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OPFERSTATUS.

Die Emanzipation hat in manchen Kreisen und an manchen Orten stattgefunden. In Sonntagsreden allzumal. E-manu-cipere heißt "Aus-der Hand-nehmen". Sein Schicksal den Herren aus der Hand nehmen; in die eigene. Die Dienstbarkeit aufkündigen.

Mein Beruf ist Dienstleistung; wir werden für Service bezahlt. In einem "office date" beim Kunden ("Dienstbesprechung") kommt die Kundin (Frau, promoviert) etwas später und schaut sich nach einer Kaffeekanne um. Mein damaliger Mitarbeiter (Mann) sieht dem seelenruhig zu. Seine Chefin (auch Frau, auch promoviert) erhebt sich und bringt der Kundin einen Kaffee. Der Stoffel sieht der ganzen Szene, wie die Mädchen sich da behelfen, ungerührt zu. Ich ärgere mich, dass ich nicht schnell genug geschaltet habe und die Situation zu einem Exempel ausgenutzt. Der Stoffel ist übrigens nicht mehr bei uns.

Der Mitarbeiter der von Vodafone beauftragten Baufirma zur Verlegung der Glasfaserkabel hat den Hausanschluss gelegt und nimmt unaufgefordert am Küchentisch Platz, berichtet mir eine junge Frau, die das Haus alleine bewohnt. Und er sagt: "So, Frollein, dann können Sie mir jetzt mal einen Kaffee machen." Die Stille, die die Verdutzte produziert, nutzt er aus, um zu fragen, ob die Kaffeemaschine auch Kaput-Schino könne. Dabei streift er routiniert die Schuhe ab und sagt in Socken, auf dem Stuhl wippend: "Gemütlich haben Sie es hier, Frollein." Nie, niemals würde mir, einem alten weißen Mann, das passieren.

No big deal. Pussy duty. Also die Frage, wer den Kaffee zu holen hat.

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COUSINEN KULTUR.

Es gibt Leistungsträger und Anspruchsträger. Das eine sind die Köpfe, da andere die Ärsche der Parteien. Auch die Hinterteile wollen ein Beamtenkissen. Das gilt für alle Parteien.

Die Übernahme des Bundeswirtschaftsministeriums durch die Grünen hat dazu geführt, sagt mir BILD, dass alle Leitungsebenen mit der Nachhut des Ministers besetzt wurden.

Vetternwirtschaft. Wo Cousins und Cousinen nicht reichten, waren dann auch noch Trauzeugen dran. Ein Clan richtet sich also ein im Staat. Ist dies als Kritik an den Grünen lauter?

Gedankenspiel. Diese Sichtweise wäre natürlich berechtigt, wenn die FAMILIE aus der “Atom-Mafia“ stammte. Oder einem Wirtschaftszweig angehörten, der mit Kohle, Öl oder Gas zu tun hätte. Die geheimnisumwitterten FOSSIS.

Aber bei den ERNEUERBAREN sei das etwas anderes. Das sind doch die Guten. Die VETTERN im Wirtschaftsministerium wie die COUSINEN im Ministerium des Äußeren seien vom Fach und zwar dem richtigen, lese ich zur Verteidigung der Postenschieberei auf Twitter.

In der Parteiendemokratie wird im Proporz der Koalitionäre der Staat immer zur Beute der jeweiligen Entourage, die dann dort, wegen der Remanenz des Beamtenapparats, auch Regimewechsel überlebt und so den öffentlichen Dienst allmählich zum Spiegel der minderbegabten Gesellschaft werden lässt. Die Köpfe gehen, die auf den Kissen Sitzenden bleiben.

Darum sind häufige Machtwechsel so wichtig. Klar? Nur so hat jede Partei eine Chance all ihre Anspruchsträger auf die Kissen zu kriegen. Dass der öffentliche Dienst dabei immer breiter wird, ist leider unvermeidlich. Eine Nation der nachgelassenen Kissenpuper.

Das ist die eigentliche Klientelpolitik.

