Logbuch
STADTFLUCHT.
Wer von einer Wallbox in der Doppelgarage träumt, an die er sein Batteriegefährt aus Grünheide hängen kann, der gehört nach Dahlem. Bestenfalls. Oder Kleinmachnow in Brandenburg. Ich träume vom Traktor, nicht von Tesla.
Die Bundesministerin für‘s Bauen, eine Sozialdemokratin ostdeutscher Provenienz, rät den schlechtbehausten Städtern zum Umzug auf‘s Land. Dort sei Wohnen noch bezahlbar. Dazu könnte ich etwas beitragen. Ich teile mein Leben zwischen der Metropole Berlin und einem Dorf im Westerwald.
Viele Vorurteile gegen das Dorf entbehren der Berechtigung. Die Infrastruktur ist ausgezeichnet; unter einer Bedingung, worauf ich noch komme. Man zahlt hier für ein Landhaus, was in der Stadt eine Studentenbude kostet würde, wenn es sie auf dem Markt gäbe. Ich werde auf dem Land einen Glasfaseranschluss ans Internet haben, wenn Berlin noch im Rohrgraben steckt. Eine nahe ICE-Strecke verbindet mich mit drei bis vier großen Flughäfen, die alle funktionieren. Vier mal am Tag fährt ein Bus durch‘s Dorf. Man heizt mit Öl oder Holz. Alles gut.
Die Deutsche Bahn AG versagt im Management allerdings derart umfänglich, dass man auf‘s Auto angewiesen ist. Und das heißt auf den Führerschein. Ohne Fleppe bist Du hier der Depp. In Berlin bleibt das länger verborgen, dass man nicht alle Tassen im Schrank hat. Es gibt einen schlecht geführten, aber dichten ÖPNV; aber eigentlich ist alles in „walking distance“, der Berliner verlässt nämlich selten seinen Kiez. Die wahren Dorfdeppen hausen in Dahlem oder Zehlendorf.
Man braucht auf dem Land also ein Auto. Aber da fehlt noch was. Die richtigen Kerle im Dorf haben auch noch einen Schlepper. Das ist ein restaurierter Trecker mit gut fünfzig, lieber siebzig Jahren auf dem Buckel. Damit holt man samstags Brötchen. Der Diesel tuckert noch so, dass man seine Mechanik mithört. Ohne das bist Du hier nix.
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HAUSAUFGABENHEFT.
Was uns prägt, entscheidet sich in der Kindheit. Wenn nicht in der Kita, so doch der Schule. Dort muss man sich aus seinen Defiziten einen Charakter basteln. Glücklich, wem das gelingt.
Definitiv gescheitert bin ich am sogenannten HAUSAUFGABENHEFT. Das war ein Monstrum in der unscheinbaren Größe eines Vokabelheftes. Man sollte dort im Randbereich den wöchentlichen Stundenplan eintragen, sprich die werktägliche Fächerfolge. In dem Innenteil sollte nun die gestellte Hausaufgabe für den Zieltag vermerkt werden.
Wäre das ominöse Heftchen korrekt geführt, sähe man halt das für den jeweiligen Tag und seine Fächerfolge zu entrichtende Pensum. Man könnte den Nachmittag damit verbringen, brav abzuleisten, was der nächste Vormittag erwarten würde. Dazu hat man aber vorher die Hausaufgaben für die nächste Stunde dieses Fachs notieren müssen.
Die Frage war also nicht, wann sie gestellt wurde, die verdammte Hausaufgabe, sondern für wann. Das hat mich intellektuell wie sozial überfordert. Des Öfteren war das vermaledeite Heft nicht aufzufinden. Oder ich hatte nicht den Zieltag gewählt für die Notiz, sondern das Datum der Aufgabenerteilung. Ein reines Chaos. An alldem ist meine Frau Mutter, die wollte, dass aus mir auch bei geringem Sozialstatus was werde, verzweifelt.
Später sah ich jene Klassenkameraden, die das konnten, als graue Anwälte in dürftigen Kanzleien hocken und Fristenbücher führen. Oder als Behördendiener Fälligkeiten verwalten. Der Vorhof der Hölle. Geschah ihnen recht.
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SAUNA-DIPLOMATIE.
Wenn sich die Kriegsherren nur als Menschen begegneten, dann wäre das Leben friedfertiger. Zum Beispiel nackt wie der Herrgott sie erschuf in der Sauna. Ein Ostergedanke.
