Logbuch
NONCHALANCE.
Ein Gentleman trägt teure Schuhe, Pferdeleder, aber ungeputzt. Seine Krawatte,beste Seide, hat einen Fleck. Am Kaschmir-Sacco baumelt ein einzelner Knopf am seidenen Faden. Er nuschelt, wo er rezitieren sollte. Die Pointe der Anekdote vermasselt er, verlegen lächelnd. Nicht alles zugleich, aber bestimmt eins davon. Nur Aufsteiger sind makellos.
Ich sehe einem Nachwuchspolitiker zu, der alles richtig machen will und fast alles richtig macht. By the book, nach Lehrbuch. Nicht dumm, gut aussehend, dezent gekleidet, höflich, umsichtig. Alle rhetorischen Fallen vermeidend. Ein Smarter. Und doch fällt ein böses Wort: Ein Westentaschen-Kennedy. Warum kommt er nicht an?
Eigentlich perfekt. Und dann fehlt doch was. Zu glatt, der Mann, zu bemüht. Man bemerke das Streberhafte, höre ich. Frauen himmeln ihn nicht an, sie fremdeln. Es ist die Logik des Schönheitsflecks. „Ihre Schönheit war so perfekt“, heißt es bei den Antiken über eine Göttin mit einem Leberfleck auf der Wange, „dass sie nur um den Preis eines kleinen Fehlers überhaupt zu ertragen war.“ Perfektion tötet.
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JAKOBINER.
Unterschiedliche Soziale Medien bilden unterschiedliche Arten heraus, wie man sich dort unterhält und warum. Besonders jakobinisch ist dabei TWITTER. Hier treffen sich Meinungsjournalisten, randständige Politiker und ihre Anhänger zur gegenseitigen Hass-Bezeugung. Man belauert sich geradezu, um Gelegenheit zu finden sich zu beleidigen. Ein finsteres Klima; vagabundierende Streitlust. Rechthaberei. Es lächelt niemand, allenfalls wird gegrinst. Das Grundgefühl ist SCHADENFREUDE.
In der Französischen Revolution, mit der Ende des 18. Jahrhunderts die absolute Herrschaft des Adels beendet wurde und bürgerliche Freiheit begann, nannten sich die Freunde der Republik JAKOBINER. Erkennungszeichen der Anhänger des radikalen Robespierre war eine rote Mütze. Sie gilt seitdem als Zeichen der Freiheit, aber auch der Gesinnungsdiktatur, wenn nicht des linksradikalen Terrors. „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein!“ Respektive lasse das Fallbeil, die Guillotine, sprechen. Es wurde viel geköpft im Namen der Revolution.
Lustig ist, was in Deutschland aus der Jakobiner Mütze wurde. Wo sehen wir die rote, nach vorne fallende Mütze? Als Kopfbedeckung vom Nikolaus und der Gartenzwerge. Das Zeichen der Freiheit als Zipfel- oder Schlafmütze. Mein Vaterland ist nicht mal zu einem regelrechten Terror in der Lage. Na ja, außer auf TWITTER. Da wird das verbal nachgeholt.
Aufschlussreich ist, wo die Jakobiner Mütze historisch und kulturell herkam. Sie war als Phrygische Mütze schon im Altertum bekannt. Man gerbte dazu Tierleder in weicher Form und zog es sich als Zipfel über den Schädel. Und zwar den Hodensack des Stiers. Yep. Damit sollten dessen Eigenschaften auf den Mützenträger übergehen.
Lese ich von den Eiferern auf TWITTER, kann ich nicht vergessen, woher ihre JAKOBINER-MÜTZE eigentlich stammt. Mein Herz lacht. Ein Zwerg mit Stierhoden auf den Ohren. Das hat er schlau erdacht, der Zwerg, mich fürchtet nun vor seiner Kraft…
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HISTORIA DOCET.
Die Geschichte lehrt, heißt es. Der Lateiner sagt: „historia docet“. Aber was? Ich weiß es nicht. Man sollte vielleicht keine Sottisen erwarten; das ist das Hobby der Ideologiesüchtigen, die die Geschichte nur plündern, weil sie Beispiele für ihre irren Theorien brauchen. Geschichte versteckt sich; man sieht sie ohnehin nicht, jedenfalls nicht durch Tourismus. Touristen entdecken im Exotischen nur das Immergleiche.
Das Leben kehrt zurück in die Große Stadt. Lunch im „Salz & Tabak“ in der Kochstraße, die aus politischer Opportunität zur Hälfte Rudi-Dutsche-Straße heißt. Idol meiner Schülerjahre. Dann Attentatsopfer. Der Italiener sitzt unten im alten Gebäude der TAZ, dem linken Zeitungsprojekt, das online überlebt hat. Die Kochstraße war in der Weimarer Republik die Zeitungsstrasse, an deren Ende später, im Kalten Krieg, Axel Springer sein Hochhaus ostentativ an die „Mauer“ setzte. Strammer Antikommunismus.
