Logbuch

WAY OF LIFE.

Der BREXIT hat ein Vergnügen aus unserem Leben genommen, den gelegentlichen Genuss der englischen Lebensart. Ich meide die Inseln, seit sie uns, die Europäer, zu meiden gedenken. Ein Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Schon gar nicht durch Französisches.

Vielen große Denker hat es vom Kontinent auf die grünen Inseln gezogen, über Jahrhunderte. Und eben auch kleine; dabei waren es nicht nur die Metropolen Züge Londons, der Hauptstadt der Welt, wie noch Kipling fand. Auch die hässlichen Seiten hatten ihren Charme. In 26 Marine Parade, Sheerness, Kent, wohnte Uwe Johnson, dem New York zu doof war.

Ich traf UWE JOHNSON irgendwann Anfang der Achtziger Jahre zufällig in seinem Exil auf der Isle of Sheppey, in jenem runtergekommenen Hafen namens Sheerness. Die Kneipe heiß The Napier. Ich erkannte ihn erst auf den zweiten Blick, den großen Suhrkamp-Autoren, nach seinem Foto auf den Buchklappen. Auf den ersten war er mir aufgefallen, weil er Hürlimann Lager trank, hier in England; ich bestellte stets ein Bitter. Dazu rauchte er unentwegt Gauloises.

Er kannte sie alle: Enzensberger, Grass, Max Frisch, Christa Wolf, Habermas. Und er wusste zu erzählen. Wir gingen dann raus in den kleinen Biergarten, weil es trotz des Straßenlärms ruhiger war. Nach einer Weile merkte ich, dass er auch von sich selbst in der dritten Person sprach. Er stand neben sich. Und irgendwann holte ihn damals die Schreibblockade, aus der ihn das Saufen nicht befreite. Also sog er den milden Exotismus der englischen Lebensart in sich auf.

Die Gründung eines „Institute for the Preservation of British Customs“, ich gebe es zu, es war meine Idee, die sich Johnson sofort notierte. Ich weiß nicht, ob daraus jemals mehr geworden ist. Ein böser Sturz beim Öffnen seiner dritten Flasche Wein, nach einem extensiven Besuch des „Napier“,

hat ihn aus dem Leben gerissen. Ein einsamer Tod, gefunden wurde er erst nach Tagen, weil sein Thekenplatz im Pub freigeblieben war.

Sheerness hatte einen morbiden Charme. Im ehemaligen Kriegshafen lag damals noch immer ein gesunkener amerikanischer Munitionstransporter, Masten aus dem Wasser, mit einer Bombenlast auf dem Seeboden, die die Stadt wie die ganze Insel hätte sprengen können. Sagt UWE JOHNSON zu mir: „Charles liebt diesen Anblick.“ Er meinte sich, den Exilanten, von 26 Marine Parade, drei Blocks weiter als das „Napier“. Keine Pointe.

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FREMDENLEGION.

Eine besonders böse Truppe soll die Fremdenlegion der Franzosen sein, obwohl zusammengewürfelt, gilt sie bis heute als eiserne Einheit. Soziologisch interessant.

Diese Elitetruppe der französischen Armee nimmt bis heute gern Leute aus aller Welt, die ihren alten Namen vergessen machen wollen und hier ein neues Vaterland finden. Plus neuem, französisch klingendem Vornamen. Früher ein Fluchtort für alte Kameraden der Waffen SS. Unrühmliche Gesellen, jetzt unter weißen Käppis und in martialem Ruf. Ein rauer Haufen von verwegenen Söldnern, die die Anonymität suchen mussten.

Zum legendären Ehrenkodex der Fremdenlegion gehört, dass man niemals einen Kameraden oder eine Waffe zurücklässt. Ein Vorsatz aus den Stellungskriegen. Soziologisch höchst interessant. Er bedient die notorische MATRIX militärischer Gruppen, eine VERTIKALE und eine HORIZONTALE, die deren Zusammenhalt schaffen und garantieren.

Von oben nach unten, in der VERTIKALEN, gilt das Prinzip des Gehorsams, ja, des Kadavergehorsams, der eher den eigenen Tod hinnimmt als dem Feind zu nützen, hier, indem man Waffen in dessen Hände fallen lässt. Dieses Prinzip von „Befehl und Gehorsam“ gilt für alle militärischen oder paramilitärischen Gruppen, also eine klare Kommandostruktur.

