Logbuch

ÄHM. ÖHM. HMMM. ODERRR?

In gesprochener Sprache tauchen Laute auf, die anzeigen, dass der Sprecher nachdenkt. Er zögert. Er nutzt zudem überflüssigerweise Füllwörter. Sie alle heißen Hesitationsmarker.

Ein Rat: Beantworten sie die Frage „Wie war ich?“ niemals spontan. Bemühen Sie sich um zahlreiche ÄHM oder ÖHM oder solche Einschübe wie „ehrlich gesagt“ oder „Ach ja…“ Signalisieren Sie, dass Sie zögern (englisch: to hesitate) durch einen Laut, der genau das markiert. Deshalb Hesitationsmarker. Sprechpausen helfen immer.

Ich hatte mal einen Chef, einen genialen Autobauer, der in Interviews ohne eine Miene zu verziehen derart lange Sprechpausen machte, dass die automatischen Bandgeräte sich schon abschalteten. Er konnte damit sein Gegenüber in den Wahnsinn treiben. Ein Journalist der FT hat mir mal gesagt, er sei drauf und dran gewesen, dem Alten den Puls zu fühlen, weil er nicht mehr wusste, ob der CEO überhaupt noch lebte.

Das gesprochene Schwyzzerdütsch kennt zudem das dem Satz nachgestellte ODERRR, was keine Frage anzeigt. Es ist eine Bekräftigung, oder? Eine sogenannte Vergewisserungsformel. Das hat landmannschaftliche Züge; es kann auch ein nachgestelltes GELL oder WOLL oder NICHT WAHR oder NÄÄ sein oder eine sogenannte INQUITFORMEL. Bei der wörtlichen Wiedergabe von Dialogen können gewisse Zeitgenossen hundertmal anzeigen, wer was gesagt hat.

Das geht dann so: „Also ich so…er dann so…ich darauf so…dann er so…“ So erkennt man Deppen. Sie sind nicht in der Lage, über ein Gespräch einen Bericht abzugeben, indem sie den Inhalt zusammenfassen oder bestenfalls in indirekte Rede kleiden. Der Depp plappert nach. Er kann übrigens auch die Aufsatzform des BERICHTES nicht, sondern nur die ERLEBNISERZÄHLUNG. Schon sein Schulaufsatz zum schönsten Ferienerlebnis begann mit dem Satz: „Kaum waren wir angekommen, als wir schon da waren.“

Den schlauen Zeitgenossen erkennt man an einer Unzahl von Hesitationsmarkern. Nehmen Sie den Karlsruher Peter Sloterdijk, der behauptet in Berlin zu wohnen, aber in Klein Machnow (Brandenburg) haust. Seine Schriftsprache ist geschliffen; was er aber in gesprochener Sprache erzählt, das ist unter den ganzen ÄHMS und ÖHMS kaum zu verstehen. Der Nachdenkliche zögert. Der Schwätzer plappert. So ist das in der Rhetorik, oderrr?

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DER DIKTATOR.

Aus der Zeit gefallen, der Schreckliche. Vielen gilt er als furchtbar. Manchen bereitete er ein Gräuel. Sein Ruhm erscheint aber gestrig. Mit wachem Auge betrachtet, eine Wurst, ein Würstchen.

Schon sein selbstgefälliges Grinsen stößt mich ab. Er reckt sich in Pose. Er soll ja ein strategisches Genie sein, Schach seine Leidenschaft. Die Berichterstatter entdecken die Leere des Moments und suchen aus den Archiven Honig zu saugen. Frühere Untaten werden wiedererzählt. Die lange Liste der Siege bemüht. Ich kenne ihn persönlich; war von der Begegnung eher ernüchtert.

Der Diktator, Meister aller Klassen. Herrscher aller Reusen. Napoleon, Cäsar. Als wenn all das noch etwas zu bedeuten hätte. Der Elefant im Raum ist das UNZEITGEMÄSSE. Da ist ein Imperator, über den die Zeit eindeutig hinweggegangen ist. Selbst das Übermaß der persönlichen Bereicherung, das man ihm nachsagt, mag niemanden mehr faszinieren. Man sehnt sich nach einer riesigen Niederlage in diesem Feldzug, damit er endlich WEG ist.

Ach, Wolfgang Felix Magath aus Aschaffenburg, verschwinde.

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TANKE ADE.

Warum habe ich mich nur so lange mit FOSSIS rumgeärgert. Kohle, Öl, Gas: alles vorübergehende Irrtümer. Von den SEERÄUBERN lernen, heißt siegen lernen. Ich werde zum ÖKO.

