Logbuch

SANKT PETERSBURG.

Wir müssen uns vor russischer Spionage schützen. Insbesondere vor den Geheimdienstaktivitäten aus St. Petersburg. Von ganz oben. Sancta Iustitia!

Worauf ist der historische Vorsprung der Niederländer im Welthandel zurückzuführen? Fragen sich die Russen und versuchen eben das über Industriespionage herauszukriegen. Der eingesetzte Spion ist das Staatsoberhaupt selbst. Der Zar. Mit dem erbeuteten Wissen betreibt er später die Hafenanlagen im russischen Venedig. Expansion nach Europa in globaler Ambition.

Allerdings hat Kees seine Schiffsbaukunst und die daraus resultierende maritime Aufrüstung zum Sklavenhandel genutzt. Mynheer Pepperkorn war nicht nur auf Gewürze aus. Er bevölkerte die Zuckerplantagen der Karibikinseln mit Zwangsarbeitern. Woher ich das weiß? Meine Quelle? Ein Historiker namens Lortzing aus Leipzig.

Jeder Müller ist mit dem Teufel im Bunde, eine Bauernweisheit. Die hübschen holländischen Windmühlen waren nämlich nicht nur zur Wasserhaltung oder der Mehlzubereitung gedacht. Die Idylle täuscht. Dies waren mit Windkraft mechanisierte Sägewerke. Niemand konnte so flott Planken sägen wie Mynheer Kees Pepperkorn. Historische Wahrheit: Die Windkraft steckt hinter dem Sklavenhandel! So, und jetzt Ihr!

Erst die schottische Dampfmaschine setzte dem ein Ende. Deren Geheimnis war aber nicht der sprichwörtliche Dampf, sondern die Kohleverbrennung. Die britische Expansion zur See beruht auf Steinkohle. Und dann ersetzen Stahl und Eisen den Holzschiffbau. Das Montanzeitalter begann. So war das.

Oh, ich bin klug und weise. Und mich betrügt man nicht. Sancta Iustitia.

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JUBEL PR.

Man möchte dabei sein, wenn die Mächtigen der Welt Geschichte schreiben. Dank Regierungssprecher kann man das. Ein heimlicher Schnappschuss macht den Zeitungsleser zum Zeitzeugen. Von wegen!

Ob der Leiter der Bundesbehörde namens „Bundespresseamt“ ein PR-Fuzzi ist oder nicht, darum geht ein langer Streit. Ich kenne die Amtschefs seit Jahrzehnten eigentlich alle persönlich. Viele davon integer. Darf ich erwähnen, dass mein Onkel Heinz da in der Adenauer-Ära als Nachrichtenchef Dienst tat; und zwar weil die englische Siegermacht dort jene Nachrichtenkollegen der deutschen Seite protegierten, die sie als Offiziere der Wehrmacht kannten und noch für vertretbar hielten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wenige Regierungssprecher hielten sich für PR-Manager; das war ihnen zu profan. Viele auch deshalb, weil sie eigentlich Journalisten waren, die die Politiker in der Hoffnung umgedreht hatten, dass dann ihre Presse besser würde. Was Quatsch ist, da Journalisten in der PR sind, was der Pole beim Fliesenlegen; nichts gegen Polen, versteht sich. Aber ein Meister hat einen Brief oder er ist schlicht Schwarzarbeiter.

Alle Zeitungen bringen ein Foto, das der Regierungssprecher „heimlich“ geschossen und dann „journalistisch“ über dpa verbreitet hat, auf dem man sieht, wie die versammelten Regierungschefs an den Lippen von Olaf Scholz kleben. Die Götter stecken auf dem Olymp die Köpfe zusammen und unser Kanzler ist Zeus. Die Welt lauscht Olaf. Potzblitz!

