Logbuch

WEGWERFWARE.

Man kennt den Ruf von den allzu schnellen Modernisierern: „Das kann weg!“ Neuerdings gilt er auch für kommerzielle Immobilien; das ist überraschend. Denn ein Büroturm, das ist ja keine leere Bierdose. Aber auch intakte Gebäude landen auf dem Müll. Dass das Imperium des Benko-Bubis so zusammenkracht, mich wundert das nicht; aber ich giere ja auch nicht nach zweistelligen Renditen.

Ich habe auf dem Land Fachwerkgebäude renoviert und dabei festgestellt, dass das vierhundert Jahre Eichengebälk eine Nummerierung mit römischen Zahlen aufweist. Man hat damals so gebaut, dass Hungersnöte, Brände oder Kriegseinwirkungen der baulichen Substanz nichts anhaben konnten. Wenn die marodierenden Schweden durch waren, wurde halt wieder aufgebaut. Das Vertrauen darin hat erst Habecks Heizungsgesetz ruiniert, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Frage.

Schon vor drei oder vier Jahren sah ich in Frankfurt-Süd, wie mittelalte Bürohochhäuser in Wohnungen gewandelt wurden. Großraumbüros zu Appartements, in the middle of nowhere. Unglaublich, wer wollte hier, am Arsch der Welt, wohnen? Aber es war wohl keine andere Nutzung für Büromonster am Markt. Ich hatte Sachsenhausen als Wohnort geliebt; aber hier in der Dystopie von Parkplätzen und Betonburgen Wohnungen anbieten? Auf die Idee kommen nur Verzweifelte.

Dann lernte ich jemanden in der wirklichen City der City kennen, der sich eine halbe Etage im Opernturm leisten konnte und den schnöden Charme der Banker-Bourgeoisie hatte, Zahlen zu nennen. Wir waren uns in spontaner Abneigung zugetan, aus dem Mandat wurde nichts und der Rest ist folglich Schweigen. Keine Zahlen. Aber zu den Shopping-Burgen gibt es ja veröffentlichte Kalküle.

Das KaDeWe sollte demnach 37 Millionen € im Monat an Miete erwirtschaften, eine halbe Milliarde im Jahr; jedes Jahr. Das sind zwei Millionen Miete am Tag, zu verdienen durch miesmutige Verkäuferinnen („Nicht meine Abteilung!“), die legendären Wilmersdorfer Witwen. Irgendwie habe ich es mit denen diese Woche. Ich bin ja so alt, dass ich mich an den Toupet tragenden Jürgen Schneider erinnere, der der Deutschen Bank auch das Treppenhaus als Verkaufsfläche verkauft hatte. Diesmal, lieber Hilmar Kopper, keine Erdnüsse.

Der Markt für Gewerbeimmobilien wird, so fürchte ich, illiquide werden; gerade der in den teuren Lagen. Den Markt für abgenutzte Wohnhäuser, zumal im Osten, gibt es schon gar nicht mehr. Willkommen in der Wegwerfwelt. Das mit dem BETONGOLD als Anlagestrategie war nur ein leerer Traum. Ich würde jetzt die gescheiterten Immo-Invests in „sub prime fonds“ bündeln und über die US-Börse als Derivate an institutionelle Anleger in Deutschland verticken. Wie, klappt nicht? Aber sicher, sagen uns die Gebrüder Lehmann und Anja Kohl.

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DAS LEBEN IST KEIN TANZLOKAL.

Ich kann die deutsche Geschichte durch die Brille der GASWIRTSCHAFT betrachten; das ist über gut hundert Jahre aufschlussreich. Die Hälfte davon war ich selbst dabei. Vom Kokereigas über die Mannesmannröhre bis zur Sabotage von Northstream. Aber danach fragt ja niemand.

Wir erleben gerade die Revision der DDR-Geschichte durch eine neue Generation von Apologeten. Schwerer Satz. Gemeint sind die Verteidiger einer an sich verlorenen Sache, des Staatssozialismus sowjetischer Prägung. Und Revision meint, dass man die Geschichtsschreibung auf den neuesten Stand bringt. Als Wessi oder als Ossi.

Man kennt den bösen Satz, nach dem unter Adolf auch nicht alles schlecht gewesen sei, aus dem Mund der Unbelehrbaren. Ein Revisionsversuch zum deutschen Faschismus, ein rundherum verbrecherisches Regime nachträglich verharmlosend. Eine ähnliche rhetorische Figur ist im Osten Deutschlands zur DDR-Vergangenheit an Stammtischen zu hören gewesen. Aber ich will die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, hier nicht eröffnen, da beide Regime natürlich nicht ernsthaft zu vergleichen sind. Und ich keine Lebensleistung im Osten zu schmälern habe; nicht mein Punkt, Genossen.

