Logbuch

NÜCHTERN.

In der Geschichte politischer Verfehlungen spielen Drogen eine große Rolle. Wir wissen, was Hitler nahm, Roosevelt nehmen musste, wie Churchill soff und von Vodka-Väterchen Stalin kann man es nur ahnen. Aber nüchtern war von denen wohl keiner.

Ich bin kein Experte amerikanischer Innenpolitik. Die dortige Parteienlandschaft ist mir ein Rätsel. Dabei paart sich meine innere Distanz zu den REPUBLIKANERN mit einem nachhaltigen Störgefühl gegenüber den DEMOKRATEN. Erklär es mir, Hillary Clinton, wie kann man gegen einen Donald Trump verlieren? Ich begreife es nicht.

Und wieder feixen sie („high five!“), die DEMOKRATEN, weil sie gerade Donald Trump eine Anklage servieren konnten, die ihn in New York vor Gericht bringen soll. Für meine Begriffe etwas, das „politisch“ riecht, also stinkt. Tiefer Staat. Man will damit wohl seine Nominierung zur nächsten Präsidentenwahl verhindern. Das verstößt gegen das IMMUNITÄTSGEBOT; verfassungsrechtlich gesprochen. Es wird ihm aber vor allem rechtspopulistischen Rückenwind geben, also DEMAGOGISCH gesehen zur Nominierung verhelfen. Ein böser Aprilscherz.

Es soll darum gehen, dass er, der Ausrichter von Miss-Wahlen, Schweigegeld für einen Pornostar, mit dem er die Ehe gebrochen haben soll, während die Gattin das Wochenbett hütete, steuerlich nicht ordnungsgemäß verbucht hat. Dazu wiederhole ich eine Frage eines englischen Kollegen, der anmerkt, dass Trump keinen Alkohol trinkt. Der geschätzte Gentleman sagt: Moment mal, der hat sich nüchtern in das Bett einer Pornodarstellerin begeben? Und dabei Diät-Cola getrunken? Das dürfte in der Geschichte politischer Verfehlungen wirklich einmalig sein.

Logbuch

PRAHLHANS.

Überlieferung entsteht durch Wiederholung. Sie ist ein Kulturprinzip. Eine heimliche Wirkkraft. Insbesondere über sich selbst, da kann man gar nicht oft genug reden.

Man erfahre oft Dinge, die man schon kenne. Höre ich als Urteil über einen plaudernden Gastgeber. Ja, das kann sein. Der alte weiße Mann lebt von Episoden, deren Vorrat begrenzt ist. Es gibt den Modus „Opa erzählt vom Krieg“ halt auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Das Witze erzählen wollen, es wird für den unfreiwilligen Zuhörer zur Qual, wenn die Überraschung durch eine gute Pointe, die uns herzlich lachen lässt, gänzlich fehlt; gar der schlechte Witz bekannt ist, weil allzu oft gehört. Es lacht dann nur der Erzähler, sein Publikum lächelt pflichtschuldig, aber gequält.

Wie man auf Empfängen jene Gäste meidet, die immer denselben Koi von sich geben. Meist noch mit schlechtem Atem. In ungelüfteter Kleidung minderen Geschmacks. Rasierwasser. Frische Geister mit Esprit sucht man eigentlich und trifft doch nur auf Langweiler mit Krankengeschichte.

Ein gewisser Hang zum Repetitiven, ab und zu sogar Redundantem, das kennzeichne das Werk, lese ich als literarische Wertung zu einem großen Schinken über den dramatisch überschätzen Thomas Mann. Der ist für mich der Prototyp des Prätentiösen, einschließlich seiner Entourage.

Der notorisch gemiedene Gast hat nur eine Chance seiner Eitelkeit ungebrochen zu frönen, er muss selbst Gastgeber werden. Das war früher in den großen Städten den Literarischen Salons vorbehalten. Dank der Sozialen Medien des Internets kann das heute jeder.

