Logbuch
HEIMAT.
Der gelernte Talkmaster (welch ein Wort) Harald Schmidt bekennt sich zu Köln als seiner selbstgewählten Heimat. Die Internet-Gemeinde staunt. Wie immer versucht er geistreich zu sein. Pointenzwang: es sei halt billiger als London oder Paris.
Kann eine Metropole Heimat sein? Sind sie nicht alle gleich, die großen Städte? Fragt man das die Bewohner der Nachbarstädte Köln und Düsseldorf, so kommt es zu entschiedenen Bekenntnissen der wechselseitigen Ablehnung. Dabei trinkt man an beiden Orten eine obergärige Plörre und feiert Karneval bis in die gemeinschaftliche Verblödung. Hat ein Häusermeer Charakter? Kann man in grauen Straßenschluchten verwurzelt sein?
München etwa hat den Vorzug, dass es nett liegt, man also bei der notorischen Stadtflucht in attraktiven Gegenden landet. Kitzbühel zum Beispiel. Auch Hamburg hat was; nämlich Sylt. Und zu Stuttgart, dem Moloch in einer stickigen Talenge, da fällt mir gar nichts ein. Man übertrage das Harald-Schmidt-Wort zur geliebten Heimat auf ein Mädchen: nicht hübsch, aber billig. Geht gar nicht, richtig?
Nun, dann vielleicht der Geburtsort. Wo stand Deine Wiege? Wo drücktest Du die Schulbank? Wo ist Deiner Eltern Grab? Wessen Mundart prägte Deine Sprache? Hier mögen die Völker mit unauslöschlichen Dialekten aus der Not eine Tugend machen; ich nenne nur die schwäbelnden Schwaben in Berlin als unbeliebteste Gruppe von Zuwanderern. Oder der Sachse, der immer und überall am Tonfall zu erkennen ist. Ich kann dem allen wenig abgewinnen. Die Trauben, die zu hoch hängen, sind dem Fuchs aber immer zu sauer. Ich gestehe, ich bin mit Emscherwasser getauft. Da hat man keine Heimatstadt als Idylle.
Vielleicht sind es nicht Städte, aber Landstriche, die unser Herz binden? Ich bitte Sie. Wie kann Ostwestfalen-Lippe oder Meck-Pomm als Region Heimat sein? Oder der vordere Taunus? Die fanatischste Heimatliebe stammt immer von den Zugereisten, die rechtfertigen wollen, warum sie jetzt am Arsch der Welt wohnen. Oder von den angestammten Dorftrotteln, die nie unter Mamas Rock hervorgelugt haben.
Was bleibt? Die Cowboy-Logik: „Home is, where I hang my hat.“
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TEMPERATUR BEREINIGT.
Der kommende Boom an Klima-Anlagen wird zu Verbrauchsspitzen führen. Im Sommer. Die Stromherstellung wird eine Bonanza. Ein Goldrausch für die Energieversorger. Kann man deren Aktien kaufen? Ein Anlagetipp.
Wie wir früher so dachten. Ich war mal Redenschreiber bei dem Vorstandsvorsitzenden der Ruhrkohle AG, des größten deutschen Steinkohleproduzenten. Die Königsdisziplin war immer der LAGEBERICHT für den Aufsichtsrat, so wichtig, dass das ein gesondertes Ressort machte, nicht die PR-Möpse aus der Unternehmenskommunikation. Ich schrieb für andere Reden bei denen ab.
Den Kollegen stank, dass Vorjahresvergleiche darunter litten, dass bei warmen Sommern weniger geheizt wurde als bei kühleren. Klima, was sage ich, in Berlin war es gestern über 30 Grad im Schatten. Man wollte viel Kohle im Wärmemarkt verkauft haben, obwohl die Halden wuchsen. Wg. Sommerhitze. Auf die Natur ist ja kein Verlass. Also erfanden sie den TEMPERATURBEREINIGTEN Absatz. Das war die Menge an Kohle, die man verkauft hätte, wäre es nicht so scheißenheiß gewesen. Oder der Winter bitter. Ein doppelter, wenn nicht dreifacher Konjunktiv. Das hat mich als PR-Manager sofort und für immer begeistert. Eine systematische Fälschung mit äußerst angenehmen Folgen. Nix gekonnt, aber gut ausgesehen. Ha!
Eine weitere Maßnahme dieser Art wird bald notwendig werden. Bisher waren Stromverbrauchsspitzen im Winter, wenn mittels sogenannter Direktheizung die Steckdosen bemüht werden. Wir stehen aber klimabedingt vor einem Boom von Klimaanlagen, die im Sommer Elektrizität benötigen. Man sehe sich Hauswände in Asien an. Wir werden viel mehr Strom brauchen. Dazu passt der zögerliche Ausbau von Windmühlen und Sonnenanlagen nicht so recht, wenn man gleichzeitig billiges Erdgas aus politischen Gründen verbannt und die Kohle ganz rausnimmt sowie die verbliebenen Kernkraftwerke abschaltet; eine international einmalige Kombination. Ein PARADOXON. Um das heil zu machen, braucht es kreativer Statistik. Siehe oben. Ich bin mal gespannt, ob die Grünen so kreativ sein werden, wie wir Bergleute es Anfang der achtziger Jahre waren. Glückauf!
