Logbuch

FORBIDDEN FRUITS.

Ich fange mal kompliziert an. Rachegelüste sind etwas sehr Vormodernes. Und es gibt Religionen, die sich, wo an der Macht, der Ausgestaltung der Vormoderne widmen. Aber es liegt mir heute nicht an Islamkritik, sondern der des reaktionären Christentums; auch das gibt es. Die alte Tante FAZ hat eine Feder dieser Prägung in Hannover zu sitzen, die sich jüngst zum Praeceptor Germaniae aufwirft. Der langweilige Evangele von der Leine, ein Doktor der Theologie ehrenhalber, droht den Ossis. Im Namen der Wessis erhebt er die Stimme. Unsere Geduld könnte auch mal zu Ende gehen. Schließlich haben wir mit unserem Soli den DDR-Scheiß hochgepäppelt. Sagt der Halbe Luther in der FAZ.

Auslöser ist wohl der absehbare Wahlerfolg der AfD in Mittel- und Ostdeutschland. Drei der dortigen MP-Kandidaten mischen sich jüngst als Troubadoure des Ostens in die Rentendebatte ein, was schon im Ansatz undankbar ist. Ohne Willy Brandt und Helmut Kohl wären die Ossis noch immer Vasallen der Sowjets, zumindest aber ökonomische Pauper wie der Pole oder der Ungar. Das ist das Argument. Daran ist so gut wie alles mies.

Ja, die Ostpolitik Brandts und die Europapolitik Kohls haben die Folgen des verlorenen Krieges saniert; Teil einer weisen Friedenspolitik. Der größere Teil der Weisheit ist allerdings den Siegermächten geschuldet, die auf eine imperiale Rache verzichtet haben; auch und gerade Russland. Ich weiß, dass das nicht jedem gefällt, darum sage ich es mit Nachdruck.

Die Ossis sollen jetzt also die Partei Kohls oder zur Not die Brandts wählen und die Schnauze halten. Sonst hat der Arsch Kirmes. Ja, man redet mit den Sachsen und Konsorten wie mit trotzigen Kindern, die des Undanks gegen Vaters Autorität bezichtigt werden. Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch steckst… Die Folge ist politische Reaktanz.

Das Fatale bei den verbotenen Früchten ist, dass die Lust seit Adam und Eva immens, in den Apfel vom bösen Baum der Erkenntnis zu beißen, auch wenn man sich damit den Magen verdirbt. So vergiftet scheint dann manchem Trotzkopf neben Brandt und Kohl auch Hitler wieder erwägenswert. Das ist nicht klug. Mehr habe ich nicht anzumerken. Ansonsten sind es allgemeine und freie Wahlen. Das ist einer der Unterschiede zur DDR.

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MIT NIX GEMEIN.

Zu den Vorbildern des Journalismus als höherem Gewerbe gehört Hanns-Joachim Friedrichs, Namensgeber eines eigenen Preises für die schwätzenden Schergen der Vierten Gewalt. Ihm verdankt die Branche das Motto, nach dem sich ein guter Journalist mit keiner Sache gemein mache, auch keiner guten. Das ist ja mal ein Wort. Klingt gut und, wie angenehm, erlaubt Feigheit. Mit nix was gemein.

Im Mutterland der westlichen Demokratie spricht das Organ dieses wertebestimmten Haltungsjournalismus, die BBC, davon dass man unparteiisch zu sein habe: „due impartiality“. Das hat dieses parlamentarische Denken zur Grundlage, nach dem eine Sache immer zwei Seiten habe, eine auf der rechten wie eine auf der linken Seite des Hohen Hauses. Oder die Dualität von Anklage und Verteidigung im Gerichtssaal. Da werden dann aber auch schon die Grenzen dieses binären Denkens deutlich. Erwarten wir von einem Richter auch, dass er unparteiisch sein möge und heißt das dann, dass er sich mit keiner Sache gemein machen dürfe, auch nicht der guten? Ein Urteil ist bestenfalls ein Urteil, nie Gerechtigkeit gegen Jedermann.

Das Leben ist komplizierter als das Weltbild des öffentlich-rechtlichen Gesinnungsjournalismus. Und ich kenne dessen blasierte HeldInnen aus der Nähe. Dass auch die rechten Hetzer dies sagen, macht sie nicht zu Agenten der Wahrheit; eher im Gegenteil. Vieles von dem, was die Rechte an den Woken tadelt, beschämt mich eher wegen der intellektuellen Armut des Angriffs. Mein Weltsicht ist dadurch geprägt, dass bei diesem oder jenen Streit möglicherweise beide Parteien Unrecht haben. Schon deshalb ist man lieber unparteiisch. Es gibt zu vielen Sachverhalte mehrere Irrtümer. Die Wahrheit ist immer nur eine Übereinkunft; oft vorübergehender Natur.