Prahlhans wird Prototyp. Weltherrschaft des Prätentiösen. Die Banalität des Bösen zeigt sich in Auto-Ästimation, dem Eigenlob. Unverhohlen hohl.

Logbuch

CHARISMA.

Seine Majestät Charles III ist schätzenswert, vor allem wenn man bedenkt, was der Mann so privat um die Ohren hatte. Aber ein CHARISMA, das leuchtet hier nicht. Nicht mal im Vergleich zu dem profanen Frank-Walter.

Die Kunsthistoriker belegen ein Selbstbildnis des Albrecht Dürer von 1500 mit einem eigenen Begriff, den ich noch nie gehört hatte. Das Eigenporträt sei „christomorph“. Meint: in der Gestalt Christi. Ich halte das für fehlleitend. Denn der Witz liegt im Gegenteil dessen.

Der Nürnberger Künstler malt Jesus Christus und gibt dem Nazarener seinen Gesichtsausdruck, den Dürerschen. Jesus wird düromorph. Wir sehen ein Werk monströser Eitelkeit. Hier wird Gottesähnlichkeit ganz vordergründig auf den Punkt gebracht. Man kann mit großem Recht fragen, ob das nicht blasphemisch ist.

Nun mag es der fränkische Narzisst vielleicht als seine Ergebenheit an den Gottessohn gesehen haben. Es gibt da Zeugnisse seiner christlichen Bestimmung. Aber auch unter der Annahme der Frömmigkeit bleibt ein Rest echter Frechheit. Dürer klaut Charisma.

Mir fällt das Mysterium hinter CHARISMA auf, als ich die TV-Bilder vom Staatsbesuch Charles III sehe. Politisch wichtig und richtig. Schöner Mantel, den er da trägt; geht mir durch den Kopf, wie mein blauer (Wo ist der eigentlich? Habe ich den irgendwo hängen lassen?). Seine Mutter hatte 1965 mehr Charisma, fand ich jedenfalls damals.

Meine Familie hat eine englische Ader und ich hatte damals als 13jähriger Schüler zum Besuch von E II R eine Postkarte an die britische Botschaft in Bonn geschrieben und eine volle Pressemappe mit Hochglanzfotos erhalten. Meine Begeisterung war groß; größer als sie heute ist. Nun muss ich heute auch einer Rede des amtierenden Herrn Bundespräsidenten lauschen, der ein so miserabler Redner ist.

Steinmeier ist uninspiriert. Dürer wollte sich inspiriert zeigen. Charisma ist das Durchscheinen von etwas sehr Großem im Kleinen. Das Anklingen des Allgemeinen im Besonderen.

Logbuch

Maulhelden, keine Märtyrer – warum der Rauswurf der Linken goldrichtig war

Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der bundesdeutschen Demokratie: 50 Abgeordnete des deutschen Bundestages, gewählte Volksvertreter werden vom Präsidenten des Plenarsaales verwiesen; rausgeworfen – wegen ihres Protests gegen den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Darf man in diesem Land nicht mal mehr als Abgeordneter für den Frieden sein? Friedensengel werden rausgeworfen? Ein Skandal?

Die Stimmen derer, die darin einen undemokratischen Auswuchs, gar einen Rückfall in längst vergessene Zeiten sehen, überschlagen sich. In den Kommentarspalten einiger Zeitungen, in den Online-Foren diverser Medienangebote und in den politischen Weblogs, überall tobt der Volkszorn. Es weht ein scharfer Wind gegen Norbert Lammert (CDU), den Parlamentspräsidenten. Man vermutet parteipolitische Interessen hinter seiner Entscheidung, nimmt an, dass hier Menschen, die mutig für ihre Meinung einstehen, hinterrücks mundtot gemacht werden sollen, sieht eine allgemeine Diskriminierung der Linken am Werk.