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VERKEHRSWENDE.
Wir haben eine Sonderkonjunktur bei Gebrauchtwagen, die einfach irre ist. Es geht alles. Zu jedem Preis. Was willst du machen, wenn Schiene und Flug vollversagen? Rikscha fahren? Ein Sittengemälde.
Schon immer hat unsere Autokonjunktur beflügelt, dass wir einen regelrechten Sog nach Mittel- und Osteuropa hatten. Das Angebot an Gebrauchten wurde geradezu abgesaugt, so dass der Bedarf nach Neufahrzeugen groß blieb. Das galt für sehr alte Karren, aber auch für Unfallfahrzeuge und zuletzt für hierzulande verschmähte Diesel. Keine Alternative. Radfahren ist ein Hobby der Mittelklasse in Metropolen.
Wer den Verkehr auf den Autobahnen aufmerksam beobachtet, sieht die Transporter aus Polen oder Litauen jetzt auch schon holländische und belgische Schüsseln mit Blechschäden gen Osten karren. Wie die dort wieder hergestellt werden, das möchte ich gar nicht wissen. Da wird sicher viel gedengelt, was konstruktiv nicht mehr geht, also statt auf die Straße eigentlich in die Schrottpresse müsste. Wie die verzogenen Karosserien aufgehübscht über den TÜV kommen, kann man sich vorstellen, wenn es so was wie einen TÜV dort überhaupt gibt.
Eine andere Frage sind hier geächtete Motoren, Verbrenner wie Verdichter. Je mehr Tesla-Deppen im Westen Batterieautos fahren (Laufleistung max. 100 Tkm), desto beliebter werden Verdichter (immer 300 oder 400 Tkm) im Osten. Aber ich wollte nicht politisieren. Ich lese nur in der TIMES, dass in England immer mehr Gebrauchtwagen in den Markt kommen, die die Versicherer zuvor als TOTALSCHÄDEN schrottreif geschrieben hatten. Unfallfrei, der letzte Schrei… Ohne dass ihre Vorgeschichte dem Käufer klar war. Die so agierenden Plattformen sagen, sie hätten die Schüsseln aber ganz genau durchgecheckt. Zum Schrott noch den Spott. Böser Betrug.
Das Ende des Autos? Quatsch, enges Angebot, hoher Bedarf: alles geht. So viel zum Stand der Verkehrswende.
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Atomlobby: Aus Gleichgültigen machen sie Gegner, aus Gegnern Feinde, so zettelt man Bürgerkriege an.
Wer die Montanindustrie kennt und ein wenig deutsche Geschichte, der weiß, wo die Herren der Kohle und Kernenergie herkommen. Sie entstammen den großen preußischen Reformern, die mit klugem Kopf und hoheitlichem Selbstverständnis das Land nach vorne gebracht haben.
Sie dachten wie Behörden, Ressort Daseinsvorsorge, und sie wussten den Obrigkeitsstaat auf ihrer Seite. In ihren Casinos ging es hoch her, aber ansonsten wurden die Hacken zusammengeschlagen.
So betrieb Preußens Gloria das Militär, die Stahlhütten und die Krankenhäuser. Und alles war gut. Jedenfalls, solange der Plebs und die Parlamente nicht räsonnierten. Schwierig wird es erst, wenn die Insassen der Quasselbude Reichstag meinen, sie hätten was zu melden. Oder wenn die rote Gefahr und die grüne Pest plötzlich im schwarzen Gewand daherkommen.
Damit sind wir im Zentrum des Sturms, der gerade durch den Blätterwald tobt. Die Atomlobby tarnt sich als Verein für Energiezukunft und liest der Bundeskanzlerin und ihrem Umweltminister die Leviten. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen fordert eine Gruppe von Wirtschaftsführern und Meinungsbildnern, die der BDI organisiert haben soll, die Bundesregierung in wohlgesetzten Worten auf, ein energiepolitisches Konzept vorzulegen, das den Vorstellungen der Atomwirtschaft entspricht.
Die Camouflage ist nicht mal besonders raffiniert: Oliver Bierhoff gehört dazu, dessen Vater RWE-Vorstand war; beim BDI sitzen in der ersten und zweiten Reihe abgelegte RWE-Granden; die RWE-Agentur darf den Tarnverein basteln; der RWE-Chef lässt seine Einflüsterer von dessen Führerposition Kunde durchs Land tragen.
