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MEIN THÜRINGER FREUND.

Zufällig finde ich das Radiogerät älteren Datums, das mir klangvoll jene Internetsender präsentiert, die ein kleiner WLAN-Empfänger in die Röhrenkiste einspeist, nach der Raumpflege gedreht, Rücken nach vorn, und entdecke, dass der Kollege aus Thüringen stammt und dort einem Volkseigenen Betrieb (VEB) entsprungen ist. Ich bitte ihn, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Da ein Röhrengerät, dauert es einen Moment, bis er warm. Aber dann lerne ich eine historische Persönlichkeit kennen.

Seine Familie stammt aus Riga, der lettische Hansestadt, in die der Genosse Stalin die Funktechnik gegeben hatte. Weil da schon die Eisenbahnfertigung war. So geht seitdem staatliche Wirtschaftspolitik. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf das Baltikum wurde der Betrieb bei der AEG zu Berlin eingegliedert. Waren die sich auch nicht zu schön für. Man baute Radioempfänger und bastelte am Panzerfunk. Legendäre Verstärkerröhren entstanden, die noch bis in die fünfziger Jahre eingebaut wurden. Das sind die Ahnherren der Chips.

So wie die militärischen Dinge beim GröFaZ (größter Feldherr aller Zeiten) im Osten liefen, wurde der Betrieb 1944 eilig und notdürftig nach Thüringen verlagert, einschließlich lettischer Fachleute, die die Kriegswirtschaft als Zwangsarbeiter hier hin brachte. Als der Krieg verloren und die Amis das Gebiet an die Sowjets abtraten, gelang ein genialer Schachzug. Die Sonneberger Radiofabrik kam unter sowjetischer Sonderverwaltung und mied so lange die Nöte der DDR-typischen Mangelwirtschaft. Man baute stattliche Röhrenradios („Super“), die bald die Namen thüringischer Städte trugen. Radio Erfurt usw.

Die Sendertabelle auf der Front wies nur wünschenswerte Stationen aus, aber das hatten die findigen Letten ja schon immer verstanden, dem Willen der Vormacht nach außen zu entsprechen und doch mit der ganzen Welt zu verbinden. Erst die Halbleitertechnik, der elende Transistor, und das leidige Stereo hätten sie aus der Bahn geworfen, klagt er mir. Ich soll seinen Namen noch sagen, bittet mich der nette Zeitzeuge. Es handelt sich um Weimar WU Modell Super 6118/55 der VEB Sternradio Sonneberg. Prächtige Holzkiste. Noch immer toller Klang. Wir sind befreundet.

An Panzerfunk besteht kein Interesse mehr, jedenfalls keines des terrestrischen Radioempfangs. Da gibt es jetzt Internet aus dem All. Dem Weisen genügt das als Hinweis. Sapienti sat.

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FORBIDDEN FRUITS.

Ich fange mal kompliziert an. Rachegelüste sind etwas sehr Vormodernes. Und es gibt Religionen, die sich, wo an der Macht, der Ausgestaltung der Vormoderne widmen. Aber es liegt mir heute nicht an Islamkritik, sondern der des reaktionären Christentums; auch das gibt es. Die alte Tante FAZ hat eine Feder dieser Prägung in Hannover zu sitzen, die sich jüngst zum Praeceptor Germaniae aufwirft. Der langweilige Evangele von der Leine, ein Doktor der Theologie ehrenhalber, droht den Ossis. Im Namen der Wessis erhebt er die Stimme. Unsere Geduld könnte auch mal zu Ende gehen. Schließlich haben wir mit unserem Soli den DDR-Scheiß hochgepäppelt. Sagt der Halbe Luther in der FAZ.

Auslöser ist wohl der absehbare Wahlerfolg der AfD in Mittel- und Ostdeutschland. Drei der dortigen MP-Kandidaten mischen sich jüngst als Troubadoure des Ostens in die Rentendebatte ein, was schon im Ansatz undankbar ist. Ohne Willy Brandt und Helmut Kohl wären die Ossis noch immer Vasallen der Sowjets, zumindest aber ökonomische Pauper wie der Pole oder der Ungar. Das ist das Argument. Daran ist so gut wie alles mies.

Ja, die Ostpolitik Brandts und die Europapolitik Kohls haben die Folgen des verlorenen Krieges saniert; Teil einer weisen Friedenspolitik. Der größere Teil der Weisheit ist allerdings den Siegermächten geschuldet, die auf eine imperiale Rache verzichtet haben; auch und gerade Russland. Ich weiß, dass das nicht jedem gefällt, darum sage ich es mit Nachdruck.

Die Ossis sollen jetzt also die Partei Kohls oder zur Not die Brandts wählen und die Schnauze halten. Sonst hat der Arsch Kirmes. Ja, man redet mit den Sachsen und Konsorten wie mit trotzigen Kindern, die des Undanks gegen Vaters Autorität bezichtigt werden. Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch steckst… Die Folge ist politische Reaktanz.