Jetzt zum eingangs genannten Hajo. Ich habe mit ihm zusammen PR-Produktionen gemacht, bei denen er Interviews mit Industrievorständen geführt hat und sie nett zu ihren Geschäften befragte. Natürlich haben wir dabei von der Glaubwürdigkeit des „tv anchors“ profitieren wollen und selbstverständlich ein bescheidenes Honorar bezahlt. Und? So, jetzt macht die Kiste auf und lasst die Jakobiner raus.

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KAFFEEHAUS AUS.

Die Gastronomie wie der Lebensmitteleinzelhandel unterliegen einem raschen Wandel, der schon durch die amerikanischen Fastfoodketten vorgezeichnet worden ist. Denn McDoof und WürgerKing sind eigentlich Immobilien-Unternehmen, die rund um einen größeren Parkplatz Gewerbeflächen für Tankstellen wie Reifenhandel und Waschstraßen betreiben und dem noch eine Bräterei für flache Frikadellen im Pappbrötchen hinzufügen. Das entscheidende für die Besucherfrequenz ist der Abstellraum für PkW. Und an welcher Ausfallstraße. Eine Immobilie heißt zu Recht auf Deutsch „unbewegsam“, weil ihre fixe Geografie den Geschäftserfolg bedingt. Lage, Lage, Lage.

Ältere Café-Betriebe, oft in Innenstädten, präsentieren noch in großen Glastheken ganze Bataillone an üppigen Sahnetorten, die der wohlerzogene Kunde bei Betreten des Etablissements auswählt, um sich das mächtige Stück Schwarzwälder Kirsch dann an den Tisch bringen zu lassen. Das Kalorienangebot entspricht dem Wochenbedarf eines Stahlarbeiters. Die Bedienung ist mit einem weißen Schürzchen bekleidet, das der Eröffnungsszene eines Beate-Uhse-Films der Siebziger zu entstammen scheint. Die Stimmung entspricht dem Speisesaal vom Don Biskopp Heim in Oer-Erkenschwick. AWO-Charme. Ranzige Frühstückskarte, garniert mit Essensresten.

Ganz neu allerorten jetzt die als Kleinrestaurant getarnten Aufbackstationen für Tiefkühlgebäck, die mit dem spärlichen Gestühl und dem schmuddeligen WC das Recht erwerben, auch an Sonn- und Feiertagen zu öffnen. Hier bestelle ich einen Doppelten Expresso (sic) und erhalte in einer Kaffeetasse (sic) eine Drittelfüllung bitteren Kaffees und dazu ein einzelnes Milchdöschen auf der Untertasse (sic). Das sind diese Undinger aus Plastik und Alufolie, die kein Mensch geöffnet kriegt; was aber auch besser ist, weil was sich als Milch gibt, nur eine weiße Zuckerplörre ist. Und was fange ich mit der mickrigen Mini-Füllung eines einzelnen von den Mistdingern bei einem Doppelten mistigen Ness-Kaffees an?

Kann ich bitte noch mal das Menü aus dem Altenheim sehen?

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Atom-Poker im Casino-Kapitalismus: Die schwarz-gelbe Bundesregierung spielt mit den Ängsten der Menschen Roulette

Umweltminister Röttgen ist schlau, vielleicht sogar oberschlau, aber er ist nicht klug. Eine Verlängerung der Laufzeit von Kernkraftwerken soll, so die jüngste Idee von Weisen und  Bundesregierung, versteigert werden.

Da können dann die Betreiber der Atomkraftwerke zocken: Wer die meiste Kohle auf den Tisch legt, darf seine profitträchtige Nuklearanlage weiterlaufen lassen. Nach einem solchen staatlichen Ebay- Verfahren winkt  dem Zahlungskräftigsten der vier Nukleargiganten eine neue Zukunft für Anlagen, die er längst abgeschrieben hatte, in mehr als einem Sinne. Den Kampf-Begriff „Schrottreaktor“ wollen wir nicht wiederholen, sprechen wir von der Lizenz, Geld zu drucken und die Wettbewerbslandschaft für das Strom-Oligopol zu sichern: Billiger gibt’s Strom nimmer!