Aus Zeiten der Sowjetunion wird folgende Episode erzählt: Der Herrscher des Sowjetreiches Nikita Chruschtschow sei vom finnischen Regierungschef zu einem gemeinsamen Saunabesuchs verleitet worden, bei dem der Nackte aus Moskau dem Nackten aus Helsinki vorgeschlagen habe, die Völkerfreundschaft noch enger zu gestalten und doch auf getrennte Regierungen zu verzichten. Da habe der Finne Uhro Kekkonen gesagt, das sei prinzipiell eine gute Idee, aber er fühle sich altersbedingt nicht mehr fit genug, auch noch die Sowjetunion mit zu führen.
Während meiner Studentenzeit gab es das Schimpfwort der FINNLANDISIERUNG, politisch aus der schwarzen Ecke. Gemeint war eine freiwillige Minderung der eigenen Souveränität, in der man sich in sein Schicksal als Pufferstaat schicke und Neutralität übe. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass es einen milden Vorhof von Diktaturen geben könne, in dem der große Bruder dem kleinen ein besonderes Kastratentum gönne. Schöner gesagt: das Schweizer Modell.
Dass Deutschland eine bittere Bindung an den Osten nach dem verlorenen Krieg im Endeffekt erspart geblieben ist, kann man als Erfolg von Adenauer und Kohl feiern oder schlicht Westbindung nennen. Ein unverdientes Geschenk der Geschichte. Jetzt gehört auch Finnland zur NATO; Schweden wird folgen. Der Mythos der Sauna-Diplomatie ist dahin.
Darf ich als großer Freund der Schwitzkiste eine landeskundliche Anmerkung machen? Zur finnischen Sauna gehört nicht nur der kalte See vor der Hütte und das Birkenreisig, mit dem man sich gegenseitig verdrischt, sondern hinter der Saunahütte auch eine kleine Destille. Es wird schwarz gebrannt. Die schwitzenden Nackten saufen Schnaps. Da lag die Brücke zum Russischen, sagten damals die Finnischen. Nüchtern betrachtet, war der Mythos wohl hohl.
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Die FDP findete weder zu einer Neigungs- noch einer Vernunftehe. Sie ist regierungsunfähig
Das ist eine Partei der Hagestolze, sagt neben mir die ältere Dame. Ein schöner Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Er meint unbelehrbare Junggesellen.
Es gibt solche merkwürdigen, vielleicht sogar falschen Sätze, die einem gleichwohl nicht aus dem Kopf gehen. So höre ich in meiner Heimat, dem Ruhrpott, sprich dem industriellen Kerngebiet von Nordrhein-Westfalen, beim Rentnergedeck einen weiteren klagenden Satz: Wir haben gleich zwei radikale Parteien, die FDP und die Linke.
Aktueller Anlass der Stammtischbemerkungen ist ein Winkelzug des FDP-Landesvorsitzenden Andreas Pinkwart, mit dem er sich aus weiteren Koalitionssondierungen an Rhein, Ruhr und Lippe verabschiedet hatte. Die FDP werde mit niemandem auch nur reden, der eine Koalition mit der Links-Partei nicht prinzipiell ausschließe.
Öffentliches Abschwören war vermisst worden. SPD und Grüne haben diese Frage des „Wer mit wem?“ im Prinzipiellen offen gelassen. Hannelore Kraft, die neue Hoffnung der Sozialdemokraten in NRW, will nicht in die Ypsilanti-Falle laufen.
In Hessen hatte Andrea Ypsilanti die bereits gewonnene Mehrheit gegen den Amtsinhaber Roland Koch und dessen schwarz-gelben Pläne verspielt, indem sie sich zu einem eklatanten Wortbruch verleiten ließ.
Das ist das Holz, aus dem der Taktierer Willy Brandt geschnitzt war. Gabriel hat das Zeug, Kanzler zu werden, aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück nach NRW, dem Zünglein an der Waage in der Bundesratsmehrheit des Kabinetts Merkel-Westerwelle. In Zeiten allseitiger politischer Geschaftlhuberei darf man an Grundsätzliches erinnern. Das tut die FDP indem sie die Linke als postkommunistische Partei brandmarkt.
Ich tue mich damit schwer. Ich kenne aus der Vergangenheit viele der linken Gesichter in NRW, manche aus der Gewerkschaftsbewegung, manche aus der alten DKP und dem Studentenbund Spartakus, allesamt Sektierer und Lafontainverführte, aber veritable Verfassungsfeinde?
Nein, da streikt mein Inneres. Offensichtlich ist die Linke nicht nur zur Wahl zugelassen worden, sondern hat auch Stimmen gewonnen, die den Einzug in das Landesparlament erlauben. Und eine qualitative Gewichtung, nach der eine Stimme für die FDP wertvoll und eine Stimme für die Linke nichtig sei, die kennt unsere Verfassung nicht.