Das Fatale bei den verbotenen Früchten ist, dass die Lust seit Adam und Eva immens, in den Apfel vom bösen Baum der Erkenntnis zu beißen, auch wenn man sich damit den Magen verdirbt. So vergiftet scheint dann manchem Trotzkopf neben Brandt und Kohl auch Hitler wieder erwägenswert. Das ist nicht klug. Mehr habe ich nicht anzumerken. Ansonsten sind es allgemeine und freie Wahlen. Das ist einer der Unterschiede zur DDR.

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MIT NIX GEMEIN.

Zu den Vorbildern des Journalismus als höherem Gewerbe gehört Hanns-Joachim Friedrichs, Namensgeber eines eigenen Preises für die schwätzenden Schergen der Vierten Gewalt. Ihm verdankt die Branche das Motto, nach dem sich ein guter Journalist mit keiner Sache gemein mache, auch keiner guten. Das ist ja mal ein Wort. Klingt gut und, wie angenehm, erlaubt Feigheit. Mit nix was gemein.

Im Mutterland der westlichen Demokratie spricht das Organ dieses wertebestimmten Haltungsjournalismus, die BBC, davon dass man unparteiisch zu sein habe: „due impartiality“. Das hat dieses parlamentarische Denken zur Grundlage, nach dem eine Sache immer zwei Seiten habe, eine auf der rechten wie eine auf der linken Seite des Hohen Hauses. Oder die Dualität von Anklage und Verteidigung im Gerichtssaal. Da werden dann aber auch schon die Grenzen dieses binären Denkens deutlich. Erwarten wir von einem Richter auch, dass er unparteiisch sein möge und heißt das dann, dass er sich mit keiner Sache gemein machen dürfe, auch nicht der guten? Ein Urteil ist bestenfalls ein Urteil, nie Gerechtigkeit gegen Jedermann.

Das Leben ist komplizierter als das Weltbild des öffentlich-rechtlichen Gesinnungsjournalismus. Und ich kenne dessen blasierte HeldInnen aus der Nähe. Dass auch die rechten Hetzer dies sagen, macht sie nicht zu Agenten der Wahrheit; eher im Gegenteil. Vieles von dem, was die Rechte an den Woken tadelt, beschämt mich eher wegen der intellektuellen Armut des Angriffs. Mein Weltsicht ist dadurch geprägt, dass bei diesem oder jenen Streit möglicherweise beide Parteien Unrecht haben. Schon deshalb ist man lieber unparteiisch. Es gibt zu vielen Sachverhalte mehrere Irrtümer. Die Wahrheit ist immer nur eine Übereinkunft; oft vorübergehender Natur.

Jetzt zum eingangs genannten Hajo. Ich habe mit ihm zusammen PR-Produktionen gemacht, bei denen er Interviews mit Industrievorständen geführt hat und sie nett zu ihren Geschäften befragte. Natürlich haben wir dabei von der Glaubwürdigkeit des „tv anchors“ profitieren wollen und selbstverständlich ein bescheidenes Honorar bezahlt. Und? So, jetzt macht die Kiste auf und lasst die Jakobiner raus.

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Das Wesen des Casino-Kapitalismus am Beispiel von Lunch und Dinner

Noch eine Koch-Show. Zu berichten ist von einem Essen im Casino-Kapitalismus und der Sehnsucht nach anderen Verhältnissen. Dem Verlangen nach mediterraner Lebensart in einer Welt der Fast-Food-Verpflegung.

Aber der Reihe nach. Die amerikanische Börsenaufsicht nähert sich der Investmentbank Goldman Sachs mit dem Verdacht, dass das Haus sich zur letzten Finanzkrise betrügerisch verhalten haben könnte. Die deutsche Bundesregierung verfolgt die Vorgänge mit einigem Interesse. Der amerikanische Präsident hatte angekündigt, sich die gewaltigen Steuergelder, die er in die Banken gepumpt hat, zurückzuholen. Da will Merkel nicht zurückstehen. Während man mit müdem Grinsen und Erinnerungen an das berühmte Hornberger Schießen kämpft, springt ein Detail zur Weltwirtschaftskrise und ihren Verursachern ins Auge. Die problematischen Immobilienfonds, die die Blase platzen ließen, sind von dem US-Hedgefonds Paulson & Co. mitentwickelt worden, der sodann darauf wettete, dass sie scheitern werden.

Das erschwert die Unschuldsvermutung und ist zugleich ein besonders hübsches Exempel für das, was nicht nur Marxisten den Casino-Kapitalismus nennen. Die Logik solcher Wetten liegt in der Zeitachse: Man kann wissen, dass es sich um ein Kartenhaus handelt, auf dessen Stabilität man wettet, man kann wissen, dass ein Schneeballsystem nicht ewig hält, man muss nur rechtzeitig wieder raus aus der Abzocke.

