Logbuch

FINDELKINDER.

Die fürsorgliche Kindesliebe ist ein relativ modernes Institut in unserem Gefühlshaushalt. Ich studiere INFANTIZITÄT, den Brauch der Kindestötung, und bin entsetzt. Das Aussetzen Neugeborener galt früher als Nachwuchsplanung.

Man hat schon in Grimms Märchen Kunde davon, dass sehr arme Eltern sich ihrer Kinder zu entledigen suchten. Derart beginnt das Schicksal von „Hänsel und Gretel“. Aus dem Geschichtsunterricht erinnert man, dass die Spartaner all ihre Infanten vorübergehend aussetzten, um in den Überlebenden eine Art Gottesurteil zu erfahren. Der Antike sagt man nach, dass Neugeborene auf den Boden gelegt wurden; wenn der Vater sie aufhob, galten sie als angenommen, ansonsten standen sie dem Sklavenhandel zur Verfügung.

Daher kommt der Begriff des FINDELKINDES, dass man es irgendwo gefunden hat, etwa auf den Stufen von Tempeln oder Kirchen. Von Moses, dem Stammvater der Israeliten, wissen wir, dass er in einem Bastkörbchen dem Nil anvertraut wurde. Gleiches Schicksal bei den Gründern der Ewigen Stadt, Romulus und Remus, ausgesetzte Söhne einer etruskischen Prinzessin, die sich dem Kriegsgott Mars hingegeben hatte. Aufgezogen angeblich von einer Wolfsmutter; wobei „lupa“ auch eine Prostituierte sein konnte, also Hurensöhne. Da war auch was bei Goethe mit Gretchen.

Man muss die Babyklappe für eine segensreiche Einrichtung für die ganz Verzweifelten halten. Denn eigentlich gibt es auf Erden kein größeres Glück, als das der Kinder und Kindeskinder. Wie furchtbar, wenn hier eine Geschlechterauswahl stattfindet; man spricht von Femizid, wenn es die Mädchen trifft.

Aber es konnte auch die Jungens treffen. In der Vulkanasche des Alten Rom hat man hinter einem Badehaus ein Massengrab männlicher Säuglinge entdeckt. Badehäuser waren zugleich Bordelle und Knaben kein geeigneter Nachwuchs für die Hetären. Wie unendlich grausam. Was man von irischen Waisenhäusern aus der Moderne hört, ist nicht tröstlicher.

Zu den dunkelsten Kapiteln der Montankultur gehört, dass Kinderarbeit untertage gefördert wurde, weil die kleinen Gestalten flözgängiger waren. Von hier auch der Mythos der Zwerge, historisch durch Zwangsarbeit verkrüppelte Kinderknappen.

Die Wissenschaft sagt, dass die Kindheit als Schutzberechtigung eine soziale Konstruktion sei; dem ist zuzustimmen.

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MELONI ATTENZIONE.

Wie man seine Dichter und Denker ehrt, oder nicht. Man kann ja nicht jedermann reinlassen in die Hochkultur. Auch bei UMBERTO ECO gibt es Zweifel. Er hat zeitlebens eine Feindschaft zu Berlusconi gepflegt. Das vergessen die jetzt in Italien Regierenden nicht, der Herkunft nach Faschisten.

In der Diskussion um den präsumptuösen Vorlass der privaten Tagebücher des MARTIN JOHANNES WALSER an das Archiv in Marbach werde ich drauf hingewiesen, dass HANS MAGNUS ENZENSBERGER seine Unterlagen auch dorthin gegeben habe. Das war mir nach meinem Besuch in seinem norwegischen Sommerhaus (es gab Fischpudding) nicht unbekannt. Auf einen Vergleich der beiden lasse ich mich nicht ein. Nur soviel: ENZENSBERGER jedenfalls trug seinen zweiten Vornamen zu Recht.

Zum aktuellen Fall. Die private Bibliothek von UMBERTO ECO umfasste rund 30.000 Bände, die seine Erben posthum der öffentlichen Hand übergaben. Der Bau eines Gebäudes zur Ehrung dessen steht aus. Aber es wird angeblich katalogisiert.

