Logbuch
ZEITENWENDE.
Das Format VICE galt als der Journalismus der Zukunft. Habe ich mir in irgendeinem Loft angesehen. Kiffer mit Kamera, war mein Urteil. Inzwischen Nische mit fragwürdigem Geld.
Auch der spektakulär gescheiterte BILD-Chef Julian Reichelt wirkt heutzutage nur noch auf den Hinterbühnen des Internets; nur wenn ihm ein guter Spruch gelingt, taucht er noch aus dem Dunkel auf. Jetzt hat er Stephan Lamby als „Eisenstein der Ampel“ diffamiert. Das freut den so bezeichneten, da er sonst als Leni Riefenstahl firmiere.
Ich schiebe unwichtige Erinnerungen beiseite. Wie ich bei VICE mit einem gelernten Unterwäsche-Model zu tun hatte. Wie ich mal mit Reichel und Praktikantinnen bei Springer Aufzug fuhr. Oder wie mich der Vater von Lamby in Bonn als Pressechef einstellte. Nitty gritty. Die prägenden Erlebnisse sind die jungfräulichen. Ich erinnere, wie ich zum ersten Mal einen Film von Sergej Eisenstein sah, in einem großen Hörsaal der Ruhr-Uni. Eine ästhetische Sensation.
Es war nicht mal „Panzerkreuzer Potemkin“, sein Meisterwerk, sondern „Iwan der Schreckliche“; was mich umhaute war die rigorose Art, in der der Filmpionier mit dem Medium umging. Da war nichts mehr von abgefilmtem Theater; man sah filmische Montagetechnik pur. Eisenstein montierte mit grobem Strich, vielleicht so, wie Picasso in die Malerei einfiel. Die revolutionäre Thematik tat ihr Übriges. Eisenstein ist von historischem Gewicht.
Wir wissen heute, dass das Genie der sowjetischen Filmkunst der Heimsuchung durch Stalins Gestapo nur zufällig entronn; der Schauprozess war schon vorbereitet. Sein filmisches Werk bleibt als kulturelles Erbe. Mit dem braven Feature, dass der seriöse Lamby gedreht hat (und wohl auch als Buch vorgelegt), hat das eher wenig zu tun. Kann ich aber nicht sicher sagen. Ich bin am Fernseher eingeschlafen.
Was den gefallenen Boulevard-Helden gegen Lamby erbost, ist dass dieser die amtierende Ampel ernstnimmt und sich um Empathie bemüht. Verständnis statt Spott. Wir sollen bei Lamby Ehrfurcht empfinden davor, wie Buchhalterseelen Geschichte gestalten. Darüber wird die Zeit aber hinweggehen. ZEITENWENDE ist eine leere Metapher; auch nach Lamby.
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EINE BRAUNE KANZLERIN.
Fast achtzig Jahre nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg und der Befreiung meines Vaterlandes vom Faschismus diskutiert man noch immer darüber, was das war, das die Deutschen ergriffen hatte. Das finde ich sehr gut.
Die AfD bescheinigt der Generation der Väter und Großväter, keine Verbrecher gewesen zu sein. Wir wissen, dass das so nicht stimmt. Sie will die Epoche als Fliegenschiss verharmlost wissen. Wir wissen, dass das tief unangemessen ist. Die Unterscheidung im Militärischen von Siegermächten erster und zweiter Klasse ist das Narratem des Kalten Krieges, der im Übrigen nicht beendet ist. Mal drüber nachgedacht?
Die Provinzposse Aiwanger ist nicht relevant, weil es einen Nazi-Bengel im Alter fast politisch erledigt hätte, sondern weil sie zeigt, wie weit verbreitet der Wunsch nach einer Normalisierung des Faschismus noch immer ist. „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Das sagt Aiwanger. Man kann einer historischen und politischen Bildung nur dankbar sein, die diese Frage offen hält. Ja, die Süddeutsche Zeitung hat sich publizistisch blamiert, aber der Mistgabel-Trumpismus bedarf der Gegenwehr. Wie das Angebot der nicht-queeren Dame in Lesbenehe als Kanzlerin bereit zu stehen.
Historische Verantwortung besteht darin, nicht zu vergessen, was wirklich geschehen ist. Wir reden nicht moralisierend über Schuld; die trifft immer nur den Täter je einzeln. Wir reden nicht über Wahrheit; das ist ohnehin eine politische Kategorie, und zwar die der Sieger. Wir reden über Wirklichkeit. Deshalb kann der Witz über den Kamin von Auschwitz und das Hakenkreuz auf der Toilettentür als Idiotie verziehen werden, aber eben nicht geleugnet.
