Logbuch

LOVE PARADE.

Gestern war in Berlin Party. Die Polizei bat die Teilnehmer:innen, bekleidet zu bleiben. Es war sommerlich heiß. Unter dem Motto „Rave the planet“ wurde tanzend umgezogen, also erst um-, dann aus- schließlich umher. Vierzigjährige Muttis, die wie Teenies taten.

Ich stehe zufällig an der Strecke und stoße auf meinen Dealer. „Was geht, Alta?“, frage ich szenetypisch. Er antwortet: „Captas.“ Ich bin perplex. Das Medikament Captagon war vor vierzig Jahren der letzte Schrei. An der Bochumer Ruhr-Uni wurde es unter den schlaflosen Juristen vertickt und im Düsseldorfer „creamcheese“ für Dauertänzer bereitgehalten. Ein Amphetamin. „Das gibt es noch immer?“, frage ich meinen Dealer. „Es kommt aus Syrien in Putzeimern“, klagt er. Und „Christel Mett“ (Söder).

Herkunftsregionen der Captas sind die Krisengebiete des Nahen Ostens, wo es den Terrorismus befeuert. Die Familie Assads soll daran verdienen. Krieg und Drogen. Ich besinne mich, was mein Herr Vater zu Panzerschokolade zu erzählen wusste, die es bei Fliegern in reinerer Form gegeben habe: Fliegermarzipan. Wäre nicht eine Sozialgeschichte der Kriege zu schreiben anhand der dabei verwendeten Drogen? Die Nimmermüden waren ja zugleich die so verlässlich Entmenschlichten. Ein ernstes Thema.

Mein Dealer raunt mir zu, dass der neue heiße Scheiss Tillidin sei, das Schmerzfreiheit garantiere und als halal gelte. Aber das interessiere mich als Alman ja nicht. Ich verabschiede mich hastig, da ich schon mehr weiß, als wissen wollte. Eine Gruppe polnischer Hausfrauen, gekleidet wie ihre Töchter, umringt mich und bietet mir fröhlich kreischend einen Vodka aus einem Plastik-Pinnchen an. Na gut, einen, den nehme ich.

Disclaimer: Mein Dealer ist im wirklichen Leben ein befreundeter Sozialarbeiter aus der Drogenberatung. Und es ist bei zwei, drei Vodka geblieben. Ich schwör.

 

Logbuch

VERTRIEB.

Journalisten werden an ihrer Konversationsrate gemessen, das meint die Zahl an Abos, die ihr jeweiliger Artikel reinholt. Es bildet sich eine DRÜCKER-MENTALITÄT aus. Das ist im Vertrieb die unterste Schublade. Moralisch eine Handbreit über Straßenraub, aber nicht zwei.

Im schmutzigen Teil der Versicherungswirtschaft, dem DRÜCKEN, auch „Strukturvertrieb“ genannt, gibt es dazu einen Dreisatz: „Anhauen, umhauen, abhauen!“ Man sucht Aufmerksamkeit zu erregen, nötigt zur Unterschrift und macht sich dann schnell aus dem Staub. Das gab es an der Wohnungstür (Hausieren) und gibt es im Netz; dort noch raffiniert-naiver: man erteilt als Kunde Generalvollmacht und Kontozugang und erhält dafür eine günstige Hundehaftpflicht für Fehldeckungen.

Ich empfinde die verlegerischen Schlichen, um mich in ein Abo zu locken, durchgängig als Beleidigung meiner Intelligenz. Man kann künftige Kunden für doof halten, aber man sollte es sie nicht spüren lassen. Die „cliffhanger“-Artikelchen tun aber genau das. Und das hat Tradition. Leserreisen. Kaffeemaschinen. Buchreihen. Geschenkeshop. Alles Karotten, die Eseln hingehalten werden. Eseln.

Was noch zu klären ist: eine Fehldeckung ist kein Versicherungschinesisch (im Sinne der Unterdeckung), sondern Biologie. Wenn es bei einer Hündin durch meinen Hasso zu ungewolltem Nachwuchs kommt, dann darf deren Herrchen mich in Regress nehmen; dieser nunmehr versicherte Fall nennt sich Fehldeckung.

Alles weitere hinter der Abo-Schranke.

Logbuch

MYTHOS JOURNALISMUS.

Um eine Redaktion für eine Regionalzeitung wirtschaftlich betreiben zu können, muss der angestellte Redakteur im Durchschnitt 2,4 Artikel am Tag schreiben. Das erfahre ich gerade von einem alten Fahrensmann. Damit ist der Rahmen gesetzt, der für Recherchen bleibt.

