Logbuch

DICHTERWORT.

Spaziergang mit Robert Walser, eigentlich eine Wanderung. Stattliche Strecke von St. Gallen nach Trogen. Lunch. Zurück nach St. Gallen. Walser ist gerüstet für die Exkursion.

Die schlimmste Farbe? Beige. Auch Creme genannt. Entsteht durch das Mischen von Braun, Gelb und Weiß. Nichts trister als die MUFIS, jene alten weißen Leute in Multifunktionskleidung im Farbton „beige“, ein Habit, mit der sich der deutsche Wandersmann und -frau zwecks Freizeit kleiden. Zwölf Taschen oder mehr, aber kein Stil. Praktisch und regensicher. Unerträglich insbesondere das Kleidungsstück namens Anorak. Neuerdings auch als wattierte Plastikwurstpelle. Und dann schwadronieren sie in Gottes Natur. Man sollte ihnen den Wald verbieten.

Walser trägt einen schwarzen Dreiteiler mit weißem Oberhemd und Krawatte. Schwer Wollstoff, aber eng geschnitten. Die Weste sitzt geradezu stramm. Die Hosen selbstverständlich mit Umschlag. Dazu einen grauen Filzhut mit schwarzer Binde. Sehr gut geschnittene Lederschuhe mit Kappe und penibler Schnürung.

Bis in jede Kleinigkeit ein Herr in vornehm schlichtem Sonntagsstaat, sportliche Erscheinung, aber frei vom jeder Anspielung auf etwas Lässiges. Kein Stock. Natürlich kein Rucksack. Sollte es regnen, so sind Filz des Hutes und Wolle des Anzugs Schutz, sonst nichts. Die Schuhe im übrigen geputzt. Gewienert würde man sagen, wenn es das Wort im Schweizer Deutsch gäbe.

Beim Essen redet er, nachdem wir die lange Strecke in ausgiebigem Schweigen bewältigt haben. Er nennt meine Glossen im Logbuch „Prosastückli“. Diese wunderbare Art der Schweizer, die Dinge in der Verkleinerungsform zu benennen, rührt mich hier besonders an. Auf dem Rückweg schweige ich, um meinen Dank zu zeigen, mit noch größerer Inbrunst.

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DIE SILICON ELITE.

Das digitale Zeitalter blickt auf Gründungsväter zurück, die so altväterlich gar nicht erscheinen. Das ist gewollt. Sie möchten nämlich auf immer als kreative Jugendliche gelten.

Was braucht es? Wenn man den Gerüchten glauben kann. Zunächst ein abgebrochenes Studium in Florida. Auf keinen Fall ein Examen. Man ist als Genie aus der Pubertät entlassen, scheut jedweden Abschluss und schraubt schon seit Kindertagen mit einem Kumpel in der elterlichen Garage an etwas, das einmal sensationell sein wird.

Man kommt, typisch für das Einwanderungsland Amerika, aus aller Herren Länder und ergreift mit ein, zwei Campusfreunden eine schräge Start-up-chance, die man sehr bald wieder verscheuert. So kommt das erste Geld zusammen. Man lungert dann am Kapitalmarkt rum und gebiert exotische Trends.

Keine Scheu vor dem Einsatz des eigenen Knowhows bei Geheimdiensten und in der Rüstungsindustrie. Überhaupt ist die militärische Eignung der Hobbys immer mitgedacht, wenn man das All, andere Gestirne oder auch nur ferne Reiche zu erobern gedenkt. Dabei locker bleiben: Turnschuhe, nicht Stiefel.

Politisch kann man zugleich sogenannte libertäre Vorstellungen haben, also den tiefen Staat verachten und rigoroses Unternehmertum predigen. Manchem ist auch die Neue Rechte kein Graus. Mit der Gewaltenteilung nach europäischen Muster oder dem Kartellrecht muss man es nicht übertreiben.

Man hat Billionen. Die amerikanische Mathematik nimmt es da nicht so genau, das können Milliarden sein oder auch nur Millionen. Der aktuelle Börsenwert gilt als verfügbares Vermögen. Pseudo-Währungen gelten als wirkliches Geld. Man spekuliert.

Der Mythos ist zu pflegen. Millionen schlichter Gemüter folgen ihrem Führer im Netz. Abgedrehtes gilt als Kult. Alle sind kerngesund und werden als juvenile Narzissten ewig leben.

Warum nur hinterlassen diese modernen Heldensagen einen so schalen Nachgeschmack?

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FREUND & FEIND.

Die einzige Art, einer Versuchung zu widerstehen, hat der englische Gentleman Oscar Wild, der wohl Ire war, gesagt, ist ihr zu erliegen. Das gilt insbesondere für Komplimente.

