Logbuch
PROMMI-LOKAL.
Die deutsche Hauptstadt hat keine Mitte. Der Ortsteil, den Touristen MITTE nennen, ist ein Homunculus. Hier ist nichts gewachsen, schon gar nicht organisch. Die gesperrte Friedrichstraße ist dafür ein Pragmasymbol.
Einst pulsierte hier das großstädtische Leben, in den „roaring twenties“, dann verödete die Mangelwirtschaft der DDR das Quirlige zu Repräsentation, schließlich die Nach-Wende Pracht der seelenlosen Anhäufung von Klötzen auf angrenzenden Freiflächen. Wer Paris kennt oder auch nur Karlsruhe oder Mannheim, weiß was ich Klumpenbildung nenne, aber eben keinen Städtebau.
Der Essay über die Unwirtlichkeit der Städte muss über diese Insel (Eigencharakterisierung) in Brandenburg geschrieben worden sein. Den Osten meide ich komplett. Und nach MITTE gehe ich nur, weil dort eines meiner Stammlokale liegt, genannt „die Kantine“.
Ein Dienstort für die politische und die publizistische Klasse. Ansonsten sieht mich außerhalb meines Kiezes eigentlich nur Charlottenburg.
Hier ist der Italiener von Helmut Kohl, der, so die Sagenwelt, dann der von Gerd Schröder wurde; Pofalla und Westerwelle wohnten im gleichen Haus. Inzwischen hat in der italienischen Familie der freundliche Sohn die Rolle des alten Grandlers übernommen. Toller Laden. Nein, ich sage nicht wo. Hier findet keine Touristenberatung statt.
Wie komme ich drauf? Nun, gestern war ich bei einem anderen Italiener in Charlottenburg, weil ein alter Freund mich zu Venezianischer Kalbsleber lud. In der Ecke am Tresen saß drei Stunden lang Angela Merkel. Der Andrea genannte Patron („Andrea, für Deutsche: Andreas“) umschwärmte die Altkanzlerin. Noch in meinem Beisein informierte ein BILD-Grande per Handy seine Boulevardkollegen.
Der Grund? Wenn Paparazzi lauern, kommt sie nicht mehr. Wir sind die nämlich leid und wollen unsere Ruhe. So ist Berlin.
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ORTE DER OFFENBARUNG.
Plan zu einem Buch über kuriose Orte der Weltgeschichte; solche, an denen die Geschichte sich selbst erkannte. Orte also, an denen die Menschheit einen BEGRIFF von sich selbst bekam. Meist Schlachtfelder.
Vor ziemlich genau hundert Jahren entstand der BEGRIFF der Massengesellschaft, natürlich im aufblühenden Amerika, der Nation der massenhaften Migration. Fälschlicherweise wird die Massenproduktion eines Autos durch Henry Ford hier immer wieder als Exempel herangezogen. Der Irrtum liegt nahe, da das Fordsche Modell T ganz augenscheinlich Massenproduktion bedeutete, die Wiege der Industrie, an die viele pilgerten; soweit ich weiß sogar Ferdinand Porsche.
Aber Fließbänder gab es vorher und für die Zeitgenossen eindrucksvoller. Die Taylorisierung von Massenproduktion begann, Ford soll sie sich angeschaut haben, in den SCHLACHTHÖFEN Chicagos. Und dazu gehörte die Konservendose auf der Absatzseite wie Massenmigration aus Osteuropa im Arbeitsmarkt. Beschaffungsseitig riesige Viehherden, zunächst getrieben, dann aus Eisenbahnwagen. Nicht nur in den miserablen Arbeitsbedingungen, sondern gerade in diesen Massenmedien Bahn und Büchse sahen die Zeitgenossen eine neue Zeit. Der Kapitalismus offenbarte sich als Begriff der Massenproduktion.
Nach den physischen Massenmedien kamen bald die kommunikativen: große Zeitungen und das Kino, Hearst und Hollywood. Schöner Stabreim: Bahn & Büchse, Hearst & Hollywood. So liegt der Nukleus der Massengesellschaft in den Fleischtrögen der Schlachthäuser Chicagos. SPAM hieß mal „spiced ham“, Würzfleisch. Bert Brecht hat die Symbolkraft sofort verstanden, als er den Roman von UPTON SINCLAIR namens JUNGLE las, der als Beginn des investigativen Journalismus galt. Aber das ist, wie Kiplling sagt, eine andere Geschichte.
Schlachthäuser sind nicht nur für Veganer ein schweres Thema. Da droht der Begriff zur Kategorie zu werden. Beruflich habe ich mich mal mit der Gewinnung von „fötalem Kälberserum“ für Zwecke der Biotechnologie auf den Schlachthöfen der Welt beschäftigt; aber das will jetzt nun wirklich niemand mehr wissen.
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HEILIGEN VEREHRUNG.