Untereinander, also in der HORIZONTALEN, gilt das Prinzip des unbedingt Amikalen, der Kameradschaft bis in den eigenen Tod. Gerade in einem so zusammengewürfelten Haufen aus den Verzweifelten aller Nationen und Welten muss eine neue „Identität“ geschaffen werden. Das gemeinsame und neue Vaterland der Söldner ist die „Legion“. LEGIO PATRIA NOSTRA. Die Kameradschaften nennen sich „amicale“.

In dieser Matrix von hierarchischer und kollegialer Bindung lässt sich dann eine Truppe als „zusammengeschmiedet“ führen. Natürlich waren nur die Mannschaften so verbundene Fremde; das Offizierscorps wurde immer von Franzosen gebildet (sehr seltene Ausnahmen). So weit geht das Vertrauen in die Soziologie der Matrix dann doch nicht.

Der Sold dieser Söldner war immer vergleichsweise hoch. In meiner frühen Jugend spielt der Vietnamkrieg der USA politisch eine große Rolle, den die Amis von den Franzosen geerbt hatten. Die hatten 1954 eine legendäre Schlacht gegen die Vietnamesen verloren, Stichwort Dien Bien Puh. Ich erinnere den historischen Hinweis, dass der Sold der Fremdenlegion so hoch war, dass es immer und bei allen „für Heroin und Blumenmädchen“ gereicht habe. Tja, da hat dann auch die Matrix nicht mehr genützt; so gewinnt man dann doch wohl keine Kriege.

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ENTENFUSSBAUM.

Respekt zollen: eine wichtige Tugend für Untergebene. Der Entenfussbaum in meinem Garten hat damit seine Probleme. Eine Warnung.

Wenn ich richtig zähle, sind es sieben, vielleicht auch neun Entenfussbäume, die ich im Laufe der Jahre gepflanzt habe. Deren grünen Blätter färben sich im Herbst in ein lichtes Gelb. Der größte von ihnen, inzwischen vielleicht sechs Meter, hat heute nächtens alle seine Blätter abgeworfen. Noch in schwindende Dunkelheit gehüllt, aber ich sehe schon, ein goldgelber Laub-Teppich umgibt ihn.

Diese, einst aus Japan importieren Bäume, oft in den Tempeln Asiens zu finden, gelten als geheimnisvoll; sie raunen nächtens MEMENTO MORI. Das ist Latein und eine Frechheit. Der Kerl sagt zu seinem Gärtner: „Bedenke, dass Du sterben wirst!“ Seine Gattung, die der Entenfüssigen, ist in fossilen Funden über 200 Millionen Jahre nachgewiesen; sie hat das Aussterben der Dinosaurier überlebt. Ein einzelnes Exemplar in Hiroshima gar die Atombombe. Der Kerl in meinem Garten hat eine große Fresse, weil er glaubt, mich ganz sicher zu überleben.

Er sollte sich mal meine neue schwedische Motorsäge ansehen, der Hund! Es ist noch nicht raus, wer hier Herr im Garten ist! Der Pinsel bildet sich was ein, weil Goethe ein Gedicht über ihn verfasst hat; eher eine Peinlichkeit. Denn darin beschreibt der pompöse ältere Herr aus Weimar (Thüringen) seine Alters-Affektion gegenüber einer adeligen Frau von Soundso mit Entenfüssen. „Fühlst Du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin?“ Wg. Entenfüsse. Wie pervers ist das denn?

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Finanzielle Arkan-Disziplin: die monetären Mysterien der katholischen Kirche

Doppelte Buchführung zwischen offiziellen Sparbudgets und riesigen Schattenhaushalten, unüberschaubare Geflechte aus Beteiligungsgesellschaften, Investments in allen Branchen – man wähnt sich im Reich halbseidener Finanzoptimierer und Steuersparfüchse.

Dann vernimmt man die Kunde von öffentlichen Geldern, die schamlos zweckentfremdet werden, gar in bar in privaten Schubladen auftauchen; man hört von Schwarzgeldkonten des Spitzenpersonals und Veruntreuungen im siebenstelligen Eurobereich und plötzlich meint man irgendwo im Hintergrund eine Geigenmelodie aus der Feder Nino Rotas zu vernehmen. Doch in beiden Fällen täuscht sich der geneigte Beobachter, es ist mitnichten die Rede vom Gebaren steuervermeidender Raubtierkapitalisten und auch wenn es sich bei den Beteiligten um honorige Herren mit ergrauten Schläfen handelt, die sich allein eigenen Gesetzen und einem mächtigen Übervater unterworfen sehen, so bleibt doch festzuhalten, dass die hier Beschriebenen weit häufiger in Soutane als im italienischen Nadelstreifen anzutreffen sind.

