Logbuch

DER SCHLÜSSEL.

Volkswagen ist ein Thema und die Medien gieren nach Nachrichten und Kommentaren. Auch auf meiner Mailbox Nachfragen, ob ich Näheres wüsste oder mich in Talkshowsesseln räkeln möchte. Nein. Das mache ich prinzipiell nicht. Aus Respekt vor den aktiven Kollegen. VW steht vor großen Herausforderungen, vielleicht den größten. Alle Beteiligten. Ich drücke die Daumen, wünsche Glückauf und halte die Klappe.

Die einschlägigen Automobilpäpste mögen das anders halten, das ist ihre professorale Freiheit, über Dinge zu plappern, die sie nicht mal halb verstanden haben. Geschenkt. Aber die Öffentlichkeit sollte doch ein Gefühl haben, wo der Hase im Pfeffer liegt. Am Sonntagabend meldet sich in meinem Auto eine Nachricht im Display; ich möge bitte die Batterie im Funkschlüssel erneuern. Wenn der Audi was sagt, höre ich zu (pun intended). Also suche am Montag die Markenwerkstatt auf und stelle mich in die Schlange vor dem Teileverkauf.

Der freundliche Schrauber setzt mir die neue Knopfzelle gleich ein und schickt mich an die Kasse. Ich habe 5,41 € zu zahlen. Für eine Knopfzelle, die beim asiatischen Herstellen keine 10 Cent kosten dürfte. Ich lese auf meinem Schlüssel „Huf“; das kenne ich aus meiner Jugend im Niederbergischen. Huf ist kurz für Hülsbeck und Fürst, eine Gießerei in Velbert, die seit hundert Jahren Schlösser macht. Ich erinnere die, weil sie eine hübsche Tochter hatten, und staune, dass sie die Transformation vom Temperguss zum Elektronikhersteller geschafft haben. So ist der Gang der Dinge, aus der Metallverarbeitung in die Elektronik. Aus Niederberg in die Welt.

Die Karre hat fünf oder sechs Schlösser, die ich mit Fingerdruck schließe und wie von Geisterhand öffne, weil das Funkbiest in meiner Hosentasche schlummert. Was übrigens auch der grimmige Dieb weiß, der an Autos kommt, die sich nächtens aus der Garage mit dem Schlüssel im Flur unterhalten und dabei zu belauschen sind. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Gesamtkosten des Schließsystems, ich habe keine Ahnung, aber sicher ein Tausender. Bei BMW, erzählt mir ein Freund, kriegst Du dafür zwei neue Außenspiegel (in denen die Rundumkamera schlummert); die waren ihm gezielt geklaut worden.

Es ist unsere Bequemlichkeit als Kunden, die eine technische Aufrüstung anheizt, die aus einem gebogenen Blech mit Rädern ein Ensemble von Computern macht, das nur noch ein sehr guter Rechner steuern kann, während ein recht schlechter das Lenkrad hält. Ich habe das Bild der Velberter Schleifer noch im Kopf, die bedeckt mit Metallstaub auf ihren Böcken saßen, kistenweise Bier soffen und Gussteile entgrateten; dazu braucht es heute einen Kybernetiker. Das ist der technologische Sprung.

Das andere ist die Inflation. Fünf Euro sind nach richtigem Geld zehn Mark. Für eine Scheißbatterie. Nun, der Kaffee, den ich mir nach meinem Werkstattbesuch beim Bäcker geholt habe, kostet 4,80 €; auch zehn Mark. Für ne Tass Kaff. Fazit? Eine Binse. Wir sind zum Strukturwandel gezwungen; das ist der Schlüssel.

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HOME OFFICE DIE ZWEITE.

Während des Hausarrestes, zu dem wir während der Corona-Seuche gezwungen wurden, wärmte man ein Konzept aus ganz alten Zeiten auf, die Heimarbeit. Da sich ein Schwachsinn in diesem Land nur hält, wenn er Englisch benamst wird, erfand irgendein Realschüler den Begriff des HOME OFFICE (bei den Inglesen eigentlich das Innenministerium).