Der BILD gelingt in einer erstaunlichen MEDIENKRITIK die Offenbarung des Tricks. Sie beweist uns, dass wir Gegenstand von Regierungs-PR sind, wie einst, als Angela Merkel dem US-Präsidenten den Kopf gewaschen hat. Angeblich! Auch so ein vermeintlich intimer Schnappschuss - aus dem Handy des damaligen Regierungssprechers. Staatliches PR mittels Steuergeld. Und was macht der deutsche Qualitätsjournalismus? Er kupfert das bereitwillig ab. Willige Diener der PR.

Alle, außer BILD. Verkehrte Welt? In mehr als einem Sinne. Morgen übrigens von mir ein Selfie, wie ich dem Papst sage, wo es lang geht. Vielleicht sogar Gottvater selbst. Jubel PR kennt keine Grenzen.

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HUB.

Es gibt Gegenden in Thüringen, die so hässlich sind, dass man dem Vorbeifahrenden den Anblick erspart. Dazu gehört direkt hinter Weimar die Stadt Jena. Zwei große Tunnel verbergen die Ansicht dieses Elends. Das war nicht immer so. Hier war ein Hub.

Im Frühjahr 1797 schreibt GOETHE in seinem Tagebuch von einem ausgefüllten Tag. Er habe an seinen Gedichten gefeilt, Alexander von Humboldt getroffen, optische Experimente gemacht, den Shakespeare-Übersetzer Schlegel gesehen und mit Friedrich Schiller zu Mittag gegessen. Nachmittags Wilhelm von Humboldt und den örtlichen Philosophie-Professor Niethammer. Abends sei er im Club gewesen.

Nun war Johann Wolfgang von Goethe ein elender Angeber, aber dass er selbst gegenüber seinem Tagebuch geprahlt hätte, das ginge dann doch zu weit. In dem Städtchen Jena war gegen Ende des 18. Jahrhunderts schlicht die Hölle los. Ein Hub. Den Philosophen Johann Gottlieb Fichte hätte er noch nennen können, Begründer des deutschen Idealismus.

Von Jena aus blickte man über alle Horizonte. Die literarische Intelligenz sah in der Beschäftigung mit dem Elisabethaner William Shakespeare ganz tief in unsere Bildungsgeschichte. Schiller machte in Realgeschichte. Der spätere Weltreisende Humboldt erfand hier die Natur als Gegenstand der Forschung. Fichte bot die Schultern, auf die sich dann der geniale Hegel stellte, auch in Jena.

Und jede Menge Weibergeschichten. Hinter jedem der klugen Männer stand eine weise Frau. Schlegel hat mit Caroline Böhmer um jede Zeile der Übertragung des Elisabethaners gerungen. Und Dorothea Veit geheiratet. Bei Goethens waren es erotische Allianzen in den Adel und handfestere im Alltäglichen. Stichwort „die Vulpius“. Egal. Ich sollte vielleicht bei Jena-Lobeda mal die Autobahn verlassen.

Mal nachsehen, was hinter dem Wall der Plattenbauten die DDR von dem Hub übergelassen hat. Erst hatten die amerikanischen Bomber der zwischenzeitlich braun gefärbten Idylle zugesetzt, dann kamen die russischen Befreier. Zwischendrin haben sie am Ort für Carl Zeiss Linsen geschliffen. Ach, wie profan.

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Man sieht nur mit den Augen gut

Der berühmte Kleine Prinz, der Lieblingsroman aller Realschüler, sagt, dass man nur mit dem Herzen gut sehe. Das ist natürlich einfach sozialromantischer Kitsch. Und bestimmt das Lieblingsbuch von Christian Wulff aus Hannover.

Alles Quatsch: Man sieht nur mit den Augen gut. Allerdings ist man auch gut beraten, ihnen zu trauen und die Wahrnehmung nicht durch Sprüche  überlagern zu lassen. Der Kaisers neue Kleider nimmt man wahr, wenn man sich die Ohren vor der majestätischen Propaganda verschließt und seinen Augen traut. Ich habe in Hannover diesen Freund, der gehörlos ist, ein Tauber, so hätte man das früher gesagt.

