Logbuch

EINE LEGENDE.

Ein Gentleman nimmt sich einer Sache immer nur halbherzig an. Nie macht er sich zum Propagandisten. Man macht sich nicht gemein. Freundlichkeit ist ihm wichtig; wo es an ihr fehlen sollte, weil etwas zu verachten, lässt er sie in Ironie übergehen, mehr nicht. Diese Klugheit der inneren Distanz kann man sich insbesondere im Alter leisten, wenn der Zorn gedämpft, die Leidenschaft nicht mehr wahllos und eine gewisse Ökonomie der Kräfte ohnehin angesagt ist.

In den Höhen des Harzes, den ein Mittelgebirge zu nennen, eher kühn wäre, gibt es, was sonst den Alpen vorbehalten, eine Alm. Die Steinberg Alm über Goslar. Die letzten Meter vom nahen Parkplatz brav zu Fuß zurückgelegt, begrüßt mich der Almwirt namentlich, weil er gelegentlich mein Logbuch lese. Kein Autor vermag es, dem Kompliment eines veritablen Lesers zu widerstehen.

Im Programm des 49. Steinberg Dialogs habe ich gelesen, dass unter den gut hundertfünfzig Teilnehmern auch Eckhard Schimpf sei, der dort ebenso originell wie zutreffend als „Journalistenlegende“ firmiert. Er begrüßt mich und erwähnt, dass wir beide älter würden, er freilich schon 87 sei. Ich rege hiermit eine biografische Würdigung der Legende an. Vielleicht sogar ein langes Zeitzeugeninterview in der Manier von Gaus.

Ecki, wie die mit ihm Vertrauten sagen, ohne ihn so leibhaftig zu adressieren, war lange Jahre Kopf der Braunschweiger Zeitung; vor allem aber war er Autonarr (seine Oldtimersammlung soll stattlich sein) und damit nah an Volkswagen, noch unter dem Regime von Carl Hahn und dann, auf eine andere Art, unter Ferdinand Piëch. Er ist ein Oxymoron von Nähe und Distanz, das gute Journalisten auszeichnet. Mich hat die fast religiöse Verehrung von gebogenem Blech immer verwundert.

Ihn wiederum überraschte wohl, dass mir diese Faszination fremd war. Ich habe unter dem Genie Piëch als dessen Sprecher darauf bestanden, keine Ahnung von Autos zu haben; was mein Chef bestätigte. Auch PR-Leute kennen das Oxymoron von Vertrautheit und Fremde. Niemals hätte ich dienstlich ein gutes Wort über meinen eigenen Laden verloren. Oder meinen Chef. Die Manie zum Eigenlob, die heute Plattformen wie LinkedIn erfüllt, war uns fremd; sie hätte als unprofessionell gegolten.

PR ist kein Marketing; diese Werbemöpse waren uns wesensfremd. PR-Leute klingeln nicht an Türen wie die Zeugen Jehovas. Oder der Provinzpolitiker. Jedenfalls sollte die Braunschweiger Zeitung ein großes Fest zum 90. von Ecki Schimpf planen und er offenlassen, ob er zu so einem Scheiß kommt. Damit wären dann alle geehrt.

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DAS SECHSTE BUCH MOSE.

Zufällig geriet Mumpitz in New York, wie er mir fast atemlos am Telefon berichtet, in ein Antiquariat (47 East 60th Street, zwischen Park und Madison Ave) und entdeckte eine Mörderfälschung. Dort stand der zweite Band der Poetik des Aristoteles im Regal, die das Wesen der Komödie abhandelt. Ich verstehe seine Aufregung nicht. Er erinnert mich an Ecos „Im Namen der Rose“, aber auch da hapert es mit meinen grauen Zellen. Der Band gilt doch als verschollen.

Mumpitz will Hemingways ersten Roman in Händen gehalten haben, von dem ich allerdings sicher weiß, dass er verloren gegangen ist, weil seine dösige Frau ihn einschließlich der Durchschläge in einen Koffer gepackt hatte, der ihr auf dem Bahnhof in Lausanne geklaut worden ist. Hemingway hat später notiert, dass sein Erstlingswerk nun von Lehman vollendet werde; so nennt der Schweizer allerdings den Genfer See. In den Wässern versunken.