Die Wikinger mussten nicht tanken. Die Römer auch nicht. Was den nordischen Männern die Brise auf der Ostsee, war den mediterranen der kräftige Wind des Mittelmeers. Nie wären sie auf die Idee gekommen, von den Barbaren zuerst den Treibstoff zu kaufen, bevor sie diese dann brandschatzten.

Lange bevor die Welt durch Fernreisen verkleinert wurde und ferne Kostbarkeiten zu Kolonialwaren, ging man dem UFERNAHEN RAUB nach. Das war die Profession der Wikinger. Ufernaher Raub. Dazu reichten die Segelboote der Normannen allemal. Auch das Korn für BROT & SPIELE aus den fruchtbaren Provinzen des Alten Rom wurde herbeigesegelt. Gewässer waren das Medium dieser Logistik, Wind und Sonne die Energie. Erneuerbar, klar?

Darüber sinnierend sehe ich die WINDMÜHLEN der Grünen mit ganz anderen Augen. Das macht keinen Scheich reich! In den wirtschaftlich blühenden Niederlanden besorgten die WINDMÜHLEN eben nicht nur die Herstellung von gefügigem Mehl aus dem garstigen Korn, sondern auch die Wasserhaltung in dem holländischen Sumpf unter Meeresniveau. Und mit Segelschiffen fuhr Minher Pepperkorn dann nach Südostasien. Der Wind hat keinen Preis; man muss ihn nur einfangen. Die Piraten waren ihrer Zeit deutlich voraus. Schifffahrt tut not.

Also Wind und Sonne. Man hat mir bisher diese ENERGIEWENDE nur nie richtig erklärt; das muss ich jetzt dem Jürgen Trittin wirklich mal vorwerfen.

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Osterbotschaft von den Börsen: Nach der Krise ist vor der Krise

Auferstehung allerorten. Das von unserem Staatsoberhaupt an den Kapitalmärkten ausgemachte Monster hat seinen Schwarzen Freitag hinter sich gebracht. Kaum sind vom Eise befreit Strom und Bäche, sprießen sie wieder, die Boni.

Im Frühling der Banker lassen sich die Geldhäuser nicht lumpen. Der Chef des Schweizer Bankhauses Credit Suisse darf ein Jahreseinkommen von 89 Millionen Schweizerfranken sein eigen nennen. Die weltgrößte Investment Bank Goldman Sachs schüttet ein Topf von 16 Milliarden Dollar aus, gemildert durch eine Ablasszahlung von 500 Millionen Dollar an karitative Zwecke. Fassungslose Wut bemächtigt sich der politischen Klasse.

US-Präsident Obama bekräftigt, „tough on bonuses“ zu bleiben. In Großbritannien erklärt Lord Mandelson den Chef des Investment Bankings bei Barclays zur Unperson („unacceptable face“), weil dieser ein Salär von 63 Millionen Pfund Sterling nach Hause bringt. Im braven Vaterland bleibt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank unter 10 Millionen Euro, ein Zeichen der Bescheidenheit, wohlverdient, weil die Deutsche nicht den Haushalt plünderte, um sich aus der Krise zu winden.

Wenn also die Belohnungen für Wucherer in der Londoner City, in Zürich und an der Wall Street wieder sprießen, muss die internationale Finanzkrise überwunden sein. Zeit, darüber nachzudenken, wie sie begann. Und warum. Am Anfang stand ein Landwirtschaftshelfer aus Mexico, der aus dem Pflücken von Erdbeeren ein Jahreseinkommen von 14.000 Dollar erzielte.

Obwohl er kein Wort Englisch sprach und das Erdbeerenpflücken niemanden ein ganzes Jahr ernähren kann, ereilte unseren Freund, nennen wir ihn José Feliciano, das schwäbische Gelüst, ein Häusle zu bauen. Der Immobilienerwerb wurde durch einen Kredit ermöglicht, in Höhe von 750.000 Dollar. Selbst wenn der Kredit zinslos vergeben worden wäre, wäre die Hypothek nicht in 100 Jahren zu tilgen gewesen. Strawberry-Jo scheiterte schon an der nächsten Rate.

Wenn man wissen will, wie so was geht, interessiere man sich für das Berliner Luxushotel Adlon, dessen Inneneinrichtung und die Rendite der entsprechenden Fonds. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zurück zum amerikanischen Wolkenkratzer, in dessen Erdgeschoss der Kreditvertrag von José Feliciano schlummerte. Oben gab es für die Zeichner des Turm-Fonds geringe Risiken und dementsprechend magere Zinsen. Unten winkten Anlegern dicke Rendite (mit entsprechenden Risiken, versteht sich).

Und was haben die deutschen Landesbanken gekauft? Na klar, das Souterrain von Strawberry-Joe. Da war ja mehr zu holen. Eine eigenartige Logik für Banken in öffentlicher Hand. Das eben kennzeichnet die Ablösung der Finanzwirtschaft von dem realen Wirtschaften, wie es der Stahlbaron oder Schuster kennt.

