Logbuch
DEMUT.
Bei dem stets lesenswerten Rainer Hank erfahre ich gestern, dass im Herbst dieses Jahres die Autobiografie von Angela Merkel erscheinen wird. Mein Desinteresse könnte nicht größer sein. Nichts, aber auch gar nichts wünsche ich von ihr zu erfahren.
Allerdings gibt es eine Verstrickung meinerseits: Ich habe bei einem ihrer Wahlkämpfe mal in der BILD am SONNTAG damit gedroht, zu erwägen ihr meine Stimme zu geben; das muss ich einräumen. Mein Ziel damals war es, die SPD zur Besinnung zu bringen; was gründlich misslang, ein Akt eitler Selbstüberschätzung. Das ist mir heute peinlich.
Man erinnert immer seine Niederlagen und Patzer, die Peinlichkeiten des Lebens, mehr als Siege oder glückliche Fügungen. Daher kommt bei Helden der verbreitete Hang, die Vergangenheit zu korrigieren, jedenfalls die eigene Interpretation der Dinge verbindlich zu machen. Ob das dann gelingt, das ist eh ungewiss, wenn nicht unwahrscheinlich. Von mir jedenfalls wird es einen solchen autobiografischen Versuch zwischen zwei Buchdeckeln nicht geben.
In meinem Fach durchschaut man, wie das geht. Am Anfang steht die Fiktion eines CHARAKTERs, und zwar edler oder gar erhabener Art, den man dann in den korrigierten Zufällen des Lebens Stück für Stück aufscheinen lässt, so dass am Ende den Belanglosigkeiten ein höherer Sinn zukommt, nämlich ein narzisstisches Selbstbild. GESCHICHTE wird so charakterreduktibel; wie profan ist das denn? Prahlhans als Küchenmeister.
Wünschenswerter wäre es doch, wenn das Bewusstsein der Schuld bliebe und uns zumindest im Alter zur Demut erzöge.
Logbuch
EWIGER FRIEDEN.
Kriegsnachrichten aus dem Nahen Osten erreichen mich in Karlsbad im Böhmischen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Hotel IMPERIAL von einem Engländer gebaut, 1907 in Betrieb genommen. Eine Spekulation auf eine multikulturelle Blüte mit Heilwasser und Wandelhalle im Wunsch nach ewigen Frieden.
Ein Imperialismus eigener Art. Die Stadt hat eine große jüdische Tradition und eine deutsch-österreichische wie eine tschechische. Vielleicht keine Idylle, aber ein „locus amoenus“, ein lieblicher Ort. Ob dies eine saisonale Apartheid war oder ein Schmelztiegel, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Die Russen interessieren ohnehin später nur das Uran aus dem örtlichen Bergbau; ich trinke das radiumhaltige Heilwasser eh nicht.
Gründungsjahr 1907. Dann kam der Erste Weltkrieg („14/18“) und Österreich verlor Böhmen und Mähren. Dann der Zweite („39/45“) und Mitte der Fünfziger Jahre schrieb Brecht, der da schon einen Schweizer Pass hatte, sein Geld in Frankfurt/Main und in der DDR wohnte, sein Carthago-Gedicht: „Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden.“
Mich wundert die kontroverse Beurteilung des Krieges, den Israel gegen die HAMAS führt, nicht, allenfalls die Leichthändigkeit, mit der Urteile ausgesprochen werden; so jüngst von Ex-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel, der israelische Kriegsverbrechen tadelte. Dazu weiß ich zu wenig. Aber es fehlt mir schon die Äquidistanz zu den Kriegsparteien.
Karlsbad ist jetzt tschechisch; wer aus dem sächsischen Oberwiesenthal herüberfährt, trifft nicht mal auf einen Grenzposten. Man spricht tschechisch, deutsch oder englisch und zahlt in Kronen oder Euro und entdeckt, dass es aus dem Mährischen ganz ausgezeichnete Weine gibt. Es herrscht jener Frieden, der dem europäischen Gedanken geschuldet ist.
Ich gehöre zu der Generation, die es weise findet, dass mein Vaterland die Warnung Brechts befolgt hat.
Logbuch
CHELSEA TRACTOR.
Auf dem Land ist ein Trecker des Mannes größter Stolz, vorzugsweise ein antikeres Modell, sauber restauriert. Mit dem Traktor fährt er nicht nur die Fuhre Mist auf den Acker, sondern auch zum Bäcker Brötchen holen. Der Freund des Diesels ergötzt sich am Tuckern der Maschine, der Sound eines Schiffsdiesels. Ein Jungs-Ding.