Wir wüssten nicht, wer König Artus war, wenn seine Ritter der Tafelrunde nicht so penetrant angegeben hätten mit ihrer Nähe zum Heiligen Gral. Über die Mietmäuler unter den Journalisten.
Ein Journalist der FAZ aus Hannover kühlt gerade seinen Mut an Altkanzler Schröder, indem er sich an all den Biografien abarbeitet, die über ihn geschrieben worden sind. Dabei geraten Kollegen von ihm in den Fokus, die damals bei der BILD waren und beim SPIEGEL und geneigte Schröder-Portraits vorgelegt haben. Der Vorwurf ist der des Opportunismus. Die eine Krähe sucht jetzt die Augen der anderen beiden auszuhacken. Ach je.
Dazu sage ich nichts namentlich, weil ich zwei von den drei Journalisten ganz gut kenne und natürlich das Objekt der damaligen Bewunderung Gerd Schröder. Zu dessen geschäftlichen Aventüren kann ich nichts sagen, da ich diese konkret nie angesehen habe und insbesondere von einem in diesem Zusammenhang auftauchenden Namen gar nichts halte; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich habe aus meinen Erfahrungen in den Innenräumen der Macht, jenen der Politik wie denen der Wirtschaft, nichts zu berichten. Vor allem aber habe ich mich nicht dorthin geschrieben, indem ich als JOURNALIST eine Biografie der Mächtigen verfasst hätte, die mich als Günstling an diese Höfe gebracht hätte. An den einen Hof des weißen Ritters oder an den anderen des schwarzen. Das ist nämlich egal. Man verfasst keine Heiligenverehrungen.
Nun war ich ja PR-Mann und insofern, könnte man vermuten, dienstlich angehalten zur HAGIOGRAPHIE. Aber so haben wir das nicht gehalten. Eine Frage der Standesehre. Gestern noch las ich in einem wissenschaftlichen Aufsatz den Verweis auf eine Aussage eines ehemaligen Mitarbeiters von mir, der sich über sein Verhältnis zum Auftraggeber, insbesondere Heldenverehrung in der PR, so äußerte: Jede Identifikation oberhalb von 25 Prozent sei gemeingefährlich. PR-Leute sind Söldner, aber keine Speichellecker, meinte er damit.
Wer das war? Sage ich auch nicht. Aber er spricht kurpfälzisch. Der Rest ist Schweigen. Zu den „chatting classes“ gehört die Journaille, aber nicht die PR.
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Die FDP findete weder zu einer Neigungs- noch einer Vernunftehe. Sie ist regierungsunfähig
Das ist eine Partei der Hagestolze, sagt neben mir die ältere Dame. Ein schöner Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Er meint unbelehrbare Junggesellen.
Es gibt solche merkwürdigen, vielleicht sogar falschen Sätze, die einem gleichwohl nicht aus dem Kopf gehen. So höre ich in meiner Heimat, dem Ruhrpott, sprich dem industriellen Kerngebiet von Nordrhein-Westfalen, beim Rentnergedeck einen weiteren klagenden Satz: Wir haben gleich zwei radikale Parteien, die FDP und die Linke.
Aktueller Anlass der Stammtischbemerkungen ist ein Winkelzug des FDP-Landesvorsitzenden Andreas Pinkwart, mit dem er sich aus weiteren Koalitionssondierungen an Rhein, Ruhr und Lippe verabschiedet hatte. Die FDP werde mit niemandem auch nur reden, der eine Koalition mit der Links-Partei nicht prinzipiell ausschließe.
Öffentliches Abschwören war vermisst worden. SPD und Grüne haben diese Frage des „Wer mit wem?“ im Prinzipiellen offen gelassen. Hannelore Kraft, die neue Hoffnung der Sozialdemokraten in NRW, will nicht in die Ypsilanti-Falle laufen.
In Hessen hatte Andrea Ypsilanti die bereits gewonnene Mehrheit gegen den Amtsinhaber Roland Koch und dessen schwarz-gelben Pläne verspielt, indem sie sich zu einem eklatanten Wortbruch verleiten ließ.
Das ist das Holz, aus dem der Taktierer Willy Brandt geschnitzt war. Gabriel hat das Zeug, Kanzler zu werden, aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück nach NRW, dem Zünglein an der Waage in der Bundesratsmehrheit des Kabinetts Merkel-Westerwelle. In Zeiten allseitiger politischer Geschaftlhuberei darf man an Grundsätzliches erinnern. Das tut die FDP indem sie die Linke als postkommunistische Partei brandmarkt.
Ich tue mich damit schwer. Ich kenne aus der Vergangenheit viele der linken Gesichter in NRW, manche aus der Gewerkschaftsbewegung, manche aus der alten DKP und dem Studentenbund Spartakus, allesamt Sektierer und Lafontainverführte, aber veritable Verfassungsfeinde?