Dem damit beschriebenen ökonomischen Problem konnten Verleger lange ausweichen, indem sie Schwarzarbeit zum Prinzip erhoben. Zwei Varianten: ich hebe Aufsätzchen von Laien ins Blatt, die sich als Betroffene gern gedruckt sähen. Oder ich nehme professionelles PR-Material herein, dass sich als Redaktionelles tarnt. Die Redaktion lasse ich obendrauf Agenturmeldungen kupfern oder aus Internetquellen weiteren Content zusammenstehlen. Aus diesem Brei wird ein Blatt.

Die Blätter sterben so nicht alle sofort, sie verfallen in Siechtum morbider Art, zu dem sich dann auch noch der Vertrieb meldet. Die Bedienung der Abos in schwachbesiedelten Räumen lohnt nicht mehr. Staatsknete willkommen. Sagen wir es klar: Das Geschäftsmodell ist im Arsch. Wenn Journalisten eine Zukunft haben, dann nicht mehr als Teil der holzverarbeitenden Industrie.

Online-Presse? Ach. Gelegentlich passiert es mir noch, dass ich mich von einem „cliffhanger“ anlocken lasse und nach drei Schritten vor einer Bezahlschranke hänge. Was für ein armseliges Geschäftsmodell. So werden Rheumadecken auf Kaffeefahrten an Rentner vertickt, aber doch bitte nicht die Erleuchtungen der Vierten Gewalt.

Es bleibt aber der Anspruch, mit der eigenen Wahrheit ein Correctiv der Wirklichkeit zu sein. Die gemeinnützigen Modelle, die der alten Überheblichkeit hier eine neue Zukunft geben sollen, kann ich nicht bewerten, da mir einige der dort agierenden Haltungsjournalisten als nicht satisfaktionsfähig erscheinen. Ja, es liegt sicher an mir, aber das ist mir schlicht nicht gegeben. Viel Glück.

Ich hab mir daher bei Elon einen blauen Haken gekauft und lasse den Sugardaddy meine privaten Daten ausspionieren. Dafür darf man dann dort spielen. Ich simuliere in Ein-Finger-Such-System mit natürlicher die künstliche Intelligenz, an der mich nichts, aber auch rein gar nichts fasziniert. Mir wäre nach einer Renaissance.

Logbuch

Friedensbewegte Scheuklappen gegen den Anblick hässlicher Wahrheiten: Afghanistan und die Abzugsperspektive

Das TIME-Magazine, seit jeher gerühmt für seine eindrucksvollen Titelbilder, macht dieser Tage mit einem wirklich erschütternden Foto auf. Ein junges afghanisches Mädchen, bildhübsch und gerade erst 18 Jahre alt. Doch etwas entstellt ihr Gesicht; wo sich normalerweise die Nase befinden sollte, klafft ein ausgefranstes Loch, Folge eines raschen Schnittes mit unsterilem Schneidwerkzeug.

Trüge sie nicht einen Kopfschleier, so böte sich dem Betrachter an der Stelle ihrer Ohren ein ähnliches Bild. Die junge Dame hatte es, so erfährt man, gewagt, ihren prügelnden Ehemann und seine nicht minder gewalttätige Familie zu verlassen. Dafür verurteilte sie ein Kommandeur der lokalen Taliban zu dieser Strafe.

Plötzlich haben ideologisch äußerst sattelfeste Menschen allerorten gewaltig Schaum vor dem Mund. Was ist der Anlass dafür?

Eigentlich eine Kleinigkeit: Es handelt sich um die Überschrift, mit der die Redakteure das Bild versehen haben: „What happens if we leave Afghanistan“. Die Konsequenzen eines Rückzugs, kurz und prägnant in einem Bild.

In der Folge bricht ein Sturm der Entrüstung los, von kriegslüsterner Gräuelpropaganda ist da zu lesen, wackere Onlinekommentatoren urteilen vom heimischen Rechner aus, dass dieses Bild nichts mit afghanischer Realität zu tun habe, von der verwerflichen Instrumentalisierung menschlichen Leids ist da zu lesen.

Ein geschlossenes Weltbild ist seit jeher eine feine Sache. Es gibt die Guten, es gibt die Bösen, dazwischen gibt es meistens nichts. Ackermann ist furchtbar böse, Eisbär Knut ein zahmer Umweltkämpfer und George W. Bush ein Schimpanse.