Den Fleißigen bürdet das die doppelte Last von Lohnarbeit und Kindesbetreuung wie Hausarbeit auf; es wandelt Wohnzimmer zu Folterkellern mit Teams oder Zoom. Den Faulen gefiel das. Die Morgentoilette konnte sich auf den Oberkörper beschränken; untenrum wurde gegammelt. Seine Dienstpflichten waren in bester Beamtenmanier auf den Anschein der Präsenz zu beschränken. Die wirkliche Arbeit tat das, was sie immer tut, sie geht dahin, wo sie erledigt wird. Oder bleibt halt unerledigt. Schlendrian kommt immer an.

Die Produktivität des indirekten Bereichs sank in den Keller. An ihre Stelle trat Hygge, Gemütlichkeit. Szenenwechsel. Ich interessiere mich für Glashäuser, in denen man ein exotisches Klima simuliert, um, sagen wir, Palmen zu züchten. Bei einem Besuch im englischen KEW erhalte ich den Hinweis auf das österreichische SCHÖNBRUNN; toller Glas-Stahl-Palast im Garten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die junge habsburgische Kaiserin hatte beschlossen SCHÖNBRUNN zur Residenz auszubauen und dort zu leben und zu herrschen. Ein HOME OFFICE des aufgeklärten Absolutismus für Austria, Böhmen und Ungarn. Ich schlendre durch den Palast und halte vor ihrem Bett inne. Ein Monstrum von etlichen Quadratmetern. Man belehrt mich, dort habe sie nicht nächtens geknackt, sondern nur des Morgens ihren Hofstaat empfangen, im Bett, am Bett besser gesagt. Da sie oft das Wochenbett zu teilen hatte, hätte sich das ohnehin angeboten.

Das ist die Idee: HOME OFFICE DIE ZWEITE. Ich bleibe in der Kiste und empfange Klienten wie Kollegen im Boudoir. Und für Videokonferenzen braucht auch kein Mensch Schreibtische. Wenn Maria Theresia ein Weltreich aus den Kissen regieren konnte, dann wird mir das ja wohl auch noch gelingen. Powered by Pyjama.

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NOCH SO EIN KINDERBUCH.

Heute morgen wurde mir eine Stunde Zeit geschenkt, die ich dazu genutzt habe, ein sogenanntes WHITE PAPER zu lesen, das eine „moderne Wirkungsmessung in der PR“ zu erwägen verspricht. Wurde mit großer Geste offeriert. Vertane Zeit, eine Luftnummer.

Worum geht es? Eine zentrale Neurose von Managern der Public Relations liegt darin, dass Öffentlichkeitsarbeit Zeit und Geld kostet, man aber nicht weiß, ob die PR ihr Geld wert war. Man glaubt, dass das bei klassischer Werbung leichter sei; noch ein Irrtum (zumal es fünf Jahre dauert, bis Du weißt, ob eine neue Marke etwas taugt).

Bevor ich mit Fachlichem langweile, zwei Beispiele spontaner Evidenz. Als erstes Wahlkämpfe. „Don‘t get elected for your ideas, get elected!“ Das habe ich von meinem Kollegen Dick Morris, dem Spin Doctor von Bill Clinton. Die Frage, wessen Kampagne erfolgreich war, ist entschieden, wenn das Wahlergebnis steht. Ich sage das bei gleichzeitiger Fassungslosigkeit darüber, wie Trump mit „sleepy Joe and Comrade Kamala“ umgeht (und der X-Verleger ihm hilft).