In den USA mag das der Pickup sein, man sieht ja die Navarros auch hierzulande. Bei uns ist es der Schlepper von Deutz. Ich geb zu, dass ich da nichts bäuerliches zu bieten habe. Allerdings ist ein T6 Doka Pritsche V6 Diesel kein ganz schlechter Ersatz. Jetzt aber lese ich in der TIMES vom CHELSEA TRACTOR, den junge Frauen der höheren Kreise, die als „posh“ bezeichnet werden, zu steuern suchen.
Gemeint ist damit ein Teil von Kensington, der seit dem 18. Jahrhundert Künstler anzog und als besonders hip gilt. Ich habe hier auf offener Straße Mick Jagger getroffen und Eric Clapton; letzterer grüßt verhalten; wir kennen uns, seit die Volkswagen Sound Foundation eine seiner Touren gesponsert hat. Es gibt hier einen Pizzaservice, der auch eine Mafiatorte mit dem Namen CHELSEA PRIDE anbietet, die 50 Schleifen kostet, weil unter dem Karton ein Briefchen mit bolivianischem Marschierpulver klebt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Hier fahren zierliche junge Damen mit sehr hochhackigen Pumps hochgebockte Limousinen, die im Fahrwerk der Vorstellung eines Geländewagens entsprechen, aber eigentlich fahrende Wohnzimmer sind. Es hat sich der amerikanische Begriff des SUV auch bei uns eingebürgert, obwohl er völlig fehlleitend ist, ein Nutzfahrzeug für Sportgeräte ist er nämlich eher nicht, der CHELSEA TRACTOR.
Wir reden über einen Trend: es laufen im Automarkt vor allem Verbrenner und zwar als SUV. Der Zeitgeist findet das unangebracht, aber Otto Normalverbraucher kauft den Tiguan, weil er wie der Touareg aussieht. Der Kern ist die Sitzposition. Man gleitet nicht mehr unter Kniehöhe, um fast liegend zu fahren, man will auf den Hochsitz. Erhabenheit, das vermittelt der Hochgebockte. Der Trend wird anhalten.
Wie gesagt, das gefällt dem Zeitgeist nicht, aber dieser grüne Kollege wohnt ohnehin nicht in Kensington. In deutschen Gefilden fährt er, respektive sie, also die als Frau gelesene Person, ein wokes Lastenfahrrad holländischer Provenienz, ein Gerät von der Grazie einer betagten Schubkarre für den Mist. Nicht mein Ding.
Logbuch
Atomlobby: Aus Gleichgültigen machen sie Gegner, aus Gegnern Feinde, so zettelt man Bürgerkriege an.
Wer die Montanindustrie kennt und ein wenig deutsche Geschichte, der weiß, wo die Herren der Kohle und Kernenergie herkommen. Sie entstammen den großen preußischen Reformern, die mit klugem Kopf und hoheitlichem Selbstverständnis das Land nach vorne gebracht haben.
Sie dachten wie Behörden, Ressort Daseinsvorsorge, und sie wussten den Obrigkeitsstaat auf ihrer Seite. In ihren Casinos ging es hoch her, aber ansonsten wurden die Hacken zusammengeschlagen.
So betrieb Preußens Gloria das Militär, die Stahlhütten und die Krankenhäuser. Und alles war gut. Jedenfalls, solange der Plebs und die Parlamente nicht räsonnierten. Schwierig wird es erst, wenn die Insassen der Quasselbude Reichstag meinen, sie hätten was zu melden. Oder wenn die rote Gefahr und die grüne Pest plötzlich im schwarzen Gewand daherkommen.
Damit sind wir im Zentrum des Sturms, der gerade durch den Blätterwald tobt. Die Atomlobby tarnt sich als Verein für Energiezukunft und liest der Bundeskanzlerin und ihrem Umweltminister die Leviten. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen fordert eine Gruppe von Wirtschaftsführern und Meinungsbildnern, die der BDI organisiert haben soll, die Bundesregierung in wohlgesetzten Worten auf, ein energiepolitisches Konzept vorzulegen, das den Vorstellungen der Atomwirtschaft entspricht.
Die Camouflage ist nicht mal besonders raffiniert: Oliver Bierhoff gehört dazu, dessen Vater RWE-Vorstand war; beim BDI sitzen in der ersten und zweiten Reihe abgelegte RWE-Granden; die RWE-Agentur darf den Tarnverein basteln; der RWE-Chef lässt seine Einflüsterer von dessen Führerposition Kunde durchs Land tragen.
Die Kanzlerin hat ihren neuen Sprecher mit souveräner Distanz die Kampagne als einen Diskussionsbeitrag bewerten lassen. So weit, so gut. Aber wie wirkt das auf die Menschen?