Hier wurde ich Zeuge der Maueröffnung. Vom Presseclub Springers, ganz oben in dem Hochhaus, getäfelt mit dem Holz der Londoner Times, konnte man auf die Mauer runterblicken. Martini in der Hand. Es wurde das GOLDENE LENKRAD verliehen. Es sah von hier oben aus, als habe jemand einen Sack Reis aufgeschnitten. Neben mir Walter Momper, der damals Regierende Bürgermeister, der es zunächst gar nicht glauben wollte. Andere feierten, ich ging zu Bett. Am nächsten Morgen die Stadt voller Trabis. Einen historischen Tag verpennt.
Aus den Reihen der Alt-68er („Enteignet Springer“) ist jetzt einer Herausgeber der WELT. Kompletter Seitenwechsel, horizontal und vertikal. Das hängt ja oft zusammen, erst der Aufstieg, dann der Umstieg. Oder umgekehrt. Na ja, in seiner Autobiographie sucht Stefan Aust eher den Eindruck zu erwecken, als sei er immer schon eine liberale Seele gewesen. Gegenüber vom „Salz & Tabak“ der Fresstempel eines unsäglichen TV-Kochs; wird hier nicht empfohlen. Hinter dem Checkpoint Charlie (Friedrich Ecke Koch) eine Lebensversicherung, die hier vor hundert Jahren Kommunisten der KPD gründeten, um sich eine Feuerbestattung leisten zu können; man wollte nicht wie die Christen in Holzkisten auf das Jüngste Gericht warten. Solidarität für die letzte Würde.
Wie gesagt, die Touristen kommen wieder und laufen wie ehedem ahnungslos durch die Stadt. Oder fahren auf diesen unsäglichen Elektrorollern, eine gefährliche Kinderei. Sie glotzen und sehen nichts. Was ein Taxi zum Görli koste, fragen zwei australische Rucksackreisende den türkischen Droschkenkutscher am Halteplatz, der die Augen verdreht. Im Görlitzer Park lässt der Senat offenen Drogenhandel zu. Was sollen die abgelehnten und geduldeten Asylbewerber auch sonst tun, soll die Bürgermeisterin gesagt haben, eine Grüne. Permissivität gilt hier viel: „legal, illegal, scheissegal“.
Einen schweren Weißen aus Sizilien getrunken, jenem okkulten Anbaugebiet, aus dem die schwachbrüstigen Franzosen mit den großen Namen über Jahrhunderte heimlich hochgepantscht wurden. Tolle Qualität. In Butter gebratene Seezunge, Fenchel. Passt.
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Bei Westerwelle ist Politik kein schmutziges Geschäft, nur ein schmuddeliges
Montagmorgen, Flug nach Berlin, Business Class. Hier sitzen die, die es sich leisten können, und die Begünstigten, vulgo Schmarotzer. „Was möchten Sie lesen?“, fragt die freundliche Stewardess. Die kostenlos transportierten Bundestagsabgeordneten greifen nach den kostenlos angebotenen Magazinen.
Sie entfliehen Wahlkreis und Ehefrau und nähern sich der Metropole, ihrer Karriere und der Freundin (nicht immer, aber immer öfter). Mit seltsamer Ungeduld durchblättern sie SPIEGEL und FOCUS. Geschäftsleute in der Business Class erkennt man daran, dass sie die Tagespresse im Wirtschaftsteil beginnen oder beim Sport, Politiker am gierigen Griff nach den Magazinen. Die politische Klasse interessiert, welches Schwein in der nächsten Woche durch’s Dorf getrieben werden soll. Die Ansage lautet heute: „ Es geht um die Glaubwürdigkeit der politischen Klasse!“ Der Blick wird gelenkt auf Amts- und Lebensführung des neuen Außenministers der Bundesrepublik Deutschland und Vizekanzlers im Kabinett Merkel, Dr. Guido Westerwelle, Vorsitzender der FDP. Es geht um einen Mann, der der Klientel in der Business Class eigentlich nahestehen sollte. Die aber rümpft seit Tagen die Nase.
Der Bundesverband der deutschen Industrie bescheinigt ihm einen „Mangel an Ernsthaftigkeit“, der Außenhandelsverband spricht von „Kindereien“ und die Familienunternehmer vermissen die Vermittlung von „Verlässlichkeit.“ Man reibt sich die Augen, der Mann kommt doch nicht von der postkommunistischen Linken oder ist ein kapitalismusfeindlicher Sozi, sondern das Wunschkind der Wirtschaftselite gewesen.