Der Mistgabel-Trump ernennt sich zum Opfer. Und mit ihm uns alle. Nein danke. Ja, Du sollst Deines Bruders Hüter sein. Oder Deiner Schwester, wenn Frau Weidel Kanzlerin werden will. Ausgeschlossen ist das nicht. Söder nennt das eine bürgerliche Koalition. Mit einer politischen Ehe von Merz & Weidel gingen der Ampel die Lichter aus. Alice im Wunderland.
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DENK MAL.
Schon eine knappe Woche nach seinem Tod war der deutschstämmige Komponist GEORG FRIEDRICH HANDEL (geborener Händel) für das stattliche Begräbnis in der WESTMINSTER ABBEY hinreichend vorbereitet. Ich zahle 27 Pfund Sterling Eintritt, um das Denkmal zu sehen, das sein Grab ziert.
Der Nachruhm des Thüringischen Genies in London ist kein Zufall. Händel hat in seinem Testament allein für das Grab 600 Pfund Sterling vorgesehen; für Mitte des 18. Jahrhunderts eine Irrsinnssumme. Vieles, was wir über sein Leben und Wirken zu wissen meinen, wird einer englischen Biografie zugeschrieben, die aber seiner eigenen Feder entstammt, resp. seinem Diktat.
Der erblindende Händel hat sie seinem Hausdiener Haymarket in endlosen Nächten diktiert, der sie unter dem Pseudonym Mainwaring erscheinen ließ. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mich plagt der Gedanke, was er dem Bildhauer wohl als „Briefing“ in seinem Testament mitgegeben hat. Wie sagt man so was?
Hätte ich, was mir fern liegt, einen solchen Bedarf nach Nachruhm aus Stein, was würde ich mir vom Bildhauer als Pose wünschen? Sportlicheres als zu Lebzeiten. Und sonst? Die eine Hand auf einem dicken Buch (MEW 23), in der anderen ein Weinglas (Clos St. Hune). Das wär doch was. Heitere Gelassenheit.
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Atomlobby: Aus Gleichgültigen machen sie Gegner, aus Gegnern Feinde, so zettelt man Bürgerkriege an.
Wer die Montanindustrie kennt und ein wenig deutsche Geschichte, der weiß, wo die Herren der Kohle und Kernenergie herkommen. Sie entstammen den großen preußischen Reformern, die mit klugem Kopf und hoheitlichem Selbstverständnis das Land nach vorne gebracht haben.
Sie dachten wie Behörden, Ressort Daseinsvorsorge, und sie wussten den Obrigkeitsstaat auf ihrer Seite. In ihren Casinos ging es hoch her, aber ansonsten wurden die Hacken zusammengeschlagen.
So betrieb Preußens Gloria das Militär, die Stahlhütten und die Krankenhäuser. Und alles war gut. Jedenfalls, solange der Plebs und die Parlamente nicht räsonnierten. Schwierig wird es erst, wenn die Insassen der Quasselbude Reichstag meinen, sie hätten was zu melden. Oder wenn die rote Gefahr und die grüne Pest plötzlich im schwarzen Gewand daherkommen.
Damit sind wir im Zentrum des Sturms, der gerade durch den Blätterwald tobt. Die Atomlobby tarnt sich als Verein für Energiezukunft und liest der Bundeskanzlerin und ihrem Umweltminister die Leviten. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen fordert eine Gruppe von Wirtschaftsführern und Meinungsbildnern, die der BDI organisiert haben soll, die Bundesregierung in wohlgesetzten Worten auf, ein energiepolitisches Konzept vorzulegen, das den Vorstellungen der Atomwirtschaft entspricht.
Die Camouflage ist nicht mal besonders raffiniert: Oliver Bierhoff gehört dazu, dessen Vater RWE-Vorstand war; beim BDI sitzen in der ersten und zweiten Reihe abgelegte RWE-Granden; die RWE-Agentur darf den Tarnverein basteln; der RWE-Chef lässt seine Einflüsterer von dessen Führerposition Kunde durchs Land tragen.
Die Kanzlerin hat ihren neuen Sprecher mit souveräner Distanz die Kampagne als einen Diskussionsbeitrag bewerten lassen. So weit, so gut. Aber wie wirkt das auf die Menschen?