Nein, da streikt mein Inneres. Offensichtlich ist die Linke nicht nur zur Wahl zugelassen worden, sondern hat auch Stimmen gewonnen, die den Einzug in das Landesparlament erlauben. Und eine qualitative Gewichtung, nach der eine Stimme für die FDP wertvoll und eine Stimme für die Linke nichtig sei, die kennt unsere Verfassung nicht.
Man mag den Verein der Linken für einen Haufen von Idioten halten, der nicht koalitions- und regierungsfähig ist, aber das Votum des Wählers ist das Votum des Souveräns. Vor diesem Hintergrund wirkt die Pinkwartsche Konstruktion „Wir reden mit niemandem, der mit denen eventuell auch reden will“ für die Menschen im Ruhrpott gekünstelt; man traut ihr nicht, sie umweht der Ludergeruch eines vorgeschützten Prinzips.
Man mag hier keine Politiker im taktischen Tänzelschritt. Ohnehin muss man sich wundern, wie die FDP in diese Ikonographie des Politikstils eines Jörg Haider geraten konnte. Wo sind die Charaktere eines Lambsdorff, eines Genscher, eines Baum? Auf dem Altenteil.
Die Wirkung des Haider-Stils auf die volkstümliche Wahrnehmung der FDP ist verheerend. Sie verliert das Attribut des Staatstragenden. Immer hat man von soliden Parteien wissen wollen, dass sie dort, wo es um das Wohl des Ganzen geht, für einen Moment die parteitaktischen Manöver beiseite schieben und für das Gemeinwohl eintreten.
Gerade wer den Eindruck einer Klientelpartei zerstreuen will, ist zum Nachweis staatstragender Qualitäten aufgefordert. Was immer man der SPD im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte vorwerfen darf, sie hat sich immer als patriotische Partei verstanden. Und selbst die Gewerkschaftler in der SPD haben sich in Moment der Staatsräson daran messen lassen, was das Land von ihnen verlangt, auch wenn das ihrer Klientel wehtut; Ausnahmen bestätigen die Regel.
Hier liegt gerade der Unterschied der alten SPD zum Lafontainegezücht der Linken und den Untoten der SED, Herrschaften, die keine Gelegenheit zum Populismus auslassen.
So erkläre ich mir den Stammtischsatz, dass es zwei radikale Parteien gebe, der die FDP natürlich polemisch verkennt.
Um eine verantwortungsbewusste Regierung in NRW bemühen sich derweil SPD und Grüne. Darf man einem Versprecher des scheidenden Oskar Lafontaine trauen, wäre die Linke bereit, eine solche rot-grüne Koalition zu tolerieren. Eine stabile Landesregierung sieht anders aus. Aber das ist dem Wählervotum geschuldet. Und dem aalglatten Kurs von Rüttgers, der sich mit jedweder programmatischen Zusage wieder ins Amt lächeln wollte.
Wenn eine konservativ-liberale Regierung nicht einmal mehr ein bürgerlich seriöses Politikangebot zusammenkriegt, dann regiert der andere Teil der Republik, und der ist nun mal ein rot-rot-grüner Kramladen. Die FDP ist, betrachtet man ihr Wirken in allen Ländern und in all ihren Flügeln, natürlich kein radikales Wesen, wohl aber ein monothematisches.
Wenn die Kapelle die neoliberale Melodie der Steuersenkung spielt, dann mag sie tanzen. Nun sind uns aber die Zeiten abhanden gekommen, in denen dazu Hochzeiten veranstaltet werden könnten. Da bleibt der Bräutigam patzig sitzen und verweigert jeden anderen Tanz.
Westerwelle hat seine Partei monothematisch aufgestellt und damit in die Isolation gebracht. Die FDP wirkt wie aus der Zeit gefallen. Für die Berliner Koalition ist damit die Bundesratsmehrheit hin. Wir haben über Wochen und Monate sehen können, dass sich die Kanzlerin und Teile des Kabinetts bis an die Grenzen ihrer Kräfte mit dem Regieren abgemüht haben; was dazu als Schelte ein Klugschwätzer aus dem Kabinett des Herrn Christian Wulff verlauten ließ, war selbst für Hannoveraner Maßstäbe gemein und dumm.
Diese Bundesregierung kämpft, vielleicht untauglich, aber sicher fleißig. Aber wir haben nicht sehen können, dass Union und FDP auch nur zu einer Vernunftehe in der Lage wären. Wer ein Wählervotum als Partei nicht will, der sollte es zurückgeben. Die FDP der Westerwelle-Ära ist weder staatstragend noch regierungsfähig. Und insofern kann man sie dann doch wieder jener politischen Halbwelt zurechnen, in der die Linke wirkt. Schade, jammerschade.
Quelle: starke-meinungen.de