Logbuch

DER GAS-KANZLER.

„Ein guter Mann“, hat Brecht gesagt, „kann ruhig zwei oder drei Meinungen haben.“ Das finde ich richtig. Mich langweiligen die einsinnigen Menschen, die ein einzelner Vorsatz beseelt. Das Haltungsgesindel. Ein vulgäres Derivat des Protestantismus. Unter den Journalisten habe ich da einen einzelnen Eiferer im Auge, der sich an Gerhard Schröder abarbeitet.

Von Gerd Schröder selbst habe ich immer etwas gehalten; zudem hat er mir mal den Arsch gerettet, als er das nicht musste und es ihn zudem hätte etwas kosten können. Das vergisst man nicht. Er soll gestern der Berliner Zeitung ein großes Interview gegeben haben. Man sagt mir, Lektüre lohne. Da ich grundsätzlich keine Bezahlschranken belohne, warte ich bis morgen, wenn der Clipping-Service es kommod bringt.

Der Haltungsjournalist zetert schon auf Twitter / X, dass es antiamerikanisches Gedankengut von ihm, dem GAS-KANZLER, zu hören gebe. Das wäre ein Tabubruch gegenüber dem HEGEMON, wie ihn früher vor allem Linke wagten. Etwa: Die Energieversorgung Europas aus russischen Quellen war dem amerikanischen Oligopol ein Dorn im Auge, weil es eine europäische Balance erzeugte, die sich der hegemonialen Abhängigkeit entgegenstellte. So als sei die NATO ein Debattierclub, in dem man auch schon mal von einem kriegerischen Vorhaben nicht überzeugt sein könne. HEGEMONIE, deshalb wurden die bereits verlegten Gasleitungen zu Quellen außerhalb des Blocks von Irgendwem gesprengt…

So was soll Schröder in der Berliner andeuten. Nun ist das Blatt von angegriffenem Ruf und auch der Mann. Aber unter PR-Leuten wirft man sich keine Mandate vor, schon gar nicht lukrative.

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DEM RALF IHM SEIN GEBURTSTAG.

Gestern war der Tag des Pronomens. Das hat fachliche Bezüge, die ein Hauch von Langeweile umgibt, und ideologische, bei denen mir der Draht aus der Mütze fliegt. Ich weigere mich nämlich, überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen, was die Schwätzerinnen unter „genderneutraler und klimagerechter Sprache“ verstehen.

Ich kann das begründen. Man kann über PRONOMINA überhaupt nur reden, wenn man Roland Harwegs Habil zu „Pronomina und Textkonstitution“ gelesen hat. Das 1968 erschienene Werk ist die Grundlegung der Textlinguistik überhaupt. Harweg war in Bochum Ordinarius und einer meiner drei Prüfer im Rigorosum. Ich habe mich seiner Gunst erfreut. Möge ihm die Erde nicht zu schwer werden. Ihm seine Erde.

Heute werden Pronomina in Briefköpfen genutzt, um Nomina umzudeuten, meist im Sinne von Ersatzreligionen der symbolisch überhöhten Devianz; etwa weil man möchte, dass Egon ein Frauenname ist oder die Erdgeschichte eine thermische Revision erfährt. Ich könnte beides, die Genderfrage wie die Erdgeschichte an den beiden Ginkgo Bilobas erklären, in deren Schatten ich gelegentlich sonnige Nachmittage verbringe. Ich habe sie gepflanzt und lasse ihnen Hege wie Pflege angedeihen. Aber man braucht Geduld, die Geschlechtsreife tritt erst nach 25 Jahren ein. Erst dann weiß man ihr sein Geschlecht.

Verlassen wir die Welt der FÜRWÖRTER, so heißt das Pronomen, das der Lateiner Provokabulum nennt, auf deutsch, und wenden uns der NEUEN BOURGEOISIE zu. In meiner Nachbarschaft im Westerwald hat ein ortsansässiger Milliardär ein Wohltätigkeitsessen gegeben, bei dem eine Millionenspende für arme Kinder zusammengekommen ist. Die Witwe von Guido Westerwelle rühmt sich, das organisiert zu haben, ein Herr mit dem Kosenamen Micky. Von einem geschwätzigen Hotelier erfahre ich, wer alles da war, beim Ralf zu Fisch und Filet.