Ich habe auch Zweifel am Bestandsverzeichnis. Nicht nur wegen des umstrittenen Frühwerks (eine Fälschung). Als ich seinerzeit den Primitivo mit Eco aus Plastikbechern auf seiner Bibliotheksleiter verköstigt habe und er zur Toilette ging, habe ich zwei meiner Bücher ins Regal geschoben. Reingeschmuggelt. Beide unter alten Pseudonymen erschienen. Jetzt warte ich, wann sie im Bestand erscheinen. Oder eben nicht. Die Meloni soll aufpassen!

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EIN X FÜR EIN U.

Twitter erscheint seit heute Morgen als X, unter neuem Namen. Ein Eingriff des Verlegers; Elon Musk räuspert sich. Dessen Eingriffe ändern nichts daran, dass Twitter das erfolgreichste Medium der freien Publizistik ist. Eine Säule der deliberativen Demokratie. Gerne lasse ich mir ein X für ein U vormachen.

Die große Hoffnung der Demokratie schien Habermas der herrschaftsfreie Dialog der Bürger, aller Bürger, zur möglichst sanktionsfreien Meinungsbildung. Dies sollte nicht nur ein Privileg von Eliten sein, die sich als Verleger Zeitungen kaufen konnten, sondern aller aufgeklärten Menschen, die Kant euphemistisch „die Leser“ genannt hat. Ja, Twitter ist ein Medium massenhafter Aufklärung, mit einer historisch noch nie da gewesenen Breite und Tiefe.

Wo allgemeiner Gebrauch möglich, ist Missbrauch nicht ausgeschlossen. Die Aufklärung gebiert Gegenaufklärung. Das kostenlose Urteil von jedermann nutzen dann auch die Dummen und die Bösen. Wer das übersieht, ist ein Idiot. Aber der allfällige Hang von Querdenkern und Propagandisten zur Desinformation hat nicht verhindern können, dass sich eine Weltgemeinschaft der Vernünftigen hier verständigte. Kant hätte gejubelt; Habermas ist dazu zu altersdumm.

Natürlich sehe ich das oligarchische Wirken der globalen Potentaten aus SILICON VALLEY mit großer Skepsis. Ich folge Herrn Musk nicht; nicht in den Weltraum oder auch nur in diese batteriebetriebenen Schüsseln. Daran, dass er aber der Gutenberg unserer Tage ist, daran kann kein Zweifel bestehen. Ich gratuliere X zur Taufe.

Ich betrachte X mit jenem Argwohn, den Journalisten schon immer gegenüber Verlegern hatten. Kennen Sie den? Alter Journalistenwitz: Stalin kann kein ganz schlechter Mensch gewesen sein; er hat in seiner Jugend einen Verleger umgebracht.

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„Ich bin dann mal weg“: Die politische Klasse macht sich vom Acker

In meinem Vaterland erntet geringe Achtung, wer die Dinge, die er tut, aus Neigung oder wegen des Geldes treibt. In Fragen der Liebe ist es besonders verhängnisvoll, wenn das Argument lautet, dass es halt Spaß mache. Noch geringeren moralischen Glanz hat das Motiv, nach dem man jung sei und das Geld brauche.

Der deutschen Ehre entspricht es nicht, sich für etwas bezahlen zu lassen. Ganz anders in den USA. Dort wird man schon beim zweiten Glas auf dem Stehempfang schlank gefragt, wie viel man denn mache. Gemeint ist Geld. Ganz anders als in deutschen Landen auch in Frankreich, in dem eine „amour fou“ alles rechtfertigt. Und selbst den Engländern reicht eine Obsession als Begründung, ein „spleen“, je abgedrehter, desto lieber.

In Preußen weiß man, was sich gehört; man weiß das im Herzen und nicht in den Lenden oder dem Portemonnaie. Mein ach so ernstes deutsches Vaterland ist geprägt von preußischer Tugend. Schon Friedrich Schiller war von sich enttäuscht, weil er zwar seine Pflicht getan habe,dies aber gerne. Letzteres galt als Makel. Wir wollen im Staate Charakter sehen und Werte, nicht Kurtisanen und Dukaten. Künstler, das mögen Hedonisten sein, und Bankiers Geldscheffler, Agenten der Gier.