Zu reden ist hier von zwei Journalistinnen, die angesichts dessen aus dem Rahmen fallen. Beide heißen Brigitte, beide kenne ich. Eine davon mag ich sogar. Und beide Brigittes, sie stehen für die Nation, rasten völlig aus, in die jeweils entgegengesetzte Richtung. Wir haben eine Fallstudie für die verhängnisvolle Politik der Polarisierung, die Zersetzung der Öffentlichkeit in Freund und Feind.
Brigitte Nummer Eins. In der Berliner Zeitung bewertet Brigitte Fehrle die Anzeigenkampagne als Revolution von oben. Es handele sich um eine unverhohlene Erpressung durch Leute, die sich in der Wirtschafts- und Finanzkrise gerade Milliarden von Regierung und Steuerzahler überweisen ließen; das sprenge alles bislang Dagewesene.
„Als Bürger,“ schreibt sie in ihrem Leitartikel, „ist man vor allem schockiert über die maßlose Missachtung unserer Demokratie. Nicht nur, dass die Wirtschaftsbosse selbstverständlich davon ausgehen, dass sie am Regierungstisch mitreden dürfen. Nein. Sie wollen gar nicht reden, sie wollen nicht einmal verhandeln, sie wollen befehlen. Sie wollen alles. Jetzt.“
Neben der Attitüde der Atom-Kampagne beklagt Fehrle das Politik-Konzept, mit dem die Bundeskanzlerin in die Enge getrieben werde und am Ende jeder Schritt in Richtung auf die Kernkraftbetreiber als Nachweis ihrer Erpressbarkeit gewertet werden müsse. In der ehemals Ostberliner Zeitung, die heute zum Reich des linksliberalen Dumont-Verlages gehört, tobt also der Volkszorn und eine getrost kommunistisch zu nennende Kapitalismuskritik.
Man versteht nicht, warum sich das ausgerechnet gegen eine Anzeige richtet, die doch jedermann sehen und bewerten kann. Vordem war der Lobbyismus in Hinterzimmern noch das Problem. Aber, so räumt die Autorin ein, man habe die Fassung verloren und schwanke zwischen Zynismus und heller Empörung.
Das ist natürlich Maulheldentum; selbst Allensbach liefert für diese kühne These keine Belege. Eine Nachfrage seitens des Blattes, warum er dann nicht die richtigen Fragen einen seriösen Meinungsforscher stellen lasse, unterbleibt.
Dabei ist klar, dass dann das Kartenhaus der vermeintlichen Demagogie zusammenfallen würde. Aber wir sollen Grossmann nicht durchschauen, wir sollen ihn adorieren. Der Stahlmagnat sieht die Atomlobby als Opfer einer Propagandawelle; man sieht sich in Notwehr.
Und nun setzt die Journalistin zur Charakterisierung an: Der gewaltige Mann sei Liebhaber guten Essens und Betreiber eines Gourmetrestaurants. Hofberichterstattung feinster Art folgt: Er habe seiner Ehefrau versprochen, tausend Tage nicht zu saufen. Auch den Beruf der Gattin dürfen wir erfahren und die Anzahl der Infanten.
So ist zuletzt über Kim Il Sung geschrieben worden oder im Neuen Deutschland über die Besuche Erich Honeckers auf der Leipziger Messe. Das ist jene Propaganda zugunsten eines Moguls.
Ich bin fassungslos über diese publizistische Fehlleistung; nein, eigentlich bin ich fassungslos über beide Fehlleistungen, die der linken wie die der rechten Brigitte. Und zugleich ist diese Polarisierung repräsentativ für die Kampagnenwirkung des Appells der Nuklearfürsten.
Hier liegt das Demokratiefeindliche der Kampagnen nach Gutsherren Art, in einem umgekehrten Willy-Brandt: spalten statt versöhnen. Aus Gleichgültigen macht Grossmann Gegner, aus Gegnern Feinde. Dass die Argumente von Grossmann und den Seinen stimmen, macht die Sache nur tragischer.
Natürlich muss man Merkel Attentismus bescheinigen und natürlich ist Röttgen für die Reaktionären in der Union ein Spinner, tatsächlich ein Spieler mit durchsichtigem Kalkül. Natürlich müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erhalten und ausbauen. Aber doch wohl nicht, indem eine obrigkeitsstaatliche Kaste nach Gutsherren Art die Machtfrage stellt. Für die Kernenergie gilt noch immer, was ich seit dreißig Jahren selbst erfahren habe: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
Quelle: starke-meinungen.de