Mir liegt nichts an Indiskretion, obwohl ich schon gerne wüsste, ob meine Kneipenbekanntschaft GRÖNEMEYER bei Ralf Dommermuth nur gespeist oder auch gesungen hat. Zum Beispiel von der Currywurst. Tjo, während der an einer Weltkarriere bastelte, der Herbert, habe ich in der Bibliothek gesessen und Roland Harwegs endlose Ableitungen von den Pronomina gelesen. Und der Ralf hat mit Immos und PCs gedealt.

Apropos Bochum: wie heißt das männliche besitzanzeigende Fürwort im Revier? Das maskuline Possessivpronomen heißt „ihm sein“.

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DAS BLÜMCHEN.

Wir kennen es eigentlich nur noch vom Hochzeiter. Der Bräutigam trägt am Revers ein Blumensträußchen. Oder von den Trachten, die Highlander und Oberbayern tragen; dort allerdings eher um Prächtiges im Lendenbereich bemüht. Bergvölker. Blumenschmuck also auch in der Herrenbekleidung.

Man darf nicht unterschlagen, dass der englische Dandy eine Nelke im Knopfloch hatte oder gar die rote Rose und das ganze Thema ein wenig nach Demi Monde klingt. Neues aus der Halbwelt des Allzumodischen also. Aber es gibt Ausnahmen.

Wenn in England oder Kanada ein POPPY getragen wird (die Jahreszeit naht), dann soll die rote Blüte des Klatschmohns an die Schlachtfelder Flanderns im 1. Weltkrieg erinnern. Und die blutrot getränkte Erde zwischen den Schützengräben. Das passt auch insofern, als der Mohn schon in der Antike symbolisch für Schlaf und Tod stand. Man muss um das Opium schon früh gewusst haben.

Heute erinnert der englische Gentleman mit dem roten POPPY am Revers an die Opfer, die seine Nation in den Schützengräben Flanderns erbracht hat. Jeder Ehre wert, da kein Angriffskrieg. Bei wem die alleinige Kriegsschuld liegt, ist hier, wie in anderen Fällen, historisch komplex.

Jedenfalls trage ich als Deutscher eine stilisierte rote Blume am Revers, auch in London oder Quebec, nicht nur im November. Historische Komplexität meint übrigens nicht, dass Schuld zu relativieren sei. Im Gegenteil. Das zu sagen ist, angesichts des monströsen Geschwätzes zum Nahen Osten, wichtig.

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Bei Westerwelle ist Politik kein schmutziges Geschäft, nur ein schmuddeliges

Montagmorgen, Flug nach Berlin, Business Class. Hier sitzen die, die es sich leisten können, und die Begünstigten, vulgo Schmarotzer. „Was möchten Sie lesen?“, fragt die freundliche Stewardess. Die kostenlos transportierten Bundestagsabgeordneten greifen nach den kostenlos angebotenen Magazinen.

Sie entfliehen Wahlkreis und Ehefrau und nähern sich der Metropole, ihrer Karriere und der Freundin (nicht immer, aber immer öfter). Mit seltsamer Ungeduld durchblättern sie SPIEGEL und FOCUS. Geschäftsleute in der Business Class erkennt man daran, dass sie die Tagespresse im Wirtschaftsteil beginnen oder beim Sport, Politiker am gierigen Griff nach den Magazinen. Die politische Klasse interessiert, welches Schwein in der nächsten Woche durch’s Dorf getrieben werden soll. Die Ansage lautet heute: „ Es geht um die Glaubwürdigkeit der politischen Klasse!“ Der Blick wird gelenkt auf Amts- und Lebensführung des neuen Außenministers der Bundesrepublik Deutschland und Vizekanzlers im Kabinett Merkel, Dr. Guido Westerwelle, Vorsitzender der FDP. Es geht um einen Mann, der der Klientel in der Business Class eigentlich nahestehen sollte. Die aber rümpft seit Tagen die Nase.

Der Bundesverband der deutschen Industrie bescheinigt ihm einen „Mangel an Ernsthaftigkeit“, der Außenhandelsverband spricht von „Kindereien“ und die Familienunternehmer vermissen die Vermittlung von „Verlässlichkeit.“ Man reibt sich die Augen, der Mann kommt doch nicht von der postkommunistischen Linken oder ist ein kapitalismusfeindlicher Sozi, sondern das Wunschkind der Wirtschaftselite gewesen.