Zweites Beispiel: Vorproduktionsverkauf. Wenn Du eine komplette Jahresproduktion des neuen Autos durch Vorbestellungen schon verkauft hast, obwohl noch niemand in der Schüssel gesessen hat, außer der Presse, jedenfalls kein Kunde, dann bist Du unsterblich. Natürlich war der Launch in Cala Di Volpe und nicht in Oer-Erkenschwick. Sold by PR: Car Guys wissen, was ich meine.

Jetzt zum Fachlichen: Public Relations sind ausgeübte Sozialwissenschaften; auch wenn das die Geisteswissenschaftler oder Autodidakten grämt. Es bedarf des GROSSEN METHODENSCHEINS. Ohne soziale Empirie geht das nie. Das findet der Autor des weißen Papiers, mit dem ich fahrlässig meine morgendliche Freistunde vertan habe, vernachlässigungswürdig; er sei, so seine Einlassung, ein „Kind der Praxis“. Noch so ein Kinderbuchautor.

Nun zur geschenkten Stunde. Welch eine Luftnummer. Ich kriege zurück, was man mir gestohlen hat. Aber das ist ja das grün-rote Paradigma: „tax and spend!“ Wir kriegen mit großer Geste geschenkt, was man uns vorher genommen hat (oder unseren Enkeln nehmen wird). Mein Bedarf an Enid Blyton ist gedeckt.

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Bundeswehr: lieber eine Söldner AG als diese Trachtengruppe mit Kurzzeitrekruten

Alarmrufe im Berliner Blätterwald. Die Bundeswehr wird zur Berufsarmee. Die Wehrpflicht wird abgeschafft. Die Weimarer Reichswehr kommt wieder.

Dem umtriebigen CSU-Politiker und Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagt man Ambitionen nach, den Reformdrang der Liberalen noch zu überbieten. Die FDP hat ja durchgesetzt, dass der Wehrdienst verkürzt wird und auf ein sechsmonatiges Praktikum schrumpft. Nun soll im Zeichen knapper Kassen aus der rekrutierten Trachtengruppe von „Bürgern in Uniform“ ein professionelles Korps gebildet werden.

Die Sozialromantik einer Parlamentsarmee wird aufgekündigt, und die Organisationsform der Reichswehr kehrt zurück. Kein Staat im Staat, aber Profis an die Front. Der nächste Schritt schwarz-gelben Gestaltens könnte dann die Privatisierung sein, neudeutsch eine Public-Private-Partnership in Fragen der Landesverteidigung. Das gilt ja nicht mehr im Sinne stehender Heere an Oder und Neiße, sondern als Tankwagenbetreuung am Hindukusch und wo sonst, neudeutsch „in- and out-of-area“.

Wie in vielen anderen Bereichen der Security-Unternehmungen auch, übernähme dann ein privates Unternehmen den bedingt abwehrbereiten Verein und machte eine hochmoderne Söldnertruppe draus. Krieg ist viel zu wichtig, als dass man ihn den Zivilisten überlassen könnte. Kampfjets sind zu kompliziert, um sie Führerscheinanfängern zu übergeben. Die US-amerikanische Berufsarmee hat hier sehr gute Erfahrungen mit einer Firma Halliburten oder so gemacht, die zum Beispiel im Irak Schmutzarbeiten macht als „private contractor“.

Ein Modell mit Zukunft. Wir kaufen dann nationale Sicherheit, so wie wir private bei einer Großveranstaltung anheuern oder unsere Büros von einem Reinigungs-Konzern putzen lassen. Schwarze Sheriffs stehen heute schon bei jedem Popkonzert oder Fußballspiel und bieten den Schriftzug „Security“ feil. Deutschlands Bürgersöhne müssten sich nicht mehr die Hände schmutzig machen.