Wenn man Freunde hat, ist man ohnehin beschenkt. Wenn die dann noch ihr Herz auf der Zunge tragen, darf man doppelt froh sein. Jedes Kompliment annehmen. Man weiß ja nie, ob noch eines kommt. Und darauf achten, dass Beschenkte freigiebig sein sollten. Komplimente machen!

Wenn man sich in den Stürmen des Lebens Feinde erworben hat, greift eine ernstere Unterscheidung. Es gibt jene Gegner, auf deren Abneigung man stolz sein kann. Von einem Arsch für einen Arsch gehalten zu werden, das lässt sich ertragen. Stolz sollte man darauf zwar auch nicht sein (das wäre der Ehre zu viel), aber man kann es ertragen.

Von einem Zeitgenossen verachtet zu werden, dem man Unrecht getan hat, das fühlt sich nicht so gut an. Da sollte man seinem eigenen Talent, sich selbst mit Lebenslügen zu trösten, lieber nicht nachgeben. Um Nachsicht bitten. Reue zeigen. Das gilt auch für sogenannte Kollateralschäden.

Kollateral ist ein Opfer, das nicht hätte sein müssen; aber das eben doch etwas abgekriegt hat, in den Kleinkriegen, die das Geschäftsleben und die Politik so ausmachen. Die versehentlichen Opfer gehören in ein Ehrengrab. Damit ist dann aber auch gut. Zu Sentimentalitäten besteht nämlich nie Anlass.

Ich erinnere gern jenen Vers aus Brechts Dreigroschenoper, der da lautet: „All meinen Feinden will ich verzeihen. Doch vorher schlage man ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ Echt jetzt? Nein, ist schwarzer Humor. Englischer eben. Siehe oben.

Was bleibt? Die Bitte um Nachsicht.

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Osterbotschaft von den Börsen: Nach der Krise ist vor der Krise

Auferstehung allerorten. Das von unserem Staatsoberhaupt an den Kapitalmärkten ausgemachte Monster hat seinen Schwarzen Freitag hinter sich gebracht. Kaum sind vom Eise befreit Strom und Bäche, sprießen sie wieder, die Boni.

Im Frühling der Banker lassen sich die Geldhäuser nicht lumpen. Der Chef des Schweizer Bankhauses Credit Suisse darf ein Jahreseinkommen von 89 Millionen Schweizerfranken sein eigen nennen. Die weltgrößte Investment Bank Goldman Sachs schüttet ein Topf von 16 Milliarden Dollar aus, gemildert durch eine Ablasszahlung von 500 Millionen Dollar an karitative Zwecke. Fassungslose Wut bemächtigt sich der politischen Klasse.

US-Präsident Obama bekräftigt, „tough on bonuses“ zu bleiben. In Großbritannien erklärt Lord Mandelson den Chef des Investment Bankings bei Barclays zur Unperson („unacceptable face“), weil dieser ein Salär von 63 Millionen Pfund Sterling nach Hause bringt. Im braven Vaterland bleibt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank unter 10 Millionen Euro, ein Zeichen der Bescheidenheit, wohlverdient, weil die Deutsche nicht den Haushalt plünderte, um sich aus der Krise zu winden.

Wenn also die Belohnungen für Wucherer in der Londoner City, in Zürich und an der Wall Street wieder sprießen, muss die internationale Finanzkrise überwunden sein. Zeit, darüber nachzudenken, wie sie begann. Und warum. Am Anfang stand ein Landwirtschaftshelfer aus Mexico, der aus dem Pflücken von Erdbeeren ein Jahreseinkommen von 14.000 Dollar erzielte.

Obwohl er kein Wort Englisch sprach und das Erdbeerenpflücken niemanden ein ganzes Jahr ernähren kann, ereilte unseren Freund, nennen wir ihn José Feliciano, das schwäbische Gelüst, ein Häusle zu bauen. Der Immobilienerwerb wurde durch einen Kredit ermöglicht, in Höhe von 750.000 Dollar. Selbst wenn der Kredit zinslos vergeben worden wäre, wäre die Hypothek nicht in 100 Jahren zu tilgen gewesen. Strawberry-Jo scheiterte schon an der nächsten Rate.

Wenn man wissen will, wie so was geht, interessiere man sich für das Berliner Luxushotel Adlon, dessen Inneneinrichtung und die Rendite der entsprechenden Fonds. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zurück zum amerikanischen Wolkenkratzer, in dessen Erdgeschoss der Kreditvertrag von José Feliciano schlummerte. Oben gab es für die Zeichner des Turm-Fonds geringe Risiken und dementsprechend magere Zinsen. Unten winkten Anlegern dicke Rendite (mit entsprechenden Risiken, versteht sich).