Es wird wilde Arithmetik betrieben, die 50 Verwiesenen vom Freitag werden den insgesamt nur 23 Ausgeschlossenen der vergangenen 60 Jahre gegenübergestellt, mit Hinblick auf die Parteizugehörigkeit Lammerts wird eine autoritär-antidemokratische Unionslinie von Globke über Oberländer und Filbinger bis hinein in die Neuzeit konstruiert. Und dennoch, nüchtern betrachtet lässt sich die Entscheidung, die der Bundestagspräsident da am vergangenen Freitag getroffen hat, nur als notwendig und richtig charakterisieren.

Ein unabhängiges Parlament, ein Ort, an dem gewählte Volksvertreter unbeeinflusst von kurzfristigen populistischen Affekten repräsentative Entscheidungen für den demokratischen Souverän treffen können ist, gerade auch in Deutschland, ein mühselig errungenes Gut. Es ist Produkt eines Kampfes, der vor über 170 Jahren mit dem Aufbegehren einiger demokratisch gesinnter Menschen gegen die autoritären Obrigkeiten begann.

Eben hierin ergründet sich auch sein Normzweck: Nicht der lauteste Schreihals soll das politische Tagesgeschäft bestimmen, nicht derjenige, der in der Einschüchterung von Parlamentariern die höchste Kunstfertigkeit besitzt, sondern der in freier, gleicher, unmittelbarer, direkter und geheimer Wahl legitimierte Repräsentant.

Diese Grundsätze hat die Linkspartei hier mit Füßen getreten. Ihr Auftreten am vergangenen Freitag hat so gar nichts von einem demokratischen Märtyrer wie Otto Wels, der sich mutig der überbordenden Bedrohung entgegenstellt, der dem Ungeist sein ‚Nein’ entgegenruft, es ist vielmehr der Versuch einer populistischen Instrumentalisierung der eigenen Parlamentspräsenz. Die Bannmeile wird durch diejenigen gebrochen, die durch sie geschützt werden sollen. Die Linke trägt den Druck der Straße hinein in den Plenarsaal.

Man mag zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan stehen, wie man will, man mag gegen ihn demonstrieren, agitieren, anschreien, man mag ihm als Abgeordneter seine Zustimmung versagen (dies haben übrigens, unter strikter Einhaltung der demokratischen Spielregeln, am vergangenen Freitag über 40 Abgeordnete aus allen Fraktionen, einschließlich Union und FDP getan). Allein seiner Ablehnung die Beachtung jedweden demokratischen Anstands zu opfern, verbietet sich.

Der Missbrauch des Parlaments als Agitationsbühne hat unter Populisten Tradition. Aus Italien sind einem die Ausfälle der Lega Nord gegenwärtig, aus dem Europaparlament die der United Kingdom Independence Party. Selbst der Bundestag blieb nicht gänzlich verschont, hier echauffierte sich Ronald Schill über Einwanderer bis man ihm das Mikrofon abstellte. Jetzt also die Linkspartei, die sich auf dem Rücken der Opfer eines Bombenangriffs profiliert.

Weit entfernt davon, ein eigenes tragfähiges Konzept zur Beendigung des deutschen Auslandseinsatzes vorgelegt zu haben, geht man mit den Namen getöteter Zivilisten hausieren – die Körper sind kaum begraben, da beginnt die politische Leichenfledderei. In einem Abgrund an Pietätlosigkeit werden Opfer (wessen Opfer eigentlich, die der NATO, die bombardieren ließ oder viel mehr die der Taliban, die sich und ihre Waffen hinter Frauen und Kindern verstecken?) zu Zeugen der eigenen verqueren Haltung gemacht. Da verkommen elend gestorbene Menschen zur Staffage in einem Schaustück von Maulheldentum, Populismus und Heuchelei.

Die Würde des Bundestages, die Bedeutung funktionsfähiger demokratischer Organe gebietet es, dass dem konsequent Einhalt geboten wird, auch um den Preis des Ausschlusses einer stattlichen Anzahl von Abgeordneten. Die Anzahl der Sünder macht den Sündenfall nicht legitimer.

Quelle: starke-meinungen.de