Logbuch

SPAZIERSTOCK.

Wenn in einem Kaff gar nichts los ist und es am Arsch der Welt liegt, ziert den Ortseingang ein Schild mit dem Versprechen LUFTKURORT. Eine Hölle der Belanglosigkeit.

Ich sammle Spazierstöcke. Meist Souvenirs aus Urlauben, in denen ich aus lauter Langweile geschnitzt habe. Da nicht immer gerades Holz zur Verfügung stand, hat das Schweizermesse manche Skurrilität hervorgebracht. Der Spazierstock ist ein wenig Gehhilfe, ein wenig Waffe, vor allem aber ein Prunk- und Prahl-Instrument.

Wie das Spazieren überhaupt ein hintergründiges Ding. Der Adel begann mit dem Promenieren in seinen Gärten, so dass das eitle Bürgertum irgendwann zur Nachahmung anstand. Jeder Kurort schaffte Anlagen zum Flanieren. Stolze Städte wandelten Jagdgründe zu Stadtparks. In meiner Heimat hieß das Ausgangsgehege gar Volkspark. Der Witz liegt darin, dass man sich hier ergeht, ohne ein Ziel erreichen zu wollen.

Man erinnert das Goethe-Wort, nach dem der Spaziergänger „nichts zu suchen“ im Sinn hat. Insofern ähnelt das Spazieren dem Sport, eine Art sanfter Leibesertüchtigung. Man rennt aber nicht, sondern schlendert gemächlich. Und zwar an der „frischen Luft“, auch so eine Metapher der Volksgesundheit, den Kurärzten der Luftkurorte entsprungen. Wie die Gartenwirtschaft und das Ausflugslokal. Draußen nur Kännchen. Was der sprichwörtliche Verdauungsspaziergang sein soll, das ersparen wir uns hier.

Ebenso ausgespart ist hier der Exkurs zu den „Nordic Walkern“, den Fröschenpieksern, die mit zwei Alu-Krücken wedelnd um Aufmerksamkeit betteln. Immer in der Gruppe, meist mit schnatternden Handarbeitslehrerinnen und anderen Globuli-Monstern, die sich zum Glück auf Wanderwegen im Wald verlaufen.

Wie der sonntägliche Kirchgang dient der Spaziergang in öffentlichen Gärten nur vordergründig der eigenen Erbauung. Die sehr gezielte Kleidungswahl beweist, dass man gesehen werden will. Es ist eine Demonstration, sei es des kirchlichen Pharisäertums oder der informellen Naturverbundenheit, heutzutage „Outdoor“ genannt. Man will ambulierend etwas mitteilen, nämlich seinen profanen Glauben; spazierend zeigt der Spießer, wes Geistes Kind er ist. Dieses Lustwandeln demonstriert, was im piefigen Kleinbürgertum noch von der Lust übrig ist. Dionysos hat gesoffen und gehurt, aber er ist nicht mit steifem Kragen eine Promenade auf und abgelaufen, um dabei ein Stöckchen zu schwingen und die Nachbarn zu grüßen. Spazieren ist der Spaß der Spießer.

Logbuch

FRONT RUNNING.

Zögerlich sei der Bundeskanzler. Ist das Tadel oder Lob? Er erfülle seine militärischen Pflichten als Vasall nur in Absprache mit der Hegemonialmacht. Ja, und?

Der Grüne Toni Hofreiter fordert forciert Angriffswaffen für den Krieg der Ukraine gegen den russischen Angreifer. Da steht das Butterblümchen als Kriegstreiber im Studio, unsportlich, ungepflegt und schlecht gekleidet, und mault in bayrischem Ton. Der ehemalige Ostermarschierer fordert mehr Führung. Die Deutschen sollen bei der Lieferung von Waffen von dem Gerät zur Verteidigung auf das für Angriff umschalten. Die viril adrette FDP-Bikerin Strack-Zimmermann aus Meerbusch im Rheinmetall-Land stößt ins gleiche Horn. Mir sind beide fremd.

Neudeutsch heißt das „leadership“. Der darin geforderte LEADER ist aber nur ein (!) Führer, nicht der (!) Führer, eh klar. Das neue Heil des Führertums wird von Personalern (HR) entdeckt, die ihre Plattitüden durch Anglizismen tarnen. Mehr Leadership wagen. In der Politik soll es Feigheit vor dem Feind vermeiden; ein Sieg soll heilen. Ich kriege aus all den Liedern um den Leader aber den historischen Ton nicht raus. Heillos. Ich bitte um Nachsicht, mein Führer.

Dass die Bundesregierung ihren Bündnisverpflichtungen nur nach reiflicher Überlegung und Abstimmung im Bündnis nachkommt, also letztlich auf Weisung, das spricht nicht gegen sie. Ich habe keinen Bedarf nach „front running“. Hübsches Wortspiel, das meiner Glosse da gelingt.

Logbuch

DER TESLA SCHOCK.

Was heute weltweit BIG DATA genannt wird, also die Allmacht der Daten, verstellt ein wenig das Verständnis. Es geht eigentlich um den Unterschied von INSTRUMENTEN zu INFORMATIONEN. Das ist der Unterschied von Physik zur Kybernetik.