Dafür wird an der Börse keine Glocke geläutet, aber es gab wohl einige wenige, die rechtzeitig wussten, was die Glocke geschlagen hatte: die Kriegsgewinnler der Krise. Goldman Sachs legt Wert auf die Feststellung, dazu nicht zu gehören. Man habe nur 15 Millionen Dollar mit den giftigen Papieren verdient, aber 90 Millionen Dollar eigene Verluste damit gemacht. Kann ein Gentleman mehr sagen? Nein, ein Gentleman kann nicht mehr sagen.

Bleibt aber die Frage, was Casino-Kapitalismus ist und ob es einen nachhaltigeren Weg gibt, sein Geld zu machen. Immobilienfonds scheinen nicht (mehr) dazu zu gehören. Die Preise für Gewerbeimmobilien fallen weltweit. Es kommt zu Notverkäufen. So soll das Sony-Center auf dem Potsdamer Platz in Berlin, vor zwei Jahren von der Bank Morgan Stanley für rund 600 Millionen Euro erworben, gerade an einen südkoreanischen Pensionsfonds gegangen sein, für 500 Millionen Euro. Ein Verlust von 100 Millionen Euro, das ist, wie der Berliner sagt, manch einen sein ganzet.

Serviert wird eine papierdünne Fleischscheibe in einer mit reichlich Fett kross gebratenen Panade, auf der eine Zitrone thront, die saftfrei ist. Das Schnitzel schmeckt wie in der Mikrowelle aufgewärmt, was auch die Trockenheit der Südfrucht erklären würde. Man arbeitet sich im Menu durch Tiefkühlkostartiges. Als die mit 86 Euro stattliche Rechnung zur Bezahlung ansteht und der Gast einen 100 Euroschein darbietet, lässt die Serviererin aus Friedrichshain verlauten: „Kann ick nich wexeln, Sie sind mein erster Gast!“ Ein offensichtliches Kalkül auf 14 Euro Trinkgeld.

Zeit für eine Debatte um die Abzocke bleibt nicht. Die Tür bricht auf und eine Busladung an Gästen ergießt sich in das Restaurant. Das Konzept ist klar. Der Laden kann seine sicher exorbitante Miete an die südkoreanischen Rentner nur zahlen, indem er Legionen von Einmalgästen durchschleust, denen man naturgemäß alles antun kann, weil sie nicht mehr wiederkommen. Meine Seele schmerzt, weil Lutter & Wegner, das waren dereinst die Weinlieferanten von E. T. A. Hoffmann, eine erste Adresse.

Heute finde ich ein Angebot in der qualitativen Klasse von McDoof und WürgerKing. Vor allem aber glaube ich nicht, dass die Geschäftsidee aufgehen kann. Der Blüm-Satz von der sicheren Rente dürfte auch in Südkorea falsch sein. Wie viele miese Schnitzel müssen sie verkaufen, bis 100 Millionen Verlust ausgeglichen sind? Für solche Geschäftsideen müssen jeden Morgen hunderte neuer Idioten aufstehen. Die Marketing-Kosten bezogen auf einen Stammkunden gehen gegen Null. Die Rendite von Gastronomiebetrieben in sogenannten Spitzenlagen nimmt die gleiche Richtung, sprich auf Null, oder drunter.

Szenenwechsel. Abends sind wir im Ristorante San Giorgio in Charlottenburg, Mommsenstrasse 36. Eine beschauliche Gegend mit mittelpreisigen Wohnhäusern. Man sieht die Herren Westerwelle und Pofalla dort wohnen. Kohl hat hier regelmäßig gegessen und Schröder; heute ersetzt die Granden der wortgewaltige PR-Manager Hans-Hermann Tietje. Ein Familienbetrieb, Domenico Fiorentino aus Apulien und sein Sohn Fabricio (Berliner Tonlage) führen mit ihrem Koch Tommy Hubbert ein kleines Restaurant mit recht guter Qualität, aber ohne Sternekochambitionen. Domenico ist ein Weltmann mit der ausgesuchten Unhöflichkeit eines Italieners, der nichts von Stutzern hält.

Wir essen Bodenständiges mit eigener Kreativität, Penne mit dicken Bohnen und Speck für 9 Euro 50 und hauchdünn geschnittene Leber „al burro e salvia con puré di patate“ für 17 Euro 50. Das beste Kartoffelpürree der Stadt, dazu ein erlesener, aber nicht verstiegener Wein aus Venetien. Alles in allem geben wir hier zwanzig, dreißig Euro mehr aus als im Lutter & Wegner und sind gleichwohl hochzufrieden.

Man isst bei Freunden, kommt wieder und weint seinem Geld nicht nach. Selbst wenn die Rendite die Ackermannschen 25-Prozent erreichen würde, was sie in der Realwirtschaft niemals wird schaffen können (geht nur mit Wucher). Dies ist nicht die Welt koksender Investmentbanker, die Champagner in Londoner Stripclubs fließen lassen.

Quelle: starke-meinungen.de