Die politische Phrase von der Brückentechnologie ist so land wie die Nase des Pinocchio.  Solche Versteigerungen sind ein inzwischen erprobtes Verfahren, ob es nun um Mobilfunklizenzen oder Gasspeicherkapazitäten geht. Die Bundesnetzagentur kommt zum Zuge oder ein privates Verfahren innerhalb der Wirtschaft. So soll gesichert sein, dass der Anbieter das Maximum für seine Offerte erhält.

Handelt es sich bei dem Begünstigten um die Öffentliche Hand, haben alle Bürger ein Interesse daran, dass Geld in die Kasse kommt, weil es um ihre Steuern geht. Was der staatliche Moloch nicht auf diesem Weg Geld aus den Konzernkassen bekommt, da sind sich die kleinen Leute und die mittleren Unternehmen sicher, das holt er sich ansonsten über Steuern und Abgaben bei ihnen; der Erfindungsreichtum ist ja grenzenlos.

Warum ist die Versteigerung von Reststrommengen bei AKWs schlau, aber nicht klug? Das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung ist bei Fragen der Kernenergie seit Hiroshima groß, seit Tschernobyl noch größer und seit dem Vattenfall- Management in Krümme unzweifelhaft eine politische Größe. Vom Betreiber einer Nuklearanlage wird zu Recht eine besondere Zuverlässigkeit verlangt. Dazu gehören technische Kompetenz, politische Seriosität und eine überzeugende Lösung der Entsorgungsfrage.

Man mag die Deutschen für hysterisch halten, aber sie reagieren sensibel, wenn sie erfahren, dass ein Ministerpräsident, der angesichts einer Notabschaltung eines Atomkraftwerkes den Vorstandsvorsitzenden des Betreibers anruft und wissen will, was da los ist, auf ein sonnenbeschienenes finnisches Gemüt trifft, das keinen blassen Schimmer hat. Der Pressesprecher von Vattenfall weiß bis heute nicht, worüber die Presse sich aufregt.

Bei einem anderen Betreiber tritt ein Technikvorstand zurück, der in Russland undurchsichtige Geschäfte mit nuklearen Brennelementen aus dem militärischen Komplex gemacht hat und schon mal einen dreistelligen Millionenbetrag abschreibt. Hier ist zumindest die Kommunikation solide. Gleichwohl, das alles sieht für die Menschen im Lande nicht nach Zuverlässigkeit aus.

Vom Endlager in Gorleben erfahren wir, dass es eine politische Entscheidung war, an die damalige Zonengrenze und ins Reich eines schwarzen MP zu gehen, aber keine sachliche. Von der Unternehmung in einem anderen Salzbergwerk, der Asse, hören wir von unvorstellbaren Schlampereien. Nach den Vorstellungen des bürgerlichen Lebens sind das keine sauberen Geschäfte; es tut mir wirklich leid!

Auch wenn dies anders klingt, ich bin kein Gegner der Kernenergie, soweit es  technische Fragen angeht; ich stelle die Frage nach der politischen Zuverlässigkeit, und die betrifft die Regierung wie das Management der Unternehmen.

Die Tiefseebohrungen von BP haben uns gezeigt, Störfälle kann niemand ausschließen. Wer den Tankrüssel ins Auto oder den Stecker in die Dose steckt, erklärt sich damit einverstanden, ob er das nun zugibt oder nicht. Mit Störfallrisiken werden wir einfach leben lernen müssen, die Alternative ist Verzicht; alles andere ist blauäugig.

Ich habe keine Angst vor Apokalypsen aller Arten, die die Empörungs-Heinis aus dem grünen Wohlfühlmilieu uns einreden wollen. Aber mein Gefühl beim Atom-Poker ist, dass diese Industrie und diese Politik ihr eigenes Moratorium vorantreibt. Jetzt taucht man die – vielleicht hysterische- Frage nach der Zukunft der Menschheit in das kalte Wasser des Casino-Kapitalismus.

Die Wähler lernen: Nach Las Vegas-Manier wird nun auch hier gezockt. Wie bei den Börsen und Banken nun auch bei den AKWs. Nicht nur unser Geld, jetzt auch unser Leben auf der schiefe Ebene der Verramscher; das ist der Eindruck, der Fluch der oberschlauen Tat. Diese Politik schürt durch ihre Missverstehbarkeit den Volkszorn.

Die Anti-AKW-Bewegung wird dadurch befeuert wie der Schnelle Brüter: Jenes Wunderwerk der Plutoniumwirtschaft erzeugt mehr Zündstoff , als es verbraucht. Man arbeitet am Perpetuum Mobile der Industriefeindlichkeit. Was sage ich als halbherziger Dulder der Kernenergie: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde!

Quelle: starke-meinungen.de