Man mag den Verein der Linken für einen Haufen von Idioten halten, der nicht koalitions- und regierungsfähig ist, aber das Votum des Wählers ist das Votum des Souveräns. Vor diesem Hintergrund wirkt die Pinkwartsche Konstruktion „Wir reden mit niemandem, der mit denen eventuell auch reden will“ für die Menschen im Ruhrpott gekünstelt; man traut ihr nicht, sie umweht der Ludergeruch eines vorgeschützten Prinzips.
Man mag hier keine Politiker im taktischen Tänzelschritt. Ohnehin muss man sich wundern, wie die FDP in diese Ikonographie des Politikstils eines Jörg Haider geraten konnte. Wo sind die Charaktere eines Lambsdorff, eines Genscher, eines Baum? Auf dem Altenteil.
Die Wirkung des Haider-Stils auf die volkstümliche Wahrnehmung der FDP ist verheerend. Sie verliert das Attribut des Staatstragenden. Immer hat man von soliden Parteien wissen wollen, dass sie dort, wo es um das Wohl des Ganzen geht, für einen Moment die parteitaktischen Manöver beiseite schieben und für das Gemeinwohl eintreten.
Gerade wer den Eindruck einer Klientelpartei zerstreuen will, ist zum Nachweis staatstragender Qualitäten aufgefordert. Was immer man der SPD im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte vorwerfen darf, sie hat sich immer als patriotische Partei verstanden. Und selbst die Gewerkschaftler in der SPD haben sich in Moment der Staatsräson daran messen lassen, was das Land von ihnen verlangt, auch wenn das ihrer Klientel wehtut; Ausnahmen bestätigen die Regel.
Hier liegt gerade der Unterschied der alten SPD zum Lafontainegezücht der Linken und den Untoten der SED, Herrschaften, die keine Gelegenheit zum Populismus auslassen.
So erkläre ich mir den Stammtischsatz, dass es zwei radikale Parteien gebe, der die FDP natürlich polemisch verkennt.
Um eine verantwortungsbewusste Regierung in NRW bemühen sich derweil SPD und Grüne. Darf man einem Versprecher des scheidenden Oskar Lafontaine trauen, wäre die Linke bereit, eine solche rot-grüne Koalition zu tolerieren. Eine stabile Landesregierung sieht anders aus. Aber das ist dem Wählervotum geschuldet. Und dem aalglatten Kurs von Rüttgers, der sich mit jedweder programmatischen Zusage wieder ins Amt lächeln wollte.
Wenn eine konservativ-liberale Regierung nicht einmal mehr ein bürgerlich seriöses Politikangebot zusammenkriegt, dann regiert der andere Teil der Republik, und der ist nun mal ein rot-rot-grüner Kramladen. Die FDP ist, betrachtet man ihr Wirken in allen Ländern und in all ihren Flügeln, natürlich kein radikales Wesen, wohl aber ein monothematisches.
Wenn die Kapelle die neoliberale Melodie der Steuersenkung spielt, dann mag sie tanzen. Nun sind uns aber die Zeiten abhanden gekommen, in denen dazu Hochzeiten veranstaltet werden könnten. Da bleibt der Bräutigam patzig sitzen und verweigert jeden anderen Tanz.
Westerwelle hat seine Partei monothematisch aufgestellt und damit in die Isolation gebracht. Die FDP wirkt wie aus der Zeit gefallen. Für die Berliner Koalition ist damit die Bundesratsmehrheit hin. Wir haben über Wochen und Monate sehen können, dass sich die Kanzlerin und Teile des Kabinetts bis an die Grenzen ihrer Kräfte mit dem Regieren abgemüht haben; was dazu als Schelte ein Klugschwätzer aus dem Kabinett des Herrn Christian Wulff verlauten ließ, war selbst für Hannoveraner Maßstäbe gemein und dumm.
Diese Bundesregierung kämpft, vielleicht untauglich, aber sicher fleißig. Aber wir haben nicht sehen können, dass Union und FDP auch nur zu einer Vernunftehe in der Lage wären. Wer ein Wählervotum als Partei nicht will, der sollte es zurückgeben. Die FDP der Westerwelle-Ära ist weder staatstragend noch regierungsfähig. Und insofern kann man sie dann doch wieder jener politischen Halbwelt zurechnen, in der die Linke wirkt. Schade, jammerschade.
Quelle: starke-meinungen.de