Schwarz-gelb sollte die Wende ins Bürgerliche, ins Anständige, ins staatsbürgerlich Untadelige bringen. Genscher wollten seine Wähler, Graf Lambsdorff, stattdessen möllemannt und haidert es all überall, darf man den Blättern trauen. Plötzlich weht ein berlusconischer Ludergeruch durch das preußische Berlin.

Wieder wird uns nahegebracht, dass Politik hier vielleicht kein schmutziges Geschäft sei, aber ganz sicher ein schmuddeliges. Das schadet der Demokratie, schon das Gerücht reicht. Grund genug also, nach den Monita der Presse an der politischen Klasse, namentlich des Vizekanzlers, zu fragen. Das neue Skandalon aus „Guidos Welt“ betrifft angebliche Vermischungen von persönlichen Neigungen, privaten Geschäften und den Interessen des hohen Amtes.

Weitere Gestalten aus dem gesellschaftlichen Halbschatten treten auf: Der autodidaktische Telekommunikationsunternehmer Ralph Dommermuth aus Montabaur (1&1) nimmt an Reisen des Außenministeriums teil. Mit den gigantischen Werbemaßnahmen von Dommermuths Firma United Internet ist auch Micky Mronz betraut, der vorgenannte Lebenspartner von Westerwelle. Man trifft sich gegenseitig auf privaten Feten. Sonstige Geschäftspartner des benannten Micky finden sich ebenfalls im Regierungsflieger als Staatsgäste.

Bei Empfängen im Gästehaus des Außenministeriums soll sich zur Abendgesellschaft auch Rene Obermann, Vorstandsvorsitzender der Telekom, beehrt haben, ein zweiter Grande aus der Telekommunikationsbranche, dem aus staatspolitischem Interesse und auf Kosten unserer Steuergelder Thomas Gottschalk an die Seite gestellt wurde. Zählt da jemand, schlecht getarnt, in der Telekommunikation 1 und 1 zusammen? Weitere Namen in der Schar der Begleiter und Bewirteten: Dr. jur. (Hagen) Christoph Walther von der berühmten Unternehmensberatung CNC und die Willy-Brandt-Confidentin und Waffenlobbyistin Mathiopoulos, geschiedene Frau Pflüger, Friedbert. Kurzum: eine Melange aus FDP-Freunden, Geschaftlhubern, Akquiseopfern und Parteispendern. Und im Berliner Milieu blüht die Micky-Melange zu noch seltsameren Blüten.

Ein Kneipier eines Speak-Easy (Raucherkneipe) in der Charlottenburg weiß zu berichten, wann immer das kleine Auto mit dem Kennzeichen BN-MI (Bonn und Micky) vor der Tür der Privatwohnung des Außenministers stehe, dann sei Micky nächtens da. Am Tresen im Speak-Easy glaubt man, dass das Paar sich seines Beisammenseins immer schon rühmen wollte. Kokettes Spurenlegen für die Yellow Press. Man fragt sich ansonsten, warum der Mann sein Auto nicht ummeldet.

Das ist endgültig jene Nachrichtenlage, an der die neuerdings investigative Journalistin Patricia Riekel von der BUNTEN Interesse habe sollte. Privates als Politik, Politik als Privates, Privates und Politik als Geschäft: ein widerwärtige Mischung. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass Frau Genscher auf Auslandsflügen an Bord noch nebenbei Tupper Ware zu verkaufen suchte oder die Gräfin Lambsdorff Telefonverträge mit 1&1.

Als Staatsbürger schlägt man sich vor die Stirn: Wo sind wir eigentlich? Wir sind in dem Land, in dem ein Gespräch mit MP Rüttgers 6000 Euro kostet und mit MP Tillich 8000 Euro. Wir sind in einem Land, in dem es eine Mövenpick-Partei gibt und Steuergeschenke für Hoteliers sowie den Vizekanzler als Einweihungsgehilfen.

Wenn dieses Polit-Marketing erst nach einem Aufschrei der Presse peinlich ist, lässt der ganze Hautgout nur eine Schlussfolgerung zu: Unsere politische Klasse kokettiert mit ihrer Käuflichkeit. Es ist zum Kotzen. Ordnungspolitik ist nur durch Ordnungspolitik zu ersetzen. Ein Amt ist ein Amt. Ein Parteivorsitz ist ein Parteivorsitz. Erwerbstätigkeit ist Erwerbstätigkeit. Und eine schwule Lebensgemeinschaft ist eine ausschließlich private Angelegenheit.

Quelle: starke-meinungen.de