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WISSENSCHAFT.

Lese mal wieder was Akademisches aus meinem Fach. Zugegeben die modischeren Themen, die dem Zeitgeist hinterher hecheln. Viel dünnes Zeug, auch richtig dummes.

Das meiste kommt in Pigeon-Englisch daher: Liedership, Diversity, Dschendern, Agilität, Resilienz. Und immer gilt: Sie sagen „Sprache“, meinen aber „Sprechen“. So wie sie „Klima“ sagen und „Wetter“ meinen.

Es ist wie in der Zimmerei: Man sieht, wie sie den Hammer halten und weiß, ob der Nagel krumm wird. Meine Frau Mutter hat als Zahnarzthelferin („MFA“) gearbeitet und schon bei der bloßen Ansicht bestimmter Backenzähne das OP-Besteck bereitgelegt; weil sie wusste, dass der Doc den nicht heil, sprich ganz, herauskriegt.

Ein von mir sehr geschätzter Werksarzt hat mir mal gesagt, er sähe an der Art, wie die Patienten den Raum betreten, was die haben; und der Mann war ein Heiler, er hat in meinem Beisein mal einen Verstorbenen zurückgeholt.

Während ich die modischen Gelehrsamkeiten durchblättere und die Kunst des Feuilletons studiere, auf einer Glatze Locken zu drehen, frage ich mich, von welchem Studium ich am meisten gelernt habe. Soweit man das überhaupt selbst sagen kann.

Kybernetik. Das ist, wenn man weiß, was in einem System eine Struktur ist und was eine Funktion. Oder was Wetter ist und was Klima. Mit diesen Fragen könnte man heute ganze Lehrkörper entvölkern. Und natürlich plaudere ich hier die Lösung nicht aus.

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Captain Future und der Populismus: Jürgen Rüttgers macht Wahlkampf

Diesmal also die Rente: Jürgen Rüttgers, unter Helmut Kohl erster Zukunftsminister der Bundesrepublik Deutschland und seit nunmehr fünf Jahren amtierender Ministerpräsident an Rhein und Ruhr, verspricht im Interview mit einer großen Boulevardzeitung seinen Wählern die steuerfinanzierte Mindestrente.

Wer gearbeitet hat soll, so der wortgewaltige Christdemokrat, mit Zuversicht in die Zukunft schauen können. Das klingt gut, das gibt Hoffnung – Balsam auf die jahrelang zur privaten Vorsorge genötigte Arbeitnehmerseele.

Sein Vorgänger im Amt des CDU-Landesvorsitzenden, Norbert Blüm, wusste schon vor 25 Jahren: Mit sicheren Renten fängt man sichere Stimmen. Auch wenn letzterer heute eher als kabarettistische Ulknudel denn als begnadeter Sozialpolitiker bekannt ist, Rüttgers eifert ihm in der Rentenfrage politisch nach.

Der in Pfadfinderschaft und katholischer Studentenverbindung sozialisierte Jurist mit dem Charme und dem Charisma eines Verwaltungsbeamten gibt den unerschrockenen Arbeiterführer, den erfahrenen und besonnenen Steuermann, der seine Passagiere sicher durch alle wilden Fahrwasser von Globalisierung und Finanzkapitalismus bringt.

Wer braucht noch Gewerkschaften wenn er Jürgen Rüttgers hat? Im Alleingang geißelt dieser die Irrungen vermeintlich neoliberaler Politik, sekundiert allein von dem wiedergeborenen Globalisierungsgegner Heiner Geißler. Die Hartz-Gesetze möchte Rüttgers endlich sozialer gestaltet wissen, dafür riskiert er gleichsam publikumswirksam wie aufmerksamkeitsheischend sogar den Streit mit seinen Parteifreunden in Berlin.