Und was haben die deutschen Landesbanken gekauft? Na klar, das Souterrain von Strawberry-Joe. Da war ja mehr zu holen. Eine eigenartige Logik für Banken in öffentlicher Hand. Das eben kennzeichnet die Ablösung der Finanzwirtschaft von dem realen Wirtschaften, wie es der Stahlbaron oder Schuster kennt.

Der Kapitalmarkt ist ein Casino, in dem völlig ruchlos auf alles und jedes gewettet wird, und zwar so lange, bis die Kartenhäuser zusammenfallen. Dann verdient niemand mehr außer jenen, die gewettet haben, dass die Kartenhäuser zusammenfallen. Da gibt es dann noch mal richtig Geld. Aber auch die „credit-default swaps“ sind, wie Michael Lewis („The Big Short“) jüngst brillant beschreibt, eine andere Geschichte. Denn nicht José Feliciano, der arme Tropf mit der unbezahlbaren Hypothek, stand am Anfang der Krise, sondern ein Investmentbanker bei einem privaten Bankhaus, das wir hier mal King David Bros. nennen wollen.

Dieser John Goodfella gestaltete die achtziger Jahre an der Wall Street, wurde ihr König genannt, weil er eine wirkliche Trendwende einleitete. Goodfella behagte nicht, dass er ständig mit eigenem Geld und zu eigenem Risiko unterwegs war. King David Bros. war eine Partnerschaft von persönlich haftenden Bankern. Der Ausbruch aus dieser Verantwortung hieß „going public“. Mit diesem Schlachtruf wurden die Investmenthäuser in Aktiengesellschaften gewandelt.

Die Verantwortung für undurchschaubarste Geschäfte wechselte zu den neuen Eignern, den Investoren. Investoren aber sind, alter Börsenspruch, in mehrfacher Hinsicht Idioten; sachlicher formuliert, Junkies, die auf den nächsten Druck warten. Solange diese Koksnasen mit strammen Dividenden und steigenden Kursen bedient wurden, wuchsen die Bäume in den Himmel. Schneeballsysteme wie die des betrügerischen Bernie Welloff waren nur die Spitze des Eisbergs.

Der Wandel vom Inhaber zum Vorstandsvorsitzenden einer AG war ein Wandel in ein undurchschaubareres System, der Eintritt in ein großes Casino, ein Spiel mit dem Geld anderer Leute. Dass Aufsichtsräte und Bankenaufsicht versagten, mag korrigierbar sein, vielleicht gehört es aber auch zum System. Bernie Welloff hat sein Spiel auf beiden Feldern gespielt. Niemand ist für nichts mehr zur Verantwortung zu ziehen und niemand zieht zur Verantwortung, solange die eigene Kasse stimmt.

Das System steuert sich intern über Incentives in exorbitanter Höhe, den Boni, die jene erhalten, die die Geschwindigkeit der sich drehenden Spirale immer noch mehr zu erhöhen wissen. Und die höchste Form der Kollektivierung ist erreicht, wenn der Schaden für den Kollaps des ganzen Systems dem Steuerzahler in Rechnung gestellt wird. Staatshaftung.

Unvorstellbare Mengen an Mitteln haben die Regierungen in das Bankenloch geworfen, Schulden unserer Kinder und Kindeskinder. Das Ganze ist freilich nicht unvorhersehbar geschehen. Die Krise vorausgesehen wurde bereits vor 100 Jahren. In Zürich, Spiegelgasse 14, las 1916 ein junger Forscher 148 Bücher und 232 Beiträge aus 49 Periodika und widmete sich kritisch dem Finanzkapital und der sich verselbständigenden Finanzoligarchie.

Ich krame den verblichenen roten Band aus meiner Studentenbibliothek, lese nach 35 Jahre wieder und bin verblüfft. Das fast einhundert Jahre alte Buch mit dem Titel „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ ist erhellend, was aber doch nicht sein kann, es stammt von einem Wise Guy namens Wladimir Iljitsch Uljanow.

Nach dem glücklichen José und den Goodfellas der Wall Street ist dies endlich mal ein Klarname in diesem Kommentar. Wir reden über Lenin. Es mutet schon grotesk an, dass die Kapitalmärkte der kruden Geschichtslogik des Marxismus-Leninismus Recht geben wollen.

Wollte man dem im Wege stehen, würde man das Grundgesetz der Börsen von „Kollektivierung der Verantwortung & Privatisierung der Profite“ durchbrechen müssen. Eine historisch einmalige Chance dazu hatte die Politik, als die Banken um Staatsknete anstanden. Das historische Fenster stand in der Sekunde auf, als die Wall Street nach 700 Milliarden Dollar griff. Vielleicht noch mal, als es um die Nachschläge ging. Jetzt, da die Staatsknete überwiesen ist und die Boni wieder sprießen, ist sie vertan. Warten wir also auf den nächsten Schwarzen Freitag. Der nächste Winter kommt bestimmt.

Quelle: starke-meinungen.de