Der Stammtisch ist in der Wissenschaft angekommen. Das ist mein Thema. Aus London publiziert eine deutschstämmige Historikerin wie wild revisionistische Beiträge zu ihrer ostdeutschen Heimat. Erstaunliche Herleitungen. Man hatte es seitens der SED auch nicht immer leicht mit dem Genossen Stalin… Echt jetzt? Und das Regime von Helmut Kohl habe ja zugegeben, dass man die DDR nur annektiert habe. Echt? So war das wohl, man ist dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beigetreten, also der BRD (Ostsprech).

Und die TREUHAND war nicht dem Erbe des Ostens „treu“ ergeben, sondern den Wünschen des Westens. Allmählich rochen die Städte in der Tat nicht mehr nach den braunkohlebefeuerten Bolleröfen oder den schlecht eingestellten Zweitaktmotoren; der Verlust des „Staatsduftes“ wird, wenn nicht beklagt, so doch vermerkt. Ostalgie. Auch aus Westdeutschland (sic) kommt in diesen Tagen eine deutsche Geschichte mit Inklusion der DDR. Hier versucht sich eine Wirtschaftsjournalistin, die beim TAGESSPIEGEL war und dem SPIEGEL verbunden ist, die ich schätze. Ich könnte aus eigenem Erleben einiges beitragen zum Mythos der Annexion und meinem Vaterland als Weltenkind zwischen Ost und West.

So etwa die Erinnerung Helmut Schmidts an Michael Gorbatschow, nach der dieser keinerlei volkswirtschaftliche Expertise gehabt habe, davon dass Staaten schlicht Pleite gehen können. Was aber auch egal ist, wenn es dein eigener ist, dem gerade die Luft ausgeht. Der Kapitalismus ist kein Ponyhof.

Die Geschichte wieder ansehen (das meint ja Revision), ein normaler Prozess. Gesetzt als Historie ist immer nur der jeweils letzte Stand der Klitterung. Auch die Geschichte ist kein Tanzlokal.

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EIN ÖDER ABEND.

In der Berliner Philharmonie gibt der in Sibirien geborene österreichische Dirigent Kirill Petrenko ein Konzert für Violine und Orchester des polnischen Komponisten Karol Szymanowski, das die aus Georgien stammende Geigerin Lisa Batiashvili mit Bravour fidelt. Chapeau.

Das Haus ist voll, lauscht und reagiert zurückhaltend. Man fremdelt. Touristen fotografieren sich. Die innere Begeisterung, die der Engländer Simon Rattle hier zu stiften wusste, bleibt aus. In der Pause spricht man seitens der Wilmersdorfer Witwen, die das Kernpublikum bilden, über den Rock der Batiashvili, ein sehr buntes, mit Glitzerpailletten besetztes Teil, das man eher im Zirkus tragen könne. Die üblichen Spießbürgerkommentare.

Eine jüngere Dame, vermutlich Kuratorin, ist im Parka mit Kapuze gekommen und behält ihn an. Ihr Begleiter, vermutlich Kritiker, weiß, dass der Dirigent „pumpt“; man gehe in das gleiche Fitness-Studio. Er sagt etwas zur Oberarmmuskulatur. Rucksackträger durchstreifen die Lobby. Nach dem Konzert findet sich die einschlägige Restaurantszene voll. Der Kellner sagt, es sei halt Berlinale und Valentinstag. Ich gähne. Bonjour tristesse.

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Von den Lustknaben

Spätrömische Dekadenz: die Badehäuser und Bordelle boten den Bürgern Roms junge Sklaven, zumeist griechische Knaben, die Gedichte rezitieren und zu körperlichen Diensten bereitstehen konnten. Vergangene Zeiten?

Allenthalben finden wir in den Nachrichten Zustände wie im alten Rom. Kindesmissbrauch ist ein Thema geworden, das die Menschen nicht loslässt, weil es die Medien nicht loslassen. Die Spirale der Empörungskommunikation wird mit Eifer gedreht, täglich neue Ungeheuerlichkeiten.

Jetzt sollen es fünfzig, nicht vierzig missbrauchte Schüler in dem sagenumwogenen Odenwald-Internat gewesen sein. An der jesuitischen Musterschule in Berlin gibt es nunmehr einen „eckigen“ Tisch, an dem sich Opfer und Tätervertreter gegenübersitzen.