Eine private Armee von Profi-Söldnern, das ist nicht so ungewöhnlich wie es klingt. Schon bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, dem „levée en masse“, im 19. Jahrhundert gab es das Recht für betuchte Söhne des Landes, sich den edleren Dingen des Lebens zu widmen und einen sogenannten Einstandsmann oder Einsteher zu entsenden. Und zwar von Staats wegen und mit dessen Treuhänderschaft. Mit dreihundert bis sechshundert Gulden war man dabei, beziehungsweise eben nicht dabei. So kamen die Söhne armer Bauern aus Appenzell oder dem Hunsrück als reislaufende Einsteher zu einer kleinen Rente oder eben ihre Witwen, und das Bürgertum schonte die Familienstände.

Das historische Argument hat größeres Gewicht, weil Tiefgang bis in die Antike. Immer waren es seit dem alten Rom Söldnerheere, die sich verkämpften. Die letzte Truppe dieser Edlen ist die französische Légion d’Étrangère, die für die Verzweifelten und Vertriebenen dieser Erde eine Heimat bietet. Ihr Vaterland, bekennen die Weißkäppis bis heute, sei die Legion. Legio Patria Nostra, das nennt man Corporate Identity in der Unternehmenswelt.

Was gut für General Motors ist, ist gut für das Land, heißt das umgekehrt und andernorts. Was sich über Jahrhunderte bei Zehntausenden von Einstehern bewährt hat, kann jetzt ohne weiteres auch Prinzip für die Hunderttausend der Bundeswehr sein. Man hebt von Staats wegen die Wehrpflicht auf und engagiert eine Einsteher AG und deren Profis.

Dieser Weg hat sich über eine längere Strecke der Menschheitsgeschichte bewährt als der „Innere-Führungs“-Quatsch der Wehrpflicht und das Weimarer Angstsyndrom vor einem Staat im Staate. Kurzum: eine Berufsarmee, die sich als Dienstleister in Sachen Sicherheit als AG privatisieren ließe, wäre keine Grille, sondern der historische Normalfall.

Auch der internationale. Es gibt mit Ausnahme Israels kaum noch Wehrpflicht als Rekrutierungsprinzip auf der Welt. Eine weitere Ungerechtigkeit ließe sich mit der neuen Sicherheits-AG beseitigen. Denn die „allgemeine Wehrpflicht“, die unsere Verfassung erlaubt, ist keine. Sie gilt für Männer und nicht für Frauen. Wäre die Ungleichbehandlung umgekehrt gestrickt, hätten wir schon lange ein schrilles Gleichstellungsgeschrei. Aber wir wollen keine Frauen an den Waffen sehen.

Warum die Wehrpflicht auch Theologiestudenten erlassen wird oder Alimentezahlern und andere Ungereimtheiten mehr, muss nicht erörtert werden, wenn man den gordischen Knoten ohnehin zerschlagen will.

Wer Milliarden in ein Flugzeug steckt, sollte sich den Piloten gleich mitliefern lassen. Wer Milliarden für ein U-Boot ausgibt, sollte die Mannschaft gleich mitleasen. Die Lufthansa übergibt die Cockpits ihrer Flieger doch auch nicht den Praktikantinnen der Flugbegleiter, die dann statt Saft schubsen die Airbusse landen.

Mit der Verkürzung der Wehrpflicht ist der erste Schritt zu ihrer Aussetzung getan, mit der Berufsarmee der zweite zu einer Privatisierung des ganzen Vereins. Man muss dem Wort Söldner nur seinen unangenehmen Klang nehmen. Lassen wir die Rüstungsindustrie mit den Maschinen der Verteidigung auch gleich die Maschinisten liefern! Schlüge Karl-Theodor zu Guttenberg eine privatisierte Berufsarmee als Sicherheits-AG vor, man könnte nur dafür sein und sich mit Aktien eindecken. Und die Rheinmetalls dieser Welt wohl auch.

Unsere hochgezüchtete Wehrtechnik ist viel zu gut, um sie von einer Trachtengruppe der Kurzzeitpraktikanten bedienen zu lassen. Bundeswehr an die Börse! Schwarze Sheriffs an die Front!

Quelle: starke-meinungen.de