Schwarz-gelb sollte die Wende ins Bürgerliche, ins Anständige, ins staatsbürgerlich Untadelige bringen. Genscher wollten seine Wähler, Graf Lambsdorff, stattdessen möllemannt und haidert es all überall, darf man den Blättern trauen. Plötzlich weht ein berlusconischer Ludergeruch durch das preußische Berlin.
Wieder wird uns nahegebracht, dass Politik hier vielleicht kein schmutziges Geschäft sei, aber ganz sicher ein schmuddeliges. Das schadet der Demokratie, schon das Gerücht reicht. Grund genug also, nach den Monita der Presse an der politischen Klasse, namentlich des Vizekanzlers, zu fragen. Das neue Skandalon aus „Guidos Welt“ betrifft angebliche Vermischungen von persönlichen Neigungen, privaten Geschäften und den Interessen des hohen Amtes.
Weitere Gestalten aus dem gesellschaftlichen Halbschatten treten auf: Der autodidaktische Telekommunikationsunternehmer Ralph Dommermuth aus Montabaur (1&1) nimmt an Reisen des Außenministeriums teil. Mit den gigantischen Werbemaßnahmen von Dommermuths Firma United Internet ist auch Micky Mronz betraut, der vorgenannte Lebenspartner von Westerwelle. Man trifft sich gegenseitig auf privaten Feten. Sonstige Geschäftspartner des benannten Micky finden sich ebenfalls im Regierungsflieger als Staatsgäste.
Bei Empfängen im Gästehaus des Außenministeriums soll sich zur Abendgesellschaft auch Rene Obermann, Vorstandsvorsitzender der Telekom, beehrt haben, ein zweiter Grande aus der Telekommunikationsbranche, dem aus staatspolitischem Interesse und auf Kosten unserer Steuergelder Thomas Gottschalk an die Seite gestellt wurde. Zählt da jemand, schlecht getarnt, in der Telekommunikation 1 und 1 zusammen? Weitere Namen in der Schar der Begleiter und Bewirteten: Dr. jur. (Hagen) Christoph Walther von der berühmten Unternehmensberatung CNC und die Willy-Brandt-Confidentin und Waffenlobbyistin Mathiopoulos, geschiedene Frau Pflüger, Friedbert. Kurzum: eine Melange aus FDP-Freunden, Geschaftlhubern, Akquiseopfern und Parteispendern. Und im Berliner Milieu blüht die Micky-Melange zu noch seltsameren Blüten.
Ein Kneipier eines Speak-Easy (Raucherkneipe) in der Charlottenburg weiß zu berichten, wann immer das kleine Auto mit dem Kennzeichen BN-MI (Bonn und Micky) vor der Tür der Privatwohnung des Außenministers stehe, dann sei Micky nächtens da. Am Tresen im Speak-Easy glaubt man, dass das Paar sich seines Beisammenseins immer schon rühmen wollte. Kokettes Spurenlegen für die Yellow Press. Man fragt sich ansonsten, warum der Mann sein Auto nicht ummeldet.
Das ist endgültig jene Nachrichtenlage, an der die neuerdings investigative Journalistin Patricia Riekel von der BUNTEN Interesse habe sollte. Privates als Politik, Politik als Privates, Privates und Politik als Geschäft: ein widerwärtige Mischung. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass Frau Genscher auf Auslandsflügen an Bord noch nebenbei Tupper Ware zu verkaufen suchte oder die Gräfin Lambsdorff Telefonverträge mit 1&1.
Als Staatsbürger schlägt man sich vor die Stirn: Wo sind wir eigentlich? Wir sind in dem Land, in dem ein Gespräch mit MP Rüttgers 6000 Euro kostet und mit MP Tillich 8000 Euro. Wir sind in einem Land, in dem es eine Mövenpick-Partei gibt und Steuergeschenke für Hoteliers sowie den Vizekanzler als Einweihungsgehilfen.
Wenn dieses Polit-Marketing erst nach einem Aufschrei der Presse peinlich ist, lässt der ganze Hautgout nur eine Schlussfolgerung zu: Unsere politische Klasse kokettiert mit ihrer Käuflichkeit. Es ist zum Kotzen. Ordnungspolitik ist nur durch Ordnungspolitik zu ersetzen. Ein Amt ist ein Amt. Ein Parteivorsitz ist ein Parteivorsitz. Erwerbstätigkeit ist Erwerbstätigkeit. Und eine schwule Lebensgemeinschaft ist eine ausschließlich private Angelegenheit.
Quelle: starke-meinungen.de