Dass die Union sich als der sozialere, gleichsam menschlich wärmere Gegenpart zur FDP im bürgerlichen Lager präsentiert, ist so neu nicht, Anhänger der christlichen Soziallehre hatten, auch zum öffentlichkeitswirksamen Beweis des Binnenpluralismus, in der Partei schon immer ihre Stimme. Die Aufgabe der strikten Abschottung nach links, die prinzipielle Öffnung für Koalitionen jenseits von schwarz-gelb, ist ein gegenwärtigeres Phänomen, doch auch sie ist kein Kind Jürgen Rüttgers.

Das Novum in dessen politischer Betätigung ist vielmehr ein bisher in Deutschland ungekannter Populismus. Der CDU-Politiker bewegt sich in seinen öffentlichen Auftritten inzwischen jenseits von allem bekannten Wahlkampfrummel, seine öffentlichen Äußerungen gehen weit über das hinaus, was man sonst aus der Vorwahlzeit an Versprechungen gewohnt ist. Der konservative Jurist gibt den Arbeiterführer, inszeniert sich vollkommen bedarfsgerecht und passt sich wie ein Chamäleon jedem Publikumshintergrund an.

Soziale Ängste von Arbeitern und kleinen Angestellten werden ebenso bedient wie die Wünsche des neuen ökologischen Bürgertums. Daneben gibt es aber noch eine andere, weit unappetitlichere Facette in der Wandlungsfähigkeit Jürgen Rüttgers: Wann immer es seiner Sache dienlich erscheint, unternimmt er Ausflüge in bigotte fremdenfeindliche Ressentiments. Qualifizierter Arbeitsmigration vom Ufer des Ganges wollte er einst gute deutsche Gebärfreudigkeit entgegengesetzt wissen, den Arbeitnehmern eines kleinen rumänischen Städtchens, das ihn im Subventions- und Lohnkostenwettbewerb ausgestochen hatte, attestierte er eine gänzlich undeutsche Arbeitseinstellung mit allmorgendlicher Unpünktlichkeit und Dienstschluss nach Gutdünken. Migrationsprobleme haben bei Jürgen Rüttgers weniger mit Parallelgesellschaften und Integration zu tun, als viel mehr mit dem Erhalt dezidiert deutscher Arbeitsplätze, Ängsten vor der Globalisierung setzt der Ministerpräsident dumpfen Standortnationalismus entgegen.

Er selbst gibt sich stets fleißig und arbeitsam, selbst das Gespräch mit Vertretern der Wirtschaft wird bei dem Unionspolitiker zur gesondert bezahlten Tätigkeit. Wo andere Spitzenpolitiker Kontaktpflege zu denen betreiben, die Arbeit schaffen und Wohlstand bringen, da wirft sich Rüttgers plump dem Meistbietenden an die Brust.

Ausdrücklich in seiner Funktion als Ministerpräsident und nicht etwa als Privatmann oder Vertreter der Union – ‚Rent a Verfassungsorgan’ als neuester Trend an Rhein und Ruhr. Der Populismus des Jürgen Rüttgers ist nicht nur peinlich, er ist darüber hinaus auch schädlich und betrügerisch. Er schadet der politischen Kultur in Deutschland, indem er dumpfen Nationalismus zur Bedienung der Ängste sozial Schwacher salonfähig macht. Er verrät die Interessen zahlloser bürgerlicher Wähler, die sich von Union und FDP eine solide wirtschaftsliberale Politik und keinen vorgeblich arbeiterbewegten Klamauk erhofft haben. Er ist perfider Betrug eines letztendlich schwarzen Wolfes mit dem Maul voll rot-grüner Kreide an den Wählern, die sich echte soziale Reformen wünschen und diese von einer Regierung Rüttgers nicht bekommen werden.

Einem Vorzeigepopulisten wie Silvio Berlusconi mag man solche Elogen ja noch verzeihen, dieser hat als langjähriger Kreuzfahrtentertainer wenigstens das Potenzial zu einem unterhaltend-charismatischen Kapitän. Jürgen Rüttgers ist hingegen eine echte Fehlbesetzung auf der Brücke, der Weg seines Dampfers führt in die populistische Irre und nicht in eine rosige Zukunft.

Quelle: starke-meinungen.de