehnsuchtsruf des Hoffmann von Fallersleben, nachdem es von der Mars bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt endlich ein einig Vaterland geben sollte. Der Größenwahn hat das Vaterland dann ordentlich verkleinert, die Welt ins Unglück gestürzt; der Spaß an der nationalen Frage sollte uns vergangen sein.
Staaten, das war unser Argument, sind zerbrechliche juristische Zufallsprodukte der internationalen Politik. Nach außen bestehen sie aus Grenzen, die der böse Nachbar jeden Morgen neu zur Disposition stellen kann, siehe Israel.
Nach innen bestehen sie aus einer Rechtsordnung, die die Bewohner anerkennen, jeden falls im Prinzip; Kriminalität und Parallelgesellschaften höhlen das aus. Das Verwunderliche ist aber: Den Menschen reicht es nicht, in einer Rechtsform volatilen Charakters, in einem Konstrukt zu wohnen. Die Stämme, die den Staat bevölkern, entwickeln eine Sehnsucht höheren Ausmaßes.
Menschen sind geschichtenerzählende Tiere, am liebsten richtig große Geschichten, unter Megamythen tun sie es nicht so gerne. Sie wollen partout auch eine Nation sein. Und damit fängt das Elend an. Der Zufall wird umgelogen in eine Schicksalsgemeinschaft. Stammesregeln bestimmen Nationales. Rassenwahn entsteht und Religionskriege.
Ach, lasst uns keine Nation sein. Verzichten wir auf diese völkische Liebesheirat. Lasst uns einen Vertrag schließen. Da darf dann ganz Einfaches drinstehen, wie das Recht auf eine eigene Meinung und auf Eigentum. Oder Kompliziertes wie die Menschenwürde als Verfassungsgrundsatz. Und vielleicht auch, dass eine einheitliche Verkehrssprache gilt, zum Beispiel Deutsch. Oder die Schulpflicht für unsere Kinder. Lauter harmlose Dinge, deren Einhaltung man leidenschaftslos kontrollieren kann.
Quelle: starke-meinungen.de