Die Kanzlerin hat ihren neuen Sprecher mit souveräner Distanz die Kampagne als einen Diskussionsbeitrag bewerten lassen. So weit, so gut. Aber wie wirkt das auf die Menschen?
Zu reden ist hier von zwei Journalistinnen, die angesichts dessen aus dem Rahmen fallen. Beide heißen Brigitte, beide kenne ich. Eine davon mag ich sogar. Und beide Brigittes, sie stehen für die Nation, rasten völlig aus, in die jeweils entgegengesetzte Richtung. Wir haben eine Fallstudie für die verhängnisvolle Politik der Polarisierung, die Zersetzung der Öffentlichkeit in Freund und Feind.
Brigitte Nummer Eins. In der Berliner Zeitung bewertet Brigitte Fehrle die Anzeigenkampagne als Revolution von oben. Es handele sich um eine unverhohlene Erpressung durch Leute, die sich in der Wirtschafts- und Finanzkrise gerade Milliarden von Regierung und Steuerzahler überweisen ließen; das sprenge alles bislang Dagewesene.
„Als Bürger,“ schreibt sie in ihrem Leitartikel, „ist man vor allem schockiert über die maßlose Missachtung unserer Demokratie. Nicht nur, dass die Wirtschaftsbosse selbstverständlich davon ausgehen, dass sie am Regierungstisch mitreden dürfen. Nein. Sie wollen gar nicht reden, sie wollen nicht einmal verhandeln, sie wollen befehlen. Sie wollen alles. Jetzt.“
Neben der Attitüde der Atom-Kampagne beklagt Fehrle das Politik-Konzept, mit dem die Bundeskanzlerin in die Enge getrieben werde und am Ende jeder Schritt in Richtung auf die Kernkraftbetreiber als Nachweis ihrer Erpressbarkeit gewertet werden müsse. In der ehemals Ostberliner Zeitung, die heute zum Reich des linksliberalen Dumont-Verlages gehört, tobt also der Volkszorn und eine getrost kommunistisch zu nennende Kapitalismuskritik.
Man versteht nicht, warum sich das ausgerechnet gegen eine Anzeige richtet, die doch jedermann sehen und bewerten kann. Vordem war der Lobbyismus in Hinterzimmern noch das Problem. Aber, so räumt die Autorin ein, man habe die Fassung verloren und schwanke zwischen Zynismus und heller Empörung.
Das ist natürlich Maulheldentum; selbst Allensbach liefert für diese kühne These keine Belege. Eine Nachfrage seitens des Blattes, warum er dann nicht die richtigen Fragen einen seriösen Meinungsforscher stellen lasse, unterbleibt.
Dabei ist klar, dass dann das Kartenhaus der vermeintlichen Demagogie zusammenfallen würde. Aber wir sollen Grossmann nicht durchschauen, wir sollen ihn adorieren. Der Stahlmagnat sieht die Atomlobby als Opfer einer Propagandawelle; man sieht sich in Notwehr.
Und nun setzt die Journalistin zur Charakterisierung an: Der gewaltige Mann sei Liebhaber guten Essens und Betreiber eines Gourmetrestaurants. Hofberichterstattung feinster Art folgt: Er habe seiner Ehefrau versprochen, tausend Tage nicht zu saufen. Auch den Beruf der Gattin dürfen wir erfahren und die Anzahl der Infanten.
So ist zuletzt über Kim Il Sung geschrieben worden oder im Neuen Deutschland über die Besuche Erich Honeckers auf der Leipziger Messe. Das ist jene Propaganda zugunsten eines Moguls.
Ich bin fassungslos über diese publizistische Fehlleistung; nein, eigentlich bin ich fassungslos über beide Fehlleistungen, die der linken wie die der rechten Brigitte. Und zugleich ist diese Polarisierung repräsentativ für die Kampagnenwirkung des Appells der Nuklearfürsten.
Hier liegt das Demokratiefeindliche der Kampagnen nach Gutsherren Art, in einem umgekehrten Willy-Brandt: spalten statt versöhnen. Aus Gleichgültigen macht Grossmann Gegner, aus Gegnern Feinde. Dass die Argumente von Grossmann und den Seinen stimmen, macht die Sache nur tragischer.
Natürlich muss man Merkel Attentismus bescheinigen und natürlich ist Röttgen für die Reaktionären in der Union ein Spinner, tatsächlich ein Spieler mit durchsichtigem Kalkül. Natürlich müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erhalten und ausbauen. Aber doch wohl nicht, indem eine obrigkeitsstaatliche Kaste nach Gutsherren Art die Machtfrage stellt. Für die Kernenergie gilt noch immer, was ich seit dreißig Jahren selbst erfahren habe: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
Quelle: starke-meinungen.de