Die Rede ist von der katholischen Kirche in Deutschland und vom Finanzgebaren ihres Spitzenpersonals.

Was darüber in den letzten Wochen enthüllt wurde, lässt sich nur als äußerst unappetitlich beschreiben. Vertreter der von den Skandalen der letzten Monate noch immer gebeutelten Kirche haben, so deutet sich jetzt an, über Jahre hinweg ein riesiges System der Schattenwirtschaft und schamlosen Selbstbedienung etabliert. Da soll sich ein (inzwischen ehemaliger) Militärbischof aus den Kassen einer Kinderheimstiftung bedient haben, da verschwanden in einzelnen Bistümern Millionenbeträge spurlos, da unterhielten nach bisherigem Ermittlungsstand einzelne Geistliche bis zu 30 Schwarzgeldkonten. Und während man nach außen hin noch immer Sparsamkeit in Zeiten finanzieller Krisen predigt, gönnt sich ein hessischer Bischof eine neue Millionenvilla, selbstverständlich nicht aus Privatmitteln.

Die katholische Kirche ist in der Bundesrepublik Deutschland in einer äußerst privilegierten Position. Nicht nur, dass sie als wichtige gesellschaftliche Vertreterin in fast jedem öffentlichen Gremium Sitz und Stimme hat und sie bis heute vermittels der missio canonica den katholischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen normiert, nein, ihre eigentlichen Privilegien sind noch weit fundamentaler: Der moderne Säkularstaat betätigt sich bis heute als williger Finanzbeschaffer für die Nachfolger Petris.

Doch auch Bürger, die nicht Mitglied der Kirche sind, alimentieren indirekt ihr Wirken. Jedes Jahr fließen hohe Summen an staatlichen Subventionsleistungen in die Börsen der Bischöfe, vom Messwein beim Militärgottesdienst bis hin zur Renovierung des baufälligen Kirchendachs, für alles Mögliche und Unmögliche kommt der Staat auf.

Reiche Bistümer zahlen aufgrund jahrhundertealter Verträge die Gehälter ihres Spitzenpersonals nicht selber, was einst feudale Fürsten aus Angst vor dem Fegefeuer absegneten, gilt bis heute fort, ein stets die Verdammnis des modernen liberalen Staates beschwörender Kardinal Meisner lässt sich von eben diesem mit monatlich über 10.000 Euro alimentieren. Im gleichen Moment kürzt die katholische Kirche drastisch ihre Ausgaben – bei Sozialangeboten sowie in der Kinder- und Jugendhilfe.

Das ist nicht nur ungeschickt, es ist unanständig. Viele Menschen verstehen die Kirchensteuer inzwischen als eine Art regelmäßiger Spende für soziale Zwecke, sie geben Teile ihres Einkommens an eine Institution von der sie sich zwar geistlich entfremdet haben, deren gesellschaftlichen Nutzen sie aber immer noch voraussetzen. Wenn eben dieses Geld nun in dubiosen Finanztransaktionen und feudalem Pomp umgesetzt wird, dann ist dies schlicht zynisch.

Das Gebaren des katholischen Spitzenpersonals ist aber nicht nur Betrug an denen, die dafür aufkommen, es schadet auch denjenigen in der Kirche, die sich noch tatsächlich im Sinne guter Werke aufopfern. Nicht einmal dreißig Kilometer entfernt von dem Ort, an dem der neue Sitz des prunksüchtigen hessischen Bischofs entsteht, bemühen sich einfache Ordensbrüder in einem rheinland-pfälzischen Altenheim um einen würdigen Lebensabend für demente Menschen.

Hier herrscht kein Prunk, die Geistlichen wohnen in bescheidenen Zimmern ohne großartigen Komfort. In der Kasse der Einrichtung herrscht zumeist Ebbe, auch für kleine Ausflüge mit den Heimbewohnern müssen stets Sponsoren geworben werden. Genau auf diese Ordensbrüder fällt jetzt das Verhalten ihrer Vorgesetzten zurück, nach den jüngsten Skandalen steht stets der Verdacht im Raum, die Bescheidenheit könnte nur Fassade sein.

Im Angesicht des öffentlichen Auftretens der katholischen Kirche in den letzten Monaten lassen sich ehrliche Aufopferung und ein sauberer Umgang mit Spenden immer schwieriger glaubhaft vermitteln.

Quelle: starke-meinungen.de