Ein Politiker steht vor Gericht, weil er tausende Fotos der Kinderpornografie auf seinem Handy speicherte, angeblich um so seine parlamentarische Meinungsbildung zu befördern. Aus einer konkreten Verlegerfamilie der 68er Generation hört man Bezichtigungen, die auf eine anhaltende Geisteskrankheit aller Mitglieder schließen lassen.

Die von Empörungsgier befeuerte Ökonomie der Medien tobt sich an einem Thema aus, das das Publikum erschauern lässt. Das Publikum geifert nach Tabubrüchen, die den Blick in die Abgründe des Menschlichen ermöglichen. Täglich ein wenig Entsetzen vor der eigenen Natur, wie seinerzeit Ödipus, der den Vater erschlagen und die Mutter geehelicht hatte.

Hier liegt das wesentliche Problem: eine assoziative Klammer entsteht zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Seelsorge, Pädagogik, gleich- oder fremdgeschlechtlicher Orientierung oder Enthaltsamkeit auf der einen Seite und dem Vergehen an Kindern andererseits.  Das abstruse Ressentiment wird von allen Seiten gefüttert.

Ein Alt-Bundeskanzler, der sich ansonsten prädementer Selbstüberschätzung und peinlichem Zeitungsmarketing widmet, räumt ein, dass die Quote der Homosexuellen unter Priestern höher sein mag. In den Feuilletons feiern mit dem Lolita-Syndrom notorisch überschätzte Schwulst-Romane eine Wiedergeburt für die Nachttische alter Männer.

Die süßliche inszenatorische Aura um Papst Benedikt und Herrn Gänswein nährt lutherische Distanz zum Vatikan. Und die Pädagogik, jene Hilfswissenschaft der  Steißbeintrommler, schwätzt vom gleichnamigen Eros. Da hat die unerträgliche PH-Professorin Rita Süßmuth gerade noch gefehlt, denkt man, und schon melden die Ticker: sie managt das jetzt im Odenwald.

Es ist rundheraus unerträglich, was hier als Melange zusammengerührt wird. Und doch ist es typisch für Massenpsychosen, die den Pöbel erregen, aber Einsicht in das Problem verstellen. Eine solche Verbindung von Unvereinbarkeiten ist für Ressentiments keine Ausnahme, sondern die Regel.

Wer den Antisemitismus der deutschen Nationalsozialisten studiert, findet hierfür beängstigende Beispiele. Will man sich dem Sog in den irrationalen Sumpf der Vorurteile entziehen, bedarf es des Skalpells der Urteilskraft.

Man trenne, was zu trennen ist. Was ist der Kern?  Ein Tabu steht zur Debatte, das Verfassungsrang hat. Es ist mit dem Euphemismus der Pädophilie, wörtlich übersetzt, der Liebe zum Kind, nur zynisch beschrieben. Es geht um die sexuelle Ausbeutung von Schutzbefohlenen im Kindesalter, um Mordversuche an Kinderseelen durch Missbrauch ihrer Körper. Aber es geht eigentlich nicht um Sex.

Die Bezüge sind nicht sexuelle Vorlieben der Menschen. Die Bezüge liegen tiefer, sie sind fundamental. Wir reden über die Basis von Staat und Gesellschaft. Wir reden über historischen Fortschritt, den auch die Geilheit alter Männer nicht zurückzudrehen hat.

Menschen sind keine Sachen, auch nicht Frauen und Kinder. Wir kennen keine Sklaven mehr. Wir haben Kinderarbeit verboten. Wir haben Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen, dazu gehört auch die Schulpflicht. Wir unterstellen die Familie, und das heißt die Kinder heranziehende Gemeinschaft, dem besonderen Schutz des Staates.

Wir haben die Würde des Menschen zum Kernbegriff unserer Wertordnung gemacht. Das alles ist so grundsätzlich, dass andere Rechte dahinter zurückzustehen haben. Das der Informationsfreiheit, auch im Internet. Das der sexuellen Freizügigkeit, wenn sie Minderjährige einbeziehen will. Damit ist nichts zum zunehmenden Selbstbestimmungswunsch Heranwachsender gesagt. Kinder und Jugendliche haben, so sie sich gegenseitig achten, ein Recht auf Liebe, Erotik, Sexualität, ohne dass die Polizei die Ausweise kontrolliert. Aber Erwachsene haben kein Recht auf Kinder.

Quelle: starke-meinungen.de