Er muss sich das Leben halt mit den Augen erschließen. Und es gelingt ihm mal schlecht und mal ganz gut und in vielen Fällen erstaunlich gut. Er selbst kann es nicht mehr hören, wenn man Menschen mit einem Handicap übersinnliche Fähigkeiten zubilligt, weil diese Annahme meist durch das schlechte Gewissen der Alltagsdiskriminierung diktiert ist.

Aber, da beißt die Maus keinen Faden ab, schon in der Antike war der Weise, der Seher, blind, siehe Teiresias bei Sophokles. So necke ich meinen Kumpel in Hannover mit dem Spitznamen Teiresias. Besuche ich ihn, erlebe ich das Fernsehprogramm ohne Ton, manchmal mit Untertiteln, meist aber einfach nur als Bilderfolge.

Ich entdecke erstaunliche Dinge, seit ich Politiker von ihrer Körpersprache her zu beurteilen suche. Der als künftiger Kanzler hochgelobte Adelsspross von und zu Guttenberg etwa hat die Gestik eines Modells für Herrenoberbekleidung aus Mailand.

Der Mann posiert, Gel im Haar, die Kleidung sorgfältig gewählt. Man sieht deutlich, was ihn treibt, die Eitelkeit. Und die Kenner der griechischen Tragödie wissen, was ihn eines Tages umbringen wird, seine Eitelkeit.

Oder Maybrit Illner, die Lady aus der Talkshow, die sich für eine Journalistin hält und auf Kollegen wie den „Soft-Talker Lanz“ (Illner) und den „Show-Man Plasberg“ (Illner) herabblickt: Sieht man sie an, ohne ihre hastig haspelnde Sopranstimme zu hören, blickt man in ein erstaunlich beschränktes Repertoire von Schlaumeier-Mimik und Schweinchen-Schlau-Gestik; ach je, die gelernte Sportreporterin aus der DDR macht auf „intellent“, wie der Berliner zu sagen pflegt.

Und so sehr die schreibende Klasse sich auch an dem SPD-Chef Sigmar Gabriel reiben mag, seine Leute halten ihn nicht für einen Windhund, den die Presse gerne aus ihm zu machen sucht. Der Dicke meint, was er sagt, sagt, was er meint.

Für die Genossen hat er die Kraft eines Räumpanzers und die Lebensgewohnheiten, die auch für den eigenen Bauchansatz verantwortlich sind. Gabriel, den sie Harzer Roller nennen und Dampfwalze, hat das Potential eines Franz Josef Strauß, nicht der eitle Gutsherr im Boss-Anzug.

Und dann der Besuch der Kanzlerin bei den Herren der Atomwirtschaft im Kernkraftwerk Emsland in Lingen. Man sieht den RWE-Chef Grossmann, der oft auf das Ausmaß und die erhabenen Gründe seiner Korpulenz zu sprechen kommt, wie einen Lakaien mit Schirm vor dem Kanzlerauto stehen.

Ach je, ist das klein, denke ich und lese im SPIEGEL: „ Selbst mächtige Vorstandschefs können aufgeregt sein wie Schulbuben beim Vorsingen. Jürgen Grossmann, Boss des 50-Milliarden-Euro-Multis RWE, tropft der Schweiß auf die Krawatte. Johannes Teyssen, Chef des 80-Milliarden-Euro-Konzerns E.on, schiebt seine Hände immer wieder in die Hosentasche und heraus. Er stellt sich erst vor seinen  Gast, dann daneben, schließlich hinter ihn. Er tapst von einem Bein aufs andere.“ Gerade hatte Grossmann noch die Machtfrage in der Energiepolitik mittels ganzseitigem Inserat gestellt; und schon kommt die Angst, dass ihm diese von der amtierenden Bundesregierung auch beantwortet wird.

Bettina, die First Lady, hat das Sagen; das hatte Bettina schon immer, sagt mein Kumpel aus Hannover, der sie aus dem Studium und vom Tresen eines Fitnessclubs vor Ort kennt.  Wie Wilhelmine bei Heinrich Lübke selig, sagt er. Wer Augen hat zu sehen…

Quelle: starke-meinungen.de