Zu reden ist hier von zwei Journalistinnen, die angesichts dessen aus dem Rahmen fallen. Beide heißen Brigitte, beide kenne ich. Eine davon mag ich sogar. Und beide Brigittes, sie stehen für die Nation, rasten völlig aus, in die jeweils entgegengesetzte Richtung. Wir haben eine Fallstudie für die verhängnisvolle Politik der Polarisierung, die Zersetzung der Öffentlichkeit in Freund und Feind.
Brigitte Nummer Eins. In der Berliner Zeitung bewertet Brigitte Fehrle die Anzeigenkampagne als Revolution von oben. Es handele sich um eine unverhohlene Erpressung durch Leute, die sich in der Wirtschafts- und Finanzkrise gerade Milliarden von Regierung und Steuerzahler überweisen ließen; das sprenge alles bislang Dagewesene.
„Als Bürger,“ schreibt sie in ihrem Leitartikel, „ist man vor allem schockiert über die maßlose Missachtung unserer Demokratie. Nicht nur, dass die Wirtschaftsbosse selbstverständlich davon ausgehen, dass sie am Regierungstisch mitreden dürfen. Nein. Sie wollen gar nicht reden, sie wollen nicht einmal verhandeln, sie wollen befehlen. Sie wollen alles. Jetzt.“
Neben der Attitüde der Atom-Kampagne beklagt Fehrle das Politik-Konzept, mit dem die Bundeskanzlerin in die Enge getrieben werde und am Ende jeder Schritt in Richtung auf die Kernkraftbetreiber als Nachweis ihrer Erpressbarkeit gewertet werden müsse. In der ehemals Ostberliner Zeitung, die heute zum Reich des linksliberalen Dumont-Verlages gehört, tobt also der Volkszorn und eine getrost kommunistisch zu nennende Kapitalismuskritik.
Man versteht nicht, warum sich das ausgerechnet gegen eine Anzeige richtet, die doch jedermann sehen und bewerten kann. Vordem war der Lobbyismus in Hinterzimmern noch das Problem. Aber, so räumt die Autorin ein, man habe die Fassung verloren und schwanke zwischen Zynismus und heller Empörung.
Das ist natürlich Maulheldentum; selbst Allensbach liefert für diese kühne These keine Belege. Eine Nachfrage seitens des Blattes, warum er dann nicht die richtigen Fragen einen seriösen Meinungsforscher stellen lasse, unterbleibt.
Dabei ist klar, dass dann das Kartenhaus der vermeintlichen Demagogie zusammenfallen würde. Aber wir sollen Grossmann nicht durchschauen, wir sollen ihn adorieren. Der Stahlmagnat sieht die Atomlobby als Opfer einer Propagandawelle; man sieht sich in Notwehr.
Und nun setzt die Journalistin zur Charakterisierung an: Der gewaltige Mann sei Liebhaber guten Essens und Betreiber eines Gourmetrestaurants. Hofberichterstattung feinster Art folgt: Er habe seiner Ehefrau versprochen, tausend Tage nicht zu saufen. Auch den Beruf der Gattin dürfen wir erfahren und die Anzahl der Infanten.
So ist zuletzt über Kim Il Sung geschrieben worden oder im Neuen Deutschland über die Besuche Erich Honeckers auf der Leipziger Messe. Das ist jene Propaganda zugunsten eines Moguls.
Ich bin fassungslos über diese publizistische Fehlleistung; nein, eigentlich bin ich fassungslos über beide Fehlleistungen, die der linken wie die der rechten Brigitte. Und zugleich ist diese Polarisierung repräsentativ für die Kampagnenwirkung des Appells der Nuklearfürsten.
Hier liegt das Demokratiefeindliche der Kampagnen nach Gutsherren Art, in einem umgekehrten Willy-Brandt: spalten statt versöhnen. Aus Gleichgültigen macht Grossmann Gegner, aus Gegnern Feinde. Dass die Argumente von Grossmann und den Seinen stimmen, macht die Sache nur tragischer.
Natürlich muss man Merkel Attentismus bescheinigen und natürlich ist Röttgen für die Reaktionären in der Union ein Spinner, tatsächlich ein Spieler mit durchsichtigem Kalkül. Natürlich müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erhalten und ausbauen. Aber doch wohl nicht, indem eine obrigkeitsstaatliche Kaste nach Gutsherren Art die Machtfrage stellt. Für die Kernenergie gilt noch immer, was ich seit dreißig Jahren selbst erfahren habe: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
Quelle: starke-meinungen.de