Lust und Laster mag teilen, wer will, nicht aber die Sachwalter des Gemeinwohls. Man tut seine Pflicht, weil ein inneres moralisches Gesetz es verlangt. Und nicht, weil es Kohle gibt oder geil ist. Wer in Preußen ein öffentliches Amt bekleidete, nahm sich zum Motto „Dienend verzehre ich mich!“

Zum Dienst gehörten auch die harten Zeiten und die Gewissheiten, dass man nicht bei kritischen Anwürfen gleich den Köhler macht, früher noch Fahnenflucht genannt. Das Salär der Beamten war karg, aber, jetzt kommt es, die Pension auskömmlich. Das mit dem fürstlichen Ruhestand freilich gilt auch für die Herren Roland Koch und Ole von Beust, auf die nun eine stattliche Altersversorgung wartet. Günter Oettinger hatte die Rente noch nicht durch und dreht dieserhalben noch mal eine Runde in Brüssel.

Es zeigt, wie dumm wir, die Wähler, sind, wie vertrottelt. Die Volksseele will nicht zur Kenntnis nehmen, dass längst in der Politik Einzug genommen hat, was schon die Wirtschaft beherrscht: das Managertum. Manager sind Angestellte, die eine Institution so führen, als seien sie die Eigentümer. Manager tun es für Geld, am liebsten für viel Geld.

Das Hurenhafte berührt sie nicht, weil es Kern des Systems ist. Diese Jungs singen selbstbewusst: „We are only in it for the money!“ Man kann sie nicht beleidigen, wenn man sagt, was ist: Sie sind die Strichjungen des Kapitals. Natürlich kann man Lippenbekenntnisse von ihnen hören, nach denen sie die Aufgabe interessiert und sie eine Mission haben.

Aber jeder weiß, dass das eine Kirsche auf der Torte ist und nicht mehr. Manager sind die fleischgewordene Lebenslüge: Sie geben vor, wie die Eigentümer zu handeln, aber sind doch nur Angehörige eines Söldnerheeres. Manager kämpfen die Kriege anderer Herren und lassen sich dafür fürstlich entlohnen. Stimmt der Bonus nicht mehr, ziehen sie weiter, im Zweifel auf die andere Seite des Grabens.

Klares Beispiel: Banken gehören nicht mehr wohlhabenden Menschen, leibhaftigen Bankern, sondern werden von angestellten Topmanagern geführt, die ihre ebenfalls angestellten Investmentbanker besser bezahlen als sich selbst. Weil die sonst einfach am nächsten Morgen nicht wiederkommen.

Noch ein klares Beispiel: Verlage werden nicht mehr von Verlegern geführt, sondern von Verlagsmanagern, deren publizistische Seele den Tiefgang eines Metzgerblocks hat.

Kurzum: Auch der Staat wird gemanagt von Managern, politischen Managern, die früher Staatsmänner hießen. Und wenn diese Politmanager keinen Aufstieg mehr sehen oder keine Kohle oder keine geile Machtausübung oder keinen lukrativen Anschlussjob, dann hauen sie in den Sack.

Entgeistert fragt der desillusionierte Wähler: und die wirklichen Werte und der echte Charakter und die moralisch geistige Wende? Kriegsgeschrei, Söldnerlieder. Wenn die Schlacht geschlagen und der Sold gezahlt ist, wird privatisiert. Dann macht die politische Klasse Fisimatenten, wie es im alten Preußen hieß. Dann will man für die sauer verdiente Pension endlich Spaß haben.

Mindestens so viel wie die pensionierte Troubadoure Gerhard Schröder und Joschka Fischer, vormals Koch und Kellner. Oder wie Horst Köhler, laut Boulevard im Reiterurlaub auf Norderney. Weiteres in Wendy, der Mädchenzeitschrift für den Ponyhof.

Quelle: starke-meinungen.de