Desweiteren hätte er eine Komödie in Händen gehalten, die dem Bonner Jurastudenten Karl Marx aus Trier zu verdanken sei. Noch so ein Unsinn, wie ich aber erst später herausfand; es gibt in einem Brief an Engels eine Erwähnung, aber eben nur, dass er den Andruck der Trierer Jugend in London verbrannt habe. So was findet KI heutzutage ja schnell. Als ich immer mehr zweifle, erzürnt Mumpitz und schickt mir ein Handyfoto von dem Laden, „Grolier“ genannt, mit dem alten Buchhändler in der Tür. Auch eine Visitenkarte hat er von diesem Reid Byers, der als Berufsbezeichnung angibt, „Imaginary Books“ zu vertreiben.

Ich will die beiden, den eitlen Mumpitz und seinen fabelhaften Antiquar, auf den Arm nehmen und nenne sie mit homerischem Humor „Margites“. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Homers Margites hätten sie im Regal, würde 120 Dollar kosten. Eigentlich habe ich aber genug alte Bücher. Da brauche ich nicht noch welche, die es gar nicht geben kann.

Ich glaube tatsächlich, Mumpitz ist an eine Sammlung mit Büchern geraten, die es gar nicht mehr gibt. Oder noch nie gab. Von denen nur Gerüchte existierten, aber kein Druck. Jedenfalls nicht in stattlicher Auflage. Wie Professor Bolz zu Berlin neulich schon sagte: Die Geisteswissenschaften in den USA sind vollkommen verblasen. Fehlt nur noch das sechste Buch Mose.

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FRECH WIE DRECK.

Ich habe geträumt, ich sei ein Franzmann, der über die Demokratie in Amerika eine vergleichende Studie zu schreiben habe. Das ist kein reiner Blödsinn. Es ist die Rolle von Alexis de Tocqueville, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts damit berühmt wurde und damit die Vergleichende Politikwissenschaft begründete. Ich setze also die französische Brille auf und schaue auf Amerika. Was fiele mir neuerdings vor allem auf?

Es gibt dort eine neue Form der Volkstümlichkeit, in der vermeintliches Fehlverhalten der Unterschicht salonfähig wird. Politik ist vor allem und in allem Propaganda. Das ist nicht nur der lutherische Impuls, dem Volk auf‘s Maul zu schauen, sondern auch dessen Mut zur Deftigkeit. Unter Volk wird dabei verstanden, was die gebildete Oberschicht hierzulande Gosse nennen würde; in Amerika spricht man offen von „poor white trash“, was mir nur schwer über die Lippen kommt, da Menschen nie Müll sind. Aber man gibt dem Müll eine Stimme, was ihm gefällt.

Wenn die Neue Rechte pöbelt, begeistert dieser Bruch der Etikette ihre Anhänger geradezu; die neuen Herren vergreifen sich vorsätzlich im Ton, weil das die eigene Wählerschaft amüsiert. Man ist als Betrachter gut beraten, etwaige peinliche Pannen daraufhin zu befragen, ob sie nicht eine bewusste Operation sind, um die eigene Massenbasis zu aktivieren: kulturelle Attacken. Der Propagandist der Neuen Rechten scheut es nicht, in den Augen seiner Gegner peinlich zu wirken; ihm geht es um den johlenden Applaus der Stammtische. Dort liegt sein Genie.