Ein geschlossenes Weltbild macht glücklich und erfolgreich, mediale Popularität generiert sich eben leichter ohne große Selbstreflexionen. Da darf dann eine Sahra Wagenknecht allwöchentlich ihre wirtschaftspolitischen Überzeugungen von Vorvorgestern unters Volk bringen, da gestattet man es einer Alice Schwarzer, geifernd zu präjudizieren und journalistische Kolleginnen, die es gewagt haben, Grautöne zu sehen, mit Tiernamen zu belegen.

Ein geschlossenes Weltbild sichert auch Minoritäten Dominanz, wie verquer ein Argument auch sein mag, oft und laut genug herausgerufen, bringt es den Gegner schon zur Ruhe. Schweigespirale nannte das die kürzliche verstorbene Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann einst. Was man auch sonst von der Dame halten mag, hier hatte sie wohl leider recht, die alltägliche Beobachtung einschlägiger Medien und Foren legt diesen Schluss zumindest nahe.

Immer schon hatten die glücklichen Inhaber einer festen Weltsicht ihre lieben Beschäftigungsobjekte, sei es Israel (furchtbar böse), Windkraft (ziemlich super) oder Einwanderung (klasse, aber bitte doch wohl nicht im eigenen Stadtviertel). Seit einigen Jahren steht nun auch der Militäreinsatz am Hindukusch auf der Agenda.

Kaum war der erste Schock des 11. Septembers verflogen, brandete die neue Pazifismuswelle auf. Rumsfeld und Cheney wurden zu Industriemarionetten erklärt, die PACE-Fahne flatterte fortan fröhlich am Balkon der sündteuren Altbauwohnung und ein verschmitztes ‚Soldaten sind Mörder’-Schildchen blitzte in manchem handgefertigten Kirschholzbücherregal auf.

Die Veröffentlichung der geheimen US-Papiere auf der Plattform Wikileaks wurde für viele dieser überaus engagierten Menschen dann zu einem ganz persönlichen Woodstock-Erlebnis: Die hässliche Fratze der militärischen Großmacht, endlich war sie demaskiert. Ein edles und friedliebendes Bergvolk, seit Jahren unter dem Joch einer menschenverachtenden Besatzungstruppe, hatte man es nicht schon immer gewusst?

Und dann erst die Enthüllenden: gewitzte junge Männer, die digitale Bohème, hier als siegreicher David gegen den verachteten Goliath.

Alles hätte so schön sein können, bis dann dieser Tage diese unselige Zeitschrift erschien.

Verstümmelungen im Afghanistan des Jahres 2009, acht Jahre nach Kriegsbeginn, als Argument gegen einen raschen Abzug der Koalitionstruppen? Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Und überhaupt, haben die das Geschehen etwa verhindert?

Im stillen Kämmerlein (wir erinnern uns, die Schweigespirale und die Dominanz lauter und aggressiver Meinungen…) mag sich manch einer ob dieses zutiefst schwachsinnigen Argumentes wundern: Sind in Deutschland begangene Verbrechen ein Grund zur Abschaffung der Polizei? Weil die Koalitionstruppen (die immerhin medizinische Versorgung und Bildung für Frauen erst wieder möglich gemacht haben) hier nichts tun konnten, wäre es besser, sie abzuziehen? Wohl dem, in dessen Weltbild dies Sinn ergibt.

Wenn wie hier der Mensch des Menschen Wolf wird, wenn indigene oder ( wie im Fall der meisten Taliban) nicht-indigene Bevölkerungsgruppen Frauen zu Bestandteilen des Sachenrechts erklären, dann ist die starke Hand des Staates gefordert, der regelnde und strafende Leviathan, der den Gewaltverzicht notfalls auch gewaltsam durchsetzt. Wenn wie im Falle Afghanistans nun aber der eigentlich zuständige Staat verlässlich zwischen Kalifat und Kleptokratie pendelt, dann wird externes Eingreifen zur Pflicht, im Interesse der Sicherheit, im Interesse der elementaren Menschenrechte.

Mag die Moralistenposition hinter der Friedensfahne auch noch so angenehm sein, mag das feste Weltbild mit dem amerikanischen Aggressor als verlässlichem Hauptfeind auch noch soviel soziale Akzeptanz mit sich bringen, hier ist beides schlicht fehl am Platze. Der Weg zu einem vermeintlichen Frieden wird zunehmend mit engsten Scheuklappen beschritten. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind Anstand, Moral und Menschenrechte – und nicht zuletzt auch gepeinigte afghanische Mädchen.

Quelle: starke-meinungen.de