Logbuch

TAUSEND STUTZ.

Der Mensch sei frei geboren, hat der legendäre Rousseau festgestellt, lebe aber überall in Ketten. Er war ein armer Schlucker. Heute ist frei, dachte ich, wer die Taschen voller Stutz hat (am liebsten ein Bündel der violetten Noten zu CHF 1000) und einen westlichen Pass. Falsch.

Abseits eines Weihnachtsmarktes, vor dem warmen Wein fliehend und der „Rostbratwurst vom Grill“, kaufe ich mir eine Schokolade. Der kleine Laden firmiert als „Chocolaterie“ und lobt Jordan Gasco aus, der bei Olivier Nasti die Nachtische macht. Das Schächtelchen kostet bei 160 Gramm Inhalt 18€; stolzer Preis.

Das aber beschäftigt mich nicht. Wenn die Wurst 8€ kostet, dürfen Pralinen 18€ nehmen. Was mir zu denken gibt, ist der Zahlungsvorgang. Man weist meinen 50€-Schein sehr höflich und freundlich zurück und sagt den Jahrhundertsatz: „Wir bedauern sehr, aber wir akzeptieren kein Bargeld.“ Jede Karte wäre recht.

Solang ich denken kann, galt das an die Dollarnote angelehnte Motto „In God we trust, the rest pays cash.“ Im englischen Pub galt gar Vorkasse; erst die Knete, dann das Pint. Im Milieu wurden nie Deckel gemacht, sprich angeschrieben. Schecks mochte niemand. Nur Bares war Wahres. In Moskau wie Kiew wollen die steilen Damen nach wie vor ungeknickte 1000-Dollar-Noten.

Jetzt das. Bargeld unerwünscht, geradezu verweigert. Was Karl Marx so klar als „allgemeines Äquivalent“ der Warengesellschaft charakterisiert hat, verliert die Universalität. Die Noten gehen den Weg der Münzen, ins soziale Aus, nur noch Proleten legen Cash auf den Counter. Die Perfektion ist mit Apple Pay erreicht. Ich grinse in mein Smartphone, Doppelklick und die Sache ist erledigt.

Was verloren ist, wiegt schwer. Wir sind nun die Sklaven unserer Datenspur. Man rät mir auch noch zu PayPal vom iPhone; das sei noch bequemer. Danach ist man, ich bin sicher, vollständig in Ketten.

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TROPHÄEN.

Der Herr des Hauses, das mich beherbergt, frönt der Jagdleidenschaft, ein Waidmann besonderer Passion. Zum Zeichen seiner Überlegenheit zieren allerlei Hirschköpfe mit gewaltigen Geweihen all die Wände. Welch ein Steinzeitkult. Vom Beerensammler zum Bärentöter.

Im Milieu macht man den sprichwörtlichen Jagdschein, weil man so an eine Waffenbesitzkarte kommt. In der Bourgeoisie unterhält man Jagden, weil das den arrivierten Bürgerlichen eine Adelsglorie gibt. Und mein Gastgeber, ein Koch, will zeigen, dass er die Gams eigenhändig geholt hat. Ich bin gleichwohl irritiert.

Man stelle sich vor, der Metzger Tönnies würde seine Villawände mit all den Schweineköpfen zieren wollen, die aus seinen Schlachthöfen stammen. Die Halle ginge ja von Westfalen bis an den Ural. Aber hier halte ich mich zurück; die Reputation dieses peinlichen Feldherren pflegen zwei meiner nettesten Berufskollegen. Da mische ich mich nicht ein.

Unser Zeitgeist will den Triumph über das erlegte Tier nicht mehr. Wir wollen nicht mehr Jäger sein, nur noch Förster. Baumversteher. Bei einem PKW wird mir eigens gelobt, dass die Ledersitze veganer Natur seien. Wir ziehen anderen Geschöpfen nicht mehr die Haut über die Ohren. Ich sehe Bastkörbchen als Wanddeko kommen, mit denen wir Pilze und Beeren gesammelt haben.

Da war die Steinzeit rauer. Oder der Wilde Westen, wo der Sieg das Skalp kostete. Die Japaner sollen die Nasen des Besiegten abgeschnitten haben. Und das Alte Testament berichtet von erbeuteten Vorhäuten. Ach je. Dann doch lieber Beerensammeln.

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RUFMORD.

Immer wieder staune ich, im mittleren akademischen Betrieb der USA auf Altgriechisches zu treffen. Wie aus dem Nichts lese ich Zitate der hellenistischen Antike. Und verstehe sie erstmal nicht, da es bei mir zwar mit einiger Mühe zu einem großen Latinum gereicht hat, aber eben nicht zu Altgriechisch. Das behindert die Attitüde des Europäers, der gern auf die Amis herabblicken möchte.

So lese ich sogar im profanen politischen Alltag in altgriechischer Schreibung „molon labe“, was bedeutet „komm und nimm“, ein frecher Imperativ. Er geht zurück auf die Mythen um die Tapferkeit der Spartaner. Deren Anführer Leonidas soll ein Angebot der weit überlegenen Perser, die Waffen niederzulegen, mit der Erwiderung zurückgewiesen haben, man könne ja kommen und sie sich holen. Mannhafter Trotz, die Leitkultur Spartas.