Es zählt nicht, was die woke-gestimmte Professor:in ungewissen Geschlechts in den efeubewachsenen Unis der Ostküste denkt. Es zählt Joe Six-Pack mit dem roten Nacken in seinem gewehrbewaffneten Pick Up an der Tanke. Das zum kulturellen Bruch in der Bestimmung der Zielgruppe. Das Milieu ist paradigmatisch: Es geht mit symbolischem Willen um diese elementare Soziokultur. Man ist dort national gestimmt, glaubt an rassische Überlegenheit und folgt einem Männlichkeitskult, vor allem aber ist man nostalgisch. Früher war besser. Die Zuwanderung, sprich Überfremdung, hat Unglück gebracht. Arme weiße Veränderungsverlierer vermissen eine Idylle, die sie in Wahrheit nie hatten. Ihre Führer sind so bodenständig wie sie selbst und beweisen das, indem sie regelmäßig ordinär werden. Die Rhetorik ist nach unten offen.

Wie weit das bürgerliche Europa von dieser reaktionären Sentimentalität entfernt ist, sieht man daran, dass es hier die Hoffnung gab, gegen diese Hegemonie könne eine schwarze Frau vom Format der Demokratin Kamala Harris helfen. Oder jetzt der Feminismus von Frau Baerbock, zumal nun Chefin der UNO, also weltbeherrschend. Man lausche Signora Meloni; einen besseren Rat habe ich nicht. Oder Madame Le Pen. Oder welcher Frau aus diesem Block auch immer. Und lerne fürchten.

Wir gehen in einen Kulturkampf, glauben Tocqueville und ich. Das deutsche Gegenmittel, entnehme ich der Presse zu den Koalitionsverhandlungen, in denen die SPD gerade die CDU vorführt, ist die Kombi von Staats-PR und Staatsanwalt. Joe Six-Pack dagegen ist für „free speech“. Wie mag das ausgehen?

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DIE EHRE DER KIRCHE – WIE MAN MIT WEIHRAUCH SCHWEFELGERUCH ERZEUGT

Das Krisenmanagement der katholischen Kirche könnte von Vattenfall stammen oder der kunduskundigen Bundeswehr oder einen palmfetttriefenden Schokoriegelhersteller.

Sie alle agieren angesichts von Vorwürfen ihrer Gegner wie jene, die der große Stratege Lenin „nützliche Idioten“ genannt hat: Sie dienen unfreiwillig den Interessen ihrer Gegner und verschärfen so das eigene Problem. Selbstmord aus Angst vor dem Tode.

Der Papst nahm das Rücktrittsgesuch von Militärbischof Walter Mixa zu einem Zeitpunkt an, als jeder Schaden, den er hätte abwenden können, schon eingetreten war. Nach jahrelanger homophober Agitation und reaktionärem Wirken gegen die Liberalisierung der Gesellschaft ist der barocke Mixa nun Gegenstand von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Von einem schwulen Milieu in der Sauna seiner Privatgemächer wird ferner kolportiert, wo es unter den Pfaffen auch die schwachen im Geiste zu Höflingen bringen konnten. Die körperliche Züchtigung von Schutzbefohlenen ist längst eingestanden. All das mag, wie die Anwälte des Mixa betonen, nicht stimmen.

Aber das Gerücht wirkt, indem es sich verbreitet, hat der alte Cato gesagt. Ressentiments bestehen immer aus unheilvollen Mischungen des Halbwahren und des Ungeheuerlichen. Die hier schwelende Vorurteilslage wirft den Zölibat, Homosexualität, Flagellantentum und Pädophilie in einen Topf.

Nur widerwillig, so schien es, wollte man Verbrechen in den eigenen Reihen auch vor Recht und Gesetz bringen. Und selbst nachdem man sich unter das Rechtsstaatsprinzip gezwungen hatte, gab es Aufrufe zur Einschüchterung von Zeugen. Das klingt selbst jüngst noch so: Die deutschen Bischöfe bitten den Klerus, die Gläubigen und alle Angestellte, „in dieser schwierigen Zeit die Einheit der Kirche zu wahren.“

Bei der Mafia nennt man dieses Schweigegebot Omerta. Wo es um die Ehre der Kirche geht, da sollen Opfer und Zeugen jetzt still mit den Tätern zusammenstehen. Man mag gar nicht mehr reden mit solchen schwarzberockten Schurken. Man will wegschauen vor so viel Doppelmoral um die Ehre der Kirche.