Früher war ich zu dieser Jahreszeit immer auf einer Elektronikmesse in den USA, die dort vor einer großen Auto-Messe stattfand. Damals dämmerte den Blechbiegern, dass es künftig um mehr gehen könnte als das Radio im PKW. Heute wissen sie, dass sie ein Datenproblem bzgl. des Managements von Informationen haben, keines, was man dengeln und schweißen könnte. Leg den Hammer weg, Du Depp.

Statt in LA oder Detroit rumzulungern, gehe ich gestern im deutschen Wald spazieren, auf dem historischen LIMES, mit dem die alten Römer ihr Reich gegen das der Barbaren abgrenzten. Anders als die Chinesische Mauer oder das DDR-Unterfangen war der LIMES aber nicht dicht. Das wäre für das gewaltige Römische Reich auch nicht darstellbar gewesen, auf tausenden von Kilometern bis rauf nach Schottland. Der LIMES war eine Kette von Meldestationen, mittels direkter Sicht oder Rauch. Und befestigten Lagern, den HUBs dieser Zeit. Ein kommunikatives Unterfangen.

Es ging nicht um INSTRUMENTE, sondern um INFORMATIONEN, Du Depp (wie man im Amerikanischen so sagt, stupid). Die Römer hatten noch keinen Funk und schon gar kein iPhone. Der LIMES war das römische Internet. Die Digitalisierung der Demarkation, ha! KYBERNETIK also.

Übrigens gab es auch schon damals die Deppen des Analogen, wie die Blechbieger heute. Man erinnert nach einem Crash im Teutoburger Wald den Ausruf: „Varus, gib mir meine Legionen wieder!“ Ein Weltreich wankte. Das Gefühl kennen die Blechbieger in Detroit.

Logbuch

BÖRSENGANG.

Man kann ein Unternehmen aus eigener Kraft und mit eigenem Geld gründen. Das ist altbacken. Moderner ist es, eine Idee zu kupfern, sagen wir aus den USA oder einem asiatischen Kometen, sie im Internet zu bewerben und dann das Geld anderer Leute einzusammeln. Wenn die Idee geil ist (Szenejargon), dann klappt das. Man hat dann, sagen wir 300 Millionen US-Dollar zu verbraten. Der kluge START-UP-UNTERNEHMER errechnet jetzt die „burning rate“, um zu wissen, wann die Knete verbraucht sein wird. Und er überlegt sich eine EXIT-STRATEGIE. Das ist der Dreh, mit dem man sich vom Acker macht, wenn es eng wird.

Denn die Anleger sind ja keine windigen Wohltäter, sondern in aller Regel solide Spekulanten. Die machen das Spiel mit, weil sie mit mehr Geld rauskommen wollen, als sie reingegangen sind. Es gibt nur dies eine Motiv, nämlich GIER. Das ist in Ordnung, weil eine unsichtbare Hand dafür sorgt, dass trotzdem alles im Lot bleibt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Manche rechnen auch mit der sogenannten Dividende, aber das sind ältere Herrschaften, denen die Erbschaftssteuer noch was übergelassen hat; die zählen eigentlich nicht. Unterentwickelte Gier.

Ich bin kein Börsenexperte. Ich bin es so wenig, dass ich gar nicht erst den Eindruck erwecken will, davon etwas zu verstehen. Ich glaube nämlich, dass es ein SPIEL ist, bei dem die Spieler selbst Wetten auf den Ausgang des Spiels abschließen. Da stimmt ja im Prinzip was nicht. Man kann von der Tribünen aus auf ein Spiel wetten. Oder man kann auf dem Platz, ein Spiel nach bestem Vermögen zu gewinnen suchen. Wenn aber die Spieler die Wetter sind und auch der Schiedsrichter finanziell engagiert, dann, ja, wie soll ich sagen, dann ist das keine Sache, an der ich als kleines Licht mittun möchte.

Zum IPO, dem Initial Public Offering, sprich dem BÖRSENGANG, gehört eine vorinformierte Anlegerschaft. Das besorgen Nachrichtenagenturen, die unabhängigen Rat geben. Wem die gehören? Na, soliden Spekulanten, nicht irgendwelchen windigen Wohltätern. Oder, um ein wirklich seriöses Blatt zu nennen, den Banken. Alles spielerfahrene Fachleute, siehe oben. Die haben natürlich den Wunsch, dass ihnen die Spekulation nicht durch eine schlechte Presse kaputtgemacht wird. Das macht gerade Schlagzeilen, weil die Einschränkung der Pressefreiheit bei uns den Besitzern der Medien vorbehalten ist. Da muss sich die Politik raushalten.

Den Rat habe ich zu den besten Zeiten von NEW LABOUR von dem Spin-Doctor Tony Blairs, dem allenthalben unterschätzten Alastair Campbell: „Don‘t talk to the editor, talk to the proprietor“, zu gut deutsch meint das, man solle sich erst gar nicht mit der Redaktion rumärgern, sondern gleich zu den Verlegern gehen, wenn man was will. Der Besitzer hat das Sagen. Fragen?