Der Kapitalmarkt ist ein Casino, in dem völlig ruchlos auf alles und jedes gewettet wird, und zwar so lange, bis die Kartenhäuser zusammenfallen. Dann verdient niemand mehr außer jenen, die gewettet haben, dass die Kartenhäuser zusammenfallen. Da gibt es dann noch mal richtig Geld. Aber auch die „credit-default swaps“ sind, wie Michael Lewis („The Big Short“) jüngst brillant beschreibt, eine andere Geschichte. Denn nicht José Feliciano, der arme Tropf mit der unbezahlbaren Hypothek, stand am Anfang der Krise, sondern ein Investmentbanker bei einem privaten Bankhaus, das wir hier mal King David Bros. nennen wollen.

Dieser John Goodfella gestaltete die achtziger Jahre an der Wall Street, wurde ihr König genannt, weil er eine wirkliche Trendwende einleitete. Goodfella behagte nicht, dass er ständig mit eigenem Geld und zu eigenem Risiko unterwegs war. King David Bros. war eine Partnerschaft von persönlich haftenden Bankern. Der Ausbruch aus dieser Verantwortung hieß „going public“. Mit diesem Schlachtruf wurden die Investmenthäuser in Aktiengesellschaften gewandelt.

Die Verantwortung für undurchschaubarste Geschäfte wechselte zu den neuen Eignern, den Investoren. Investoren aber sind, alter Börsenspruch, in mehrfacher Hinsicht Idioten; sachlicher formuliert, Junkies, die auf den nächsten Druck warten. Solange diese Koksnasen mit strammen Dividenden und steigenden Kursen bedient wurden, wuchsen die Bäume in den Himmel. Schneeballsysteme wie die des betrügerischen Bernie Welloff waren nur die Spitze des Eisbergs.

Der Wandel vom Inhaber zum Vorstandsvorsitzenden einer AG war ein Wandel in ein undurchschaubareres System, der Eintritt in ein großes Casino, ein Spiel mit dem Geld anderer Leute. Dass Aufsichtsräte und Bankenaufsicht versagten, mag korrigierbar sein, vielleicht gehört es aber auch zum System. Bernie Welloff hat sein Spiel auf beiden Feldern gespielt. Niemand ist für nichts mehr zur Verantwortung zu ziehen und niemand zieht zur Verantwortung, solange die eigene Kasse stimmt.

Das System steuert sich intern über Incentives in exorbitanter Höhe, den Boni, die jene erhalten, die die Geschwindigkeit der sich drehenden Spirale immer noch mehr zu erhöhen wissen. Und die höchste Form der Kollektivierung ist erreicht, wenn der Schaden für den Kollaps des ganzen Systems dem Steuerzahler in Rechnung gestellt wird. Staatshaftung.

Unvorstellbare Mengen an Mitteln haben die Regierungen in das Bankenloch geworfen, Schulden unserer Kinder und Kindeskinder. Das Ganze ist freilich nicht unvorhersehbar geschehen. Die Krise vorausgesehen wurde bereits vor 100 Jahren. In Zürich, Spiegelgasse 14, las 1916 ein junger Forscher 148 Bücher und 232 Beiträge aus 49 Periodika und widmete sich kritisch dem Finanzkapital und der sich verselbständigenden Finanzoligarchie.

Ich krame den verblichenen roten Band aus meiner Studentenbibliothek, lese nach 35 Jahre wieder und bin verblüfft. Das fast einhundert Jahre alte Buch mit dem Titel „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ ist erhellend, was aber doch nicht sein kann, es stammt von einem Wise Guy namens Wladimir Iljitsch Uljanow.

Nach dem glücklichen José und den Goodfellas der Wall Street ist dies endlich mal ein Klarname in diesem Kommentar. Wir reden über Lenin. Es mutet schon grotesk an, dass die Kapitalmärkte der kruden Geschichtslogik des Marxismus-Leninismus Recht geben wollen.

Wollte man dem im Wege stehen, würde man das Grundgesetz der Börsen von „Kollektivierung der Verantwortung & Privatisierung der Profite“ durchbrechen müssen. Eine historisch einmalige Chance dazu hatte die Politik, als die Banken um Staatsknete anstanden. Das historische Fenster stand in der Sekunde auf, als die Wall Street nach 700 Milliarden Dollar griff. Vielleicht noch mal, als es um die Nachschläge ging. Jetzt, da die Staatsknete überwiesen ist und die Boni wieder sprießen, ist sie vertan. Warten wir also auf den nächsten Schwarzen Freitag. Der nächste Winter kommt bestimmt.

Quelle: starke-meinungen.de