Oder man weitet den Blick auf das Wirken der Religionen überhaupt. Hat Religion nach alldem überhaupt noch etwas öffentlich zu melden? Eigentlich sind es ja in unseren Breiten drei: Judentum, Christen und Moslems. Noch eigentlicher sind es vier. Die Katholiken legen Wert darauf, nicht mit dem ganzen evangelischen Gewusel in einen Topf geworfen zu werden.

Ich lese im Zug einen alten Zeitungsausriss zum sogenannten Kruzifixurteil des Bundesverfassungsgerichts. Ein schwankendes, schwimmendes Urteil minderer Qualität. Es geht um die Nachbeben zu einer norddeutschen Politikerin muslimischen Glaubens, die weder Kopftücher noch Kruzifixe an staatlichen Schulen sehen wollte.

Meine Mitfahrer im ICE von Frankfurt nach Hannover tuscheln. Zunächst bin ich irritiert, dann sehe ich es auch. Vor mir sitzt Margot Käßmann, die zurückgetretene Bischöfin der Evangelen. Die Polizei hatte sie angetrunken bei einer nächtlichen Autofahrt gestellt. Eine Boulevardzeitung im Schlepptau.

Solche Zufälle gefallen mir gar nicht. Das riecht für mich immer nach Intrige. Die gefällte Heilige aus Hannover hat diesmal einen Blumenstrauß neben sich liegen (Maiglöckchen) und zwei leere Fläschchen Schaumwein. „Rotkäppchen“, lästert mein Hintermann, „das passt!“

Aha! Die Bischöfin, das weiß man, ist geschieden. Und bei der nächtlichen Alkoholfahrt saß ein unbekannter Mann auf dem Beifahrersitz. Das ist der Stoff, aus dem die Titelgeschichten sind.

Eine der Nieten im Nadelstreifen nimmt sein Handy und fotografiert das Stilleben. Es könnte sich um einen Leserreporter einer großen Boulevardzeitung handeln, der nun mit einer vierstelligen Kurzwahl den Schnappschuss in eine Millionenauflage hebt. Muss sich die Ex-Bischöfin das alles gefallen lassen?

Presserechtlich könnte man argumentieren, sie sei eine relative oder gar absolute Person der Zeitgeschichte. Dann stehen ihre Persönlichkeitsrechte zurück. Dann darf man das. Trotzdem befällt mich ein beklemmendes Gefühl.

Um die Frage selbst so zu beantworten: „Die vereidigen in Hannover Muslime als Minister, und zwar mit der Gottesformel. Da sollten wir wenigstens unsere eigenen Leute respektieren!“

Das ist ein Zitat, und es geht gar nicht, oder? Warum eigentlich? Die Lösung solcher Fragen kann ja nicht darin liegen, dass man alles Fragen verbietet. Die Ehre der Kirche ist, Gott sei dank, eine Aufgabe der Kirche und keine des Staats. Und keine außerhalb des Klerus, jedenfalls keine in der säkularen Öffentlichkeit.

Als Staatsbürger darf mir egal sein, was Talmud, Koran oder Neues Testament von mir wollen, so ich Gläubiger bin. Reden wir von unserer säkularen Alltagskultur, vom Umgang miteinander. Reden wir von Respekt. Respekt ist als Tugend eigentlich unteilbar. Selbst den Gegnern schuldet man Achtung. Selbst den Tätern, so sie bereuen, schuldet man, nach der Sühne, das Recht auf Rehabilitation.

Ist das nicht zu blauäugig? Mitleid mit Mixa? Respekt vor saufenden Protestanten, pädophilen Katholiken, zynischen Atheisten? Lässt sich auf der Basis von Ressentiments über Religion streiten? Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit zur Religion, sondern auch die Freiheit von Religion.

Reden wir nicht über Ressentiments und nicht über Religion. Also sagen wir: So geht man mit Menschen nicht um. In den Worten Lessings: Egal, ob Jude, Christ oder Muselmann.

Quelle: starke-meinungen.de