Übrigens zog in Sparta die Oberklasse selbst ins Feld und schickte nicht ihre Sklaven; das nur nebenbei. Es gibt dieses Syndrom der historischen ÜBERKOMPENSATION in der neuen Welt, die sich eine Geschichte zusammensucht, die sie nicht hat. Ehrlich gesagt, es waren exilierte Frömmler, Verbrecher und Huren, die damals die Kolonien der englischen Gentlemen zu bevölkern hatten. Ich verstehe schon, dass die Evangelikalen das vergessen machen möchten. Aber das ist, wie der Dichter dieses epochalen Erbes, Rudyard Kipling sagte, eine andere Geschichte.

Molon labe, das lese ich auch auf einem T-Shirt jenes Pöbels, der auf Geheiß der Neuen Rechten das Capitol stürmte, unzweifelhaft Horden eines beschränkten Horizonts. Mein amerikanischer Freund erzählt mir, dass dies das Motto jener Waffenlobby sei, die auf der privaten Bewaffnung auch mit Sturmwaffen bestehe. Joe Six Pack mit dem Maschinengewehr wähnt sich als tapferer Spartaner, dem man die Waffen nehmen will. „Komm und hol sie Dir!“

Das uneingeschränkte Gewaltmonopol gilt in Amerika nicht in jenen Regionen, in denen die Zentralregierung noch immer Feind ist, aus historischen Gründen oder sozialen, zumal rassistischen. Ja, es gibt eine geographische Gliederung und eine soziale. Man höre der Ballade vom „Hurricane“, die Bob Dylan vorgetragen hat.  Die Geschichte des Getto-Boxers Rubin Carter, lange vor „black lives matter“.

Eigentlich kann das Leonidas, dem edlen Spartaner, nicht recht sein, welch rechtes Gesindel sich heute auf ihn beruft. Man sollte auch bei kultureller Aneignung rufen dürfen: „Du willst meinen guten Ruf? Nun, komm und hol ihn Dir!“

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El tango militar – ein Minister auf glattem Parkett

Früher, und das ist wirklich erst ein paar Jahre her, war es gute gesellschaftliche Konvention, sich mit Eintritt in die Obertertia an einer Tanzschule anzumelden. Unter buntem Lichtgeflacker und Hammondklängen aus großen Lautsprecherboxen wurden Grundschritte gepaukt. Es gab ersten schamhaften Kontakt mit dem anderen Geschlecht und nach Stundenschluss ließen die wilderen Nachwuchstänzer Martini Bianco und Pall Mall kreisen.

Ziel aller Anstrengungen war stets der Abschlussball, die ersehnte Gelegenheit, die neu erworbene Kunstfertigkeit im raschen Hin und Her zur Schau zu stellen, Partnerin und (schulinterner) Öffentlichkeit die eigene Wendigkeit zu demonstrieren.

Ob und mit welchem Erfolg der amtierende Bundesverteidigungsminister in seiner Jugend das Tanzbein geschwungen hat, ist nicht bekannt. Die adlige Herkunft des fränkischen Freiherrn lässt indes vermuten, dass er auf dem Feld der gesellschaftlichen Konventionen recht beschlagen sein dürfte. Eines jedenfalls lässt sich auch ohne profundere Kenntnisse der tanzsportlichen Biografie Karl Theodor zu Guttenbergs mit Sicherheit feststellen: Der bekennende AC/DC-Fan, der seit dem vergangenen Oktober das Kommando auf der Hardthöhe führt, ist ein begnadeter politischer Tangotänzer.

Behände prescht er links vor, will die Wehrpflicht verkürzen oder gar aussetzen, den Staatsbürger in Uniform in einen Interimspraktikanten verwandeln. Sogleich ein langer rechter Schritt hintenan, das Oxymoron von der freiwilligen Pflicht wird zur verteidigungspolitischen Tagesparole. Zwischendrin dann die Tuchfühlung mit dem Boulevard, das eigene Gewicht dreifach zwischen den Spielbeinen auspendelnd, schmiegt er sich an die Brust der Regenbogenpresse, posiert in Maßanzug und Macher-Pose zwischen uniformierten Afghanistankämpfern, geht klientelwirksam im Rolex-Shirt zum Joggen oder besteigt mitsamt adliger Gattin keck einen Dinosaurierrücken. Nun folgt im 2/4-Takt der politische Rückwärtsschritt, und eben noch eingeräumte kriegerische Zustände existieren plötzlich nur noch in der Umgangssprache. Bleibt das abschließende seitliche Ausweichen, hier in der Gestalt der geschickten Schuldverlagerung auf altgediente Militärs, Entlassung zur eigenen Entlastung inbegriffen. Und so findet der ehemalige Gebirgsjäger wieder zurück in die Grundstellung.

Ein versierter Tänzer weiß sich stets zu bewegen, ob beim verruchten Tango Argentino in den lateinamerikanischen Favelas oder beim eleganten Tango de Salon auf dem großbürgerlichen europäischen Tanzboden. Auch Karl Theodor zu Guttenberg erscheint zur Zeit überaus parkettsicher, er kommt an und erreicht stets hohe Beliebtheitswerte (über deren alleinige Aussagekraft sich allerdings angesichts der Konkurrenz durch Akteure wie Guido Westerwelle oder Ronald Pofalla trefflich streiten ließe). Der bayrische Politiker wird zwischenzeitlich sogar als Kanzlerkandidat für eine Union nach Merkel ins Gespräch gebracht, er soll, so lassen gewöhnlich gut informierte Kreise verlautbaren, künftig gegen den weit weniger alerten Sigmar Gabriel ins Feld geschickt werden.

Quelle: starke-meinungen.de